• <b>Mineralquellen</b><br>Werbeplakat für Passugger Mineralwasser, 1953 (Schweizerische Nationalbibliothek). Das Plakat wirbt mit dem doppelten Nutzen des Mineralwassers als Heil- und Genussmittel. Mit der Gründung der Allegra Passugger Mineralquellen (APM) 2005 kam das Passugger Mineralwasser wieder mehrheitlich in bündnerischen Besitz, nachdem es 2000 von der Feldschlösschen Getränke AG übernommen worden war.
  • <b>Mineralquellen</b><br>Innenansicht der Trinkhalle in Bad Tarasp. Foto von  Rudolf Zinggeler,  frühes 20. Jahrhundert (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). Die an die Wandelhalle anschliessende Trinkhalle der Kuranlage Tarasp-Vulpera wurde 1874–1876 erbaut und ist bis heute in Betrieb. Die Bedeutung der Trinkkur als Bestandteil der Badekur kommt hier auch architektonisch zum Ausdruck: Ein achteckiger Kuppelbau überwölbt die drei in der Belle Epoque neu gestalteten Fassungen der Glaubersalzquellen Bonifacius, Lucius und Emerita. Das Kurmotto an der Wand verspricht "AËRE, SALE, SALUS AEREA" (Eiserne Gesundheit durch Luft und Salz).

Mineralquellen

Konsultieren Sie diesen Artikel auf der neuen HLS-Webseite (Beta-Version)

Die Schweiz, häufig als "ideales Sanatorium" beschrieben, zog mit ihrer Luft, ihren Bergen und ihren 610 Thermal- und Mineralquellen (Schätzung des Eidg. Statist. Bureaus 1870) Ende des 19. Jh. Scharen von Gesundheitssuchenden aus ganz Europa an. Die meisten M. dienten der äusseren wie auch der inneren Anwendung (Bäder). Beide Praktiken dürften etwa gleich alt sein, zumal viele "gute Brunnen" seit kelt. Zeit verehrt und im MA als Symbol vom christl. Glauben übernommen wurden. Mit Sicherheit gab es die innere Anwendung schon vor ihrer ersten Erwähnung, die im 16. Jh. datiert.

Obwohl einige Mineralwasser (Pfäfers, Weissenburg, Gurnigel) bereits um 1700 fern vom Quellort bekannt waren, wurden sie erst Ende des 19. Jh. in Flaschen abgefüllt, vermutlich zugleich mit Kohlensäure angereichert und exportiert bzw. ausserhalb der Kurorte verkauft. Heute bieten alle grossen Marken eine Auswahl von Mineralwasser ohne und mit unterschiedl. Gehalt an Kohlensäure an. 1891 exportierten rund zehn M. ihr Wasser, 1930 etwa dreissig. Bis heute werden einige Mineralwasser, z.B. Passugger (1863 Quelle in Passugg wieder entdeckt), Henniez (seit 1905, nachdem lange gezögert wurde, ob die Quelle für die äussere oder innere Anwendung genutzt werden sollte, 2007 von Nestlé aufgekauft) und Valser (seit Ende 1960, von Coca-Cola 2002 übernommen) kommerziell genutzt. Das Wasser von Yverdon-les-Bains (Quelle La Prairie) wurde 1920 nach dem Kauf durch den Armenier Puzant Masraff unter dem Namen Arkina vertrieben; 2008 verlegte die neue Eigentümerin, die zur Carlsberg-Gruppe gehörende Feldschlösschen, die Marke nach Rhäzuns, wo das Unternehmen die Produktion seiner Mineralwasser konzentrierte. Dem gegenüber wurden versch. Mineralwasser deutlich weniger lang vertrieben, etwa jene von St. Moritz, Val Sinestra, Scuol, Tarasp, Fideris, Eglisau, Birmensdorf oder Mülligen. Zu Beginn des 21. Jh. konzentrierten sich die meisten M. in der Hand von lediglich vier Gruppen, nämlich Nestlé, Migros (Aproz), Coca-Cola und Carlsberg. Die zur letzten Gruppe gehörende M. Passugger ging 2005 an die Allegra Passugger Mineralquellen und damit wieder in bündner. Besitz über.

<b>Mineralquellen</b><br>Werbeplakat für Passugger Mineralwasser, 1953 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Das Plakat wirbt mit dem doppelten Nutzen des Mineralwassers als Heil- und Genussmittel. Mit der Gründung der Allegra Passugger Mineralquellen (APM) 2005 kam das Passugger Mineralwasser wieder mehrheitlich in bündnerischen Besitz, nachdem es 2000 von der Feldschlösschen Getränke AG übernommen worden war.<BR/>
Werbeplakat für Passugger Mineralwasser, 1953 (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Die Nutzung der M. ist von versch., sich wandelnden Bedingungen abhängig und wird durch die natürl. Gegebenheiten (Versiegen, Überschwemmung), die Besitzer- oder Pächterwechsel, die Veränderung von medizin. Lehrmeinungen und Moden beeinflusst. So waren Mitte des 19. Jh. sulfat- und kalziumhaltige sowie erdig schmeckende Mineralwässer beliebt, weil kalkreiches Wasser gegen Rachitis und "allg. Schwäche" empfohlen wurde.

Ausserdem ist der Mineralwasserkonsum Modeströmungen unterworfen. Der jährl. Pro-Kopf-Verbrauch in der Schweiz lag zu Beginn des 20. Jh. noch unter 2 Litern, nahm gegen Ende des Jahrhunderts rasant zu und betrug 1989 65,2 und 2006 120,3 Liter. Dies entspricht einem allg. Trend in der westl. Welt. Der Mehrverbrauch hängt einerseits mit dem Streben nach körperl. Wohlbefinden und Fitness zusammen, das über die herkömml. Ansprüche an das "Heilwasser" hinausgeht und auf gesundes Leben, Geschmack und Genuss (Wasserbars) ausgerichtet ist. Andererseits erfüllte das Mineralwasser - im Bewusstsein für die Gefahr von Verunreinigungen - die Forderung nach einwandfreier Trinkwasserqualität. Die in der Schweiz seit Ende des 19. Jh. systematisch durchgeführten Wasseranalysen, die wachsende Bedeutung der Reglementierung und der Wasserkontrolle standen am Anfang der Qualitätssuche und -sicherung. Der gesamte Mineralwasserverbrauch verzeichnete nebst einem starken Anstieg im Binnenmarkt (2006 912,9 Mio. Liter) auch eine deutl. Zunahme bei der Einfuhr ausländ. Marken (z.B. Evian sowie von Nestlé Perrier und San Pellegrino). Zwischen 1990 und 2006 sank der Marktanteil der Schweizer Marken (rund 20 M.) von 84% auf 67%, während der Anteil des exportierten Wassers aus denselben M. von 3,2% der Produktion auf 1% zurückging.

<b>Mineralquellen</b><br>Innenansicht der Trinkhalle in Bad Tarasp. Foto von  Rudolf Zinggeler,  frühes 20. Jahrhundert (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).<BR/>Die an die Wandelhalle anschliessende Trinkhalle der Kuranlage Tarasp-Vulpera wurde 1874–1876 erbaut und ist bis heute in Betrieb. Die Bedeutung der Trinkkur als Bestandteil der Badekur kommt hier auch architektonisch zum Ausdruck: Ein achteckiger Kuppelbau überwölbt die drei in der Belle Epoque neu gestalteten Fassungen der Glaubersalzquellen Bonifacius, Lucius und Emerita. Das Kurmotto an der Wand verspricht "AËRE, SALE, SALUS AEREA" (Eiserne Gesundheit durch Luft und Salz).<BR/>
Innenansicht der Trinkhalle in Bad Tarasp. Foto von Rudolf Zinggeler, frühes 20. Jahrhundert (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
(...)


Literatur
Die Kurorte der Schweiz, 41930
Die Mineral- und Heilquellen der Schweiz, hg. von O. Högl et al., 1980
L'eau à la bouche, Ausstellungskat. Vevey, 2005, 125-133

Autorin/Autor: Jean-Claude Vernex / EM