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No 1

Druey, Henri

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geboren 12.4.1799 Faoug,gestorben 29.3.1855 Bern, ref., von Faoug. Sohn des Jean-Daniel, Gastwirts, und der Suzanne-Catherine Langel. ∞ Caroline, für legitim erklärte Tochter des Charles-Henri Burnand, Stadtpräs. und Grundbesitzers in Moudon. Nach dem Lizentiat der Rechte in Lausanne (1820) vervollständigte D. seine Ausbildung in Deutschland, wo er vom Denken Georg Wilhelm Hegels geprägt wurde, dann in Paris und in England. D. absolvierte 1826 ein Anwaltspraktikum in Lausanne, wurde 1828 Anwalt in Moudon und wirkte ab 1830 als Waadtländer Appellationsrichter. Seine polit. Laufbahn begann er 1828 als Grossrat der Waadt. Nach der liberalen Revolution von 1830 in den Waadtländer Staatsrat (1831-48) gewählt, kämpfte er für die Revision des Bundesvertrags von 1815 durch einen Verfassungsrat. Seine radikalen Ideen isolierten ihn in der Kantonsregierung und führten 1833-38 zum Ausschluss aus der Tagsatzung (Tagsatzungsgesandter 1832, 1839-41, 1845-47). Der "Nouvelliste vaudois", den er ab 1836 leitete, wurde 1832 zu seinem Sprachrohr. Die von ihm kritisierte Regierung des Juste-Milieu, verkörpert von Charles Monnard, wollte keinen auf der Volkssouveränität basierenden Staat, obschon die Aristokratie ausgeschaltet worden war. D. plädierte zwar für eine starke Exekutive, war jedoch kein Zentralist. Gemäss seiner Idee standen Bund, Kantonen und Gemeinden, den drei Ebenen der Gewalt, rational begründete Kompetenzen zu. Er arbeitete mit anderen Schweizer Radikalen zusammen und unterstützte die polit. Flüchtlinge. Als Volkstribun beherrschte er den von ihm mitbegründeten Schweizerischen Nationalverein (1835), der sich für einen nationalen Verfassungrat einsetzte. D. verabscheute die moral. Vormundschaft der Waadtländer Pfarrer und verfocht die Unterordnung der Kirche unter den Staat. 1838 kämpfte er deshalb gegen das helvet. Glaubensbekenntnis, das die Autorität der Waadtländer Pfarrer begründete. Das Waadtländer Kirchengesetz von 1839 erfüllte seine Forderungen und wurde zum ersten grossen Erfolg des Radikalismus. D. spielte eine zentrale Rolle als Erziehungsrat bei der Schulgesetzgebung, ebenso bei der Strassengesetzgebung und der Rechtssprechung. Ausserdem förderte er unermüdlich die Versammlungs- und Pressefreiheit. Ab den 1840er Jahren scheiterten seine als sozialistisch oder kommunistisch geltenden Vorstösse im Kantonsparlament, so etwa seine Forderungen nach einer progressiven Einkommenssteuer oder der Umwandlung von Pfarrhäusern in staatl. Werkstätten für Armengenössige. Als entschiedener Gegner der Sonderbundskantone führte D. mit Louis-Henri Delarageaz am 14.2.1845 den Sturz der liberalen Waadtländer Regierung herbei, welche in der Jesuitenfrage Zwangsmassnahmen gegen Luzern abgelehnt hatte. Als Vorsitzender der neuen Regierung vermochte er indes weder die direkte Demokratie noch das Recht auf Arbeit vollständig in der neuen Kantonsverfassung zu verankern. Er veranlasste den Rücktritt jener Pfarrer, die sich geweigert hatten, auf der Kanzel eine Proklamation zugunsten der Verfassungsrevision zu verlesen. Eng mit den Methodisten verbunden, fanden diese wenig Rückhalt in der Bevölkerung, die antiklerikal gesinnt war. Diese Massnahme führte zur Bildung der Freikirche des Kt. Waadt. D. setzte die dem liberalen Regime ergebene Führung der Lausanner Akad. ab und stand der Reorganisation von Verwaltung und Gerichten vor.

Als französischsprachiger Sekr. der Kommission zur Revision des Bundesvertrages trieb D. die Arbeiten am Verfassungsentwurf voran. Er akzeptierte zwar das Zweikammersystem, hatte jedoch selber eine Kammer aus Kreisvertretern vorgeschlagen. Am 16.11.1848 in den ersten Bundesrat gewählt, stand er 1848-49 und 1852 dem Justiz- und Polizeidep., 1850 als Bundespräs. dem Polit. Dep., 1851 und 1853-55 dem Finanzdep. vor. Gegen den Willen der Waadtländer Radikalen und einiger Kantonsregierungen liess er auf Druck der Nachbarmächte mehrere polit. Flüchtlinge der 1848er Revolutionen ausweisen, u.a. Giuseppe Mazzini. Nach 1848 verfolgte er gegenüber den europ. Grossmächten einen konsequent neutralen Kurs (z.B. Flüchtlingsfrage), was ihm heftige Kritik einbrachte. Seine Stärke lag in der Festigkeit seines polit. Denkens, in seinem Geschick im Umgang mit der Bevölkerung und in seiner Realitätsbezogenheit.


Werke
Correspondance, hg. von M. Steiner, A. Lasserre, 3 Bde., 1974-77
Archive
– BCUL, Nachlass
Literatur
– A. Lasserre, Henri D., 1960
– G. Arlettaz, Libéralisme et société dans le canton de Vaud, 1814-1845, 1980
– P.-A. Bovard, Le gouvernement vaudois de 1803 à 1962, 1982
– Altermatt, Bundesräte, 115-120

Autorin/Autor: André Lasserre / AG