Maestranze

Der Gattungsbegriff M. bezeichnet die zahllosen, meist anonymen Handwerker mit unterschiedl. Fertigkeiten und Spezialisierungen im Baugewerbe und in der Kunst. Sie wanderten vom MA bis Ende des 19. Jh. aus den Tälern um den Luganersee und aus dem ital. Teil Graubündens aus, um in versch. Gebieten Europas bei unterschiedl. Auftraggebern zu arbeiten (Auswanderung, Handwerk).

Die Kunstgeschichte des 19. Jh. hat versucht, die versch. M. nach geogr. und chronolog. Kriterien zu klassifizieren. Dabei stützte sie sich auf den Herkunftsort, der in den offiziellen Dokumenten oft neben dem Taufnamen steht. Für die im MA in Italien tätigen M. hat sich zuerst die Bezeichnung maestri comacini e antelami, d.h. aus Como oder aus dem Val d'Intelvi stammende Meister, eingebürgert, die sich aus der Zugehörigkeit des Gebiets um den Luganersee und das Val d'Intelvi zur Diözese Como ergibt. Diese Bezeichnung wurde später durch maestri Campionesi ersetzt, mit der M. gemeint sind, die vom 11. bis 15. Jh. vorwiegend in Norditalien wirkten. An ihren Arbeitsorten gab man ihnen oft einen allg. Namen: nördlich der Alpen bezeichnete man sie als Italiener, in Venedig und Rom als Lombarden, in Turin als Luganesen und in Genua als maestri antelami. Seit Ende der 1950er Jahre hat sich speziell für die besser qualifizierten M. ab dem 15. Jh. die Bezeichnung artisti dei laghi, d.h. Künstler aus dem Gebiet der oberital. Seen, durchgesetzt; sie umfasst auch die M. vom Westufer des Comersees bis zum Nordufer des Langensees. Heute nimmt man das Phänomen als Ganzes wahr und trennt es nicht mehr von dem der Auswanderung anderer Berufsgruppen, die besonders in der Neuzeit ein Merkmal des gesamten südl. Voralpengebiets war.

Autorin/Autor: Laura Damiani Cabrini / PTO

1 - Die Meister des Steins

Aus dem lombard. Voralpengebiet wanderten v.a. Architekten, Baumeister, Steinmetzen, Bildhauer und hochspezialisierte Maurer (Baugewerbe) aus. Die maestri comacini waren ab dem 11. Jh. vorwiegend an Orten tätig, wo Stein als Baumaterial reichlich vorhanden war, z.B. in Genua und Rom, sowie dort, wo eine Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften bestand. Es handelte sich grösstenteils um eine vorübergehende Auswanderung: Die M. arbeiteten eine Saison oder zwei bis drei Jahre auswärts, kehrten dann zurück und gaben die Tradition von Generation zu Generation weiter (Wanderarbeit). Im Laufe der Jahrhunderte bildete und entwickelte sich dank Verwandtschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen ein dichtes und leistungsfähiges Netz von Kontakten mit Werkstätten in Italien und ganz Europa. Es ist nicht leicht, die Herkunft der bautechn. Fertigkeiten zu bestimmen, die sich besonders im Bausektor über Generationen erhalten haben. Sicher scheint aber, dass zumindest bis Ende des 15. Jh. ein prakt., handwerkl.-techn. Wissen bestand, das innerhalb der Fam. mündlich überliefert wurde und den Zusammenhalt und Schutz der Gruppe gegenüber den von den lokalen Handwerkerzünften diktierten Regeln garantierte. Die Aufteilung und Organisation der Arbeit und der hohe Spezialisierungsgrad der M. aus Como und der Lombardei fanden zuerst in den Bauhütten der rom. und got. Kathedralen Europas ein wirksames gemeinsames Betätigungsfeld (zuerst in Modena, Bergamo, Parma, Trento und Mailand). Die Gemeinschaftsarbeit wurde auch während der Renaissance beibehalten, als die Künstler sich intellektuell emanzipierten, sich neue Handwerksberufe herausbildeten und die planer. und theoret. Arbeiten gegenüber den ausführenden die Oberhand gewannen.

Autorin/Autor: Laura Damiani Cabrini / PTO

2 - Die Organisation der Werkstätten

Im Laufe des 15. und 16. Jh. fand die Arbeit der lombard. Künstler in Europa, besonders in Moskau, Böhmen, Rom, Genua und Venedig, einen immer breiteren Wirkungskreis. Für diesen Erfolg selbst in Bereichen, in denen sich über Jahrhunderte eine einheim. künstler. Tradition entwickelt und gefestigt hatte, gibt es zwei Gründe: Einerseits waren Inbetriebnahme und Leitung eines Bauplatzes oft einem Architekten anvertraut, dem zahlreiche Mitarbeiter zur Verfügung standen, die mit allen Bauphasen vertraut waren, vom Kauf des Baumaterials bis zum Einsetzen der fertigen Teile. Andererseits war die Organisation der Arbeit einer in sich geschlossenen, selbstständigen Gruppe übertragen, die durch ihre gemeinsame Herkunft vereint und wenig geneigt war, fremde Arbeiter aufzunehmen und ihr techn. Wissen an sie weiterzugeben (Architektur). Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl veranlasste die Künstler, sich an ihren Arbeitsorten zu Schulen, Gesellschaften oder Bruderschaften zusammenzuschliessen, deren Zweck die gegenseitige Hilfe unter den Mitgliedern und die Verteidigung ihrer Rechte gegenüber den lokalen Behörden und Gemeinschaften war.

Autorin/Autor: Laura Damiani Cabrini / PTO

3 - Bildhauer und Freskomaler

Wie für Domenico Fontana, Francesco Borromini und Carlo Maderno war im 16. Jh. Rom allgemein das bevorzugte Ziel der Baumeister aus den südl. Regionen der ital. Schweiz (Sottoceneri). In den folgenden Jahrhunderten gewannen die Gebiete nördlich der Alpen für die M. an Gewicht. Auf verzweigteren Routen bewegten sich die zahlreichen Werkstätten von Stuckateuren und Freskomalern, deren Arbeit in Sakralbauten und Adelspalästen in ganz Europa geschätzt war (Bildhauerei, Malerei). Nach dem Ende des Dreissigjährigen Kriegs entstand eine grosse Nachfrage nach Bauhandwerkern, um die zerstörten Städte, Kirchen und Paläste wiederaufzubauen. V.a. Österreich zog die Künstler aus dem Gebiet der oberital. Seen an; diese waren mit der neuen Ästhetik des Barock vertraut, arbeiteten rasch und erneuerten in wenigen Jahren ganze Stadtviertel. Ihre Wege folgten den europ. Baustellen, die von reichen Auftraggebern, in der Regel Fürstbischöfen, finanziert wurden. Ihre Werkstätten verstanden es, abgesichert durch ein dichtes Netz familiärer oder nachbarschaftl. Beziehungen, den Kunstmarkt einer ganzen Region zu monopolisieren. In der 2. Hälfte des 17. Jh. erhielt etwa die Fam. Carlone aus Scaria im Val d'Intelvi dank vererbbarer Arbeitsverträge im grossen Bistum Passau den Hauptteil der Bauaufträge, die von Klostergemeinschaften finanziert wurden; für die Dekorationen beschäftigte die Fam. den aus Bissone stammenden Maler Carpoforo Tencalla.

Autorin/Autor: Laura Damiani Cabrini / PTO

4 - Die Rückkehr

Der Erfolg der M. in ihren versch. Tätigkeitsgebieten widerspiegelte sich in den Summen, die sie zur Verschönerung der Pfarrkirche ihres Heimatorts spendeten. Dieses Phänomen betraf alle, vom angesehenen Architekten oder Künstler ganz oben auf der Karriereleiter, der einen Teil seines Verdienstes in die vollständige baul. Instandsetzung seiner Dorfkirche investierte, bis zum namenlosen Arbeiter und Handwerker, der an seinem Arbeitsort in Gesellschaften und Bruderschaften organisiert war und die Anhänglichkeit an den Kirchenpatron seiner Pfarrei damit bezeugte, dass er von oft anonymen Künstlern liturg. Geräte herstellen und in sein Dorf senden liess. Die Auswanderer waren nicht nur gefühlsmässig mit der Heimat verbunden, sondern hatten dort auch materielle Interessen, die sich auf die Wirtschaft der Region auswirkten. Die Rückkehr erfolgte oft saisonal oder war durch Todesfälle in der Familie bedingt, die Formalitäten wie Erbschaften, Eigentumsübertragungen und die Verwaltung von Immobilienerträgen nach sich zogen. Die Künstler, die an den europ. Höfen und in den Zentren der wirtschaftl. und religiösen Macht arbeiteten, brachten ihr Wissen und Können mit nach Hause, dank dem sie im Ausland eine wichtige Rolle gespielt hatten. Die weniger qualifizierten M. kehrten mit den in der Werkstatt erworbenen und erweiterten Erfahrungen zurück. Solche Erfahrung schlug sich in der Pfarrkirche von Melide nieder, die um 1590 von Domenico Fontana umgebaut wurde, oder in der Pfarrkirche von Rovio, wo ab ca. 1600 mehrere Generationen der Fam. Carlone arbeiteten, die v.a. in Genua tätig war.

Autorin/Autor: Laura Damiani Cabrini / PTO

Quellen und Literatur

Literatur
– L. Brentani, Antichi maestri d'arte e di scuola delle terre ticinesi, 7 Bde., 1937-63
Arte e artisti dei laghi lombardi, hg. von E. Arslan, 2 Bde., 1959-64
I maestri campionesi, hg. von R. Bossaglia, G. A. Dell'Acqua, 1992
– M. Pfister, Baumeister aus Graubünden, Wegbereiter des Barock, 1993
Artisti dei laghi, 6 Bde., 1994-2002
– P.G. Gerosa «Les architectes de la région des lacs préalpins et l'Europe: nouvelles questions historiographiques», in K+A 46, 1995, 303-307
Seicento ritrovato, Ausstellungskat. Rancate, 1996
– L. Damiani Cabrini, «Le migrazioni d'arte», in Storia della Svizzera italiana dal Cinquecento al Settecento, hg. von R. Ceschi, 2000, 289-312, 657-663

Autorin/Autor: Laura Damiani Cabrini / PTO