Tessiner Putsch

Beim sog. T. handelt es sich um einen am 11.9.1890 von Wortführern und Anhängern der Tessiner Liberalen durchgeführten Staatsstreich gegen die konservative Regierung. Er stellte den letzten Versuch dar, gewaltsam eine Umwälzung der polit. Ordnung des Kt. Tessin herbeizuführen. Nach der Besetzung des Zeughauses von Bellinzona stürmte ein von einer lärmenden Menge begleiteter bewaffneter Haufen das in der Stadtmitte gelegene Regierungsgebäude. Versch. Amtsträger und Vertreter der Konservativen wurden verhaftet, Staatsrat Luigi Rossi wurde durch einen Pistolenschuss tödlich getroffen. Die Aufständischen setzten eine liberale Übergangsregierung ein, an deren Spitze Rinaldo Simen stand; sie wurde im selben Jahr durch eine von Agostino Soldati geführte Regierung ersetzt, in der beide polit. Hauptgruppen vertreten waren.

Revolutionäre Aufstände stellten in der Tessiner Geschichte kein Novum dar. Einerseits entsprach der T. dem Muster, nach dem polit. Kämpfe im Tessin des 19. Jh. ausgefochten wurden: Liberale und Konservative suchten sich gegenseitig die Macht zu entreissen und schreckten dabei auch vor Gewalt und Wahlbetrug nicht zurück. Andererseits lagen die direkten Ursachen des Aufstands in der Erbitterung der Liberalen über ihre polit. Machtlosigkeit in einem Wahlsystem, das die ab 1875 regierenden Konservativen ersonnen hatten und mit dem sich diese v.a. durch die Neuordnung der Wahlkreise sowie durch Manipulation der Wählerlisten immer wieder eine Stimmenmehrheit sicherten. Ausgelöst wurde der T. letztlich, weil die Regierung eine Verfassungsinitiative, welche die Volkswahl des Staatsrats und die Neueinteilung der Wahlkreise forderte, auf die lange Bank geschoben hatte.

Nach dem T. intervenierten die eidg. Behörden energisch, indem sie den Kommissär Arnold Künzli entsandten, der die Ordnung im Kanton wiederherstellen und Ruhe schaffen sollte. Darauf kam es zu einer tiefgreifenden Veränderung des polit. Systems im Tessin, v.a. durch die mit der Verfassungsreform von 1892 eingeführte Proporzwahl von Regierung und Parlament. Die wichtigsten Parteien sahen sich nun gezwungen, Formen der Zusammenarbeit zu finden. So wurde das Tessin unabsichtlich von einem instabilen und tumultuarischen Kanton zu einer Art polit. Versuchslabor für die erstmals in der Schweiz angewandte Verhältniswahl und für das Konkordanzsystem.


Literatur
– R. Bianchi, A. Ghiringhelli, 1890, il respiro della rivoluzione, 1990
– Ceschi, Ticino, 415-432

Autorin/Autor: Marco Marcacci / CHM