Christentum

Das C. prägt Gesellschaft und Geschichte der Schweiz seit über 1'500 Jahren. Bis ins 19. Jh. war es neben dem Judentum die einzige in der Schweiz vertretene Weltreligion. Der seit über 200 Jahren andauernde Prozess der Säkularisierung, aber auch der Atheismus, die zunehmende religiöse Indifferenz und die seit dem 20. Jh. sich verbreitende Tendenz, dass neue Weltdeutungen aus versch. Religionen und Weltanschauungen kombiniert und vermischt werden, haben den einst dominanten Einfluss des C.s und seiner Kirchen zurückgedrängt.

1 - Fundamente

Am Anfang des C.s, einer monotheist. Religion, steht eine unscheinbare innerjüd. Erneuerungsbewegung, die sich um die Gestalt des Wanderpropheten, Weisheitslehrers und Wunderrabbis Jesus bildete. Nach kurzem öffentl. Wirken in Galiläa zog dieser nach Jerusalem, wo er von Pontius Pilatus, dem röm. Statthalter der kaiserl. Provinz Judäa, wohl um das Jahr 30 zum Tod am Kreuz verurteilt wurde.

Nach Jesu Tod bekannte sich seine Anhängerschaft zu seiner Erhöhung oder Auferweckung, die als Beginn des endzeitl. Handelns Gottes an den Menschen und der Welt verstanden wurde. In seinem Namen bildeten sich Gemeinschaften, die seine Worte als Evangelium, als Heilsbotschaft, bewahrten, in seinem Geist lebten und in der Erinnerung an ihn die Eucharistie feierten. Durch die Taufe erfolgte die Aufnahme in die Gemeinschaft der Söhne und Töchter Gottes, die allen offen stand, unabhängig von religiöser Herkunft, sozialem Stand und Geschlecht; Voraussetzung war das Bekenntnis zum Glauben an den Gott, der Jesus Christus von den Toten erweckt hat.

Ein wichtiger Verkünder des Evangeliums und Gemeindegründer war Paulus von Tarsus. Sein Grundanliegen war die Universalität der christl. Heilsbotschaft. Seine Briefe an die Gemeinden sind die ältesten Schriften der werdenden Kirche und wurden später Teil des Neuen Testaments. Diese Sammlung von Schriften der ersten christl. Generation wurde im 2. Jh. zum Kanon. Schon in der ersten nachchristl. Generation entstand aus der Jesusbewegung und der Urgemeinde in Jerusalem ein Netzwerk von christl. Gemeinden, die sich, begünstigt von Pax romana und Hellenismus, rasch im röm. Reich ausbreiteten. Die lockeren Gemeinden der Anfangszeit erhielten mit der Zeit durch das Bischofsamt eine feste Struktur. Der Bf. von Rom gewann allmählich eine Vorrangstellung als Nachfolger Petri.

Zentrale Merkmale des Urchristentums waren das Glaubensbekenntnis zu Jesus Christus als absolutem Heilsbringer für alle Menschen und die ganze Schöpfung, ein Ethos der Solidarität, das zur Gemeindebildung führte, und eine am Liebesgebot orientierte Ethik, ferner die Erinnerung und Vergegenwärtigung Jesu, insbesondere seines Todes und seiner Auferstehung, in den Sakramenten der Taufe und des Abendmahls.

Im Verlauf der Kirchengeschichte wurden diese Grunderfahrungen in versch. Kulturen und gesellschaftl. Kontexten vermittelt, wobei die Balance zwischen Ursprungstreue, die sich in Erinnerung und Tradition niederschlägt, und Übersetzung in die eigene Gegenwart, also Aktualisierung und Inkulturation, je neu gesucht werden musste. Dies gilt für die Glaubenssprache - Bekenntnis und Dogma - ebenso wie für die Organisation des Zusammenlebens in Gemeinden, Kirchen und Ämtern sowie die in Ethik und christl. Praxis verankerten Normen des gesellschaftl. Handelns. Die Verbindung zwischen der Einfachheit der Grundanliegen und der Offenheit für unterschiedl. Lebens- und Ausdrucksformen bildet in religionsgeschichtl. Sicht einen der zentralen Faktoren für die weltweite Verbreitung und Langlebigkeit des C.s.

Autorin/Autor: Victor Conzemius

2 - Das erste Jahrtausend

In der Schweiz vollzog sich die Christianisierung, von der archäolog. Zeugnisse ab dem 4. Jh. vorhanden sind, über Jahrhunderte. Retardierend mag das Fehlen eines zentral gelegenen Bistums im Bereich der heutigen Eidgenossenschaft gewirkt haben. Doch das C. setzte sich schliesslich sowohl in den sich herausbildenden urbanen Räumen als auch in den alpinen Talschaften durch. Die neu gegr. Klöster (Mönchtum) wirkten als geistl. und kulturelle Stützpunkte. In den Talschaften bildete sich ein relativ hoher Grad an kommunaler und kirchl. Selbstorganisation heraus.

Im Laufe der Jahrhunderte blieb kein Lebensbereich von christl. Prägung unberührt; es gab aber auch keinen, der nicht umgekehrt das C. prägte. Von bleibender Bedeutung sind u.a. die Überlieferung der antiken Texte und das ausgebaute Bildungswesen, die Caritas und ihre Institutionalisierung sowie das Mönchtum mit seinen versch. Ausgestaltungen, sodann die christl. Normierung des tägl. wie des polit. Lebens und des Rechts. Im 14. Jh. wurde die Schweiz zu einem Zentrum der deutschsprachigen Mystik. Als geschlossene Gesellschaft sonderte das C. Häretiker und Ketzer sowie die Juden aus (Antisemitismus). Mitunter wurden die Andersdenkenden teils in geregelten Prozessen (Inquisition), teils in ungeregelten tumultuarischen Exzessen (Pogrome) verfolgt. Hinsichtlich der praktizierten Alltagsreligion und Volksfrömmigkeit ist bis in die Moderne hinein ein Neben- und Miteinander von kirchl. Lehre und sog. Aberglauben zu beobachten. Dies kam etwas später auch in den Hexenverfolgungen zum Ausdruck (Hexenwesen), die Züge einer Massenhysterie trugen.

Mythische Projektionen einer späteren Zeit haben das Bild von der Geschichte des C.s in der Schweiz verzerrt. Das gilt besonders für das Wirken der Glaubensboten, die religiöse Überhöhung des Bundes von 1291 zum Gründungsakt der Eidgenossenschaft und den sog. Pfaffenbrief. Das Motiv der Befreiung von fremden Herren, namentlich den Habsburgern, spiegelte auch die eigene Geschichte an der des auserwählten Volkes Israel und rühmte sich besonderen Gottesschutzes. Konfessionell modifiziert blieb diese Deutung über die Jahrhunderte bis nach dem 2. Weltkrieg erhalten.

Autorin/Autor: Victor Conzemius

3 - Konfessionelle Spaltung

Die Frage, ob vorwiegend soziale oder wirtschaftl. Faktoren für die Reformation ausschlaggebend waren, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die wirtschaftl. Überlegenheit der in geogr. Schlüsselräumen gelegenen Stadtstaaten Zürich, Basel, Bern und Genf ist ebenso wenig zu bestreiten wie der Umstand, dass die zur Reformation tendierenden Kräfte, nämlich Handwerker, Kaufleute und Zünfte, zum dynam. Potential der Stadtstaaten gehörten. Fest steht auch, dass Teile der bürgerl. und auch bäuerl. Bevölkerung das herrschaftl. Machtgefüge und die Privilegien des Klerus angriffen (Antiklerikalismus) und damit die christlich legitimierte, gesellschaftl. Hierarchie umstürzen wollten. Doch die Reformation war im Wesentlichen auch eine religiöse Antwort auf eine religiöse Frage.

Innerhalb des konfessionellen Dualismus der Eidgenossenschaft, wie er sich seit dem 16. Jh. zeigt, entwickelte der religiös-kirchl. Faktor eine einzigartige Prägekraft auf die einzelnen Stände, Stadtstaaten und Republiken; hingegen fungierte er weder als tragendes identitätstiftendes Element eines schweiz. Nationalbewusstseins noch als Ferment polit. Einheit (Konfessionalismus). Die staatsrechtl. Pattstellung nach dem 2. Kappelerkrieg, der das Prinzip des konfessionellen Besitzstandes festschrieb, ermöglichte ein prekäres Gleichgewicht zwischen den Konfessionen. Weder Katholiken noch Reformierte wollten die Existenz der Eidgenossenschaft gefährden und hielten an der gemeinsamen Tagsatzung fest. Sowohl das Corpus catholicorum als auch das Corpus evangelicorum bauten eine eigenständige Kultur auf. Die reformierte konzentrierte sich stärker auf die literar. Tradition der Entfaltung des Wortes, während die katholische sich hauptsächlich an Bild, Symbol und Brauchtum orientierte. Das Gemeindeprinzip gab den Reformierten einen markanten Vorsprung in der demokrat. Organisation des christl. Gemeinwesens. Den vorwiegend auf ländl. und alpine Gegenden begrenzten Katholiken gelang mit einiger Verspätung in Gegenreformation, Katholischer Reform und Barock die religiös-kirchl. Konsolidierung.

Gegenläufigkeiten, aber auch Parallelen in der Entwicklung von Evangelisch-reformierten Kirchen und Katholischer Kirche zeichneten sich in der Folge ab. Katholischerseits wurde das Fehlen einer handlungsfähigen kirchl. Zentrale teilweise durch die Nuntiatur ausgeglichen. Ähnlich gestaltete sich die Einflussnahme polit.-staatl. Stellen auf die Organisation des kirchl. Lebens. Das einer späteren Zeit angehörende Rechtsinstitut der vorerst auf ref. Seite errichteten Landeskirche trat noch nicht selbstständig in Erscheinung. Das äussere wie das innere Leben der Gemeinde wurde von den städt. Ratsgremien bestimmt. Im kath. Raum hatten die geistl. Verwaltungsorgane Mühe, ihre Zuständigkeit für den religiösen Bereich durchzusetzen. In der Praxis besassen die Gemeinden zahlreiche Mitspracherechte (z.B. das Volkspatronat).

Die ref. Orte hatten im Ancien Régime kein Interesse an einer institutionellen Zusammenarbeit untereinander. Dennoch entwickelte sich, unbeschadet aller innertheol. Differenzen, ein ref. Solidaritätsbewusstsein, das in der Aufnahme franz. Flüchtlinge nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685 einen bewegenden Ausdruck fand. Das Genf Johannes Calvins (Calvinismus) hatte über den franz. Protestantismus hinaus eine bis ins 20. Jh. nachwirkende internat. Ausstrahlung. Parallelen hierzu gibt es im kath. Raume keine. Hingegen entsprach den alltagsdurchdringenden Frömmigkeitsformen des Pietismus auf kath. Seite das Aufkommen einer spezifisch-konfessionellen Volksfrömmigkeit.

Autorin/Autor: Victor Conzemius

4 - Christentum und Moderne

Obschon das Verhältnis zwischen C. und Aufklärung ein gespanntes war, kam diese in beiden Konfessionen zum Zug. Ihre Bedeutung im kath. Bereich wurde in der herkömml. Kirchengeschichtsschreibung lange unterschätzt. Eine von der Aufklärung eingeleitete, von Geistlichen und Laien beider Konfessionen getragene Phase von Religiöser Toleranz und Gesprächsbereitschaft im ausgehenden 18. Jh. wurde nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime von einer gegenläufigen Rekonfessionalisierung abgelöst. Die auf den Bundesstaat hin tendierenden Kräfte mit ihrer vorwiegend in ref. Kantonen angesiedelten wirtschaftl. Potenz lösten in den meisten mehrheitlich kath. Kantonen Ängste und Bedenken aus, die zur Bildung des Sonderbunds führten.

Der Kulturkampf vertiefte die kulturelle Isolation der konservativen Katholiken und schlug sich in der Bildung eines geschlossenen, auf Rom ausgerichteten kath. Milieus nieder (Ultramontanismus, Christkatholische Kirche). Als Subgesellschaft mit umfassenden Stände- und Berufsorganisationen gelang es dem Katholizismus trotzdem, sich politisch und gesellschaftlich durchzusetzen. Besonders relevant war der Beitrag der Kongregationen von Frauen in Schulwesen und Krankenpflege. Dazu bilden die Diakonissen gewissermassen eine ref. Parallele. Auch der Protestantismus begegnete den durch Modernisierung und Industrialisierung hervorgerufenen Problemen mit einem beachtl. Netzwerk von sozialen Initiativen, woran auch die im 19. Jh. entstandenen Evangelischen Freikirchen Anteil hatten.

Die Partei der Katholisch-Konservativen vertrat die polit. Vorstellungen der Mehrheit der Katholiken, wohingegen die liberalen Katholiken ihre polit. Heimat im Freisinn fanden. Innerweltl. Frömmigkeit und paternalist. Verantwortungsbewusstsein inspirierten das Ethos von Kaufleuten und Unternehmern im ref. Raum. Zu Beginn des 20. Jh. fanden die Ideen des religiösen Sozialismus Anklang bei ref. Theologen und Pfarrern, die Partei für die Arbeiterschaft ergriffen.

Auf kath. Seite war das Problembewusstsein für intellektuelle Entwicklungen weniger ausgeprägt. An den im 19. Jh. zu Universitäten beförderten Akademien war der Protestantismus trotz der Gründung der Univ. Freiburg 1889 eindeutig im Vorteil. Auch nach der Erosion der Konfessionskultur wurde dieses Defizit von kath. Seite nicht aufgeholt. In der 2. Hälfte des 20. Jh. löste sich die kath. Subgesellschaft auf. Unter dem Impuls des 2. Vatikanischen Konzils und der Ökumene traten neue Formen der partnerschaftl. Zusammenarbeit und des theol. Dialogs in den Vordergrund. Die seit dem 19. Jh. betriebene Arbeit der Missionen beider Kirchen bereitete einer entwicklungspolit. Sensibilisierung den Weg. Die Kirchenleitungen versuchen seither vermehrt, ihre Stimme in Fragen ethischer Relevanz gemeinsam zu Gehör zu bringen.

Freilich haben die christl. Kirchen ihre Monopolstellung als Instanzen der Sinngebung eingebüsst und müssen sich seit dem ausgehenden 20. Jh. in Konkurrenz mit anderen Religionen - dem Islam, Buddhismus sowieHinduismus - und gesellschaftl.-weltanschaul. Strömungen behaupten (Esoterik). Stärker als innerkirchl. Spannungen und Richtungskämpfe, die v.a. in kath. Integralismus und Protestantischem Fundamentalismus ihren Ausdruck finden, fallen eine im 20. Jh. sich beschleunigende Säkularisierung und die vermehrten Kirchenaustritte besonders in den Städten ins Gewicht. Auch wenn die Prägekraft des christl. Glaubens nachgelassen hat, zehrt die moderne Gesellschaft weiterhin von christl. Voraussetzungen, etwa im Bereich der sozialen Verantwortung, der Friedenssicherung und der Bewahrung der Schöpfung.

Auf der anderen Seite trägt die Gesellschaft auch an Hypotheken des C.s, die allerdings kontrovers eingestuft werden. Neben dem Erbe des Kolonialismus, worin sich auch der Absolutheitsanspruch des C.s wiederfindet, werden der jüd.-christl. Monotheismus und Paternalismus und der insbesondere mit dem Protestantismus verknüpfte Rationalismus genannt, der nicht wenig zur Konsolidierung des Kapitalismus beigetragen hat. Eine sich bereits abzeichnende Zivilreligion, die im Begriff steht, die christl. Werte zu säkularisieren und zu verinnerlichen, muss den Beweis ihrer Zukunftsfähigkeit erst noch erbringen.

Autorin/Autor: Victor Conzemius

Quellen und Literatur

Literatur
TRE 30, 682-712
LThK 9, 338-342
– R. Pfister, Kirchengesch. der Schweiz, 3 Bde., 1964-84
– V. Conzemius, «Der Schweizer Katholizismus», in Die Schweiz, 1991, 274-301
Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994
Histoire religieuse de la Suisse, hg. von G. Bedouelle, F. Walter, 2000