04/11/2013 | Rückmeldung | PDF | drucken

Wimmis

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. Niedersimmental, Verwaltungskreis Frutigen-Niedersimmental. W. liegt am Eingang zum Simmental vor der Simmenporte zwischen Simmen- und Burgfluh und der breiten Flanke des Niesen (2'362 m) auf dem Schuttkegel von Simme und Kander und umfasst das Dorf W. sowie die Ortsteile Oberdorf, Brodhüsi, Hasli und Burgholz. 994 Windemis. 1764 573 Einw.; 1850 1'353; 1900 1'423; 1950 1'736; 2000 2'314.

Eventuell mesolith. sowie bronzezeitl. Siedlungsreste am Chienberg (Höhle Mamilchloch, Mudebrünneli), bronzezeitl. und hochma. Siedlungsspuren auf dem Pintel, dort auch ein vermutlich frühma. Gräberfeld. Röm. Funde im Engfeld, Grossbronze von Gordian III. (238-244) im Tägerstein. 994 überliess Kg. Otto III. den aus burgund. Erbe stammenden Königshof W. dem elsäss. Kloster Selz. Am Fuss der Burgfluh entstand im 12. und 13. Jh. vielleicht am Platz des befestigten Königshofs die Burg W. mit Bergfried und Palas als Sitz der Mitte des 13. Jh. ausgestorbenen Herren von W. Um 1260 gehörten Burg und Vogtei noch den Frh. von Strättligen, wurden aber wenig später Teil des ausgedehnten Simmentaler Besitzes der Frh. von Weissenburg. 1298 und 1334 plünderten und zerstörten Berner Truppen im Krieg mit den Weissenburgern das Burgstädtchen, 1334 stürmten sie die Burg. Das Burgstädtchen, das im Bereich der heutigen Schlossgärten lag, wurde erst nach dem Brand von 1708 vollständig aufgegeben. Die Burg W. war 1334 Unterpfand des Friedens mit Bern und 1341-52 Pfand in der Hand Berns. Sie und die Herrschaft W. kamen 1368 als Erbteil an die Frh. von Brandis, die den Besitz 1398 zur Hälfte und 1437 ganz der Burgerfam. von Scharnachtal verkauften. Von diesen erwarb ihn Bern 1449 und richtete in der Burg, die in Etappen v.a. im 17. und 18. Jh. zum Schloss ausgebaut wurde, den Verwaltungssitz der Kastlanei Niedersimmental ein, der das Niedergericht W. unterstand. Im Kt. Bern diente das Schloss ab 1803 als Sitz der Amtsverwaltung Niedersimmental. 1967 zog diese in das Amtshaus im Ort um. Das Gericht blieb bis zur Verlegung nach Thun auf das Jahr 2010 im Schloss. Mit der Verwaltungsreform verlor das Amtshaus in W. seine Funktion; es ging an die Burgergem. W. über.

Die frühma., 1228 erstmals erw. Schlosskirche mit Martinspatrozinium zählt zu den zwölf "Thunerseekirchen" der Strättliger Chronik. Die heutige Dreiapsidenkirche wurde im 10. Jh. über einem Vorgängerbau des 7./8. Jh. errichtet und im 14. und 15. Jh. erweitert und mit Wandmalereien versehen. 1479 übernahm Bern vom Kloster Selz den Kirchensatz. Bereits 1527 öffneten sich W. und das Niedersimmental der Reformation.

Burg und Städtchen blockierten einst beide Zugänge ins Simmental; diese waren zudem durch ma. Letzinen absperrbar, so bei Spissi zwischen Burgfluh und Bruchwald sowie zwischen Simmen- und Burgfluh, wo Reste beim Strassen- und Bahnbau verschwanden. Damit kontrollierte W. den Durchgangsverkehr und hielt Aufsicht über Viehexporte sowie Salz-, Korn- und Weinimporte. Erhalten sind die ehem. Port-Brücke, ein Bau von 1766, und das im 15. Jh. am Brodhüsisteg über die Simme errichtete Sondersiechenhaus der Landschaft Niedersimmental, das nach 1700 zum Wirtshaus Hirschen wurde. In W. wurde 1815 mit dem Bau der Simmentalstrasse begonnen. Projekte ab den 1870er Jahren sahen W. als Eisenbahnknotenpunkt vor, eine Rolle, die später an Spiez überging. Realisiert wurde 1897-1902 die Spiez-Zweisimmen-Bahn mit Station W. und Haltestelle Eifeld, die 1905 von Zweisimmen nach Montreux verlängert wurde. 1971 erfolgte der Anschluss an die Autobahn A6 von Bern ins Oberland. Arbeitsplätze boten das Gewerbe, darunter Baufirmen und eine Fensterfabrik, sowie das Kieswerk und die 1919 eröffnete Eidg. Pulverfabrik (seit den 1990er Jahren Nitrochemie Wimmis, die u.a. auch für das Bundesarchiv und die Nationalbibliothek die weltweit grösste Papierentsäuerungsanlage betreibt). Die ehem. Regionalkassen des Niedersimmentals von 1838 und 1875 sind in der Kantonalbank und der Amtsersparniskasse Thun aufgegangen. Die Sekundarschule wurde 1859 eingerichtet.


Literatur
– V. Stähli-Lüthi, Kirche W., 1982
– E. Schwabe, Burgen der Schweiz 9, 1983, 56 f.
– E. Karlen-Büttner, W. und die Eisenbahnpläne, [1987]
1000 Jahre W. - ein Querschnitt, 1993
– H. Grütter, «Das Erdwerk W.-Pintel», in ArS 16, 1993, 56-59
– U. Schneeberger, Bauinventar der Gem. W., 2002

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler