• <b>Österreich</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 29 f., 33; F.W. Putzger, Historischer Atlas zur Welt- und Schweizer Geschichte, <SUP>9</SUP>1975, 18–107  © 2000 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
  • <b>Österreich</b><br>Plakat für die Ausstellung der österreichischen Künstlervereinigung Secession von 1904, geschaffen von  Ferdinand Hodler (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Hodler war Ehrengast dieser Ausstellung, die belegt, dass der Schweizer Künstler an der Wende zum 20. Jahrhundert einen festen Platz in der europäischen Avantgarde einnahm.
  • <b>Österreich</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Österreich</b><br>Plakat für die Ausstellungen österreichischer Meisterwerke in Zürich, 1946 (Schweizerische Nationalbibliothek). Am Ende des 2. Weltkriegs übernahmen das Kunsthaus und das Kunstgewerbemuseum zwei wichtige österreichische Ausstellungen, die dem Land erlaubten, sich als eigener Staat mit einer starken kulturellen Tradition zu präsentieren.

Österreich

Seit der Herrschaft von Ks. Otto III. bezeichnete Ö. eine von Karl dem Grossen begründete Mark, die 1156 erbl. Herzogtum wurde und 1278 in den Besitz der Habsburger kam. Diese trugen 1804-1918 den Titel "Ks. von Ö.". Auf sie folgte 1920 die Bundesrepublik Ö., die 1945 von der Republik Ö. abgelöst wurde. Die Beziehungen der Eidgenossen zu Ö. vor den Revolutionskriegen werden im Artikel Habsburg behandelt.

1 - Von der Mediationsakte zum Wiener Kongress

Die Mediationsakte (19.2.1803) und Paragraph 29 des Regensburger Reichsdeputationshauptschlusses (25.2.1803) bewirkten u.a. eine Klärung der Beziehungen der Schweiz zu Frankreich, aber auch zu einem Teil des Reichs und zum Haus Ö. Das Fricktal, das bis zum Frieden von Lunéville (9.2.1801) zu Vorderösterreich gehört hatte, wurde an Frankreich abgetreten und von diesem der Eidgenossenschaft übergeben, welche es dem neuen Kt. Aargau angliederte. Zudem erhielt die Helvet. Republik die Bischofskurie Chur sowie die Herrschaft Tarasp als Entschädigung für ihre Rechte und Ansprüche auf Besitzungen in Schwäbisch-Österreich. Sie konnte auch die auf ihrem Territorium liegenden Rechte und Einkünfte (Zehnten, Höfe, Eigengüter und Besitzungen) ablösen, die dem Kaiser, den Fürsten und Reichsständen, kirchl. Einrichtungen und fremden Herren gehörten.

Zwar wurde die neue Organisation der Schweiz rasch von den Mächten anerkannt, doch Ö. wollte sich zuerst von der Stabilität der neuen Ordnung überzeugen. Der Kaiser antwortete nicht auf die Ankündigung der Mediation und entsandte keinen Botschafter. Der Landammann der Schweiz machte einen erneuten Vorstoss und teilte Wien mit, es sei nicht gut, die Schweiz gänzlich dem Einfluss Frankreichs zu überlassen. Ende Dez. 1803 kam der neue bevollmächtigte Gesandte in die Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt verschlechterten sich aber die Beziehungen zwischen den beiden Ländern schon.

1770 hatte die Stadt Zürich von Ö. die am Rheinufer gelegenen Dörfer Ramsen und Dörflingen erworben. Durch die Mediationsakte wurden sie dem Kt. Schaffhausen zugewiesen. Am 16.2.1804 kam ein österr. Beamter nach Ramsen und forderte von den Einwohnern den Huldigungseid, den diese nicht zu verweigern wagten. Der Landammann der Schweiz legte beim Hof in Wien heftigen Protest ein. Wenig später bestand Ö. auf der Ausübung polit. Rechte im Namen seiner Herrschaft Rhäzüns in Graubünden. Gleichzeitig erneuerte es alte Ansprüche auf die ehem. Grafschaft Kyburg, die Landgrafschaft Thurgau und andere Besitzungen. Die Friktionen nahmen im Verlauf des Jahres 1804 infolge unterschiedl. Interpretationen von Paragraph 29 des Regensburger Reichsdeputationshauptschlusses noch zu. Dieser enthielt eine Klausel zur Regelung der Entschädigungen, die der Helvet. Republik für Besitzungen schweizerischer kirchl. Institutionen in Schwaben zugestanden worden waren. Das österr. Kabinett deutete diesen Artikel auf seine Art; es liess die bewegl. und unbewegl. Güter der schweiz. Gemeinden und Klöster beschlagnahmen und ordnete deren Inkameration, d.h. deren Verstaatlichung, an. Als Gegenmassnahme fasste der Landammann die Beschlagnahmung der höchst bescheidenen Reichsbesitzungen in der Schweiz ins Auge. Der Konflikt verschärfte sich. Ö. argumentierte, dass weder der Westfälische Friede noch jener von Lunéville seine Rechte in der Eidgenossenschaft aufgehoben habe. Schliesslich wurden die beschlagnahmten Kapitalien jedoch zurückgegeben. Obwohl diese Spannungen das Verhältnis der Schweiz zu Ö. getrübt hatten, unterzeichneten die beiden Länder am 23.10.1804 in Bern einen Vertrag, der - wenn auch mit vielen Einschränkungen - die freie Niederlassung in beiden Ländern erleichtern sollte. 1821, 1836 sowie 1851 wurde dieser Vertrag erweitert und schliesslich 1875 an die neuen Anforderungen angepasst, die sich aus der Entstehung der österr.-ungar. Doppelmonarchie ergaben.

Der Pressburger Frieden vom 26.12.1805, der die franz. Vormachtstellung in Europa bestätigte, blieb für die Schweiz nicht folgenlos. Ö. verlor 3 Mio. Einwohner mit der Abtretung des Staates Venedig, des Tirols, Vorarlbergs, der Fürstentümer Brescia und Trient, der Stadt Lindau und der schwäb. Herrschaften, die den bald zu Königreichen aufgewerteten Kurfürstentümern Bayern und Württemberg zugeschlagen wurden. Der grösste Teil des Breisgaus sowie die Stadt Konstanz fielen hingegen an das Kurfürstentum Baden, das zum Herzogtum wurde. Damit veränderten sich die Nachbarschaftsverhältnisse der Schweiz, die jetzt mit Ö. keine gemeinsame Grenze mehr besass. Im Art. 23 des Friedens von Pressburg erkannten die Vertragsparteien die Unabhängigkeit der Schweiz an, welche von Frankreich und dessen Satellitenstaaten umgeben war. Die in diesen Ländern von Ö. beschlagnahmten oder inkamerierten Güter entglitten von da an der schweiz. Kontrolle. Der österr.-franz. Krieg von 1809 brachte die Schweiz erneut in eine gefährl. Lage. Anfang April drangen österr. Truppen in Bayern und Tirol ein, und die Eidgenossenschaft sah sich zu Grenzsicherungsmassnahmen veranlasst (Koalitionskriege). Im Vertrag von Schönbrunn vom 14.10.1809, der Ö.s Niederlage bestätigte, trat das Haus Habsburg die Herrschaft Rhäzüns direkt an Napoleon ab.

Wegen der von der russ.-preuss.-österr. Allianz in Deutschland errungenen Siege und Bayerns Wechsel zu den antinapoleon. Kräften, der die Eidgenossenschaft in unmittelbaren Kontakt mit frankreichfeindl. Ländern brachte, änderte sich die Lage der Schweiz im Okt. 1813 erneut. Als der Krieg näher rückte, notifizierte der Landammann der Schweiz sowohl den Alliierten als auch Napoleon die Neutralität und ergriff Vorkehrungen zum Schutz der Grenzen. In Bern betrieb das Waldshuter Komitee, bestehend aus Berner und Bündner Reaktionären, darunter mehrere, die in österr. Diensten gestanden hatten, den Einmarsch der alliierten Armee in die Schweiz zur Restauration der alten Ordnung. Am 18.12.1813 kündigte der sich als Gesandter Ö.s bezeichnende Gf. Friedrich Christian Ludwig von Senfft von Pilsach - das Land war damals in der Schweiz bereits durch einen bevollmächtigten Minister und einen ausserordentl. Gesandten vertreten - dem Oberbefehlshaber der eidg. Truppen den Einmarsch alliierter Kontingente in die Schweiz an. In Bern, wohin er sich nachher begab, drängte er die Behörden in scharfem Ton, die polit. und gesellschaftl. Ordnung von 1798 wieder herzustellen. Nach dem Einmarsch der allierten Armee in die Schweiz am 21. Dez. gab Bern nach, setzte am 23. Dez. die früheren Behörden wieder in ihre Ämter ein und bekräftigte einen Tag später seine Herrschaftsansprüche auf den Aargau und die Waadt. Die heftigen Reaktionen, die diese Rückkehr zum Ancien Régime in der Schweiz hervorriefen, zwangen Metternich, Senfft von Pilsach zu desavouieren und abzuberufen.

<b>Österreich</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 29 f., 33; F.W. Putzger, Historischer Atlas zur Welt- und Schweizer Geschichte, <SUP>9</SUP>1975, 18–107  © 2000 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Österreichisch-schweizerische Grenzen 18.-20. Jahrhundert

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

2 - Die Ära Metternich

2.1 - Die Einmischung der Mächte

Trotz der Zusicherung der europ. Mächte, die Unabhängigkeit der Schweiz "von jedem fremden Einfluss" zu garantieren, war die Eidgenossenschaft bis 1848 ununterbrochen Pressionen und Einmischungsversuchen seitens derselben ausgesetzt, insbesondere solchen von Ö. Die immerwährende Neutralität der Schweiz war gerade neun Monate alt, als die Tagsatzung am 23.7.1816 eingeladen wurde, der Heiligen Allianz beizutreten. Dieser Vorschlag wurde von den Eidgenossen ohne grosse Begeisterung aufgenommen. Art. 1, der gegenseitigen Beistand versprach, schloss in ihren Augen nämlich die Möglichkeit einer Intervention durch eine europ. Macht mit ein. Nachdem der russ. Minister diese Befürchtungen zerstreut hatte, beschlossen drei Viertel der Kantone, eine äusserst vorsichtig formulierte Beitrittserklärung anzunehmen, die auch dem Ks. von Ö. am 3.3.1817 übergeben wurde. Damit gelang es der Schweiz, eine zu starke Einbindung zu vermeiden, ohne sich die Sympathie der Mächte zu verscherzen. Der österr. Aussenminister Klemens Wenzel von Metternich jedoch leitete aus der Annahme ein Interventionsrecht ab. Von diesem Zeitpunkt an nahmen die Spannungen zwischen Ö. und der Schweiz v.a. wegen der Flüchtlingspolitik einiger Kantone zu.

Nachdem Ö. 1820-21 die Revolutionen in Neapel und Turin niedergeschlagen hatte, suchten zahlreiche Verfolgte Asyl in der Schweiz. Angesichts dieses Zustroms erwog Metternich die Möglichkeit, von der Eidgenossenschaft die Ausübung einer Zensur- und Überwachungstätigkeit auf schweiz. Gebiet durch die österr. Polizei zu verlangen. Der Veroneser Kongress, der von Okt. bis Dez. 1822 dauerte, drohte der Eidgenossenschaft sogar mit Besetzung, falls sie ihre Haltung nicht ändere. Die konkreten Drohungen veranlassten die Eidgenossenschaft, die Pressezensur zu vereinheitlichen und zu verschärfen sowie Massnahmen zur stärkeren Kontrolle der Fremden durch die Polizei zu ergreifen (Presse- und Fremdenkonklusum).

Das durch die Pariser Julirevolution von 1830 ausgelöste Ende des Restaurationsregimes, die demokrat. Verfassungsänderungen in den Kantonen sowie das Projekt zur Revision des Bundesvertrags erregten Metternichs Zorn; er fasste eine bewaffnete Intervention in der Schweiz ins Auge, die er fortan als Hort revolutionärer Umtriebe begriff. Am 5.6.1832 empfahl Ö. den Mächten, gemeinsam gegen die Schweiz vorzugehen, doch Frankreich und Grossbritannien versagten ihm die Gefolgschaft. Im Juli 1834 lieferte ein Zwischenfall Metternich erneut einen Vorwand zur Einmischung. Während eines Fests im Gasthaus Steinhölzli nahe bei Bern hielten dt. Arbeiter feindl. Reden gegen dt. und österr. Fürsten und hissten als Zeichen ihrer republikan. Gesinnung eine schwarz-rot-goldene Fahne. Nach einem Notenaustausch mit der bern. Regierung forderte der österr. Minister ca. zwei Monate später die österr. Arbeiter auf, die Schweiz zu verlassen. Einige dt. Staaten ergriffen ähnl. Massnahmen; trotz Zugeständnissen der Berner Regierung und franz. Vermittlungsversuchen drohte ein Abbruch der diplomat. Beziehungen. Als Ö. im Jan. 1835 Russland, Preussen, Sardinien und die süddt. Staaten hinter sich scharen konnte, stieg die Spannung weiter an. Erst der Tod von Ks. Franz im März 1835 bot dem inzwischen zum Vorort gewordenen Bern die Möglichkeit, mit seiner Beileidsbezeugung an den Thronfolger zugleich die Lage zu entspannen.

Während der Conseil-Affäre (Aug.-Okt. 1836) liess Ö. zwar durchblicken, dass es die Haltung der franz. Regierung missbilligte. Es wahrte jedoch strikte Neutralität, wobei es eine gewisse Freude über die Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und der Schweiz empfunden haben dürfte.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

2.2 - Der Sonderbund

In den Jahren 1845 bis 1847, während der Krise des Sonderbunds und dem daraus folgenden Krieg, mischte sich Ö. in die inneren Angelegenheiten der Schweiz ein, wie es dies seit 1815 nicht mehr getan hatte. In einem Schreiben an Ks. Ferdinand vom 26.10.1846 betonte Metternich, dass im bevorstehenden Kampf in der Eidgenossenschaft das kath. Lager unbedingt zu unterstützen sei und dass die Vernichtung der konservativen Schweiz den höchsten österr. Interessen schaden würde. Nach einem Hilferuf des Luzerner Schultheissen stellte er dem Sonderbund die Summe von 100'000 Gulden zur Verfügung. Als der Sonderbund Ö. um die Entsendung eines Generals ersuchte, der seine Truppen kommandieren könne, schlug Ehzg. Johann Metternich im Juli 1847 den Fürsten Friedrich von Schwarzenberg vor. Dieser lehnte jedoch das Angebot ab, nahm aber privat als Adjutant des Oberkommandierenden Johann Ulrich von Salis-Soglio am Gefecht von Gislikon teil. Seine pessimist. Analyse der militär. Lage bewog seine Kampfgefährten, den österr. Gouverneur der Lombardei zu bitten, den Sonderbund materiell zu unterstützen und einen Vorstoss ins Tessin zu unternehmen, um die Umklammerung durch die eidg. Truppen zu sprengen und so den Nachschub aus dem Tessin sicherzustellen. Die Geschwindigkeit, mit der die Tagsatzungstruppen den Feldzug beendeten, machte diese Hilfegesuche jedoch gegenstandslos.

Die Revolution von 1848 und deren Auswirkungen - u.a. die Abdankung Metternichs - erlaubte es Ö. nicht mehr, sich um das Schicksal der besiegten Kantone zu kümmern oder irgendwelchen Druck auf die Eidgenossenschaft auszuüben. Die Erhebung in Lombardo-Venetien (März 1848-April 1849) und der darauf folgende Krieg zwischen Ö. auf der einen und Sardinien sowie den Aufständischen auf der anderen Seite zwang die Eidgenossenschaft, Truppen in Graubünden und im Tessin zu mobilisieren. Doch zum grossen Missfallen Ö.s konnten diese den Zustrom von Flüchtlingen, den Waffenschmuggel sowie den Grenzübertritt von Sympathisanten, die den Aufständischen zu Hilfe eilten, nur teilweise unterbinden. Hingegen war Ö. der Schweiz dankbar, dass sie das Bündnisangebot Kg. Karl-Alberts von Sardinien zurückgewiesen hatte, als dieser in das Gebiet um Mailand einfiel.

Während der 1. Hälfte des 19. Jh. waren die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Ö. von geringer Bedeutung. Der Krieg und seine Folgen unterbrachen für lange Zeit den Warenverkehr, den allein schon das schlecht entwickelte Strassennetz schwierig machte. Da zwischen den beiden Staaten kein Handelsvertrag bestand, kamen prohibitive Zolltarife als Bestandteile einer streng protektionist. Politik hinzu. Nur der Grenzhandel mit Vorarlberg, Lindau und Bregenz (Salz, Wein, Holz, Leinen usw.) spielte eine gewisse Rolle. Auch liessen sich einige Schweizer Handelshäuser in Ö. nieder, wo eine kleine Kolonie von Handwerkern, Arbeitern, Mechanikern und v.a. Militärpersonen lebte, die aber die Zahl von einigen Hundert nicht überschritt.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

3 - Die Regierungszeit Kaiser Franz Josephs

3.1 - 1848-1866

In den ersten Regierungsjahren Franz Josephs führte die Flüchtlingsfrage erneut zu Spannungen zwischen der Schweiz und Ö. Nach dem misslungenen Aufstand in Mailand vom 6.2.1853 schob die österr. Regierung dem Tessin die Schuld zu, da der Kanton in ihren Augen eine zu liberale Politik gegenüber den lombard. Flüchtlingen praktiziert habe und zu einem Österreich feindlich gesinnten Agitationsherd geworden sei. Zudem warf sie dem Tessin vor, österr. Kapuziner illegal und entschädigungslos vertrieben zu haben; als Retorsionsmassnahme wurden alle Tessiner aus der Lombardei ausgewiesen. Im Febr. 1854 ordnete Ö. die Blockade der Grenze zum Kt. Tessin an, was diesen in eine schwierige wirtschaftl. Lage brachte. Die Krise spitzte sich zu, als der österr. Geschäftsträger im Mai Bern verliess, weil der Bundesrat die von der Schweiz geforderten Zusicherungen bezüglich der Überwachung der polit. Flüchtlinge im Tessin und in Graubünden zurückgewiesen hatte. Doch schliesslich setzten sich die auf Mässigung bedachten Stimmen durch. Ö. hielt zwar seine Klagen über die Teilverantwortung des Tessins in der Mailänder-Affäre aufrecht, beendete aber die Grenzblockade und nahm seine diplomat. Beziehungen zur Schweiz wieder auf, ohne allerdings auf die Verknüpfung der Kapuzinerfrage mit der Ausweisung der Tessiner aus der Lombardei zu verzichten. Auf der Konferenz von Mailand vom 29.3.1855 kam schliesslich ein Abkommen über die Entschädigung der Mönche zustande.

Im Neuenburgerhandel 1856-57 nahm Ö. eine ausgleichende Haltung ein; es bemühte sich, die Rolle des "ehrl. Maklers" zwischen Preussen und der Schweiz zu spielen, und setzte an der Konferenz von Paris mit Frankreich, Grossbritannien und Russland den Text der Übereinkunft auf, die der Eidgenossenschaft am 29.4.1857 zur Annahme unterbreitet wurde. Im Krieg von 1859 zwischen Frankreich und Sardinien einerseits und Ö. anderseits beschloss die Schweiz, ihre Neutralität mit allen Mitteln zu wahren, und teilte dies den europ. Mächten am 14.3.1859 mit. Am 9.6.1859 floh die von Piemonteser Truppen umzingelte österr. Besatzung von Laveno mit drei Dampfern auf dem Langensee Richtung Magadino, wo sie von den Schweizern entwaffnet und interniert wurde. Am 14.10.1859 kaufte die Eidgenossenschaft Ö. die drei Schiffe ab. Am 10.11.1859 unterzeichneten in Zürich Sardinien, Frankreich und Ö. einen Friedensvertrag. Für die Schweiz hatte dieser die Entstehung einer neuen Macht an ihrer Südfront und eine beträchtl. Verkürzung der Grenze mit Ö. zur Folge. Letzteres lobte die Haltung der Schweiz im Krieg und zeigte sich in der Folge geneigt, Grenzfragen mit Graubünden (Festlegung der Grenze bei Samnaun) zu regeln und ein Abkommen über die Rheinregulierung ins Auge zu fassen.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

3.2 - 1866-1914

Der preuss. Sieg über Ö. 1866 und dessen Ausscheiden aus Deutschland trugen dem Land in der Schweiz neue Sympathien ein, denn seit dem Neuenburgerhandel bestanden in der öffentl. Meinung gewisse Befürchtungen gegenüber Preussen. Die schweiz.-österr. Beziehungen entspannten sich allmählich, und in den neu auftretenden Konflikten zeigte sich Ö. konzilianter, obwohl konservative Mitglieder des Wiener Kabinetts über die Zentralisierungsbestrebungen der Schweizer Radikalen und Liberalen beunruhigt waren. In der Schweiz freute man sich über die Liberalisierung in der Donaumonarchie. Dieses polit. Klima erleichterte den Abschluss eines Post- und Handelsabkommens sowie die Beilegung des nun schon hundert Jahre währenden Streits um den Verlauf der Grenze zu Tirol in Finstermünz (1868). Die Verhandlungen über die Rheinkorrektion und den Bau von Strassen zwischen Graubünden und Tirol erwiesen sich hingegen als viel mühsamer. Die Proklamation des Dt. Kaiserreichs 1871 verstärkte noch die Zurückhaltung der österr. Diplomatie. Die Erweiterung des Zweibunds zum Dreibund, den Deutschland, Ö. und Italien 1882 unterzeichneten, rief aber in der Schweiz Befürchtungen hervor, v.a. hinsichtlich eines evtl. Durchmarschs ital. Hilfstruppen durch die Schweiz auf dem Weg nach Deutschland.

Zwar erregte das Problem der polit. Flüchtlinge und der gewaltbereiten Revolutionäre weiterhin Besorgnis in Ö., doch seine Haltung war nicht mehr so bedrohlich wie zur Zeit Metternichs. Nach einer Reihe anarchist. Attentate in Wien Ende 1883 bis Anfang 1884 ersuchte Ö. die Eidgenossenschaft, Königsmord und Attentate auf Staatschefs als gemeinrechtl. Straftaten zu betrachten, um die Auslieferung der Täter zu ermöglichen. Diese ununterbrochen wiederholte Forderung verzögerte die Ausarbeitung eines Auslieferungsabkommens, bis der Bundesrat im Nov. 1888 schliesslich seinen Standpunkt durchsetzen konnte. Durch die Wohlgemuth-Affäre (1888-89) wurde die Beratung durch das Parlament nochmals vertagt. Die Sympathien des österr. Volks und der Diplomaten waren auf Seiten der Schweiz, obwohl der Aussenminister, dessen Haltung allerdings durch das Wohlwollen seines Botschafters in Bern gemildert wurde, Bismarcks Forderungen unterstützte. Die Ermordung der Kaiserin Elisabeth in Genf durch einen Anarchisten am 10.9.1898 führte nicht zur befürchteten grossen Krise, da Franz Joseph sich gegenüber der Eidgenossenschaft nachsichtig zeigte. Der Bundesrat seinerseits ergriff schon am 19. Sept. Massnahmen zur Ausweisung und Überwachung der Anarchisten und stimmte der Teilnahme an einer internat. Konferenz im Dez. 1898 zu, deren Schlussprotokoll v.a. Massnahmen zur besseren Zusammenarbeit zwischen den nationalen Polizeidiensten auf freiwilliger Basis vorschlug.

Während der Silvestrelli-Affäre, die am 7.4.1902 zum Abbruch der diplomat. Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien führte, blieb Ö. neutral, und sein Vertreter in Bern nahm eine beschwichtigende Haltung ein. Beim Besuch, den Franz Joseph dem Bundesrat am 31.8.1909 in Rorschach abstattete, unterstrich Vizepräsident Robert Comtesse daher zu Recht, dass während der 61 Regierungsjahre des Kaisers keine grössere Krise die Beziehungen zwischen den beiden Ländern getrübt habe.

Auf militär. Ebene waren diese Beziehungen seit Ende des 19. Jh. ausgezeichnet. Beim Bau der Gotthardlinie (Gotthardvertrag) war beschlossen worden, aus wirtschaftl. Gründen auf Festungsbauten zu verzichten; die Bedrohungen, die vom Dreibund hätten ausgehen können, veranlassten die Schweiz dann aber doch, den Festungsbau 1886 in Angriff zu nehmen. Ö. verstand, dass diese Arbeiten nicht gegen es, sondern gegen das irredentist. Italien gerichtet waren, und fand sich damit ab. Zwischen 1900 und 1914 nahmen zahlreiche österr. Offiziere an Manövern in der Schweiz teil, während eidg. Offiziere die österr. Militärschulen besuchten. Mehrere Schweizer, darunter viele Bündner, dienten in Ö. und stiegen bis in die höchsten Dienstgrade auf. Der 1908 geschaffene Posten eines Militärattachés in Bern verweist auf die Bedeutung, welche Ö. der schweiz. Armee beimass.

In den 1860er Jahren intensivierten sich die Beziehungen zwischen Ö. und der Schweiz auch auf wirtschaftl. und kultureller Ebene. 1868, 1891 und 1906 wurden drei Handelsverträge abgeschlossen, deren Auswirkungen wegen einiger restriktiver Klauseln allerdings begrenzt waren. Ausserdem ratifizierten beide Länder 1875 ein Abkommen, das u.a. die Niederlassungsbedingungen, das Konkursverfahren sowie Fragen der Steuererhebung und des Militärdiensts regelte. Doch erst die Eröffnung der Eisenbahnlinie über den Arlberg 1884 beflügelte den Handel, dessen Volumen rasch anstieg: 1900 beliefen sich die schweiz. Exporte nach Ö.-Ungarn auf 45,5 Mio. Fr. gegenüber Importen im Wert von ca. 70 Mio.; 1910 betrugen die Exporte 80 Mio. gegenüber 110 Mio. an Importen. Die schweiz. Investitionen in die österr. Sektoren Banken, Industrie und Eisenbahn nahmen regelmässig zu, ebenso der Austausch von Arbeitskräften. Entsprechend vergrösserte sich die Schweizerkolonie in Ö. sowie die Zahl der Österreicher in der Schweiz; diese stellten 1911 8% der im Land lebenden Ausländer. Österr. Konsulate in Zürich und St. Gallen waren schon 1872 eröffnet worden. Das Dt. Bundesschiessen in Wien 1868 sowie die Weltausstellung 1873, an der die Schweiz offiziell teilnahm, boten zusätzlich Gelegenheit, die wirtschaftl. und kulturellen Beziehungen zu vertiefen. Vom Ende des 19. Jh. an studierten und lehrten zahlreiche Studenten und Professoren an österr. Universitäten, v.a. in Innsbruck und Wien, während österr. Akademiker Zürich und Freiburg bevorzugten.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

3.3 - Der Erste Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs kam es in den Beziehungen zwischen der Schweiz und Ö. zu keiner grösseren Krise. Einzig die innenpolit. Spannungen in der Schweiz infolge der Obersten-Affäre 1915-16, welche die Neutralität hätten beeinträchtigen können, lösten in Ö. Beunruhigung aus. In dieser Zeit entfaltete die Botschaft Ö.-Ungarns in Bern eine intensive Tätigkeit auf den Gebieten der Spionage, der Organisation von Sabotageakten in Italien, der Überwachung marxist. Flüchtlinge und der Belieferung der Presse mit zweckdienl. Informationen in eigener Sache. Daneben führte sie auch kulturelle Veranstaltungen durch.

Auf wirtschaftl. Gebiet fanden mit Ö.-Ungarn und Deutschland schwierige Verhandlungen über die Ein- und Ausfuhr von Waren statt. Im Febr. 1916 schlossen die Schweiz und Ö. ein Wirtschaftsabkommen. 1918 beliefen sich die Importe (v.a. Rohstoffe) aus Ö. auf 61 Mio. Fr., die Exporte (v.a. Industrieprodukte) auf 101 Mio. Fr.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

4 - Die Erste Republik

Der Untergang der Donaumonarchie führte zu unzähligen Problemen zwischen Ö. und der Schweiz. Am 4.11.1918 informierte die provisor. Regierung den Bundesrat über die Gründung eines unabhängigen Staates Deutsch-Ö. und ersuchte um die Herstellung diplomat. Beziehungen. Zwar wurden solche Beziehungen de facto aufgenommen, der neue Staat aber nicht formell anerkannt, da der Bundesrat zuerst sichergehen wollte, dass es zu keinem Anschluss an Deutschland kommen und Ö. ein unabhängiger Staat bleiben würde. Die Anerkennung erfolgte erst am 9.1.1920; die lange Wartezeit rief in Ö. heftige Ressentiments hervor.

Eine ganze Reihe schweiz. Ansprüche und Schuldforderungen mussten behandelt werden. Dabei war der Bundesrat - entgegen dem Vertragsentwurf von Saint-Germain (1919) - der Ansicht, die Nachfolgestaaten hätten die Schulden der Doppelmonarchie zu übernehmen. Zu den Hauptproblemen gehörten die Festlegung der Schweizer Anteile (1/15) bei der Liquidierung der Österr.-Ungar. Nationalbank, der Streit um die Lieferung des von der Schweiz 1917 vorausbezahlten Zuckers, die Aufteilung der Schuld des österr. Staates sowie die Gültigkeit der diversen diplomat. und kommerziellen Verträge, die mit dem Kaiserreich abgeschlossen worden waren. Bezüglich Letzteren vertrat die Republik den Standpunkt, nicht die Nachfolgerin der Monarchie zu sein; die Schweiz teilte diese Auffassung. Erst die Verträge vom 15.5.1925 und vom 21.3.1927 über die Gültigkeit der jurist. Abkommen und deren Umsetzung führten zu einer vollständigen Normalisierung der schweiz.-österr. Beziehungen.

Der Aufenthalt des Exkaisers Karl in der Schweiz stellte ein weiteres Problem dar. Der Monarch, der sich zwar zum Rückzug aus den Regierungsgeschäften verpflichtet, dann aber die formelle Abdankung verweigert hatte, war im März 1919 in die Schweiz eingereist. Er erhielt vom Bundesrat unter der Bedingung, sich jeglicher polit. Tätigkeit zu enthalten, die Niederlassungsbewilligung. Da er aber trotzdem zweimal versuchte, die ungar. Krone wiederzuerlangen, beschloss der Bundesrat am 25.10.1921 seine Ausweisung.

Die wachsende schweiz. Angst vor einem Anschluss Ö.s an Deutschland wurde bald zum Hauptthema der Aussenpolitik gegenüber Ö.; der Bundesrat wollte unbedingt verhindern, dass die Schweiz von einem mit Ö. vereinten Deutschland auf seiner Ostseite umklammert und vom freien Verkehr nach Osteuropa abgeschnitten werde. Der Wunsch nach einer Angliederung war ungeachtet des Vertrags von Saint-Germain in allen Schichten der österr. Bevölkerung immer noch stark, und auch in der Schweiz hielten viele diese trotz der ablehnenden Haltung von Politik und Presse für unausweichlich. Zur gleichen Zeit sah sich die Schweiz mit der Frage einer eventuellen Eingliederung Vorarlbergs konfrontiert, für die sich 80% der Vorarlberger Wähler in einer Volksabstimmung am 11.5.1919 ausgesprochen hatten. Der Übertritt scheiterte einerseits an der ablehnenden Haltung gewisser Interessengruppen in der Schweiz - ref. Kreise befürchteten eine Zunahme der katholischen, französischsprachige eine solche der deutschsprachigen Bevölkerung - als auch am Widerstand der österr. Regierung und der Entente, die eine Zerstückelung Ö.s verhindern wollte.

Ab Nov. 1918 stellte sich für die Schweiz überdies die Frage nach der Lebensfähigkeit Ö.s. Zwar wünschte die Eidgenossenschaft ein unabhängiges Ö. - der Bundesrat war in dieser Frage allerdings gespalten -, doch mussten dem Staat dazu auch die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ab Nov. wurden für Vorarlberg und Tirol Notsendungen von Lebensmitteln organisiert. Im Dez. verlangte eine parlamentar. Motion die Lieferung von Nahrungsmitteln, und ab Monatsende wurden unter militär. Geleitschutz 112 Eisenbahnwagen nach Wien abgefertigt und dort der Gem. zum Einstandspreis verkauft. Parallel dazu kam es in der Bevölkerung zu einer breiten Solidaritätsbewegung. Mehrere Hilfskomitees für Kinder wurden gegründet und bis 1921 56'300 Kinder in der Schweiz vorübergehend aufgenommen. Im Juli 1920 entschied das Parlament, sich mit einem Maximalbetrag von 25 Mio. Fr. an der internat. Kreditaktion zur Wiederbelebung der Wirtschaft zu beteiligen, die im Rahmen der Pariser Konferenz vom April 1920 beschlossen worden war. Die Schweiz beteiligte sich 1922 mit 20 Mio. Fr. am Darlehen des Völkerbunds an Ö. und trug auch andere Massnahmen zur Sanierung des österr. Staatshaushalts und der Wirtschaft im Rahmen der sog. Genfer Sanierung mit (Genfer Protokolle vom 4.10.1922). U.a. stellte sie auch techn. Berater zur Verfügung.

Gegenüber der Zerstörung der österr. Demokratie im März 1933 und dem autoritären kath. Regime unter Engelbert Dollfuss, dessen Affinitäten zum faschist. Italien bekannt waren, nahmen die Schweizer entsprechend ihren eigenen polit. Überzeugungen unterschiedl. Positionen ein. Nach der Ausschaltung der Milizen des sozialdemokrat. Schutzbunds in Wien im Febr. 1934 reagierte die eidg. Linke mit Empörung und unterstützte die verfolgten Genossen materiell. Das IKRK seinerseits inspizierte die Gefangenenlager und die Gefängnisse.

Nach Kriegsende und bis 1929 bestanden rege Handelsbeziehungen zwischen Ö. und der Schweiz, aus denen beträchtl. Gelder an Privatinvestitionen flossen; die schweiz. Guthaben trugen 1932 ca. 9 Mio. Fr. ein. Ab 1930 verschlechterte sich jedoch die Lage wegen der österr. Banken- und Währungskrise, was die Schweiz. Nationalbank zwang, am 12.11.1931 mit der Österr. Nationalbank in Wien ein Clearingabkommen zu unterzeichnen. Ab 1932 waren die schweiz. Exporte nach Ö. grösser als die österr. Einfuhren in die Schweiz; Erstere betrugen 1937 44,2 Mio., Letztere 37,9 Mio. Fr.

Die im Staatsvertrag von 1892 vorgesehenen Rheinregulierungsarbeiten wurden 1923 fertig gestellt, erwiesen sich jedoch bald als ungenügend. In einem neuen Vertrag vom 19.11.1924 berücksichtigte die Schweiz die schwierige finanzielle Lage Ö.s und streckte ihm seinen Anteil an der Finanzierung des gemeinsamen Unternehmens zinslos vor. Diese Massnahme hatte unmittelbar positive Auswirkungen auf die Wirtschaft Vorarlbergs. Damals schlossen die Schweiz und Ö. auch einen Vertrag über die Regulierung des Rheins, in dem der Grenzverlauf zwischen den beiden Ländern neu festgelegt wurde. Anfang 1925 erhöhte Ö., das sich bis dahin an die 1906 vereinbarten Ansätze gehalten hatte, seine Zolltarife stark, was den Abschluss eines neuen Handelsvertrags zur Wahrung der Schweizer Industrieinteressen nötig machte; dieser Vertrag vom 6.1.1925 wurde im Jan. 1932 infolge der instabilen Wirtschafts- und Finanzlage Ö.s erneuert. In dem am 15.7.1932 unterzeichneten Lausanner Protokoll verpflichteten sich Frankreich, Grossbritannien, Italien und Belgien, der Regierung in Wien die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit diese ihren finanziellen Verpflichtungen im Ausland nachkommen und die Wirtschaft wieder in Gang bringen könne. Nach längerem Hin und Her trat die Schweiz diesem Abkommen ebenfalls bei und stellte 5 Mio. Fr. bereit, machte diese Hilfe allerdings vom Ausgang der Verhandlungen über die Stickerei abhängig. Der Bundesrat wollte nämlich zum Schutz der Ostschweizer Produktion erreichen, dass ein Teil der mechan. Webstühle in Vorarlberg zerstört werde. Der in diesem Sinn abgefasste Vertrag wurde am 18.3.1933 unterschrieben.

In der Zwischenkriegszeit waren die kulturellen Beziehungen zwischen Ö. und der Schweiz eingeschränkt. Während in der Schweiz die Theorien des Wiener Pädagogen Otto Glöckel oder Sigmund Freuds einen starken Einfluss ausübten, nahmen in Ö. zwei Schweizer, der Schriftsteller Gustav Renker und der Jurist Carl Stooss, einen wichtigen Platz ein. 1931 wurde in Innsbruck die Alpenländ. Forschungsgemeinschaft gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, die Dialekte des Alpenraums zu erforschen; an diesem Projekt beteiligten sich mehrere namhafte Schweizer. Zwischen 1914 und 1945 hielten sich auch zahlreiche österr. Schriftsteller oder Künstler, darunter der Schriftsteller Robert Musil und der Bildhauer Fritz Wotruba, in der Schweiz auf oder emigrierten hierhin.

<b>Österreich</b><br>Plakat für die Ausstellung der österreichischen Künstlervereinigung Secession von 1904, geschaffen von  Ferdinand Hodler (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Hodler war Ehrengast dieser Ausstellung, die belegt, dass der Schweizer Künstler an der Wende zum 20. Jahrhundert einen festen Platz in der europäischen Avantgarde einnahm.<BR/><BR/>
Plakat für die Ausstellung der österreichischen Künstlervereinigung Secession von 1904, geschaffen von Ferdinand Hodler (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

5 - Unter nationalsozialistischer Herrschaft

5.1 - Der Anschluss

Obwohl der Anschluss Ö.s an das nationalsozialist. Deutschland am 13.3.1938 niemanden in der Schweiz überraschte, führte er zu einem aussenpolit. Umdenken bzw. zur Rückkehr zur integralen Neutralität. Am 21.3.1938 gaben der Bundesrat und die Bundesversammlung eine feierl. Erklärung ab, in der sie zur nationalen Geschlossenheit aufriefen und die parteiübergreifende Bereitschaft zur Verteidigung der Unabhängigkeit unterstrichen. Auf diplomat. Ebene verlangte das Reich die sofortige und bedingungslose Anerkennung des Fait accompli; am 19. März teilte der Schweizer Botschafter in Berlin dem Reichsaussenminister die Entscheidung des Bundesrats mit, den Anschluss anzuerkennen. Zwanzig Jahre lang hatte sich die Schweiz dem Anschluss widersetzt; jetzt musste sie diese Politik aufgeben.

Für die Schweiz zog der Anschluss eine ganze Reihe prakt. Konsequenzen nach sich. Im März 1938 erreichten 3'000-4'000 Flüchtlinge aus Ö. die Schweiz; ihre Zahl stieg während des Kriegs auf insgesamt rund 5'000, von denen 2'000 der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde, während die anderen nur durchreisten. Am 1. April wurde die Visumspflicht für Inhaber österr. Pässe eingeführt. Die Botschaft in Wien wurde in ein Generalkonsulat umgewandelt. Die Verträge von 1868 und 1908 über die Begradigung der Grenzen sowie der Rheinregulierungsvertrag von 1924 blieben in Kraft; eine weitere Gruppe von Verträgen (Doppelbesteuerungs-, Stickerei- und Handelsabkommen) wurde an das dt. Recht angepasst. Die Staatsverträge polit. Inhalts hingegen wurden nichtig, da sich das Reich nicht als Rechtsnachfolger Ö.s betrachtete und auch dessen Schulden nicht übernehmen wollte. Der Anschluss hatte überdies unangenehme Folgen für den Grenzverkehr mit Vorarlberg (Hotellerie, Detailhandel, Gewerbe usw.) sowie für die schweiz. Stickereiindustrie, denn die dt. Stickerei wurde durch die Arbeitsbeschaffungspolitik des Reichs unterstützt. Schliesslich bewirkte der Anschluss - sowohl durch den Schock, den der dt. Einmarsch in Ö. ausgelöst hatte, als auch wegen der strategisch ungünstigen Lage, die durch ihn an der Ostgrenze der Schweiz entstanden war - eine positive Einstellung der schweiz. Bevölkerung zur Landesverteidigung.

Autorin/Autor: Jacques Langendorf / AHB

5.2 - Der Zweite Weltkrieg

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Haltung der Schweiz zur Frage der österr. Unabhängigkeit nach der am 1.11.1943 veröffentlichten Moskauer Erklärung, in der sich die Alliierten verpflichteten, den österr. Staat wieder zu errichten. Von da an wurde dessen Wiederherstellung, auf die sich versch. Kreise von Emigranten vorbereiteten, als Eventualität ins Auge gefasst. Eine Gruppe österr. Studenten der Univ. Zürich rief den Verein Austria ins Leben. Aber erst gegen Ende des Kriegs, am 28.4.1945, hatten die Emigranten die Möglichkeit, die Frei-österr. Bewegung in der Schweiz zu gründen und Zeitungen herauszugeben. Im Juni 1945 konstituierte sich in Zürich die Gesellschaft zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Ö. und der Schweiz.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AHB

6 - Die Zweite Republik

Seit dem Krieg unterhalten die Schweiz und Ö. enge und freundschaftl. Beziehungen. Die zweite österr. Republik akzeptierte ihren Status als Kleinstaat und war fest entschlossen, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen; 1955 erhielt sie die Zusicherung ihrer immerwährenden Neutralität. Als föderalist., parlamentar. Republik und - nach erfolgreichem Wiederaufbau - kleine offene Volkswirtschaft bot das neue Ö. solide Grundlagen für eine enge Zusammenarbeit mit der Schweiz, mit der es trotz grosser Unterschiede in der polit. Kultur bestimmte Grundzüge teilt.

Die Vorherrschaft zweier grosser Parteien, der Österr. Volkspartei (ÖVP) konservativer Ausrichtung und der Sozialist. Partei Ö.s (SPÖ), und deren polit. Auseinandersetzungen haben das parlamentar. Leben Ö.s nach 1945 geprägt. 1947-66 und 1987-2000 bildeten die ÖVP und die SPÖ eine grosse Koalition. Ab den 1980er Jahren verloren diese beiden Parteien jedoch an Gewicht; neue Gruppierungen kamen auf, wie die Grünen und die rechtsextreme Freiheitl. Partei Ö.s (FPÖ), von der sich 1993 das Liberale Forum und 2005 das Bündnis Zukunft Ö. (BZÖ) abspaltete. Die österr. Spielart korporativer Interessenvermittlung unterscheidet sich von der schweizerischen durch den hohen Konzentrationsgrad und teilweise durch Vertretungsmonopole der Interessenverbände (Österr. Gewerkschaftsbund). Die Arbeiterkammern, die Bundeswirtschaftskammer und die Landwirtschaftskammern sind öffentl.-rechtl. Zwangskörperschaften, welche Gesetzgebung wie Lohn- und Preisbildung beeinflussen. Absprachen über Löhne und Preise unter Berücksichtigung gesamtwirtschaftl. Interessen erfolgten ab 1947 zunächst im Rahmen der Wirtschaftskommission. 1957 wurde, zunächst auf informeller Grundlage, die Parität. Kommission für Lohn- und Preisfragen errichtet, in der die Bundesregierung, die Kammern und der Österr. Gewerkschaftsbund vertreten sind und alle zentralen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik ausgehandelt werden. Gestützt auf den bedeutenden verstaatlichten Sektor und die Sozialpartnerschaft betrieben die Bundesregierungen bis in die 1990er Jahre eine aktive Wirtschaftssteuerung (Austrokeynesianismus). Der österr. Föderalismus gibt dem Bund grosses Gewicht; diesem steht eine Mitwirkung auch an der Gesetzgebung der Bundesländer zu und die Ländereinkommen stammen zum grössten Teil aus Bundesmitteln. Trotzdem konnten die Länder allmählich ihren Handlungsspielraum erweitern und sich in Richtung eines kooperativen Föderalismus entwickeln. Von diesen Tendenzen profitieren die grenzübergreifenden Institutionen wie die Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer oder die Internat. Bodenseekonferenz, denen auch die Ostschweizer Kantone angehören.

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi

6.1 - Die Nachkriegszeit

Die Wiederherstellung eines unabhängigen, westorientierten Staates 1945 war für die Schweiz von grosser Bedeutung, nicht zuletzt aus sicherheitspolit. Interessen. Daher wurden die Kontakte rasch wieder angebahnt, zuerst über österr. Flüchtlinge in der Schweiz, dann über Tirol und Vorarlberg und schliesslich, sobald es die Besatzungsbehörden erlaubten, direkt zur Regierung Karl Renners, die am 27.4.1945 die Unabhängigkeit Ö.s proklamiert hatte. Schon am 2. Nov. erfolgte die offizielle Anerkennung des neuen Staats durch die Schweiz; 1946-47 wurden diplomat. Vertretungen eingerichtet. Trotz der Schwierigkeiten, die sich aus der fehlenden Souveränität und der Besatzung Ö.s durch die Allierten ergaben, entwickelten sich früh intensive Kontakte zwischen den beiden Ländern. Für Ö. stellte die Schweiz einen Zugang zum Westen dar. Die Schweiz ihrerseits wollte ihre Staatsangehörigen beschützen und die Wirtschaftsbeziehungen schnell wieder herstellen. Mehrere humanitäre Hilfskampagnen trugen viel zur Stärkung der nachbarschaftl. Beziehungen bei. 1945-48 wurden mindestens 53,5 Mio. Fr., welche die Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten gesammelt hatte, durch das IKRK und andere karitative Organisationen in Ö. verteilt. Zudem konnten sich mehr als 27'000 Kinder während eines dreimonatigen Aufenthalts in der Schweiz erholen.

Nach der Lockerung der alliierten Kontrolle über Ö.s Aussenbeziehungen erleichterten bilaterale Abkommen die wirtschaftl. Beziehungen. Die Schweiz förderte mit erhebl. Zugeständnissen im Clearingverkehr die Handelsbeziehungen. 1946 ging ein Drittel der österr. Exporte in die Schweiz, 1947 noch mehr als ein Viertel. Umgekehrt war Ö. für den schweiz. Aussenhandel (1,2% Importe, 0,7% Exporte) nur von geringem Gewicht.

Im Kontext des Kalten Kriegs war Ö. bis 1955 eine Schachfigur, die je nach Stand der Dt. Frage auf dem Spielbrett verschoben wurde. Den Plan, Ö. den Status eines bündnisfreien Landes zuzuerkennen, hatten die Vertreter der Allierten und Ö.s schon mehrfach erwogen; er wurde aber erst in den Moskauer Verhandlungen im April 1955 konkretisiert. Das Moskauer Memorandum vom 15. April bezog sich explizit auf das Vorbild der Eidgenossenschaft, indem es festhielt, dass sich Ö. in einer Deklaration verpflichten werde, "immerwährend eine Neutralität der Art zu üben, wie sie von der Schweiz gehandhabt wird". Dieser Passus wurde allerdings nicht ins österr. Neutralitätsgesetz vom 26.10.1955 übernommen. Schon am 22. Nov. antwortete die Schweiz positiv auf das österr. Ersuchen um Anerkennung seiner Neutralität, obwohl sie mit der Entwicklung nicht vollständig zufrieden war. Vorbehalte bestanden wegen der schwachen militär. Verteidigung Ö.s, aus der eine Bedrohung der schweiz. Ostflanke resultieren könnte, sowie der damals schon absehbaren eigenständigen Neutralitätspolitik Wiens.

Die bilateralen Beziehungen seit 1955 zeichnen sich durch besonders intensive Kontakte und eine enge Zusammenarbeit aus. Den ersten Staatsbesuch statteten österr. Bundespräsidenten jeweils der Schweiz ab (Ausnahme Kurt Waldheim). Das Gleiche gilt für die schweiz. und österr. Aussenminister, die ihr Amt antreten. Das dichte Vertragsgeflecht (2008 über 80 Abkommen) erleichtert zudem die Handelsbeziehungen.

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi

6.2 - Neutralitätspolitik

Trotz der unterschiedl. Gewichtung der bewaffneten Neutralität in den beiden Ländern stiessen das schweiz. System der Milizarmee und das Konzept der Gesamtverteidigung in Ö. auf reges Interesse. Am 13.9.1978 wurde eine Rahmenvereinbarung im Bereich der Rüstungszusammenarbeit unterzeichnet. Nach anfängl. Skepsis fand auch die Handhabung der bewaffneten Neutralität durch Ö. in schweiz. Militärkreisen zunehmend Anerkennung. Ö. legte - im Unterschied zur Schweiz - zur Sicherung seiner Neutralität grosses Gewicht auf eine aktive Aussenpolitik und auf Friedensinitiativen. Direkt an der Konfrontationslinie zwischen Osten und Westen gelegen und vom Trauma von 1938 geprägt, bemühte sich Ö., seine Unabhängigkeit durch aktive Mitarbeit in den europ. und internat. Institutionen zu konsolidieren. 1956 wurde das Land Mitglied des Europarats, was seine Zugehörigkeit zur westl. Welt unterstrich. Schon im Dez. 1955 war es der UNO beigetreten. Ö. stellte ab 1967 Blauhelmtruppen und gehörte 1973-74 dem Sicherheitsrat an. 1972-82 war der Österreicher Kurt Waldheim Generalsekretär der UNO. Dem Beispiel der Schweiz folgend, bewog Ö. zahlreiche internat. Organisationen, Wien zu ihrem Sitz zu wählen bzw. dort ihre Konferenzen abzuhalten, was eine gewisse Konkurrenz zwischen der Schweiz und Ö. bzw. Genf und Wien aufkommen liess. Namentlich die Erhebung Wiens zum dritten Sitz der UNO 1979 (nach New York und Genf) führte mehrfach zu Friktionen mit Bern.

Indem Ö. mit der Sowjetunion und den benachbarten Ländern des Ostblocks zahlreiche Kontakte auf diplomat., wirtschaftl. und persönl. Ebene herstellte sowie sich für Gipfeltreffen (1961 John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, 1979 Jimmy Carter und Leonid Breschnew) und Abrüstungsverhandlungen (Strategic Arms Limitation Talks 1, Mutual Balanced Force Reduction ab 1973) als Verhandlungsort anerbot, gab es seiner Neutralität ein eigenes Profil. Diese aktive, durch Brückenschläge zwischen Ost und West bestimmte Neutralitätspolitik erregte in der öffentl. Meinung der Schweiz ein gewisses Misstrauen. Eine weitgehend gemeinsame aussenpolit. Linie vertraten Ö. und die Schweiz hingegen im Rahmen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), wo sie in der Gruppe der Neutralen und Blockfreien grossen Einfluss ausübten. Die hist. Bande zwischen Ö. und dem Donauraum begünstigten die frühe Anbahnung einer die Blockgrenzen übergreifenden mittelosteurop. Kooperation. Das Auseinanderbrechen des Ostblocks 1989 und die Regimewechsel in den Nachbarländern intensivierten die österr. Ostpolitik noch, die auch für die Schweiz als Anregung diente. Während die Schweiz im Jugoslawienkonflikt Zurückhaltung übte, setzte sich Ö. aktiv für die schnelle Anerkennung der Nachfolgestaaten ein.

<b>Österreich</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Aussenhandel der Schweiz mit Österreich 1890-2015

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi

6.3 - Die europäische Integration

Auch in diesem Bereich decken sich die österr. und die schweiz. Politik nur teilweise. Ö. gehörte wie die Schweiz zu den Gründungsmitgliedern der Europ. Freihandelsassoziation (EFTA). Angesichts seiner traditionellen Verflechtung mit dem dt. Markt bemühte es sich nach dem Abbruch der Integrationsgespräche durch die Schweiz 1963 zeitweilig im Alleingang um die Assoziation mit der Europ. Wirtschaftsgemeinschaft. Das 1972 zwischen den neutralen Staaten der EFTA (Schweiz, Ö. und Schweden) und der Europ. Gemeinschaft (EG) unterzeichnete Freihandelsabkommen betonte hingegen die gemeinsamen Positionen. Das EG-Binnenmarktprogramm von 1985 löste in Ö. eine breite Debatte über die europ. Integration aus, die 1989 in der Stellung eines offiziellen Beitrittsgesuchs mündete. Parallel dazu nahm Ö. wie die Schweiz an den Verhandlungen der EFTA-Staaten über den Europ. Wirtschaftsraum (EWR) teil und trat diesem am 1.1.1994 bei. Ein Jahr später wurde das Land auch Mitglied der Europ. Union (EU). Probleme zwischen der Schweiz und Ö. ergaben sich seither v.a. aus der ungleichen Verteilung des Strassenverkehrs zwischen Brenner und Gotthard.

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern blieben aber gut. So sprach z.B. der Bundesrat im Jahr 2000, als mehrere EU-Länder wegen der Regierungsbeteiligung der FPÖ bzw. Jörg Haiders starken Druck auf Ö. ausübten, der österr. Regierung in einem Communiqué sein grundsätzl. Vertrauen aus und empfing trotz Protesten der schweiz. Linken die österr. Aussenministerin Benita Ferrero Waldner und später auch den österr. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Umgekehrt ratifizierte Ö. als erstes EU-Land die Bilateralen I und setzte sich während seiner EU-Präsidentschaft 2006 auch für die Bilateralen II ein.

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi

6.4 - Wirtschaftsbeziehungen

Die schweiz.-österr. Wirtschaftsbeziehungen waren grossen Schwankungen unterworfen. Nach dem Wiederaufbau und der Wiedererlangung der Souveränität konnte Ö. seinen Aussenhandel diversifizieren, wobei dem Osthandel während des Kalten Kriegs eine grössere Bedeutung zukam als in der Schweiz. 1986 lag sein Anteil an den Exporten bei 10,5% und an den Importen bei 8,5% (Schweiz 3,1% bzw. 2%). Auf dem Weltmarkt hingegen war der Anteil der Schweiz viel grösser als jener Ö.s. In den ersten Jahren der EFTA intensivierten sich die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. Der Freihandelsvertrag von 1972 begünstigte dann die Handelsströme zwischen Ö. und der Bundesrepublik Deutschland. 2007 importierte die Schweiz Waren für rund 8,1 Mrd. Fr. aus Ö., während sie Güter für rund 6,3 Mrd. exportierte; sie rangierte damit auf der Liste der wichtigsten Abnehmer wie auf derjenigen der wichtigsten Lieferanten Ö.s jeweils an vierter Stelle. Die österr. Direktinvestitionen in der Schweiz beliefen sich nach einer Vervielfachung ab 2004 im Jahr 2007 auf knapp 58 Mrd. Fr., womit Ö. hinter den Niederlanden und den USA an dritter Stelle lag. Die schweiz. Direktinvestitionen in Ö. betrugen gut 8 Mrd. Fr. Ende des gleichen Jahres wohnten in der Schweiz 33'994 österr. Staatsangehörige. In Ö. wurden 13'904 Schweizer Staatsbürger gezählt, darunter 8'033 Doppelbürger.

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi

6.5 - Kulturelle Beziehungen

Die im Juni 1945 gegründete und von Jean Rudolf von Salis geleitete Gesellschaft zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Ö. und der Schweiz hatte den Zweck, die Bindungen zu reaktivieren und zu pflegen und zur Wiedergeburt der österr. Kultur beizutragen. Einen Höhepunkt bildeten zweifellos die Ausstellungen von Meisterwerken aus Ö., die 1946 im Zürcher Kunsthaus und im Kunstgewerbemuseum stattfanden. In der Folge gingen die Initiativen eher von Wien aus; Ö. misst in seiner Aussenpolitik der Kultur grosse Bedeutung bei. Viele kulturellen Beziehungen laufen über die Botschaften und Pro Helvetia, die Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Vorträge unterstützen. 1996, anlässlich der Jahrtausendfeier Ö.s, fand im Schloss Lenzburg eine Ausstellung über das Haus Habsburg statt. Viele Kontakte beruhten aber auch auf privater oder geschäftl. Grundlage. So wurden österr. Autoren regelmässig an die Solothurner Literaturtage eingeladen, und mehrere Schweizer Schriftsteller nahmen am Klagenfurter Literaturwettbewerb teil. Die Kontakte im Bereich der Wissenschaften (Stipendien, Gastprofessuren) sind durch ein Abkommen zwischen dem österr. Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, den schweiz. Universitäten und dem Bund geregelt. Im Alltag war die gegenseitige Wahrnehmung lange durch hartnäckige Klischees und eine gewisse Konkurrenz in unterschiedl. Bereichen (Verkehr, Sport, Tourismus) bestimmt; diesbezüglich vermittelten die Schweiz und Ö. das Bild zweier Nachbarn, die sich den Rücken zukehren (Hans Thalberg). Daran dürfte auch die gemeinsame Durchführung des Fussballeuropameisterschaft-Turniers 2008 nur wenig geändert haben.

<b>Österreich</b><br>Plakat für die Ausstellungen österreichischer Meisterwerke in Zürich, 1946 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Am Ende des 2. Weltkriegs übernahmen das Kunsthaus und das Kunstgewerbemuseum zwei wichtige österreichische Ausstellungen, die dem Land erlaubten, sich als eigener Staat mit einer starken kulturellen Tradition zu präsentieren.<BR/>
Plakat für die Ausstellungen österreichischer Meisterwerke in Zürich, 1946 (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi

Quellen und Literatur

Literatur
  • Allgemeines

    – H. Keller, Schweiz.-österr. Wirtschaftsbeziehungen, 1938
    – E. Bonjour, Die Schweiz und Europa, 8 Bde., 1958-88
    – R. Dannecker, Die Schweiz und Ö.-Ungarn, 1966
    Schweiz-Ö., hg. von F. Koja, G. Stourzh, 1986
    Ö.-Schweiz, hg. von H. Thalberg, 1988
    700 Jahre Schweiz: Helvetia-Austria, Ausstellungskat. Wien, 1991
    Schweiz und Ö., hg. von U. Altermatt, E. Brix, 1995
  • Einzeldarstellungen

    – A. Wolf, Gegenüberstellungen der Volkswirtschaften Ö.s und der Schweiz im Rahmen der Weltwirtschaft, 1952
    – H. Zimmermann, Die Schweiz und Ö.s Anschluss an die Weimarer Republik, 1967
    – F. Koenig, Die Verhandlungen über die internat. Rheinregulierung im st. gall.-vorarlberg. Rheintal von den Anfängen bis zum schweiz.-österr. Staatsvertrag von 1892, 1971
    – H. Zimmermann, Die Schweiz und Ö. während der Zwischenkriegszeit, 1973
    – D. Witzig, Die Vorarlberger Frage, 1974
    – L. Kerekes, Von St. Germain bis Genf, 1979
    – J.-C. Favez, «Mozart, la broderie et les finances fédérales», in Innen- und Aussenpolitik, hg. von U. Altermatt, J. Garamvölgyi, 1980, 331-351
    – P. Schubert, Die Tätigkeit des k.u.k. Militärattachés in Bern während des Ersten Weltkriegs, 1980
    – R. Zaugg-Prato, Die Schweiz im Kampf gegen den Anschluss Ö.s an das Dt. Reich 1918-38, 1982
    – R. Kobam, Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ö. und der Schweiz in den Jahren 1945-55, Diplomarbeit Wien, 1985
    – C. Graf, «Die polit. Beziehungen zwischen der Schweiz und Ö. nach 1945», in SQ 13/14, 1988, 129-161
    Kultur - Weltbild - Alltagsleben, hg. von H.P. Meier-Dallach, 1991
    – H. Danzmayer, Kleinstaat auf der Suche nach Sicherheit, 1991
    – T. Schwendimann, Herausforderung Europa, 1993
    – C. Jenny, Konsensformel oder Vorbild?, 1995
    – A. Aerni, R. Agstner, Von der k.k. Gesandtschaft zur Österr. Botschaft, 2000
    Veröff. UEK 20