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Sprachaufenthalt

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S.e kommen in versch. Formen vor. Häufig bezeichnet der Begriff die Temporäraufenthalte junger Deutschschweizerinnen in der Westschweiz (Welschlandjahr) und Südschweiz sowie im Ausland bzw. jene von jungen Westschweizerinnen in der Deutschschweiz. Traditionell mehrheitlich von Mädchen zwischen dem Schulabschluss und der Berufsausbildung gewählt, oft als Zwischenjahr und im Tausch, dienten solche Aufenthalte v.a. dem Spracherwerb sowie dem Erwerb von Fähigkeiten in den Bereichen Haushaltsführung und Kinderbetreuung. Übliche Formen dieser S.e waren das Volontariat (halb dienstl., halb familiäre Aufnahme im Privathaushalt und Kleingewerbe), das Haushaltslehrjahr mit schul. Abschluss, die entlöhnte Au-pair-Anstellung, das Bildungsjahr etwa in einem Pensionat und das Praktikum z.B. in einem Heim oder Spital. Die Platzierung erfolgte zumeist über spezialisierte Stellenvermittlungen, die z.T. konfessionell geprägt waren.

S.e stehen in einer langen Bildungs- und Erziehungstradition. Vom 15. Jh. an formten Pagendienste an franz. Höfen, kaufmänn. Praktika und Universitätsbesuche in anderen Ländern typ. Ausbildungsgänge. Es folgten im 17. und 18. Jh. Bildungsreisen und Kriegsdienste, später Aufenthalte im Pensionat. Die internat. Nachfrage nach einer Gesellschaftserziehung, die sich an franz. Bildungsentwürfen orientierte, prägte den westschweiz. Bildungstourismus und förderte die Entstehung zahlreicher privater Bildungsstätten. Davon profitierten im 19. Jh. auch Töchter bürgerl. Kreise. Ein markanter Popularisierungsschub erfolgte ab 1880 mit dem Volontariat für Dienstboten und Haushaltshilfen aus dem bäuerl. Milieu und der Unterschicht. Versch. Organisationen wie die Freundinnen junger Mädchen, der Internat. Katholische Mädchenschutzverein, der Landeskirchl. Fürsorgedienst oder Pro Filia bekämpften Ausbeutung und Sittenzerfall in der sog. Welschlandgängerei und engagierten sich bei der Stellenplatzierung und Betreuung. Zu Beginn des 21. Jh. nahm die Bedeutung des Volontariats ab. Die Abwertung des Französischen favorisierte zunehmend andere Destinationen (u.a. USA, England, Australien, Spanien), ausserdem wurden S.e in der Laufbahnplanung gezielter als Statuspassagen und Zwischenlösungen eingesetzt. Auf neuere Entwicklungen verweisen der interregionale Schüler- und Klassenaustausch sowie ein Dienstleistungsnetz für internat. Platzierungen mit diversen Anbietern.


Literatur
– U. Gyr, Lektion fürs Leben, 1989
– U. Gyr, Das Welschlandjahr, 1992
– U. Gyr, «Welschlandaufenthalte als Übergangs- und Kontaktmuster», in Hb. der schweiz. Volkskultur 1, hg. von P. Hugger, 1992, 119-128

Autorin/Autor: Ueli Gyr