• <b>Marcel Pilet-Golaz</b><br>Als neu gewählter Bundespräsident mit General Henri Guisan auf dem Platz vor dem Waadtländer Grossratsgebäude in Lausanne, Dezember 1939  © KEYSTONE/Photopress. Pilet-Golaz wird in seinem Heimatkanton offiziell empfangen, nachdem die Bundesversammlung ihn am 13. Dezember 1939 für das Jahr 1940 zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten gewählt hatte. Begleitet wird er von General Henri Guisan, ebenfalls einem Waadtländer, der von der Bundesversammlung am 30. August 1939 zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee gewählt worden war.

No 1

Pilet-Golaz, Marcel

geboren 31.12.1889 Cossonay,gestorben 11.4.1958 Paris, ref., von Château-d'Œx. Sohn des Edouard, Handelsagenten, Gemeinderatspräs. von Lausanne (1910) und Grossrats, und der Ella geb. Schenk. ∞ 1915 Mathilde Golaz, Tochter des Donat Golaz. 1912 Dr. iur. der Univ. Lausanne. Anwalt. Major.

P. amtierte 1921-28 als freisinniger Grossrat der Waadt und 1925-28 als Nationalrat. 1926 bekämpfte er das Streikrecht für Beamte. Am 13.12.1928 wurde er als Nachfolger des Waadtländers Ernest Chuard in den Bundesrat gewählt; er leitete 1929 das Departement des Innern und 1930-39 das Post- und Eisenbahndepartement. 1930 richtete er das Amt für Elektrizitätswirtschaft, 1935 das eidg. Amt für Verkehr ein, das eine bessere Abstimmung der Verkehrsträger Schiene und Strasse gewährleisten sollte. Zur Föderung des Rundfunks erteilte er sechs nationalen Sendern eine Betriebskonzession. Als Departementschef von Post und Bahn sozusagen grösster Arbeitgeber des Landes, blieb P. seiner sozialpolit. Linie treu, die ihm schon bei seiner Wahl 1928 die Feindseligkeit der Sozialdemokraten und einiger Linksfreisinnigen eingebracht hatte. So fand die deflationist. Politik seines kath.-konservativen Bundesratskollegen Jean-Marie Musy zur Sanierung der Staatsfinanzen seine Unterstützung.

<b>Marcel Pilet-Golaz</b><br>Als neu gewählter Bundespräsident mit General Henri Guisan auf dem Platz vor dem Waadtländer Grossratsgebäude in Lausanne, Dezember 1939  © KEYSTONE/Photopress.<BR/>Pilet-Golaz wird in seinem Heimatkanton offiziell empfangen, nachdem die Bundesversammlung ihn am 13. Dezember 1939 für das Jahr 1940 zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten gewählt hatte. Begleitet wird er von General Henri Guisan, ebenfalls einem Waadtländer, der von der Bundesversammlung am 30. August 1939 zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee gewählt worden war.<BR/>
Als neu gewählter Bundespräsident mit General Henri Guisan auf dem Platz vor dem Waadtländer Grossratsgebäude in Lausanne, Dezember 1939 © KEYSTONE/Photopress.
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Während seiner zweiten Amtszeit als Bundespräsident nach 1934 ersetzte P. am 2.3.1940 Giuseppe Motta an der Spitze des Polit. Departements. In dieser Doppelfunktion war er mit der tiefen Verunsicherung konfrontiert, welche die Schweiz nach der Niederlage Frankreichs im Juni erfasste. Die mit den übrigen Bundesräten abgesprochene Rede, die er am 25.6.1940 hielt, sollte die Nation beruhigen. Seine ungeschickte Rhetorik und zweideutige Äusserungen über eine autoritäre Erneuerung der Demokratie lösten grosse Zweifel über seine Absichten aus, und P. unternahm nichts, um diese Missverständnisse zu klären. Der Empfang von Vertretern der Nationalen Bewegung der Schweiz, die offen den Anschluss der Schweiz ans Dt. Reich forderten, am 10. und 14. Sept. desselben Jahres vergrösserte die Vorbehalte ihm gegenüber vielmehr noch, was seinem Ruf dauerhaft schadete.

P.' Aufgabe war es, die bundesrätl. Politik der Neutralität umzusetzen. Er liess seine Kollegen zwar nicht an der engen Beziehung teilhaben, die er zum dt. Minister in Bern unterhielt, aber seine Haltung während der akuten diplomat. Krise im Juli 1940 nach Gefechten zwischen der Luftwaffe und Schweizer Jagdfliegern und seine Stellungnahmen zu den wiederholten Beschwerden des Reichs gegen die Schweizer Presse oder bei Wirtschaftsverhandlungen mit Deutschland lassen keine Zweifel an seinem Willen aufkommen, die Unabhängigkeit und das Gebiet der ab Nov. 1942 von den Achsenmächten eingeschlossenen Schweiz zu verteidigen. Allerdings schien P. zumindest bis Herbst 1942 von einem Sieg Deutschlands überzeugt gewesen zu sein. Die unvorsichtige Ausdrucksweise, die wohl aus Berechnung erfolgte, vermochte Berlin mehrfach zu täuschen, sowohl bezüglich der Entschlossenheit seiner demokrat. Überzeugung wie auch seiner Absicht, die absolute Neutralität der Schweiz zu wahren. 1943 griff die Deutschschweizer Presse Befürchtungen auf, die im Bundeshaus kursierten; einige Artikel rückten P.s Haltung in die Nähe jener von Bundesrat Arthur Hoffmann, der sich 1917 bei dem Versuch, zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln, kompromittiert hatte und zurücktreten musste. Besonders schädigend für P.' Ansehen war der Vergleich mit dem von ihm wenig geschätzten General Henri Guisan, der ebenfalls aus der Waadt stammte. Der Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit führte im Dez. 1944 zu P.' Rücktritt, nachdem die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Moskau gescheitert war. P. zog sich auf sein Anwesen in Essertines-sur-Rolle zurück. Auf eine Veröffentlichung seiner Memoiren verzichtete er, ebenso auf jeden Versuch, seine Politik zu verteidigen.


Archive
– BAR, Nachlass
Literatur
– A. Bonnet, Le grand mérite de Marcel P., [1977]
– Altermatt, Bundesräte, 366-371
– E. Bucher, Zwischen Bundesrat und General, 1991
– Y. Genier, Marcel P. ou l'option de l'autoritarisme, Liz. Lausanne, 1992

Autorin/Autor: Jean-Claude Favez / AL