08/08/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Kehrsatz

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Seftigen. Das Dorf K. liegt auf einer Terrasse am Südosthang des Gurten und besitzt einen Anteil am Belpmoos. 1281 Kersaz. 1764 214 Einw.; 1850 466; 1900 568; 1950 971; 1970 2'773; 2000 3'710.

In K. wurden Gräber aus der Latènezeit (Zimmerwaldstrasse 27) sowie ein ausgedehntes galloröm. Gutshofareal mit Umfassungsmauer (Maygut-Breitenacker) und ein röm. Münzdepot (Gurtental) entdeckt. Der Ort bildete im MA vermutlich einen Teil der Herrschaft Belp-Montenach. Güter mit Vogteirechten kamen ab dem 13. Jh. zunehmend an Bernburger und Klöster (Interlaken, Frienisberg, Köniz). Im 15. Jh. sind die einzelnen Vogteirechte in einer bernburgerl. Niedergerichtsherrschaft vereint (Twingrecht 16. Jh.). Der Herrschaftssitz befand sich auf dem Schloss K., das im 14. Jh. erbaut worden war und dessen heutiger Bau auf Ende 16. Jh. datiert (mit späteren Umbauten). Im Lauf der Zeit wechselten sich die Bernburgerfamilien von Ringoltingen, Spilmann, Simon (15. Jh.), Michel (16. Jh.), von Bonstetten, Güder (17. Jh.), Wurstemberger, Hackbrett, von Graffenried und von Tscharner (18. Jh.) als Besitzer ab. Hochgerichtlich unterstand K. 1388-1798 dem bern. Landgericht Seftigen. Nach dem Abgang der Herrschaftsrechte 1798 und weiteren Besitzerwechseln erwarb der Staat Schloss und Gutsbetrieb K. Ab 1888 wurde darin eine Mädchenerziehungsanstalt untergebracht, heute ein staatl. Schulheim. In der Umfassungsmauer des Schlosses steht ein spätgot. Turm, das ehem. Chorgerichtsgefängnis. Der Gemeindeteil Selhofen (Salhof = Herrenhof) war Herkunftsort einer gleichnamigen Bernburgerfamilie des 13.-14. Jh. 1783 wurde er als "Schlösslein und freyes Gut" bezeichnet. Bis 1798 bildete Selhofen einen eigenen Gerichtsbezirk im Stadtgericht Bern.

Das Bauerndorf kam dank leichter Erreichbarkeit (Gürbetalbahn, Strasse) ab den 1960er Jahren als Vorort in den Sog der Stadt Bern. Mit der raschen Überbauung der Dorfmitte und neuen Quartieren wuchs ab 1957 auch die kommunale Infrastruktur; u.a. wurde 1958 das Gemeindehaus und 1969 die Schulanlage Selhofen mit Primar- und Sekundarschule (ab 1980 offen für die Längenberggemeinden) gebaut und 1990 zog die Gemeindeverwaltung in den ehem. Landsitz Blumenhof. Neben dem Blumenhof besteht mit dem Lohn ein zweites bedeutsames Landgut, das im Besitz der Eidgenossenschaft ist. Mit wachsender Bevölkerung löste sich K. schrittweise von der Kirchgemeinde Belp: 1962 war es ein Hilfs-, 1966 ein Hauptpfarramt und ab 1972 eine selbstständige Kirchgemeinde. 1976 taten sich Katholiken und Reformierte zum Bau des Ökumen. Zentrums mit der Andreaskirche zusammen. Trotz Verstädterung wird in K. weiterhin Landwirtschaft betrieben, wobei heute v.a. das Gewerbe sowie Handels- und Servicefirmen zum Wachstum beitragen. 2000 arbeiteten mehr als drei Viertel der in K. wohnhaften Erwerbstätigen auswärts.


Literatur
Chäsitz - üses Dorf, 1976 (41998)
– H. von Fischer, Das Landgut Lohn in K. BE, 1982
Der Landsitz Blumenhof in K., 1990
– I. Meili-Rigert, Bauinventar der Gem. K., 2004

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler