Nestlé

N. ist eines der grössten Schweizer Multinationalen Unternehmen und seit 1971 der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt. N.s Wurzeln gehen einerseits auf die Gründung der ersten europ. Kondensmilchfabrik durch die Anglo-Swiss Condensed Milk Co. 1866 in Cham zurück, andererseits auf die Entwicklung des milchhaltigen Kindermehls 1867 durch Henri N. in Vevey. 1874 eröffnete die Anglo-Swiss im engl. Chippenham die erste Fabrik im Ausland, 1883 N. eine solche in Edlitz bei Wien. 1905 fusionierten die beiden von ihrer Gründung an international ausgerichteten Milchunternehmen zur Nestlé & Anglo-Swiss Condensed Milk Co. mit Sitz in Cham und Vevey, mit gut 3'000 Mitarbeitern, 20 Fabriken sowie Agenturen auf allen Kontinenten. Während des 1. Weltkriegs wurden die Auslandaktivitäten ausgebaut, was 1921 zu einer ernsten Unternehmenskrise beitrug, die der an die Unternehmensspitze berufene Louis Dapples meisterte. Angesichts der internat. Spannungen wurden 1936 zwei Holdinggesellschaften gegründet, welche die Unternehmensbeteiligungen in Europa, Afrika und Teilen Asiens bzw. auf dem amerikan. Kontinent umfassten. Bei Ausbruch des 2. Weltkriegs zog ein Teil der Generaldirektion unter der Leitung des Präs. Edouard Muller in die USA, um von dort aus bis 1947 die Geschicke der Firma in Übersee zu leiten.

Um die Abhängigkeit von der Milch zu verringern, lancierte N. bereits 1905 eine eigene Schokolade und übernahm 1929 die Gruppe Peter, Cailler, Kohler, Schweizer Schokoladen A.-G. Der Schritt ins Kaffeegeschäft erfolgte 1938 mit der Lancierung des Pulverkaffees Nescafé. Nach der Übernahme der AG Alimentana (Maggi) fand 1947 der Namenswechsel zur Nestlé-Alimentana AG statt. Ab den 1960er Jahren wuchs der Konzern über Akquisitionen verstärkt in weitere Nahrungsmittelbereiche: Konserven (Crosse & Blackwell 1960, Libby 1963), Speiseeis (France Glaces und Jopa 1960), gefrorene und gekühlte Produkte (Frisco Findus 1962, Chambourcy 1968) sowie Mineralwasser (Vittel 1969). Eine Abrundung im bisherigen Geschäft fand 1971 mit dem Kauf der Ursina-Franck (Thomy, Leisi, Stalden-Crème, Guigoz usw.) in der Schweiz statt. Während der Erdölkrisen verfolgte N. erstmals bedeutende Diversifikationen über den Nahrungsmittelsektor hinaus: zunächst mit einer Minderheitsbeteiligung an der Kosmetikfirma L'Oréal (1974), dann am ophtalmolog. Unternehmen Alcon Laboratories (1977). In diese Zeit fiel auch die öffentl. Kontroverse über die Vermarktung von Säuglingsnahrung in der Dritten Welt, die zu Boykottkampagnen und schliesslich 1981 zur Verabschiedung eines WHO-Kodex führte. Um den Marktanteil in den USA zu vergrössern, erwarb N. 1985 Carnation und zur Stärkung des eigenen Schokolade- und Süsswarengeschäfts 1988 Rowntree und Buitoni-Perugina. Ab den 1990er Jahren expandierte N. in die bisher abgeschotteten Märkte Osteuropas und Asiens. Zudem konzentrierte sich der Konzern stärker auf die Wachstumsbereiche Wasser (Perrier 1992, San Pellegrino 1998), Heimtiernahrung (Spillers Petfoods 1998, Ralston Purina 2001) und Speiseeis (Finitalgel 1993, Schöller 2002, Mövenpick und Dreyer's Grand Ice Cream 2003). Die Gesellschaft tritt seit 1977 unter dem heutigen Namen N. auf. 2007 verfügte der Konzern über 480 Fabriken in 86 Ländern weltweit. 276'000 Mitarbeiter, darunter 8'500 in der Schweiz, erarbeiteten einen Umsatz von 108 Mrd. Fr., wovon nur 1,5 Prozent in der Schweiz generiert wurden.


Archive
– ACV
– Archives historiques Nestlé, Vevey
Literatur
– H. Maucher, «Les stratégies de développement du groupe N. au cours des dernières décennies», in Diversifikation, Integration und Konzentration, hg. von E.-B. Blümle et al., 1986, 309-335
– J. Heer, N., 1991
– F. Schwarz, N., 2000
Veröff. UEK 6
– M. Lüpold, «Globalisierung als Krisenreaktionsstrategie», in Globalisierung - Chancen und Risiken, hg. von H.-J. Gilomen et al., 2003, 211-234
– T. Fenner, «N. & Anglo-Swiss», in Der vergessene Wirtschaftskrieg, hg. von R. Rossfeld, T. Straumann, 2008, 317-343

Autorin/Autor: Albert Pfiffner