24/02/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Nidau (Gemeinde)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. BE, Amtsbez. N. Kleinstadt am östl. Ende des Bielersees an den Ausflüssen der Zihl und des N.-Büren-Kanals. Zentrum der ehem. gleichnamigen Herrschaft bzw. Landvogtei, seit 1803 Bezirkshauptort. Die Gem. umfasst Altstadt, Schloss und Quartiere des 20. Jh. 1196 Nidowe. 1764 350 Einw.; 1850 614; 1900 1'578; 1950 2'800; 1970 7'964; 2000 6'798. Am Seeufer (Steinberg im Strandbad, Zihl, Schlossmatte, Mühleruns) fanden sich Reste von Ufersiedlungen vom Neolithikum bis zur Spätbronzezeit. Im Zihlkanal wurden ein latènezeitl. Einzelfund, in der alten Zihl vermutlich röm. Eisenbarren entdeckt.

Zwischen den Zihlarmen entstand um 1140 die erste und um 1180 die zweite Holzburg, die dann im frühen 13. Jh. durch einen massiven Steinbau (heute unterer Teil des Schlossturms) ersetzt wurde. Um diese bildete sich eine Vorburg oder evtl. ein Burgstädtchen (nördl. Stadtteil), die bzw. das vor dem Laupenkrieg 1338 erweitert und befestigt wurde. Die ungleichseitige Dreieckanlage, deren Spitze gegen die im Norden liegende Burg zeigt, bestand aus der von Norden nach Süden verlaufenden Hauptgasse parallel der Zihl und drei rechtwinklig gegen Westen abgehenden Nebengassen, deren südlichste die Schulgasse war. Stadt und Burg waren von der Gr. Zihl sowie natürl. und künstl. Zihlarmen umflossen. Die zwei Tortürme wurden 1829 und 1866 abgebrochen. Zur städt. Infrastruktur zählten das Rathaus (heutiger Bau von 1759), das Markt-, Kauf- oder Kornhaus (ab 1411 erw., 1507 und um 1640 Neubauten, ca. 1834-63 als Schule genutzt), das Spital (1430 erw., 1840 aufgehoben) und das Siechenhaus (ab 1474 erw., auf dem Gebiet der Gem. Port gelegen, bis 1773 genutzt). Lange war nur ein Streifen längs der Haupt- und der Schulgasse im Gebiet innerhalb der Mauern bebaut; im Westen erfolgte die Überbauung grösstenteils erst ab dem ausgehenden 19. Jh., obwohl auch die beiden nördl. Quergassen schon in der ma. Anlage ansatzweise ausgebildet waren.

Aus gräfl. Zeit ist kein Stadtrecht erhalten, und dasjenige, das 1425 Bern erteilte, ist nur in der Fassung von 1548 überliefert. Das älteste Stadtsiegel stammt von 1363. Dem Rat stand ein gräfl. Beamter (Schultheiss, 1363 erw.) vor; unter Bern präsidierte der Landvogt das Stadtgericht, den zwölfköpfigen Kl. wie den Gr. Rat, der im Ancien Régime aus den Kleinräten und zehn Burgern bestand. Oberste städt. Chargen waren der Venner, der Stellvertreter des Landvogts, und der Bürgermeister, der zugleich als Säckelmeister fungierte. Der Stadtschreiber war meist auch Schreiber der Landvogtei. Die Politik des gräfl. Stadtherrn trug N. Besetzungen durch die von Enguerrand de Coucy geführten Gugler (1375, 1388) und durch Truppen des Bf. von Basel (1387) sowie die Belagerung durch Bern und Solothurn ein (1388). Stadtbrände verursachten 1388, 1413, 1513 und 1743 grosse Schäden.

Die strateg. Lage an den Transitstrassen Bern-Jura-Basel und Genf-Bodensee sowie die Rolle eines Umschlagplatzes von der See- auf die Flussschifffahrt verhalfen N. zu ausserordentl. Gewicht im bern. Staat, dem es auch lange als Bastion gegen die ins Seeland ausgreifenden Basler Fürstbischöfe diente. Projekte aus dem 17. und 18. Jh., Stadt und Schloss zu einer grossen Festung auszubauen, wurden aber nicht realisiert.

Im Marktort N. (Wochen-, Kornmarkt, zwei bis drei Jahrmärkte) mit Stadtzoll, Fuhr-, Schiff- und Gastgewerbe war das Handwerk mit Ausnahme der Gerberei bloss von lokaler Bedeutung. Sie waren in einer einzigen, kurz vor 1485 gegr. Zunft, der "Gesellschaft", zusammengefasst und verfügten ab ca. 1500 über ein Zunfthaus. Fischfang, Weinbau (auf Boden von Tüscherz-Alfermée) sowie Acker- und Gartenbau (Burgerbeunden) waren Nahrungsgrundlage. 1436 erwarb N. die Sömmerungsalp Landerswilberg (Gem. La Heutte).

Die Stadt gehörte ursprünglich zur Pfarrei Bürglen (Gem. Aegerten); ihre Kirche (1368 erw., Erhardpatrozinium, 1678 Umbau zur Saalkirche) mit Nikolauskapelle war Filiale von Bürglen und wurde erst 1482 selbstständige Pfarrkirche. Der Kirchensatz lag in den Händen des Klosters Gottstatt und ging in der Reformation 1528 an die Stadt Bern über, die in N. eine Helferei einrichtete. 1706 kamen die Patronatsrechte wieder an die Stadt N. Seit der Reformation gehören auch die Bewohner von Bellmund und Port zur Kirchhöre, seit dem späten 17. Jh. auch diejenigen von Ipsach. 1879-1989 zählte auch Sutz-Lattrigen zur Kirchgemeinde N., innerhalb der die Gem. Bellmund, Port und Ipsach heute eigene Pfarrkreise bilden.

Im 18. und 19. Jh. wurde N. immer öfter überschwemmt. Die erste Juragewässerkorrektion (1868-91) legte die Stadtumgebung trocken und erweiterte die Seeuferzone; die Nebenarme der Zihl wurden zugeschüttet. Der Nidau-Büren-Kanal, 1868-75 durch Allmendland gebaut, ersetzte die Zihl als Wasserstrasse. Nachdem Biels Anschluss an die Eisenbahn (1857) und dessen neuer Hafen N.s Rolle als Umschlagplatz ein Ende gesetzt hatten, richtete sich das Städtchen stark auf die Industriestadt Biel und deren Arbeitsplatzangebot aus. Das 1877 eröffnete Rösslitram N.-Biel-Bözingen wurde 1940 durch einen Trolleybus ersetzt. Tiefere Landpreise in N. lösten bald eine rege Bautätigkeit in den Neuquartieren Weyermatten (1895-1907) und Hofmatten (Eisenbahner-Baugenossenschaft, 1911-29) aus. 1916 brachte die Linie N.-Täuffelen-Ins, die 1926 nach Biel verlängert wurde, den Anschluss ans Eisenbahnnetz. Massiver Zuzug nach 1945 führte zu einem Bauboom, in dessen Verlauf die Neuquartiere Aalmatten (ab 1950), Weidteile und Burgerbeunden (ca. 1960-90) entstanden. Heute gehen die Aussenquartiere N.s nahtlos in jene Biels über.

Das Landstädtchen N. war für neue Strömungen offen, was sich u.a. 1762 in der Gründung der ökonom. Gesellschaft und 1824 in derjenigen der Ersparniskasse niederschlug. 1832 wurde aus der Latein- die Sekundarschule. Aus N. stammen mehrere wichtige Promotoren des bern. Radikalismus. Vom 19. Jh. an zählte die Exekutive sieben Gemeinderäte; 1922 wurde die Gemeindeversammlung durch einen Gr. Gemeinderat (30 Mitglieder, heute Stadtrat) ersetzt. 1920 hatten Biel und N. einer Fusion zugestimmt, doch der bern. Grossrat genehmigte diese nicht.

Die eigene industrielle Entwicklung setzte vor 1900 ein (ehem. Karbidfabrik, Brückenbauwerkstätten, Metallwaren-, Möbel-, Piano-, Wannen-, Chemie-, Kartonagefabrik). Zu Beginn des 21. Jh. waren neben einigen Industriebetrieben (Maschinenfabrik, Niederlassung der BKW, Elektro-, Oberflächen-, Umwelttechnik) und Klein- und Mittelgewerbe Unternehmen des 3. Sektors vorherrschend.

Ökonomisch wie kulturell blieb N. stark auf Biel ausgerichtet. Der Bevölkerungszuwachs bedingte neue Schulbauten (1919, 1968, 1975). Auf N.s Gemeindegebiet liegt das Strandbad Biel, das zusammen mit der Anlegestelle für Kursschiffe und dem Kleinboothafen 1928-32 angelegt wurde und wegen seiner dem Neuen Bauen verpflichteten Architektur landesweit Beachtung fand. Das 1988 zur Betreuung von alten und pflegebedürftigen Personen eingerichtete Ruferheim wird von einem Gemeindeverband getragen. Die einst deutschsprachige Stadt ist heute zweisprachig (2000 74% der Gemeindebevölkerung deutsch- und 16% französischsprachig); den französischsprachigen Schulkindern zahlt die Gem. das Schulgeld zum Besuch der franz. Schule in Biel.


Literatur
– P. Aeschbacher, Stadt und Landvogtei N. von den Anfängen bis ins 16. Jh., 1929
– G. Neuhaus, N., 1988
Kdm BE Land 3, 2005

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler