05/12/2006 | Rückmeldung | PDF | drucken

Gurzelen (BE)

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Seftigen. Die Gem. in der Drumlinlandschaft zwischen Aare- und oberem Gürbetal umfasst die Dörfer Ober- und Niedergurzelen sowie einige Hofgruppen und Einzelhöfe. 1230/31 Gurcellun. 1764 235 Einw.; 1850 605; 1900 603; 1950 758; 2000 712. Neolith. Einzelfunde wurden im Bachtel- und Gurzelenmoos, hallstätt. Gräber um die Käserei und das Pfarrhaus, röm. Siedlungsreste beim Geistacker und Spuren einer Altstrasse in Obergurzeln entdeckt. Die hochma. Adelsherrschaft G. war im 13. Jh. in zwei selbstständige Herrschaften unterteilt, je mit Dorf, Kirche und Herrschaftsinfrastruktur: Kirche, Turm (1254-1353 erw.) und Hof bildeten den Kern von Obergurzelen, Kirche und Burg (oder Gesäss, 1338 erstmals erw.) den von Niedergurzelen. Dieses gehörte den Frh. von Wiler, die es vor 1259 den Frh. von Strättligen, den Herren von Obergurzelen, und dem Ritter Jordan von Thun-Burgistein verkauften. Diese übergaben 1259 und 1263 die Kirchen dem Kloster Interlaken, welches die Pfarreien 1272 zusammenlegte und die Kirche Obergurzelen zur Kapelle degradierte. Nach 1300 fasste der neue Besitzer, der Berner Schultheiss Lorenz Münzer, die Gerichte Ober- und Niedergurzelen zusammen. Erbin wurde seine Tochter Anna, verheiratete Huter, die G. 1344 an die Fam. von Bennenwil und von Lindach verkaufte. An der ab 1344 ausgebauten Burg und an der Herrschaft waren die von Bennenwil mit zwei und die von Lindach mit einem Drittel beteiligt. Der Lindach-Drittel kam an das Obere Spital Bern und wurde 1523 von der Fam. von Wattenwyl auf Burgistein erworben. Ab 1364 kauften die Bernburger von Krauchtal die Burg ganz und die zwei Gerichtsdrittel. Davon ging ein Drittel als Ehesteuer an die Fam. von Erlach, die ihn an einheim. Bauern veräusserte, der andere Drittel kam testamentarisch an die Kartause Thorberg und in der Reformation 1528 an Bern. 1532 und 1542 erwarb Reinhard von Wattenwyl zu Burgistein den Erlach-Drittel aus Bauernhand. 1542-1798 lag die Herrschaft G. daher zu zwei Dritteln bei den von Wattenwyl zu Burgistein (ab 1717 bei den von Graffenried) und zu einem Drittel bei der Obrigkeit Bern, die das Gericht im Kehr von ihren Amtleuten verwalten, den Turm (ehem. Motte) und die Burg (Ruine Festi am Weg Seftigen-Wattenwil) aber verfallen liess. Durch Ratsentscheid wurde G. 1783 hochgerichtlich vom Landgericht Seftigen an das Amt Thun umgeteilt; 1803 wurde diese Umteilung allerdings wieder rückgängig gemacht. Die Kirche G., ab 1528 unter bern. Patronat, wurde 1710 neu erbaut, die Kapelle Obergurzelen dem Verfall überlassen. 1664 schloss sich Seftigen der Kirchgemeinde G. an. Die Gem. ist noch heute bäuerlich geprägt mit landwirtschaftl. Kleingewerbe; 2000 pendelten ca. zwei Drittel der Erwerbstätigen nach Bern und Thun (Gürbetalbahn 1902). Der Landsitz Schlingmoos in Niedergurzelen wurde 1740 durch die Fam. von Wattenwyl als Witwensitz erstellt.


Literatur
– E. Schneeberger, P. Bannwart, Bauinventar der Gem. G., 1999
– H. Riesen, Die Kirche G., 2002
– A.-M. Dubler, «Die Region Thun-Oberhofen auf ihrem Weg in den bern. Staat (1384-1803)», in BZGH 66, 2004
– H. Riesen, Der Landsitz Schlingmoos in G., 2004

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler