Hebräisch

Als H. gilt die kanaanäische Teilsprache des nordwestl. Zweigs der semit. Sprachen. Die Verwendung und Pflege sowohl des klass. Bibel-H. als auch des nachalttestamentl. Mittel-H. ist auch in der Schweiz einerseits an die wechselvolle Geschichte der jüd. Gemeinden (Judentum) und andererseits an die seit dem frühen 16. Jh. im Gefolge von Humanismus und Reformation sich entwickelnde Hebraistik gebunden.

Erste inschriftl. Spuren des H. in der Schweiz stammen aus dem HochMA. 1937 wurden in Basel jüd. Grabsteine aus dem Anfang des 13. Jh. gefunden, 1997 in Zürich - im früheren Haus der Fam. Ben Menachem - Fresken mit hebräischen Beischriften aus der 1. Hälfte des 14. Jh. In der Zentralbibliothek Zürich und in anderen schweiz. Bibliotheken, u.a. in Bern, Basel und Genf, werden gegen 400 hebräische Manuskripte aufbewahrt. Das Jüd. Museum der Schweiz in Basel bietet eine reiche Übersicht über die Verwendung des H. seit dem 17. Jh., als viele Schweizer Juden in der gemeinen Herrschaft Baden zu leben gezwungen waren; 1776-1866 wurden allen Juden die Gem. Lengnau und Endingen im aarg. Surbtal als Wohnorte zugewiesen. Vom 16. bis zum 19. Jh. wurden im Jüdisch-Deutschen und im Westjiddischen viele hebräische Begriffe verwendet (Jiddisch). Im 20. Jh. lebte das H. in den jüd. Gemeinden und Institutionen fort, in Religionsunterricht, Tagesschulen, Erwachsenenbildung und an den Talmud-Hochschulen. Zentren sind Montreux, wo 1927-85 Elijahu Botschko und sein Sohn Mosche wirkten, und seit 1954 Kriens. Die 1902 in Basel gegr. Buchhandlung Victor Goldschmidt, die sich 1943 zum Verlag erweiterte, veröffentlichte und tradierte nach der Zerstörung des dt. Verlagswesens durch die Nationalsozialisten jüd. Literatur. Das nach dem 2. Weltkrieg gestiegene Interesse auch nichtjüd. Kreise an der Judaistik und Hebraistik zeigte sich u.a. in der Gründung neuer Institutionen: 1981 des Instituts für jüd.-christl. Forschung in Luzern (IJCF), 1982 der Schweiz. Gesellschaft für Judaist. Forschung (SGJF) und 1998 das Institut für Jüd. Studien an der Univ. Basel. 1945 rief die Stiftung für Kirche und Judentum (SKJ) die Zeitschrift "Judaica" ins Leben.

Die christl. Hebraistik nahm im Gebiet der heutigen Schweiz zu Beginn der Neuzeit einen starken Aufschwung. Sie wurde durch den hebräischen Buchdruck in Basel (u.a. von Johannes Froben und Heinrich Petri) und Zürich (von Christoph Froschauer) gefördert. Bedeutende Gelehrte wirkten im 16. und 17. Jh. in Zürich (Konrad Pellikan, Johann Heinrich Hottinger und Nachkommen), in Basel (Sebastian Münster, Johannes Buxtorf Vater und Sohn) und Genf (Daniel Le Clerc). Die neuere internat. und interkonfessionelle, an den schweiz. Universitäten vertretene Sprachwissenschaft des 19. und 20. Jh. befasst sich vorwiegend mit dem H. des Alten Testaments und den verwandten semit. Sprachen wie Aramäisch, Akkadisch und Arabisch. Das 1953 gegr. "Hebräische und aramäische Lexikon zum Alten Testament" stellt den bedeutendsten Beitrag zur hebräischen Lexikografie in der Nachkriegszeit dar. Die Bibelsprachen werden an allen theol. Fakultäten und an einigen Gymnasien gelehrt.


Literatur
– K.J. Lüthi, H. in der Schweiz, 1926
Kdm BS 3, 1941, 36-40
– J. Prijs, Die Basler hebr. Drucke (1492-1866), 1964
– J. Prijs, Die hebr. Hs., bearb. von B. und D. Prijs, 1994
– S.G. Burnett, From Christian Hebraism to Jewish Studies, 1996
– O. Franz-Klauser, «Die hebr. Hs. der Burgerbibliothek Bern», in Judaica 1999, 247-271
– E. Robert, Entre orthodoxie et critique: les études hébraïques et le discours sur le judaïsme au 17e siècle autour de l'Académie de Lausanne (1588-1739), Liz. Lausanne, 1999
– T. Willi, «Hebraica Veritas in Basel», in Supplements to Vetus Testamentum, 2002

Autorin/Autor: Ernst Jenni