24/01/2003 | Rückmeldung | PDF | drucken
No 46

Brunner, Rudolf

geboren 26.11.1827 Bern, gestorben 11.3.1894 Bern, ref., aus alter Burgerfam. der Stadt Bern. Sohn des Johann Rudolf, Handelsmannes in Bern, und der Susanna Carolina geb. Suter. ∞ Lina Stettler, Tochter des Friedrich Rudolf Eduard, Fürsprechers in Bern. Besuch der Realschule und des Gymnasiums in Bern, 1847-50 Rechtsstud. in Bern und Heidelberg, 1851 Fürsprecherexamen, Dr. iur. Nach Aufenthalt in Paris 1852 Associé seines Schwiegervaters, später eigene Praxis als erfolgreicher Anwalt. Der in einem konservativen Elternhaus aufgewachsene B. öffnete sich unter dem Eindruck der 1848er Revolution in Deutschland neuen Ideen. 1866 veröffentlichte er seine Vorstellungen unter dem Namen "Demokrat. Programm", seine Anhänger bezeichneten sich als konservative "Unabhängige" (demokrat. Opposition). Von 1869 an Führer der bern. und schweiz. Radikalen: 1863-68 und 1881-86 Berner Gemeinderat, 1873-81 Stadtrat (Legislative); 1866-94 Gross- und Nationalrat (1872 Präs.). Ab 1879 im Vorstand des Schweiz. Volksvereins, ab 1880 Präs. des Komitees der Vereinigten Freisinnigen der Stadt Bern. Mitglied des Grütlivereins und der Studentenverbindung Zofingia. Dr. h.c. der Univ. Bern.

Als Anhänger der demokrat. Bewegung kämpfte B. für die Erweiterung der Volksrechte im Kt. Bern und auf Bundesebene. Er hatte massgebl. Anteil am Berner Gemeindereglement von 1888 und an der Kantonsverfassung von 1893. Im Kulturkampf erblickte er den einzigen Garanten des Fortschritts. Im Nationalrat machte er sich einen Namen als Befürworter der Eisenbahnverstaatlichung, der Bundesbank und des Gesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs. Sozialpolitisch engagierte sich B. für Arbeiterschutz und Sozialversicherung. Trotz seiner burgerl. Herkunft setzte sich B. für die Einwohnergem. als einzige öffentl. Körperschaft ein. Sein Glaube an die polit. Vernunft des Volkes war unerschütterlich. Die formal vollendete Herrschaft des Volkes und eine straffere Zentralisierung auf Bundesebene (u.a. Rechtsvereinheitlichung) schienen ihm für die Lösung der polit. Probleme unabdingbar. Trotz seiner idealist. Gesinnung war B. einem gewissen Machtstreben nicht abhold. Seine Zeitgenossen warfen ihm vor, er denke leichter für als mit dem Volk.


Literatur
– Gruner, Bundesversammlung 1, 146
– Junker, Bern 2, 331-334

Autorin/Autor: Peter Stettler