• <b>Philipp Anton von Segesser</b><br>Umschlag des in der Reihe "Studien und Glossen zur Tagesgeschichte" erschienenen Bändchens, das von Segesser dem Kulturkampf widmete, zweite Auflage von 1875 (Schweizerische Nationalbibliothek). Als vermittelnde Persönlichkeit gewann Segesser im katholisch-konservativen Lager nach der Verfassungsrevision von 1874 an Einfluss. Mit seinen Schriften gelang es ihm, die Gemüter zu beruhigen.

No 16

Segesser von Brunegg [Segesser], Philipp Anton von

geboren 5.4.1817 Luzern,gestorben 30.6.1888 Luzern, kath., von Luzern. Sohn des Ludwig, Luzerner Staatsarchivars und Grossrats, und der Maria Anna geb. Schumacher. ∞ 1844 Josefine Göldlin, Tochter des Johann Baptist Ludwig Göldlin. Gymnasium und Lyzeum in Luzern, 1838-39 Rechtsstud. in Heidelberg, 1839 in Bonn bei Ferdinand Walter, 1839-40 in Berlin bei Friedrich Carl von Savigny und Leopold von Ranke, 1840 in München, 1841 Luzerner Anwaltsexamen und Aufenthalt in Paris. 1841-47 zweiter Staatsschreiber der kath.-demokrat. Regierung, der er als Gegner der Jesuitenberufung kritisch gegenüberstand, 1841-45 Mitglied des Gr. Stadtrats von Luzern. Nach 1847 Bewirtschaftung des Landguts Holzhof in Emmen, das S. jedoch bald verpachtete. 1848-88 Nationalrat, 1848 als einziger konservativer Luzerner gewählt. 1851-60, 1861-63 und 1867-71 Grossrat, 1863-67 und 1871-88 Luzerner Regierungsrat (1863-65 Staatswirtschaft, 1866-67 Gemeindewesen, 1871-75 Polizei, 1875-88 Justiz), 1865-67 Erziehungsrat, 1871-73 Erziehungsratspräsident.

Als Oppositionsführer bekämpfte S. das liberale Regime in Luzern, leitete die Revisionsbewegungen von 1854 sowie 1862 und vertrat die konservative Minderheit nach der Teilrevision von 1863 in der Regierung. Nach dem konservativen Wahlsieg von 1871 setzte er sich für die Berücksichtigung der liberalen Interessen ein. Im Kanton von den Liberalen heftig angefeindet und umstritten in der eigenen Partei, genoss er beim Landvolk hohes Ansehen. In der Bundesversammlung war er wegen seiner schroffen Opposition zunächst isoliert, wurde jedoch bald einer der Vordenker der kath.-konservativen Richtung, koordinierte die föderalist. Opposition gegen die Bundesrevision von 1872-74 und die nachfolgende Gesetzgebung. Er gehörte dem kath.-konservativen Komitee an, das ab 1872 Partei und Fraktion leitete, und war nach dem Tod von Louis de Weck-Reynold 1880 Fraktionspräsident. Im Kulturkampf verteidigte er kath. Rechtspositionen, bemühte sich aber, den Freisinn nicht zu provozieren. Er besass das Vertrauen liberaler Politiker wie Jakob Dubs, Joachim Heer und Emil Welti. Allein stand er mit seiner Skepsis gegen techn.-wirtschaftl. Neuerungen und politisch bedingten Ablehnung der Gotthardbahn.

<b>Philipp Anton von Segesser</b><br>Umschlag des in der Reihe "Studien und Glossen zur Tagesgeschichte" erschienenen Bändchens, das von Segesser dem Kulturkampf widmete, zweite Auflage von 1875 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Als vermittelnde Persönlichkeit gewann Segesser im katholisch-konservativen Lager nach der Verfassungsrevision von 1874 an Einfluss. Mit seinen Schriften gelang es ihm, die Gemüter zu beruhigen.<BR/>
Umschlag des in der Reihe "Studien und Glossen zur Tagesgeschichte" erschienenen Bändchens, das von Segesser dem Kulturkampf widmete, zweite Auflage von 1875 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Als Journalist und Publizist schrieb S. ab den 1840er Jahren für konservative Zeitungen, 1854 redigierte er die "Luzerner Wochen-Zeitung". Die Schrift "Beiträge zur Geschichte des innern Krieges in der Schweiz im Nov. 1847" (1848) erschien nach dem Sonderbundskrieg anonym. S. publizierte 1887 die polit. Biografie "Fünfundvierzig Jahre im Luzern. Staatsdienst". Seine Nationalratsreden erschienen als dritter Band der "Sammlung kleiner Schriften" (1879). In den "Studien und Glossen zur Tagesgeschichte" (1859-75) setzte S. sich mit der welt- und kirchenpolit. Entwicklung auseinander und kritisierte die ultramontane Orientierung des Katholizismus während des Pontifikats Pius' IX. Trotz aller Vorbehalte, namentlich gegen das Unfehlbarkeitsdogma, hielt er treu zu seiner Konfession. Mit der Utopie einer freiheitl. Kirche nahm er Postulate des 2. Vatikan. Konzils vorweg ("Am Vorabend des Conciliums" 1869, "Der Culturkampf" 1875). S.s polit. Publizistik und Briefe weisen ihn als Zeitkritiker von europ. Rang aus. Seine hist. Werke "Rechtsgeschichte der Stadt und Republik Luzern" (4 Bde., 1850-58) und "Ludwig Pfyffer und seine Zeit" (4 Bde., 1880-82), in denen Anregungen Savignys und Rankes nachwirken, gehören zu den bedeutendsten Schöpfungen der schweiz. Geschichtsschreibung im 19. Jh. Ausserdem gab er vier Bände der "Eidg. Abschiede" heraus. 1860 Dr. iur. h.c. Univ. Basel.


Archive
– StALU, Nachlass
Quellen
Briefwechsel, hg. von V. Conzemius, Bd. 1-, 1983-
Literatur
Gruner, Bundesversammlung 1, 277-279
– V. Conzemius, Philipp Anton von S., 1817-1888, 1977
– E.F.J. Müller-Büchi, Philipp Anton von S., 1977
– Feller/Bonjour, Geschichtsschreibung 2, 707-715
– H. Bossard-Borner, Im Spannungsfeld von Politik und Religion, 2 Bde., 2008

Autorin/Autor: Heidi Bossard-Borner