Romantik

R. bezeichnet eine kultur- und stilgeschichtl. Epoche, die vom Ende des 18. Jh. bis weit ins 19. Jh. hinein dauerte. Der Begriff ist von dem auf das altfranz. romanz zurückgehenden Adjektiv romantisch abgeleitet, das ab Ende des 17. Jh. "romanhaft" bedeutete und ab der Mitte des 18. Jh. eine der prosaischen Welt entgegengesetzte phantast., wunderbare und poet. Welt bezeichnete. In substantiv. Form und auf die Literatur bezogen wird der Begriff am Ende des 18. Jh. in Deutschland zu einem ästhet. Programm, das im Gegensatz zu der an der Antike orientierten Klassik stand. In der bildenden Kunst ist R. als Epochenbegriff problematisch und besser als mehrsträngige Strömung zu verstehen, die im späten 18. Jh. auftritt und um 1850 verschwindet. Auf die Musik bezogen ist die Vorstellung des Romantischen eng mit dem Aufkommen der selbstständigen Instrumentalmusik als einer über allen Wortsprachen stehenden menschl. Ausdrucksform verbunden. Als romant. Gattungen gelten v.a. das oft am Volkstümlichen orientierte Lied, die auf Sagen- und Märchenstoffe zurückgreifende Oper und die sinfon. Dichtung. Zum Epochenbegriff wird die R. in der Musik erst spät.

Autorin/Autor: Redaktion

1 - Bildende Kunst und Architektur

In der Schweiz zeichnet sich die R. in der bildenden Kunst hauptsächlich durch ihre inhaltl. und stilist. Nähe zu dt. Romantikergruppen aus; später nimmt sie auch Einflüsse des sich um 1820 entwickelnden franz. romantisme auf. Dem Zürcher Kreis um Johann Jakob Bodmer (1698-1783) sind jedoch Impulse zu verdanken, die in der 2. Hälfte des 18. Jh. in Verbindung mit Aufklärung, Sturm und Drang und Empfindsamkeit als Auslöser romant. Bestrebungen wirkten: Der Zürcher Johann Heinrich Füssli (1741-1825) hat Romantik in Zeichnung und Malerei nach England getragen. Direkten Kontakt mit einer dt. Romantiker-Gruppe hatten Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger, die mit der Sezession der Wiener Akademieschüler 1810 nach Rom aufbrachen, um sich der religiösen Malerei zu widmen. Während sich die jüngeren Daniel Albert Freudweiler, Johann Caspar Schinz, Eduard Caspar Hauser und die Baslerin Emilie Linder in Rom und München der religiösen Malerei der Nazarener zuwandten, nahm Vogel schon in Rom die romant. Forderung nach Darstellung spätma. Historien auf: Wie Hieronymus Hess, Martin Disteli, Jean-Léonard Lugardon u.a. vertrat er die schweiz. Historienmalerei des frühen 19. Jh. Satiren, u.a. von Wolfgang-Adam Töpffer, Balthasar Anton Dunker und Hess, erinnern an die romant. Ironie. Enge, auch stilist. Beziehungen zu dt. Zeichnern in Rom hatten die Landschaftsmaler Maximilien de Meuron, Jakob Christoph Miville, Friedrich Salathé oder Samuel Birmann. Die punktuell bei Salathé und Miville vorhandene romant. Ausdruckssteigerung findet sich geballt in den Schweizer Landschafts- und Gebirgsdarstellungen von Philipp Jakob Loutherburg, Joseph Anton Koch und Joseph Mallord William Turner. Sie klingt noch in den Landschaften von François Diday und Alexandre Calame nach.

Beeinflusst durch die dt. Bewegung zur Wiederbelebung ma. Architektur, entstanden in der Schweiz neugot. Um- und Neubauten. Neben den Plänen von Marquard Wocher für ein gusseisernes St.-Jakobs-Denkmal in Basel (1819-23), den Projekten Johann Georg Müllers (1822-1849) und den von Karl Friedrich Schinkel inspirierten Chaletbauten ist der Neubau der Basler Elisabethenkirche (1856-64) von Ferdinand Stadler und Christoph Riggenbach ein spätes Zeugnis romant. Rückbesinnung auf das MA.

Autorin/Autor: Yvonne Boerlin-Brodbeck

2 - Literatur

In der Literatur wirkten neben Bodmer auch Jean-Jacques Rousseau mit "Julie, ou, La nouvelle Héloïse" auf die frühe romant. Bewegung ein. Zur präromant. Dichtung in der Schweiz gehören u.a. die Oden des Malers Füssli, die Idyllen Gessners und die später von Schubert vertonten Gedichte von Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Eine bedeutende Rolle spielte zu Beginn des 19. Jh. der Kreis von Coppet um Germaine de Staël, dessen Mitglieder Verbindung mit führenden Vertretern der dt. und engl. R., u.a. August Wilhelm Schlegel, Adalbert von Chamisso und George Byron, unterhielten. Für viele romant. Dichter wurde die schweiz. Landschaft zur Inspirationsquelle: Byrons "Manfred" (1817) verdankt einer Reise durch das Berner Oberland Anregung, sein "The Prisoner of Chillon" (1816) spielt am Genfersee; dort schrieben auch Mary Shelley und Percy Bysshe Shelley das Schauerdrama "Frankenstein" (1816/18) bzw. das Gedicht "Mont Blanc" (1816/17). Auf der Gemmi spielt das Schauerdrama "Der vierundzwanzigste Februar" (1808) von Zacharias Werner. Romant. Dichter im eigentl. Sinn gab es in der Schweiz kaum, doch flossen romant. Motive ins Werk einzelner Dichter ein. In Rudolph Meyers "Der Geist des Gebirgs" (1830) finden sich Anklänge an Novalis "Heinrich von Ofterdingen", das romant. Reisebuch mit seiner ironisch gebrochenen Darstellung wird etwa in den Reisebüchern des jungen Franz Krutter oder Alfred Hartmanns aufgenommen. Die Vorliebe der R. für das MA findet einen vielstimmigen Widerhall in zahlreichen, nicht zuletzt von Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" angeregten vaterländ. Schauspielen oder den v.a. von der schwäb. R. beeinflussten hist. Balladen. Sie zeigt sich aber auch im Wirken von Sagen- und Märchensammlern wie Johann Rudolf Wyss (1781-1830), Caspar Decurtins und Alfred Cérésole.

Autorin/Autor: Redaktion

3 - Musik

In der Musik ist schweiz. Volksmusik ins romant. Musikschaffen von Joseph Weigls Oper "Die Schweizerfamilie" bis zu Gioacchino Rossinis "Wilhelm Tell" eingeflossen. In einem weiteren Sinn mit der R. verbunden sind die Bestrebungen um Stärkung des Chorwesens und der Musikerziehung (Hans Georg Nägeli), die Neubewertung des Volkslieds (Johann Rudolf Wyss, Ferdinand Fürchtegott Huber, Johann Martin Usteri), das Aufkommen des musikal. Vereinswesens, die eidg. Musik- und Sängerfeste und die Gattung des patriot. Festspiels. Von dieser Bewegung erfasst wurde auch das Schaffen einiger Komponisten der Früh- bzw. Spätromantik: Zu jener gehören Franz Xaver Schnyder von Wartensee und Friedrich Theodor Fröhlich, zu dieser zählen u.a. Joachim Raff, Eduard Munzinger, Hans Huber, Otto Barblan, Hermann Suter bis hin zu Othmar Schoeck. Neben Werken mit motiv. Schweiz-Bezug schufen diese Komponisten auffallend oft die Musik zu patriot. Festspielen.

Autorin/Autor: Redaktion

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Kurth, Romant. Harmonik und ihre Krise in Wagners Tristan, 1920
– P. Wescher, Die R. in der Schweizer Malerei, 1947
– J. Gantner, A. Reinle, Kunstgesch. der Schweiz 4, 1962
– A. Meyer, Neugotik und Neuromanik in der Schweiz, 1973
– C. Dahlhaus, Die Musik des 19. Jh., 1980
Préromantisme en Suisse?, hg. von E. Giddey, 1982
– P. Bissegger, Le Moyen Age romantique au pays de Vaud, 1825-1850, 1985
Schweizer Literaturgesch., hg. von P. Rusterholz, A. Solbach, 2007, 92-103