Konfessionalismus

Der seit dem 19. Jh. gebräuchl. Begriff K. bezeichnet die ideolog. Instrumentalisierung der eigenen Konfessionszugehörigkeit in Auseinandersetzung mit dem konfessionell Anderen. Der K. hat die Geschichte der Schweiz seit der Reformation -- der Voraussetzung für den K. -- stark mitgeprägt. Seine polit. Aspekte sind relativ gut erforscht, die mikro- und mentalitätsgeschichtl. Bereiche dagegen nur lückenhaft. Dies gilt auch für die Herausbildung zweier unterschiedlicher konfessioneller Kulturen. Vom Begriff K. ist der in den 1980er Jahren in der dt. Forschung eingeführte Begriff der Konfessionalisierung zu unterscheiden: Dieser beschreibt einen in allen Konfessionen erkennbaren gesamtgesellschaftl. Wandlungsprozess, der ab dem 16. Jh. auf die Leitung, die frühmoderne staatl. Bürokratisierung und die Disziplinierung der Gläubigen und Untertanen abzielte.

Im Zeitalter der Konfessionalisierung bildeten sich zwei versch. konfessionelle Kulturen heraus. Der Protestantismus zeichnete sich u.a. durch sein fest- und farbloses Arbeitsethos, seine Bildungs- und Wissensgläubigkeit, den geistl. Gesang und seinen besonderen Umgang mit der Bibel aus. In den altgläubigen Orten führte die Katholische Reform im letzten Viertel des 16. Jh. zum Aufbau eines kath. Bildungswesens und zur Neubelebung der Volksfrömmigkeit. Die von den staatl. Obrigkeiten und Kirchen angestrebte Ausschliesslichkeit der Konfessionskulturen wurde jedoch auf der Ebene der Laien nie wirklich erreicht. In der praktizierten Frömmigkeit blieben die Grenzen durchlässig. In gemischtkonfessionellen Gebieten, z.B. im Thurgau, sorgten unterschiedlich motivierte Konversionen im lokalen Rahmen wiederholt für Aufregung. Der K. äusserte sich durch Verketzerung der Andersgläubigen in Predigt, Flugschriften und Theater. Motiviert wurde die gegenseitige Ausgrenzung durch die Überzeugung, im ausschliessl. Besitz der religiösen Wahrheit zu sein.

Nach der Reformation und den Kappelerkriegen von 1529 und 1531 beruhte das Verhältnis zwischen kath. und ref. Kantonen auf einem prekären Gleichgewicht und blieb permanent gespannt. So führte der konfessionelle Gegensatz in Glarus an der Jahreswende 1559/60 beinahe zu einem weiteren Krieg (Glarnerhandel). In mehreren Landesverträgen musste hier zwischen 1532 und 1683 das Prinzip der Konfessionellen Parität zum Zweck der Friedenswahrung fast bis zur Erstarrung des polit. Systems fortgeschrieben werden. Eine zusätzl. Belastung bildete in der frühen Neuzeit der konfessionsspezif. Kalender. Die Gregorian. Kalenderreform von 1582 wurde von den meisten ref. Orten erst im frühen 18. Jh. akzeptiert (Graubünden erst 1812). In Appenzell führte der konfessionelle Hader 1597 zur Teilung des Landes. Zu einem blutigen Höhepunkt kam es 1620 mit dem Veltliner Mord, der den Auftakt zu den Bündner Wirren bildete. Der K. verlor erst nach dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712 vorübergehend seine Dominanz in der eidg. Politik. Daneben ist die regelmässige Wiederkehr blutig endender konfessioneller Wirtshausstreitigkeiten verbürgt. Die Obrigkeiten in konfessionell geschlossenen Kantonen ahndeten konfessionelle Verunglimpfungen im Extremfall mit der Todesstrafe, so 1608 in Sursee und 1643 in Vevey. Unter dem Einfluss der Aufklärung verlor der K. ab Mitte des 18. Jh. an Bedeutung. Zwischen den beiden Konfessionen bahnte sich eine von einer Elite getragene Gesprächs- und Toleranzbereitschaft (Religiöse Toleranz) an, die das Ende des Ancien Régime überdauerte. In der Helvetik wurde versucht, den K. mittels Einführung der Gewissens- und Religionsfreiheit und der Proklamation des konfessionsneutralen Staates auf dem Verfassungsweg zu überwinden.

Eine Periode der Rekonfessionalisierung des polit. und gesellschaftl. Lebens setzte in der Regeneration der 1830er Jahre ein, bedingt v.a. durch den konfessionell beladenen Gegensatz zwischen liberal-radikalen und konservativen Kantonen und Kräften. In der Folge begann der K. im Vorfeld von Sonderbund und Sonderbundskrieg erneut bestimmenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft auszuüben. Seinen Höhepunkt erreichte er in der 2. Jahrhunderthälfte in einem zunächst schleichenden, dann offenen Kulturkampf. Folge dieser Rekonfessionalisierung war eine polit. Marginalisierung der konservativen Katholiken im Bundesstaat, die bis nach dem 1. Weltkrieg fortdauerte (Katholizismus). Die liberalen Katholiken waren hingegen ab 1848 voll im liberalen Bundesstaat integriert.

Die Niederlassungsfreiheit (1848 in der BV verankert) und die Industrialisierung mit ihrer Binnenwanderung führten ab Mitte des 19. Jh. vorab in Industrie- und Tourismusgebieten zur Entstehung einer kath. bzw. ref. Diaspora. Die bisher nicht gekannte konfessionelle Durchmischung der Bevölkerung förderte die allmähl. Entschärfung der Gegensätze, wobei die Konfessionen bis in die 1950er Jahre organisatorisch und weltanschaulich getrennt blieben. Seit Mitte der 1960er Jahre ist der K. im polit.-gesellschaftl. Bereich in Auflösung begriffen, im kirchl. Bereich ist er grundsätzlich durch die Ökumene abgelöst worden. Trotzdem sind immer noch Nachklänge des K. zu verzeichnen, wie etwa in den Abstimmungskämpfen um die zwischen 1973 und 2001 erfolgte Beseitigung der Ausnahmeartikel der Bundesverfassung, in der Jurafrage oder 1987 in der Diskussion über eine Neueinteilung der Bistümer in der Schweiz.


Literatur
– R. Weiss, «Grundzüge einer prot. Volkskultur», in SAVk 61, 1965, 75-91
– R. Pfister, Kirchengesch. der Schweiz 2-3, 1974-84
– P. Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz, 1984, (21996)
– P. Stadler, «K. im schweiz. Bundesstaat 1848-1914», in Auf dem Weg zu einer schweiz. Identität 1848-1914, hg. von F. de Capitani, G. Germann, 1987, 85-92
– T. Bruggisser, «Frömmigkeitspraktiken der einfachen Leute in Katholizismus und Reformiertentum», in Zs.f. hist. Forschung 17, 1990, 1-26
– U. Altermatt, Katholizismus und Moderne, 21991
– H.R. Schmidt, Konfessionalisierung im 16. Jh., 1992
– F. Volkland, «Konfessionelle Grenzen zwischen Auflösung und Verhärtung», in Hist. Anthropologie 5, 1997, 370-387
Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 21998

Autorin/Autor: Kaspar von Greyerz, Franz Xaver Bischof