03/11/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Neuveville, La (Gemeinde)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. BE, Hauptort des gleichnamigen Amtsbezirks. La N. liegt zwischen Jura und Bielersee und grenzt im Westen an den Kt. Neuenburg. Es umfasst den Weiler Chavannes. 1314 Nova-villa, dt. Neuenstadt. 1800 1'178 Einw.; 1850 1'719; 1900 2'248; 1950 2'709; 1970 3'917; 2000 3'445 (15,6% Deutschsprachige).

Bei Ausgrabungen bei der sog. Blanche Eglise 1984 kamen Funde aus der Bronze- (Keramik) und Eisenzeit (Siedlungsspuren) sowie röm. Überreste (Bauschutt) zu Tage. Zwei Gräber weisen auf die Existenz einer Kirche aus der vor- oder frühkaroling. Zeit. Das Gebiet von La N. gelangte 999 aufgrund der Schenkung der Abtei Moutier-Grandval, die hier zahlreiche Güter besass, an das Fürstbistum Basel. Ab dem 12. Jh. bezog hier auch die Abtei Bellelay den Zehnten. Vor der Stadtgründung von La N. durch den Fürstbf. von Basel um 1310 verschmilzt die Geschichte des Orts mit jener von Nugerol, einem Gebiet, das zwischen dem Fürstbischof und dem Gf. von Neuenburg umstritten war. In diesem Kontext liess Fürstbf. Heinrich von Isny 1283-88 die Burg Schlossberg bauen (über der heutigen Stadt). Aus denselben Motiven gründete dessen Nachfolger Fürstbf. Gérard de Vuippens die Stadt und schob damit den territorialen Ansprüchen der Gf. von Neuenburg östlich des Bachs Ruz de Vaux einen Riegel; noch heute bezeichnet der Ruz de Vaux die Kantonsgrenze. Auch wenn der Freibrief erst von 1312 datiert, wird bereits 1310 ein Bürger von La N. erstmals erwähnt. Zur selben Zeit begann wohl der Bau der Stadt, der bis 1318 dauerte. Die These, wonach La N. durch Flüchtlinge des 1301 zerstörten La Bonneville (Val-de-Ruz) errichtet worden sei, lässt sich nicht aufrecht erhalten. Der Freibrief gewährte dem neuen Ort, der als Vorposten des Fürstbischofs und als Garnisonsort diente, grosse Autonomie. Bis zur Besetzung des südl. Teils des Fürstbistum Basel durch die Franzosen 1797 fallen die Geschichte der Stadt und jene der gleichnamigen Kastlanei zusammen. Im Gefolge des Streits zwischen Bf. Johann von Vienne und der Stadt Bern wurden La N. und die Burg Schlossberg, in die sich der Prelat geflüchtet hatte, 1367 von den Berner Truppen belagert. Doch drängten die Einwohner von La N. die Berner zurück. Aus Dank für die bezeugte Loyalität gestand der Fürstbischof 1368 der Stadt zusätzliche Rechte zu, die 1386 und 1539 bestätigt wurden. Auf dieser Grundlage entfaltete sich das polit. System von La N., das während vier Jahrhunderten Bestand hatte. Die Stadt besass einen Gr. und Kl. Rat, der anfänglich je zwölf, ab 1504 je 24 Mitglieder zählte, ferner zwei Bürgermeister, der eine im Amt, der andere "ruhend". Auf das Landgericht, den plaid de Sales, das bereits vor der Stadtgründung existiert hatte, folgte der grand plaid, an dem sich die Stadtbewohner versammelten. Die Zusatzrechte von 1368 gewährten der Stadt auch ein Banner und das Mannschaftsrecht für die Herrschaften Tessenberg und Erguel, was La N. eine gewisse militär. Unabhängigkeit sicherte. 1388 schloss es mit Bern einen Burgrechtsvertrag, der 1633 erneuert wurde, 1395 einen weiteren mit Biel, dem es sein Bannerrecht über das Erguel abtrat. 1604 und 1704 wurden Stadtordnungen angenommen. Nach einer langen Zeit der polit. Beständigkeit erschütterten im 17. und 18. Jh. Unruhen die Stadt, besonders heftig jene von 1711-13 und 1714-17, während denen La N. mit dem Fürstbf. Johann Konrad von Reinach im Streit lag und die auf Intervention Berns im Abkommen von Reiben beigelegt wurden. 1734 gingen von Jean Rodolphe Petitmaître polit. Turbulenzen aus. Unter der franz. Herrschaft unterstand La N. mit dem südl. Teil des Fürstbistums 1797-1800 dem Departement Mont-Terrible als dessen Hauptort, 1800-13 dem Departement Haut-Rhin. Dann kam es 1815 zum Kt. Bern, ab 1816 als Teil des Oberamts Erlach, 1831-46 des Amtsbez. Erlach. Seit 1834 besteht die Einwohnergemeinde neben der Burgergemeinde. 1973 forderte die neue Partei Forum neuvevillois erstmals die FDP, SP und SVP heraus. 2005-08 stellte sie elf der 35 Sitze des Generalrats. Bei den Juraplebisziten von 1974 und 1975 stimmte die Bevölkerung von La N. für den Verbleib beim Kt. Bern. Seit der Schaffung des Conseil du Jura bernois 2006 ist die Stadt Sitz der Organisation.

Die Kapelle Saint-Ursanne, seit 1276 Blanche Eglise genannt, wird bereits 866 in einer Bestätigungsurkunde von Kg. Lothar II. für die Abtei Moutier-Grandval erwähnt. Das Patronatsrecht ging im 12. Jh. an die Abtei Bellelay. Die Kirche, die 1984-85 renoviert wurde, erfuhr durch die Jahrhunderte hindurch bedeutende Veränderungen. Es lassen sich zwölf Bauetappen nachweisen. Das Gebäude weist Wandmalereien aus dem 14. und 15. Jh. auf, die 1914 restauriert wurden. 1312 wurde innerhalb der Stadtmauern die Kapelle Sainte-Catherine errichtet. Bern führte 1529 und 1530 durch Guillaume Farel die Reformation ein. Im 17. Jh. war La N. für die hugenott. Flüchtlinge ein wichtiger Durchgangsort. Die nach dem Vorbild des Temple du Bas in Neuenburg 1729 erbaute ref. Kirche wurde am Ort der Kapelle Sainte-Catherine und der alten Kornhalle errichtet. Die kath. Kirche Notre-Dame-de-l'Assomption entstand 1954, die Pfarrei 1967.

Ab 1338 besass La N. einen Wochenmarkt; das Marktrecht hatte Bf. Johann Senn von Münsingen verliehen. Schon früh sind die drei Zünfte der Schumacher (Escoffiers), der Rebleute und der Fischer bezeugt, die unter der franz. Herrschaft ein erstes Mal aufgelöst wurden und 1869 endgültig verschwanden. Das sozioökonom. Leben wurde v.a. vom Rebbau als lange Zeit wichtigste Einnahmequelle und vom Fischfang bestimmt. Ab dem 17. Jh. verfügte die Stadt über eine Lateinschule und ab dem 18. Jh. beherbergte sie Schulpensionate für fremdsprachige junge Leute.

Obwohl die geogr. Lage zwischen See und Jura eine Erweiterung der Stadt verhinderte und die Altstadt und Stadtmauern von La N. unversehrt geblieben sind, sorgten der Bau der Seestrasse um 1830 und der Eisenbahnstrecke Biel-Neuenburg 1860, die erste Juragewässerkorrektion 1868-91 sowie die Eröffnung der A5 1977 für eine gute Erschliessung. Ab dem 19. Jh. siedelte sich in La N. Industrie an, v.a. Betriebe der Uhrenindustrie, die noch 2005 36% der Arbeitsplätze in La N. anbot. Die grössten Firmen Lamineries Matthey (1901 gegründet), Polissage Auchlin (1945), FriFri (1947, Hersteller von Industriefriteusen, 2008 weggezogen), Capsa (1951, Hersteller von Uhrenteilen), Rollier SA (1979, Hersteller von Metallwerkzeugen) und Rama Watch (1983, Uhrenfabrikation) beschäftigen je rund 50 Personen. Auch zu Beginn des 21. Jh. spielt der Rebbau eine gewichtige Rolle. Die Anbaufläche verringerte sich nur gering von 90 Hektaren 1980 auf 84,8 Hektaren 2008, v.a. wegen den grösseren Produktionsanlagen der einzelnen Betriebe, von denen es 2008 rund ein Dutzend gab. Seit dem 20. Jh. entwickelt sich der Tourismus sowie der Pflege- und Bildungsbereich mit der 1912 gegr., angesehenen Handelsschule, mit dem seit 1864 bestehenden Asyl Montagu, aus der die EMS hervorging, mit der 1906 errichteten Pflegeanstalt Mon Repos für Chronischkranke (2008 rund 160 Angestellte) und mit dem 1995 gegr. Architekturatelier Oï (2008 rund 20 Mitarbeiter). Das Hist. Museum besteht seit 1877 (seit 1959 in neuen Räumlichkeiten), das in Chavannes beheimatete Museum über den Rebbau am Bielersee seit 1973.


Archive
– BurgerA
Literatur
– A. Gross, C.-L. Schnider, Histoire de La N., 1914 (Neudr. 1979)
– F. Imer, La N., 1969
– A. Moser, I. Ehrensperger, Jura bernois, Bienne et les rives du lac, 1983, 124-145
– J.-M. Gertsch, A. Rothenbühler, Le refuge huguenot à La N., 1604-1715, 2. Bde., Liz. Neuenburg, 1985
– P. Hirt, R. Gossin, «Restauration de la Blanche Eglise de La N.», in Actes SJE, 1986, 333-345
– A. Glaenzer, «Nugerol», in MN, 1996, 55-66
– N. Maillard, Recensement architectural de la Commune de La N.
– F. Dubois, La N., 1797-1815, 2007

Autorin/Autor: Pierre-Olivier Léchot / RS