• <b>Naturkatastrophen</b><br>Das Dorf Gondo, das durch den Erdrutsch vom 15. Oktober 2000 entzweigeschnitten wurde  © KEYSTONE. Vom 11. bis zum 16. Oktober 2000 führte eine intensive und dauerhafte Staulage südlich der Alpen zu enormen Niederschlägen. Der Kanton Wallis und das Aostatal waren davon am meisten betroffen. In Gondo tötete der Erdrutsch 13 Personen und zerstörte zehn Häuser.

Naturkatastrophen

Der Begriff N. ist eng mit jenem der Naturgefahren (Überschwemmungen, Dürreperioden, Stürme, Erdbeben etc.) verknüpft. Während Erstere, ausgelöst durch hydrologische bzw. meteorologische (Klima), geologische und biologische Faktoren, den Menschen und/oder seine Güter nur gefährden können, haben N. tatsächlich erhebl. Unheil angerichtet. Die Übergänge von N. zu Brandkatastrophen, die beispielsweise durch den Föhn verursacht werden, sind fliessend. Die seit dem MA in zahlreichen Quellen geschilderten N. wurden von der Geschichtswissenschaft lange nur wenig beachtet. Jüngste Untersuchungen zeigen jedoch, dass N. im Bereich des Rechts, der Verwaltung und der nationalen Integration Lernprozesse bewirkt haben und die Modernisierung vorantrieben. Als gemeinsames Merkmal aller N. gilt die Hilfsbedürftigkeit der Opfer.

Im SpätMA und in der frühen Neuzeit war der Wiederaufbau nach einer Naturkatastrophe primär Sache von Fam. und Nachbarn. Mittellosen Geschädigten stellten die Gemeinden sog. Bettelbriefe aus, die zur Spendensammlung von Haus zu Haus ermächtigten. Bei bedeutenden Schäden wurde solidarisch Hilfe in Form von Arbeit, Geld oder Naturalien im Rahmen genossenschaftl. Gemeinschaften organisiert, wobei das Prinzip der Gegenseitigkeit galt. Vermutlich diente auch das Netzwerk der alten Eidgenossenschaft als Gefahrengemeinschaft, was sich darin zeigt, dass die verbündeten Orte nach einer grossen Naturkatastrophe zu Hilfeleistungen angehalten wurden (z.B. 1713 nach dem Brand von Stans).

Für die Bewältigung von N. ist die Katastrophenkommunikation bedeutsam. Sie hat das Geschehen zu deuten, Ängste abzubauen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken und Ressourcen zur Hilfeleistung zu mobilisieren. Im Ancien Régime war dies Aufgabe der Kirche: Die Obrigkeiten ordneten aus Anlass von N. Bettage an, die der Geistlichkeit dazu dienten, das Geschehen zu deuten und Kollekten aufzunehmen. Bis ins 18. Jh. wurden N. im vorherrschenden religiösen Weltbild als Warnzeichen und/oder als Strafe Gottes für Sünden von Gemeindegliedern gedeutet. Die Naturwissenschaft verstand sie als Ausdruck von unzureichend beherrschten Naturkräften. Seit 1970 wird das Denken von einem ökolog. Verständnis geprägt, das Nebenwirkungen des Modernisierungsprozesses als Ursachen von N. in den Vordergrund stellt.

Ab dem 19. Jh. diente die Integrationswirkung der Katastrophenbewältigung der Stärkung der nationalen Identität. Nach dem Bergsturz von Goldau 1806 leisteten erstmals alle Kantone logistische und/oder humanitäre Hilfe. Nach den Überschwemmungen von 1834 und 1839 in den Zentralalpen wurde die nationale Hilfsaktion jeweils von der Schweiz. Gemeinnützigen Gesellschaft koordiniert. Die Sammlungen wurden durch Vereine, insbesondere durch Frauen, getragen. Die erfolgreichste Aktion lösten nach dem Hochwasser 1868 die Presse (Strategie des Sammelwettbewerbs) und der Bundesrat aus (Besuch der Schadensgebiete, Spendenaufruf, Einsatz der Armee). Meist traten als Spender das städt. Bürgertum, namentlich in der Westschweiz, und Auslandschweizer hervor. Die Gelder kamen besonders den Unterschichten in den alpinen Randregionen zugute und trugen dazu bei, diese enger an die Nation zu binden. In Ermangelung einer Elementarschadenversicherung (Versicherungen) sind neben nationalen zahlreiche regionale und lokale Aktionen für Brand-, Hochwasser-, Hagel- und Sturmgeschädigte nachgewiesen, über die wenig bekannt ist. Mit dem 1903 gegr. Elementarschadenfonds wurde die Organisation von Hilfsaktionen institutionalisiert.

Ab 1919 war die Liga der Rotkreuzgesellschaften (Rotes Kreuz) für internat. Katastrophenhilfe zuständig, doch engagierte sich die Schweiz erst nach dem 2. Weltkrieg im Ausland. Unter der Devise "Neutralität und Solidarität" führten das Schweiz. Rote Kreuz und die 1946 gegr. Glückskette ab 1951 Hilfe für Katastrophenopfer in Westeuropa, ab 1960 auch für Betroffene ausserhalb Europas durch. 1973 kam das 1970 ins Leben gerufene Schweiz. Katastrophenhilfekorps in den Sahelländern und in Äthiopien zu seinem ersten Einsatz.

Schwere Natur- und Brandkatastrophen in der Schweiz seit 1500
JahrTypEreignisSchäden (in Mio. Fr.)aOpferSpenden (in Mio. Fr.)a
1515ÜberschwemmungBuzza di Biasca?ca. 600?
1584BergsturzYvorne?ca. 120?
1618BergsturzPlurs (bündnerisches Veltlin)?ca. 900?
1806BergsturzGoldau>420ca. 500>38
1834ÜberschwemmungZentralalpen>70027>72
1839ÜberschwemmungZentralalpen>290?>36
1861FeuerGlarus>7805>311
1868ÜberschwemmungZentralalpen>1 10050>335
1876ÜberschwemmungMittelland>720?>99
1881BergsturzElm>84114>63
1910ÜberschwemmungMittelland>50027>84
1951LawinenAlpen>15098>120
1965GletscherabbruchMattmark?88?
1987ÜberschwemmungZentralalpen1 200857
1993ÜberschwemmungWallis, Tessin900328
1999OrkanMittelland, Alpen1 80014-
2000ÜberschwemmungZentralalpen7301372
2005ÜberschwemmungZentralalpen3 000649

a Angaben real in Franken von 2000

Quellen:Autor

N. und Brandkatastrophen wurden ab dem 18. Jh. zum Anlass genommen, präventive Massnahmen unter dem Beizug von Experten zu ergreifen. Die Häufung von Hochwassern um die Mitte des 19. Jh. führte zur Eindämmung zahlreicher Flüsse (Wasserbaugesetz 1877) und zur Aufforstung im Hochgebirge (Forstgesetz 1876). Nach dem Lawinenwinter 1951 wurde der Lawinenschutz ausgebaut (Lawinen). Das Wasserbaugesetz 1991 sieht vor, auf die Umwelt Rücksicht zu nehmen und den Schutz vor N. v.a. durch raumplaner. Massnahmen sicherzustellen. Ab den 1930er Jahren bauten öffentl.-rechtl. Gebäudeversicherungen in 19 Kantonen ein Rückversicherungs- und Solidaritätssystem auf, das die Prävention fördert und eine Bewältigung von schweren N. ohne Mehrbelastung der Versicherten erlaubt. Mit der Verfügbarkeit neuer Kommunikations- und Transportmittel, schwerer Baumaschinen, der Errichtung und Schulung von Krisenstäben und dem Einsatz des Zivilschutzes sowie der Genie- und Rettungstruppen der Armee wurde das Krisenmanagement verbessert.

<b>Naturkatastrophen</b><br>Das Dorf Gondo, das durch den Erdrutsch vom 15. Oktober 2000 entzweigeschnitten wurde  © KEYSTONE.<BR/>Vom 11. bis zum 16. Oktober 2000 führte eine intensive und dauerhafte Staulage südlich der Alpen zu enormen Niederschlägen. Der Kanton Wallis und das Aostatal waren davon am meisten betroffen. In Gondo tötete der Erdrutsch 13 Personen und zerstörte zehn Häuser.<BR/>
Das Dorf Gondo, das durch den Erdrutsch vom 15. Oktober 2000 entzweigeschnitten wurde © KEYSTONE.
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Literatur
– G. Röthlisberger, Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz, 1991
– U. Müller et al., Katastrophen als Herausforderung für Verwaltung und Politik, 1997
Stadtzerstörung und Wiederaufbau, hg. von M. Körner, 3 Bde., 1999-2000
Am Tag danach, hg. von C. Pfister, 2002
Traverse, 2003, H. 3

Autorin/Autor: Christian Pfister