20/05/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken

Geiselschaft

Die G. (lat. obstagium; mittelhochdt. gîselschaft; Einlager, Leistung) war die freiwillige Haft des Bürgen oder des Geisel (lat. obses; mittelhochdt. gîsel, Leister) bei der Schuldeintreibung. Sie ist erstmals im 12. Jh. in der Westschweiz nachweisbar. Anders als die Schuldknechtschaft war sie nicht entehrend, sondern galt im Adel als standesgemäss. Auf einem Vertrag beruhend, diente sie wie die Bürgschaft zur Sicherstellung einer Obliegenheit: Wenn der Schuldner seine Pflicht nicht erfüllte, konnte der Gläubiger den Geisel mahnen, freiwillig an einen bestimmten Haftort (Einlager) - eine Burg des Gläubigers oder einen neutralen Ort - zu gehen, um dort auf Kosten des Schuldners bis zur Pflichterfüllung zu leben. Ab dem 13. Jh. auch im Volk üblich geworden, wurde die schon im Adel bekannte stellvertretende G. nunmehr die Regel: Der Bürge sandte an seiner statt seinen Knecht zu Pferd ins Einlager, nun meist ein öffentl. Gasthaus, das dem sog. Einlieger auf Kosten des Schuldners solange Herberge und Zeche bot, bis der Schuldner unter dem Kostendruck zahlte. Daraus machten sich Profiteure als bezahlte Giselesser (-fresser) einen Beruf. Die Obrigkeiten bekämpften die Kostentreiberei ab Ende des 15. Jh. Überwacht und entlöhnt, wandelten sich die Giselesser zu Schuldeintreibern (Schuldboten). Im 17. und 18. Jh. verschwand die G., die Giselesser waren zu Betreibungsbeamten geworden.


Literatur
– H. Rennefahrt, Grundzüge der bern. Rechtsgesch. 2, 1931, 260-270
HRG 1, 565-567

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler