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Industriearchäologie

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Als junger Forschungszweig befasst sich die I. mit der Erforschung, Dokumentation, Würdigung und Erhaltung von Anlagen und mechan. Einrichtungen im Bereich von Gewerbe, Industrie und Verkehr sowie Berg- und Wasserbau. Interdisziplinäre Verbindungen bestehen zu Bau-, Architektur- und Technikgeschichte, Volkskunde, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte. Wie die anderen Richtungen der Archäologie ist sie hauptsächlich an der materiellen Hinterlassenschaft der Menschheit interessiert. Anliegen der I. ist es, Verständnis für Arbeitswelten zu wecken und Produktionsabläufe, Maschinen- und Baukonstruktionen in einen sozialen Kontext zu stellen.

Im dt. Sprachraum dehnte Conrad Matschoss, der u.a. für Sulzer Winterthur tätig war, 1932 als Erster die Technikgeschichte auf Industrie-Denkmäler aus. Der Begriff I. (Industrial Archaeology) wurde 1955 in England geprägt. 1959 bot die Univ. Birmingham in Ironbridge erstmals Kurse in I. als wissenschaftl. Disziplin an. In Deutschland hat I. grosse Bedeutung bei der Evaluation und Erhaltung von Grosskomplexen (u.a. Hochofenanlagen). Seit 1973 findet alle drei Jahre eine internat. Fachkonferenz für I. statt.

Die Schweiz hat als frühe Industrienation ein international bedeutendes industriekulturelles Erbe, das es im Wettlauf mit der Desindustrialisierung zu dokumentieren und zu erhalten gilt, und zwar einerseits bezüglich des wachsenden Industriekultur-Tourismus, andererseits im Hinblick auf die Wahrnehmung der eigenen industriekulturellen Identität. 1974 lief die Bauinventarisierung (Fabrikbauten) im Inventar der neueren Schweizer Architektur INSA (Zeitraum 1850-1920) auf nationaler Ebene an; Kantone und Gemeinden zogen unterschiedlich schnell nach. Seit 1979 werden Projekte zur Erhaltung und Wiederbelebung von aufgegebenen Industrielandschaften realisiert: Industrielehrpfad Zürcher Oberland mit Museumsspinnerei (ab 1979), Industrieveloweg Winterthur (1990), Industriepfad Lorze im Kt. Zug (1995), Industrielehrpfad Bischofszell-Hauptwil mit Museumspapiermaschine (1995), Industriekulturpfad Baden-Limmatwasserschloss (1995-98), Glarner Industrieweg (1996). Als ein Beispiel unter vielen für eine Umnutzung alter Fabrikanlagen seien die Genfer Kraftwerke erwähnt, deren Räume seit 1997 z.T. für kulturelle Aufführungen verwendet werden. Das bedeutendste Resultat der Bemühungen der I. ist der erste Industrielehrpfad in der alten Industrielandschaft zwischen Tösstal und Greifensee mit Fabrikumnutzungen, denkmalpflegerischen Erhaltungen, Musealisierungen und Wiederbelebungen (u.a. stillgelegte Eisenbahn, Dampfschiff, Wasserradsägerei, Textilfabrik). Ehem. Bergwerke, u.a. Gonzen, Bex, Val-de-Travers, sind als Bergbaumuseen begehbar gemacht worden. Für mobiles Industriekulturgut bestehen themat. Museen; führend ist das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.

Im Unterschied zu anderen Industrienationen gibt es in der Schweiz weder an Fachhochschulen noch an Hochschulen Lehrstühle für industriekulturelle Bereiche. Technikgeschichte wird v.a. aus privater Initiative (z.B. Schweiz. Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur), lokal und regional und für einzelne Objekte aufgearbeitet. Da institutionalisierte Forschung und Dokumentation fehlen, ist die Kenntnis der wichtigen industriekulturellen Denkmäler der Schweiz lückenhaft, was eine auf das Wesentliche zielende Industriedenkmalpflege erschwert.


Literatur
I., 1977-
Rapport sur l'étude et la mise en valeur du patrimoine industriel en Suisse, 1981
Industriekultur-Bull., 1984-
– A. Balthasar, T. Steffen, «Technikgesch.», in SZG 41, 1991, 161-168
Industriekultur am Bodensee, hg. von D. Stender, 1992
– H.-P. Bärtschi, Der Industrielehrpfad Zürcher Oberland, 21994
– H.-P. Bärtschi, Industriekultur im Kt. Zürich, 21995, (mit Bibl.)
– H.-P. Bärtschi, Das industrielle Erbe und die Schweiz, 1998, (dt. und franz.)

Autorin/Autor: Hans-Peter Bärtschi