14/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken

Embrach

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Polit. Gem. ZH, Bez. Bülach. Strassendorf in einem Seitental der Töss mit den Weilern Balsberg, Betzental, Chimenhof, Illingen und Ziegelhütte. 1044 ad imbriaguam, 1223 Emperrach, 1869-1931 Unterembrach. 1850 1'429 Einw.; 1900 1'581; 1950 1'958; 1960 2'201; 1980 5'803; 2000 7'744.

In der mittleren oder späteren Bronzezeit bestand eine kleine Siedlung, die vermutlich aufgegeben wurde; aus der Eisenzeit fehlen Befunde. Die früheste urkundl. Nachricht zur Besiedlung des Embrachertals (820) betrifft Weiler und Mühle Illingen (Grossmünstergüter). Die Überlieferung zum Kollegiatstift St. Peter in E. hat unter den Zerstörungen von Sempacher- und Altem Zürichkrieg gelitten. Die frühe Geschichte liegt wohl auch deshalb weitgehend im Dunkeln: Der Eigenkirchherr Hunfried von Mömpelgard (Montbéliard-)Wülflingen vergabte 1044 das Kirchengut E. dem Hochstift Strassburg. Ab 1189 ist St. Peter als Kollegiatstift urkundlich gesichert. Die Schirmvogtei, zunächst als Strassburger Lehen in toggenburg. Besitz, gelangte Ende des 13. Jh. kaufweise an Kyburg bzw. die Habsburger und 1452 mit der Herrschaft Kyburg an Zürich. 1386 äscherten eidg. Freischaren Dorf und Stift ein; die Kirche wurde ab 1392 neu gebaut. 1444 folgten zwei weitere Überfälle auf Dorf und Kirche. Letztere wurde ab 1446 von Grund auf neu errichtet. Nebst der Propsteipfründe verfügte das Stift bis 1446 über zwölf, danach elf Kanonikerpfründen. Die Statuten wurden 1454 neu gefasst. Der Propst war zugleich Pfarrherr des weitläufigen Kirchspiels E. Gegen Ende des 15. Jh. verstärkte die Stadt Zürich aufgrund nachlässiger Geschäftsführung durch den Propst Johannes von Cham ihre Kontrolle der Stiftsökonomie. Unter den in dieser Zeit gut fassbaren grundherrl. Besitz- und Herrschaftsrechten sind die vier Niedergerichte E., Berg am Irchel, Breite und Hegi hervorzuheben. Das Hochgericht stand der Herrschaft Kyburg zu. 1524 wurde das Stift auf Antrag des letzten Propstes, Heinrich Brennwald, im Zuge der zürcher. Reformation als erste geistl. Institution aufgehoben. Städt. Ammänner nahmen danach bis 1798 die Verwaltung des Klosteramts E. wahr.

Neben dem Stift sind von ca. 1190 bis ca. 1320 die Bochsler, im 14. Jh. die von Heidegg als lokale weltl. Herren zu nennen. Für das Dorf E. sind im 15. Jh. Ackerbau im Dreizelgensystem und Graswirtschaft, im 16. Jh. gemäss der Offnung von 1551 auch Weinbau und Holznutzung belegt. Der Mühlengürtel am Wildbach (Ober-, Illinger-, Haumühle) unterstreicht die Bedeutung des Getreidebaus. Ab 1452 war E. Verwaltungszentrum des "Embracher Teils der Grafschaft Kyburg". Die Kirche von 1446 stürzte 1778 als Folge lokaler Erdbeben ein; die heutige, frühklassizist. Querovalkirche wurde an anderer Stelle 1779-80 von David Vogel gebaut. Die Wirren des 2. Koalitionskriegs im Mai 1799 blieben ohne Schadenfolgen. 1802 geriet ein Truppenverband unter Hauptmann Schaufelberger bei E. in einen Hinterhalt helvet. Husaren. Im Verlauf einer Schiesserei wurden Amtshaus und Pfarrhaus geplündert. Oberembrach wurde 1809 als selbstständige polit. Gem. von E. abgetrennt (kirchlich bis heute mit E. verbunden). Während der Restaurationszeit war E. Sitz des gleichnamigen Oberamts. 1831 wurde Bülach neuer Bezirkshauptort, das Alte Amtshaus als Verwaltungszentrum aufgehoben.

Nach dem Anschluss an die Bahnlinie Winterthur-Koblenz (1876) entwickelte sich das urspr. Haufendorf zu einem der längsten Strassendörfer des Kantons. Aus Manufakturen entstanden u.a. 1871 die Seidenzwirnerei Zinggeler (1990 abgebrochen) und 1899 die Thonwaarenfabrik Embrach AG (1974 stillgelegt) als erste Industriebetriebe des Tals. Die soziale Struktur des ehemals bäuerl. Dorfes veränderte sich. In der 2. Hälfte des 20. Jh. nahm die Wohn- und Industriebautätigkeit enorm zu und mit ihr die Einwohnerzahl. 1963-65 erfolgte eine Gesamtmelioration im Embrachertal. In der jüngsten Vergangenheit wurde E. wegen seiner geografisch günstigen Lage zu Winterthur, Bülach, Zürich und insbesondere zum Flughafen Kloten teilweise zur Schlafgemeinde. Östlich des Dorfkerns entstanden im ehemaligen Rebgelände Einfamilienhäuser, im Norden mehrheitlich Wohnblöcke. 1973 wurde das Zollfreilager Embraport teileröffnet (Vollbetrieb 1976). Seit 1974 ist E. Standort der dritten kant. Psychiatr. Klinik Hard.


Literatur
HS II/2, 246-258
– H. Baer, 200 Jahre "neue" Kirche E., 1780-1980, 1980
– H. Baer, Gesch. der Gem. E., 1994
– B. Wiggenhauser, Klerikale Karrieren, 1997

Autorin/Autor: Hans Baer