Mikrobiologie

Als Teilgebiet der Biologie befasst sich die M. mit der Erforschung von Kleinstlebewesen (Mikroben), die für das menschl. Auge unsichtbar sind. Sie umfasst mehrere Teildisziplinen, namentlich die Bakteriologie, Virologie, Protozoologie, Mykologie u.a. Mitunter überlappen sich die Forschungsbereiche der M. und der Biochemie.

Vor der Entwicklung des Mikroskops um 1600 waren über die Ursachen von Infektionskrankheiten und Gärungsprozessen nur Spekulationen möglich. Der Niederländer Antoni van Leeuwenhoek beschrieb 1676 erstmals Bakterien. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. setzte sich die Erkenntnis des ursächl. Zusammenhangs zwischen Mikroorganismen und bestimmten Krankheiten sowie bei Gärungsprozessen durch. In der Schweiz wurde diese Revolution im ätiolog. Denken (Ätiologie ist die Lehre von der Ursache der Krankheit) von mehreren ausländ. Lehrstuhlinhabern vorbereitet und mitgetragen. In Zürich waren dies 1833-40 Johann Lukas Schönlein, 1840-44 Jacob Henle, 1860-67 Theodor Billroth und 1870-81 Carl Joseph Eberth. Edwin Klebs lehrte 1866-72 in Bern und 1882-91 in Zürich.

Im letzten Drittel des 19. Jh. gelangte die Wichtigkeit der Hygiene ins öffentl. Bewusstsein. In Bayern wurde 1865 ein erster Lehrstuhl für Hygiene geschaffen und im Zuge des Aufschwungs der Bakteriologie folgten die Universitäten in der Schweiz rasch nach (Genf 1876, Bern 1877, Zürich 1883, Lausanne 1890, Basel 1894). Wenig später lassen sich die ersten universitären Institute für Hygiene und Bakteriologie nachweisen (Zürich 1887, Bern 1892, Basel 1894, Genf 1913). Aus diesen gingen im Laufe des 20. Jh. die heutigen Institute für medizin. Bakteriologie hervor (z.B. Univ. Zürich 1962). Im Bereich der landwirtschaftl. Bakteriologie fand Forschung u.a. am Eidg. Polytechnikum statt, wo 1895 ein Bakteriolog. Laboratorium geschaffen und 1897 das Lehrfach landwirtschaftl. Bakteriologie eingeführt wurde. Daraus entwickelte sich im 20. Jh. das heutige Institut für M. der ETH Zürich. Die Schweiz. Gesellschaft für M. wurde 1942 gegründet.

Wichtige Vertreter der M. in der Schweiz waren der Parasitologe Bruno Galli-Valerio in Lausanne, Robert Burri in Zürich und Bern, Robert Doerr in Basel, Curt Hallauer in Bern und Hermann Mooser in Zürich. Einige Schweizer Mikrobiologen leisteten Bedeutendes im Ausland, so Alexandre Yersin in Indochina, Arnold Theiler in Südafrika, Karl Friedrich Meyer und Sonja Buckley in den USA.

Teildisziplinen der M. sind die Molekularbiologie und die Immunologie. Erstere entwickelte sich aus der in den 1940er Jahren gemachten Entdeckung, dass Nukleinsäuren die Träger der Erbinformation sind. Ihre Anfänge in der Schweiz gehen auf das Wirken von Jean Weigle in Genf zurück. Dort wurde 1963 das erste Institut für Molekularbiologie in der Schweiz gegründet. 1978 erhielt der Schweizer Molekularbiologe Werner Arber den Nobelpreis für Medizin.

Pionier der Immunologie, der Lehre von den biolog. und chem. Grundlagen der körperl. Abwehr von Krankheitserregern, war in der Schweiz Maurice Arthus in Lausanne. Erst um 1960 begann aus heutiger Sicht die moderne Immunologie. Hierzulande führte das Engagement der Pharmaindustrie 1968 zur Gründung des Basler Instituts für Immunologie, dessen erster Direktor, Niels Kaj Jerne, 1984 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Ein weiterer Nobelpreis ging 1996 an Rolf Martin Zinkernagel.


Literatur
– W. Sackmann, Biogr. und bibliogr. Materialien zur Gesch. der M. und zur bakteriolog. Nomenklatur, 1985
– H.U. Gubler, 50 Jahre Schweiz. Ges. für M., 1992
– N. K. Jerne, F. Melchers, 25 Years Basel Institute for Immunology, 1996
– T. Leisinger, Chronik des Instituts für M. der ETH Zürich, 2005
– B.J. Strasser, La fabrique d'une nouvelle science, 2006

Autorin/Autor: Jean Lindenmann, Christian Baertschi