24/10/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Erlenbach im Simmental

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. Niedersimmental. Grosse Berggem. mit den Bäuertgem. E., Latterbach und Ringoldingen im Tal, den oberen Bäuerten Balzenberg, Eschlen, Thal und Allmenden auf der Terrasse. Über den Streusiedlungen liegen Wälder und Alpen. 1180/81 Arlunbach. 1764 682 Einw.; 1850 1'370; 1900 1'518; 1910 1'298; 1950 1'475; 2000 1'802.

In der Chilchlihöhle fanden Menschen bereits in der Altsteinzeit Schutz (Abschlaggeräte). Menschl. Anwesenheit belegen auch der neolith. Abri Branteschopf-Schwynbalm, bronzezeitl. und röm. Einzelfunde in Balzenberg bzw. Unterklusi sowie Funde röm. Münzen am Stockhorn. Aus unbestimmter Zeit stammt das Erdwerk in Chastel. Spuren hochma. Wehrbauten befinden sich auf Burg (Turmfragment), Pfrundhubel (Turmgrundmauern) und in der Latterbachfluh (Reste einer Höhenburg). Ab 1133 sind die Frh. von Erlenbach bezeugt, deren Herrschaft möglicherweise durch Erbgang an die Frh. von Weissenburg, 1368 an die Frh. von Brandis kam. Vom 14. Jh. an versammelte sich in E. die Landsgemeinde von E., Diemtigen, Weissenburg und Wimmis. 1393 und 1429/45 kauften sich die Landleute von Steuern und Frondienst frei. Nachdem die Stadt Bern Herrschaft und Gerichte 1439 erworben hatte, bestätigte sie den Landleuten ihr Landrecht (Kodifizierung 1649). E. unterstand in der Folge der Kastlanei Niedersimmental und gehörte 1798-1803 zum helvet. Kt. Oberland. Die 1228 erw., vollständig ausgemalte ehem. Michaelskirche ist ein Bau des 11. Jh. (frühma. Vorgängerbau, Umbauten im 13. und 14. Jh., Wandmalerei des 15. Jh.). Ihr Kirchensatz gehörte zur Herrschaft, wurde 1330 dem Kloster Interlaken vergabt und gelangte 1528 an Bern. Bis 1527, als sich die Landsgemeinde in E. unter Peter Kunz, dem späteren Berner Münsterpfarrer, zur Reformation bekannte, versorgte die Kirche E. auch das Diemtigtal.

Die Bäuerten gingen dank gesicherter Kornmärkte im 16. Jh. auf Viehwirtschaft im Tal-, Maiensäss- und Alpbetrieb über. Es entstand der grosse Michaelsmarkt für Viehkäufer, u.a. aus Italien. Vieh-, Pferde- und Käseexporte brachten Wohlstand und erklären die prächtigen Hausbauten (z.T. nach dem Dorfbrand von 1765 erbaut). Mit der Simmentalstrasse (19. Jh.) und der Spiez-Zweisimmen-Bahn (1902 Station E., Haltestelle Ringoldingen) entwickelten sich in den Strassendörfern Latterbach, Ringoldingen und in E. ein vielfältiges Kleingewerbe und im Talgrund grössere Betriebe (Bau, Holz, Maschinen-/Apparatebau, Simmentaler Kraftwerke). Später folgte Ganzjahres- und Ausflugstourismus (Stockhornbahn, Skilift 1969). Ab den 1970er Jahren entstanden Wohnbauten oberhalb des Dorfes E. und v.a. im nahe dem Autobahnanschluss Wimmis gelegenen Latterbach, das heute etwa ein Drittel der Einwohner von E. zählt. Bäuert- und Schulgemeinde sind seit Anfang 2004 Teil der Einwohnergemeinde E.; daneben bestehen private Nutzungskorporationen. Die oberen Bäuerten leben von Viehzucht (Simmentaler Fleckvieh), Alp- und Forstwirtschaft; z.T. wurden infolge Abwanderung Bauernhäuser zu Ferienhäusern. Regionale Aufgaben erfüllen das Bezirksspital (1881), die Sekundarschule (1894, Schulverband E.-Diemtigen-Därstetten) und das Altersheim (1987). Seit 1987 ist das 1766 erbaute Agensteinhaus in E. Museum der Alten Landschaft Niedersimmental.


Literatur
– U. Stucky, Ortsplanung E., 1975
– V. Stähli, Die Kirche von E., 1979

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler