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Unzucht

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Im Alten Testament bezeichnete U. jedes sexuelle Verhalten ausserhalb der Ordnung, im Neuen Testament wurde der Begriff über den sexuellen Bereich hinaus auch auf sog. Abgötterei und damit auf religiöses Fehlverhalten ausgedehnt. Das MA verstand unter U. (luxuria, fornicatio) generell einen Mangel an "Zucht", einen Verstoss gegen die guten Sitten, aber auch ungebührl. Verhalten wie Verbalinjurien. Gregor der Grosse zählte U. zu den Hauptsünden. Darüber hinaus wird der Begriff auch in eingeschränkter Bedeutung für Gewalttätigkeit oder Rohheit und im rechtl. Bereich für leichtere Vergehen verwendet. Seit dem 18. Jh. wird die Begriffsbedeutung des dt. Wortes U. - im Gegensatz zur franz. paillardise und zur ital. lussuria - wieder stärker auf sexuelle Regelverstösse eingeschränkt und zum Oberbegriff für moralisch und rechtlich verfolgte Sexualdelikte (Sexualität).

1 - Reinigung der Gesellschaft: 15.-17. Jahrhundert

Im Zuge der Reformanstrengungen des 15. Jh. und der allg. Kirchen- und Gesellschaftskritik avancierte U. zu einem Kampfbegriff gegen vermeintl. „Un-Ordnung“. Die Diskussion über U. wurde zunehmend von theol.-moral. Aspekten im Kontext von Klosterreformen und der Kritik an der Verweltlichung des Papsttums, dem Zwangszölibat und den äusserl. Fastengeboten dominiert. Durch die Anstrengungen der Reformatoren, eine Reinigung der Gesellschaft durch die Verchristlichung des Lebens herbeizuführen, gewann der Kampf an Schärfe.

Für die weltl. Gerichtsbarkeit in den spätma. Städten bildete sich durch den Erlass von Reformations- bzw. Sittenordnungen und die Einsetzung entsprechender Polizeiorgane (Unzüchter) die obrigkeitl. Moralpolitik als neues Politikfeld heraus. Träger dieser Politik waren im 15. Jh. zunächst v.a. die Handwerkszünfte in den süddt. und schweiz. Städten. Mit der Reformation entstanden weltl.-kirchl. Rechtsinstitutionen, die den Unzuchtsdiskurs der folgenden Jahrhunderte wesentlich prägten: das Ehegericht in Zürich bzw. die Chorgerichte in Bern, Konsistorien wie in Genf und ab dem 17. Jh. auch Reformationskammern und Reformationsherren. Die sozialdisziplinar. Anstrengungen zur Verchristlichung des Lebens erfassten auch kath. Gebiete (Sozialdisziplinierung).

Reformations-, Luxus- und Sittenmandate regulierten in wachsendem Mass versch. Lebensbereiche, die alle durch Unmässigkeit und Entgrenzung bedroht erschienen: Gottesverehrung (Fluchen) und Feiertagsheiligung, Spielen und Tanzen, Trinken und Sexualität, Festaufwand und Bekleidung, Eheschliessung und ausserehel. Sexualität. Im Laufe des 16. Jh. wurden die bis dahin legalen Bordelle geschlossen, die Prostitution kriminalisiert und das Konkubinat verboten. Im 17. Jh. intensivierten die Obrigkeiten in der Schweiz wie auch im übrigen Europa den Kampf gegen die U. So wurde bisher in einigen Gegenden im Zuge der Eheanbahnung akzeptiertes sexuelles Verhalten wie etwa der Kiltgang als sog. früher Beischlaf unter Strafe gestellt.

Autorin/Autor: Susanna Burghartz

2 - „Zeitliche Wohlfahrt“ und Sittlichkeit: 18. und 19. Jahrhundert

Im 18. Jh. wurde eine am transzendentalen Heil der Gesellschaft und des Einzelnen orientierte moral.-theol. Sichtweise allmählich von einer stärker ökonomisch argumentierenden, moral.-sozialpolit. Perspektive der "zeitl. Wohlfahrt" abgelöst. Sie war auf die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung gerichtet und postulierte einen Zusammenhang von Armut und U., die beide bekämpft werden sollten. Im Zuge dieser Entwicklung fand mit der Etablierung der Figur der „ledigen Mutter“ als moralisch zu verwerfende Erscheinung eine Fokussierung des Unzuchtskonzepts auf Frauen statt. Im Laufe des 19. Jh. gewann dieses Konzept weiter an Bedeutung.

Trotz aufklärer. (Reform-)Positionen, die für individuelle Lebensgestaltung und moral. Privatautonomie eintraten, blieb die Kriminalisierung und Verfolgung vor- und ausserehel. Sexualität im 18. und 19. Jh. ein zentraler Bestandteil der obrigkeitl. Moralpolitik der deutschschweiz. Kantone, die nun in zunehmendem Mass mit der Belastung von Gemeinde- und Armenkassen durch unkontrollierte Fortpflanzung argumentierte (Illegitimität). Allerdings gingen im 19. Jh. in einzelnen Gegenden die Ansichten über Ehebruch und Konkubinat und die Notwendigkeit ihrer Strafbarkeit stark auseinander. Die älteren Konzepte der Reinigung der Gesellschaft und der Verchristlichung des Lebens erhielten mit den prot. Sittlichkeitsvereinen, die sich aus England kommend 1875 zunächst in der Westschweiz, dann auch im übrigen Land etablierten, neuen Aufschwung. Im Zentrum dieser Sittlichkeitsbewegung stand der abolutionist. Kampf gegen Prostitution und Frauenhandel und die Hebung der allg. Sittlichkeit (Abolitionismus).

Autorin/Autor: Susanna Burghartz

3 - Selbstbestimmung statt öffentlicher Moral: 20. und 21. Jahrhundert

Im 20. Jh. führten die Sexualreformbewegungen und die Strafrechtsreformen zu einer allmähl. Verschiebung der Diskussion von der öffentl. Moral hin zur sexuellen Selbstbestimmung und Integrität. Gleichzeitig knüpfte die Eugenik unter dem Stichwort des "moral. Schwachsinns" an die frühere Unzuchtsdiskussion an. Seit der Einführung des Strafgesetzbuchs von 1942 sind homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen nicht mehr verboten, seit 1992 ist die Homosexualität der Heterosexualität strafrechtlich gleichgestellt. 2005 wurde das Bundesgesetz, das eine eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtl. Paare ermöglicht, angenommen.

Die 68er- und die neue Frauenbewegung machten die "sexuelle Befreiung" und "Selbstbestimmung" zu ihren Anliegen. Das revidierte Sexualstrafrecht von 1992 verwendet den Begriff U. nur noch im Zusammenhang mit Menschenhandel. 1995 hob das Wallis als letzter Kanton das Konkubinatsverbot auf. Als rechtl. Begriff weitgehend aufgegeben, stellte die U. für kirchl.-konservative und evangelikale Gruppen auch zu Beginn des 21. Jh. ein grundlegendes Konzept zur moral. Orientierung und Abgrenzung dar.

Autorin/Autor: Susanna Burghartz

Quellen und Literatur

Literatur
– A.-M. Käppeli, Sublime croisade, 1990
– D. Puenzieux, B. Ruckstuhl, Medizin, Moral und Sexualität, 1994
– H.R. Schmidt, Dorf und Religion, 1995
– E. Sutter, "Ein Act des Leichtsinns und der Sünde", 1995
LexMA 8, 1275 f.
– S. Burghartz, Zeiten der Reinheit - Orte der U., 1999
– L. Mottu-Weber, «"Paillardises", "anticipation" et mariage de réparation à Genève au XVIIIe siècle», in SZG 52, 2002, 430-447
Social Control in Europe, hg. von H. Roodenburg et al., 2 Bde., 2004
Sous l'œil du consistoire, hg. von D. Tosato-Rigo, N. Staremberg Goy, 2004
– N. Gerodetti, Modernising Sexualities, 2005

Autorin/Autor: Susanna Burghartz