Rätien

Gebiet in den Ostalpen. Rätorom. und ital. Rezia. Der Name R. ist erstmals in Zusammenhang mit der Eroberung der Stammesgebiete der Raeti (Räter) und Vindelici (Vindeliker) durch Rom unter Augustus und die Errichtung der Provinz Raetia um die Mitte des 1. Jh. n.Chr. fassbar. Unter Diokletian (nach 293) wurde die Provinz in die Verwaltungsbezirke Raetia prima und Raetia secunda mit Chur bzw. Augsburg als Zentren geteilt. Im MA finden sich die fränk. Raetia major et etiam Curiensis (Ober- und Churrätien, 865 erw.) neben Curwala (831) und ähnl. Namen zur Bezeichnung des damals noch rätorom. Bistums Chur. Im 16. Jh. übertrugen die Humanisten den Begriff R. auf die Republik der Drei Bünde samt deren Untertanenlanden. 1797 verloren die Drei Bünde ihre ital. Besitzungen, 1799 wurde der Vertrag über die Eingliederung Graubündens als Kanton R. in die Helvet. Republik unterzeichnet und im Aug. 1801 traf sich das 35-köpfige Parlament (durch Elektoren und nach Distrikten gewählt) in Chur zur ersten Sitzung. Die neue Zentralregierung bestand aus einem Präfekturrat und einer fünfköpfigen Administration. Der Kanton wurde in elf Distrikte eingeteilt mit je einem Präfekten an der Spitze. R. war mit sechs Deputierten in der helvet. Tagsatzung vertreten, und der Zuger Oberst Joseph Leonz Andermatt amtierte als helvet. Kommissär in Chur. Am 22.1.1802 löste eine Verwaltungskammer den Präfekturrat ab. Der Zentralismus der Helvet. Republik wie auch deren Repräsentanten waren allgemein verhasst, und nach dem Abzug der franz. Truppen brach im Aug. 1802 eine Rebellion aus. Die am 9.9.1802 wieder eingeführte altrepublikan. Verfassung konnte sich zwar nur bis zum 25. Oktober halten, aber die Mediationsverfassung vom 19.2.1803 errichtete den modernen Kt. Graubünden als vollberechtigten Stand der Eidgenossenschaft. Die helvet. Ordnung blieb ein Intermezzo und - von einer geringen Stärkung der Zentralgewalt abgesehen - ohne Einfluss auf die nachfolgenden Verfassungen. R. wird noch heute als begrifflich unscharfes Synonym für Graubünden verwendet.


Literatur
HbGR
– A. Collenberg, Istorgia grischuna, 2003, 202-207
– C. Rathgeb, Die Verfassungsentwicklung Graubündens im 19. Jh., 2003

Autorin/Autor: Adolf Collenberg