07/01/2014 | Rückmeldung | PDF | drucken

Twann

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Ehem. polit. Gem. BE, Amtsbez. Nidau, Verwaltungskreis Biel. Die Gem. T. umfasste die am nördl. Bielerseeufer gelegenen Winzerdörfer T., Kleintwann (teilweise bei Ligerz) und Wingreis, die Siedlungen Gaicht (676 m) und Twannberg (868 m) auf Terrassen am Jura sowie die Sankt Petersinsel. Sie fusionierte 2010 mit Tüscherz-Alfermée zur neuen Gem. Twann-Tüscherz. 1185 Duana, 1225 Tuanna, franz. Douanne. 1764 464 Einw.; 1850 865; 1880 976; 1900 854; 1941 735; 1950 886; 1980 768; 2000 865 (davon 93% deutschsprachig).

1 - Die neolithischen Ufersiedlungen

Beim Bahnhof T. stiess man beim Nationalstrassenbau auf jungsteinzeitl. Siedlungsreste, die ungewöhnlich gut erhalten waren, da sie in der Mitte des 19. Jh. durch Aufschüttungen überdeckt worden waren. Die grosse Fundmenge, welche die Grabungen (1974-76) des Archäolog. Dienstes des Kt. Bern erbracht hatten, belegt eine kontinuierl. Entwicklung der archäolog. Fundgruppen Cortaillod und Horgen. Im streifenförmigen Grabungsausschnitt von 15x150 m - dieser entspricht etwa 10% des angenommenen Siedlungsareals - fanden sich Spuren einer Belegung von 3838-2976 v.Chr. Es konnten etwa 20 Dörfer dendrochronolog. erschlossen werden. Die nur ausschnittweise erfassten Dörfer haben ihren Standplatz stetig verschoben, wurden immer wieder von Grund auf neu erbaut und waren mit z.T. grossen Unterbrechungen (von 8 bis 214 Jahren) jeweils bloss kurz bewohnt (längste Siedlungsperiode 24 Jahre). Während zeitweiliger Hochwasserstände kamen die Siedlungsaktivitäten gänzlich zum Erliegen; dies erlaubt den Schluss, dass man ebenerdig und nicht auf abgehobenen Plattformen bzw. in Pfahlbauten wohnte. Die meist kleinen Häuser (ca. 7x4 m) bedurften spätestens vier Jahre nach ihrem Bau einer Ausbesserung und wurden kaum älter als 16 Jahre. Sie standen in dichten Reihen einheitlich entweder längs oder quer zum See ausgerichtet. Ihr Boden war mit einer torfähnl. Isolationsschicht gegen den feuchten Untergrund abgedichtet; in der Raummitte befand sich eine Herdstelle aus Lehm. Mit Hacken, Stöcken und einfachen Pflügen angebautes Getreide war wichtigstes Grundnahrungsmittel, das als Brei oder als Brot verzehrt wurde. Davon zeugen angebrannte Kochtöpfe und ein Brot aus der Mitte des 36. Jh. v.Chr. Der Bestand an Haustieren (v.a. Rinder, Schafe, Ziegen) hielt sich im Lauf der Zeit konstant, während unterschiedlich intensiv gejagt wurde (primär Rothirsche). Fischfang ist ebenfalls belegt. Arbeitsgeräte und Textilreste weisen auf Kleidung aus Flachs und Rindenbast hin. Ein ritzverziertes Keramikgefäss zeigt Verbindungen zum Wallis, ein Bergkristall solche zu den Alpen. Bei der Herstellung von Feuersteingeräten wurde zu 50% der einheim. Jurajaspis verwendet; Rohstoffe und fertige Klingen aus Silex wurden z.T. auch aus weit entfernten Gegenden importiert, aus Süddeutschland und der Champagne sowie vermutlich aus dem südl. Rhonetal. Eine Messerklinge aus Kupfer ist einziger Vorbote der kommenden Metallzeiten. Zu den vielen archäolog. Funden gehören u.a. auch ein röm. Brandgrab im Rogget, frühma. Funde in Gaicht und ein Gräberfeld im Gauchete.

Autorin/Autor: Felix Müller (Bern)

2 - Mittelalter und Neuzeit

Die Siedlung Rogget nordöstlich von Wingreis mit der 1235 erw. Thomas- oder Roggetkapelle wurde im 14. Jh. wohl als Folge eines Felssturzes aufgegeben. Im MA war T. eine Freiherrschaft unter den Herren von T., die um 1250 ausstarben; Reste von Burgen sind auf der Schloss- und Burgfluh auszumachen. Durch Erbschaft bzw. als Mitgift ging T. in der 2. Hälfte des 13. Jh. an die Frh. de Diesse, dann an die Fam. Vaumarcus und Bolligen; diese verkauften T. 1422 dem Berner Schultheissen Rudolf Hofmeister, der 1426 ein Twingrecht erliess. Ab 1454 kam T. an weitere Bernburger, 1487 schliesslich an Bern und zur bern. Landvogtei Nidau. Die Herrschaft T. umfasste das Niedergericht, im 14. Jh. ein Mannlehen des Schlosses Nidau, und die halbe Hochgerichtsbarkeit; die andere Hälfte lag bei den Gf. von Nidau, ab 1393 definitiv bei Bern. Ein Meier präsidierte das Niedergericht stellvertretend für den Vogt. Bern bestätigte die Rechte auf Wochenmarkt und Rathaus. Die Twanner Eigenleute des Bf. von Basel schuldeten diesem bis zur Ablösung durch Bern 1470 Frondienste und Steuern. Als bern. Ausburger wurden sie nach Nidau pflichtig, das Mannschaftsrecht blieb aber zwischen Bern und dem bischöfl. Biel geteilt.

Die 1228 erw. Kirche mit Martinspatrozinium gehörte mit der 1497 erw. Kapelle im Moos zum Bistum Lausanne. Der ursprüngl. Bau des 9. oder 10. Jh. wurde im 13. und 15. Jh. sowie durch Abraham Dünz den Älteren 1666-67 umgestaltet. 1237 schenkte Kuno von T. den Kirchensatz der Komturei Münchenbuchsee, von der ihn Bern 1528 übernahm. Die nachreformator. Kirchgemeinde T., zu der 1876-89 auch Ligerz gehörte, umfasste ab 1879 auch Tüscherz-Alfermée. 2010 fusionierten die Kirchgemeinde T.-Tüscherz und Ligerz zur Kirchgemeinde Pilgerweg Bielersee.

Erwerbszweige waren Rebbau, Fischerei und Viehwirtschaft; Wochenmärkte deckten den Getreidebedarf. Ab dem 17. Jh. wurde auf der Alp Klein-Twannberg in der Gem. Courtelary gesömmert. Ausser der Herrschaft hatten neben anderen Herren auch die Klöster Engelberg, Münchenbuchsee und Fraubrunnen Rebbesitz, der 1528 ebenfalls an Bern fiel und an einheim. Bauern verpachtet wurde. Im Dörfchen Wingreis am See liegt das Rebhaus Thormanngut, das sich ab dem 16. Jh. im Besitz bern. Patrizierfamilien befand (heute Stiftung Rebhaus Wingreis). Wichtigstes Verkehrsmittel war das Schiff. Die erste fahrbare Landverbindung war die 1835-38 erstellte Bielerseestrasse; die Bahnlinie Biel-Neuenburg folgte 1858-60. Der Ausbau von Bahn und Autobahn 1969-78 trennte das dicht gebaute Dorf vollends vom See ab. Die teilweise Neuanlage von Bootshäfen, Schiffsstationen und Strandbad war von Seeauffüllungen begleitet. Im 20. Jh. suchte man mit Verbauungen und neuem Wegnetz im Rebgelände (1931-35) sowie der Gesamtmelioration Gaicht-Twannberg (1976-88) die Bedingungen für die Landwirtschaft zu verbessern. Am Twannbach in Kleintwann liefen seit dem MA Mühlen und andere Wasserwerke. Das Folgehandwerk des Rebbaus nimmt ab (u.a. die Küferei); unter den Gewerbebetrieben sind zu Beginn des 21. Jh. die Bootswerft und Bauunternehmungen, v.a. aber der Weinhandel und die am Tagestourismus orientierte Gastronomie zu nennen. Das 1977-80 angelegte Feriendorf Twannberg, das auf Initiative sozialer Organisationen gegründet, wurde 2009 verkauft und in ein Hotel umgewandelt. Am Weg zwischen T. und Gaicht entstand im Chros oberhalb der Rebberge eine moderne Siedlung.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Friedli, Bärndütsch als Spiegel bern. Volkstums 5, 1922
– P. Aeschbacher, Stadt und Landvogtei Nidau von den Anfängen bis ins 16. Jh., 1929
– E. Saurer, T., 1968
Die neolith. Ufersiedlungen von T., 20 Bde., 1977-81
– A.R. Furger, F. Hartmann, Vor 5000 Jahren, 1983
– P. Eggenberger et al., T., ref. Pfarrkirche, 1988
SPM 2, 300-331
– K. Zaugg, Bauinventar der Gem. T., 2002
– W.E. Stöckli, Chronologie und Regionalität des jüngeren Neolithikums (4300-2400 v.Chr.) im Schweizer Mittelland, in Süddeutschland und in Ostfrankreich, 2009, 26-37.