Bahnhöfe

B. dienen den Eisenbahnen als Umschlags- und Versorgungsorte. Sie setzten ursprünglich die Bautradition der Posthöfe als für alle Umschlagnutzungen integrierte Anlagen fort: Die frühen Bahn-Höfe umfassten Bauten für den Personen- und den Güterverkehr sowie für den Unterhalt und die Remisierung von Wagen und Lokomotiven (inkl. Werkstätten, Wassertürme und Bekohlungsanlagen). Baulich gehören zu den Personenbahnhofanlagen die Empfangs- und Abfertigungsräume für Reisende (inkl. Wartsäle, Toiletten und Kiosk), für den Witterungsschutz die Bahnhofhallen und Perrondächer. Der diszplinierenden Abfertigung von Reisenden mittels Bahnsteig-, Fahrkarten- und Zugführerkontrollen wurde ursprünglich ebenso hohe Bedeutung beigemessen wie ihrem feierl. Empfang in grosszügigen Hallen, Wartsälen und Bahnhofrestaurants, die oft mit Bildern lokaler tourist. Sehenswürdigkeiten geschmückt waren.

Als erster Ort der Schweiz erhielt Basel 1844 mit dem Franz. B. als Endpunkt der internat. Linie Strassburg-Saint-Louis-Basel einen B. Nach der Eröffnung der B. von Zürich und Baden 1847 an der "Spanischbrötli-Bahn" entstanden weitere Stationen entlang dem Stammnetz der wichtigsten Eisenbahngesellschaften. 1857 besassen nebst Lausanne (1856) an der Strecke Morges-Yverdon der Compagnie de l'Ouest-Suisse, Langenthal und Burgdorf an der Strecke Olten-Bern der Schweiz. Centralbahn (1857) die durch das Netz der Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) sowie der Schweiz. Nordostbahn (NOB) verbundenen Zentren der Ostschweiz ihren B. (z.B. Winterthur 1855, St. Gallen 1856). Bis 1864 folgten die übrigen Städte der Alpennordseite (Genf 1858, Aarau, Luzern und Neuenburg 1859, Bern und Glarus 1860, Zug und Biel 1864). Erst mit dem zweiten Schub des Eisenbahnbaus wurden 1874 die B. Bellinzona, Locarno und Lugano eröffnet. In den 1880er Jahren folgten Schwyz und Altdorf (UR) sowie 1897 Arth-Goldau. Die jungen Schweiz. Bundesbahnen (SBB) bauten neue Personenbahnhöfe mit grosszügigen Eisenskelett-Bahnhofhallen in Basel (bis 1907), St. Gallen (bis 1913) und Lausanne (bis 1916). Nach 1918 erfolgten u.a. die Verlegung der B. Biel und Thun (bis 1923), die Tieferlegung der linksufrigen Zürichseebahn (mit neuen B.n Wiedikon und Enge) und der Neubau in Genf (1934). Die Modernisierung der B. nach dem 2. Weltkrieg fällt in den Abschnitt der zeitgenöss. Baukunst. Zürich-Stadelhofen und Luzern II (1990-91) wurden für ihre Architektur mit Preisen ausgezeichnet.

Im 19. Jh. wurden B. meist ausserhalb bestehender Dorf- und Stadtstrukturen gebaut. Die Reisenden gingen zu Fuss, fuhren per Kutsche, später per Tram zum B. Durch das Schleifen der Stadtmauern und der damit verbundenen Ausdehnung der Siedlungsfläche kamen die B. gegen Ende des 19. Jh. immer näher bei den Stadtzentren zu liegen. Die neuen Stadt-B. wurden in den Rang von öffentl. Gebäuden erhoben, die für ihre Eisenbahngesellschaften warben. Der Bahnhofsvorplatz entwickelte sich zur Visitenkarte eines Ortes, und an der zum Bahnhof führenden Strasse entstanden Hotels, Wohn- und Geschäftshäuser. Die B. bestimmten die Ausrichtung des städt. Wachstums, was oft eine radikale Umgestaltung der Stadtstruktur nach sich zog. Auf dem Land wurden B. zu Symbolen für den Anschluss an die Welt.

Im 20. Jh. entwickelten sich die B. zunehmend auch zu sozialen und wirtschaftl. Zentren. Vor den B. entstanden Geschäftsgebäude auf teuer gewordenen Grundstücken, dahinter konzentrierten sich Lager-, Gewerbe- und Industriebetriebe, vermischt mit hoch verdichteten Arbeiterwohnungen ("Mietskasernen"). Die Lage der Bahnhofsanlagen und Bahnviadukte wurde städtebaulich dominierend, förderte oder behinderte die Siedlungsentwicklung und innerstädt. Verbindungen. Seit den 1960er Jahren, v.a. aber seit den 90er Jahren wurden grössere B. verstärkt kommerzialisiert und bahnfremden Nutzungen (z.T. unterird. Geschäftsläden, Werbung, Autoparking) zugänglich gemacht. Gleichzeitig wurden im Zuge der Rationalisierung bei kleineren B.n die Güterabfertigung und Schalterbedienung reduziert, eingestellt oder auf Automaten umgestellt. Ausschliesslich dem Güterverkehr dienende Güter-, Werk-, Hafen- und Rangierbahnhöfe wurden in jüngerer Vergangenheit durch neue Bahnhofsormen des kombinierten Schienen-Strassenverkehrs ergänzt (Container-Terminals).

Architektonisch sind die B. oft die ältesten bedeutenden Zeugen des frühen Eisenbahnwesens. Die Funktion der B. blieb über die Jahre gleich, es entwickelten sich spezif. Architekturnormen und die Bahnunternehmungen liessen Normalien für Bautypen erarbeiten. Personenbahnhöfe können so nach Form (Keil-, Insel-, Hochbahnhof) oder nach Grössenordnungen unterschieden werden. Zu den kleinsten Bautypen gehören Wartehäuschen, Wärter- oder Güterstationen. Am weitesten verbreitet sind Landstationen mit Wohnung, Dienst-, Gepäck-, Schalter- und Warteräumen in zweigeschossigen, meist traufständigen Satteldachgebäuden, die oft gemauert, seltener in Chalet- und Regionalformen erstellt wurden. Stadt- und grosse Grenzbahnhöfe haben neben der Centralbahn und der Gotthardbahn (Luzern I, Bellinzona, Lugano, Locarno) die NOB (Zürich mit Triumphbogen und Thermenhalle) vollendet.


Archive
– Arias, Winterthur (Bahnhofinventar)
– SBB Historic
Literatur
ISOS, 1981-
INSA
– W. Stutz, B. der Schweiz, 1983
– L. Dosch, Die Bauten der Rhät. Bahn, 1984
– H.P. Bärtschi «Hist. B. der SBB», in Revue Schweiz 59, 1986, H. 2, 1-48

Autorin/Autor: Hans-Peter Bärtschi