Gamsen

Teil der Gem. Brig-Glis VS unweit der Simplonroute gelegen. Die 1988-99 durchgeführten Ausgrabungen belegen eine Reihe von dörfl. Siedlungen, die von der Bronzezeit (um 1400-1100 v.Chr.) bis ins 3. Jh. n.Chr. reicht. Vom 4. bis ins 11. Jh. kam es regelmässig zu Wiederbesiedlungen (Gräber, Gipsöfen). Infolge des guten Erhaltungszustands, der grossen Anzahl an Funden sowie der langen Siedlungsdauer kommt der Stätte für die Erforschung der Siedlungsstrukturen in den westl. Alpen ein besonderer Wert zu. Die am besten dokumentierten Epochen sind die frühe Eisenzeit (600-450 v.Chr.) und die Römerzeit (1.-3. Jh. n.Chr.). Die mehreren hundert identifizierten Gebäude (Wohngebäude, Scheunen, Speicher, Ställe, Werkstätten und Lagerhäuser) waren auf Terrassen angelegt und durch Erdwege miteinander verbunden. Die vielen verschiedenen traditionellen Bauweisen (Holz, Lehm mit Stroh, Trockenmauern) veränderten sich im Laufe der Jahrhunderte kaum. Die Anordnung und die Zweckbestimmungen der Gebäude geben Aufschluss über die soziale Organisation der dort lebenden Gemeinschaften. Anders als im Unterwallis, veränderte die röm. Herrschaft die Lebensweise der Einwohner von G. nicht grundlegend. Diese lebten weiter in Behausungen, die denen ihrer Vorfahren glichen, und übten auch dieselben Tätigkeiten aus.

Verkohlte Samen und Knochen zeigen eine Bauern- und Hirtengesellschaft, deren Mitglieder Getreide (Hirse, Gerste) und Hülsenfrüchte anbauten, Früchte in ihren Obstgärten ernteten, wilde Beeren pflückten und v.a. Ziegen und Schafe hielten. Die Funde bezeugen auch einheim. Handwerk (Bronzeschmuck, Keramik, Objekte aus Stein). Handelskontakte über die Alpenpässe bestanden - darauf weisen importierte Produkte hin - sowohl mit den südl. Nachbarn wie auch mit den Bewohnern des Mittellands.


Literatur
– P. Curdy et al., «Brig-Glis/Waldmatte, un habitat alpin de l'âge du Fer», in ArS 16, 1993, 138-151
– O. Paccolat, «Le village gallo-romain de Brig-Glis/Waldmatte», in ArS 20, 1997, 25-36
– O. Paccolat, «L'agglomération de Waldmatte près de Brigue», in Vallis Poenina, Ausstellungskat. Sitten, 1998, 204-208

Autorin/Autor: François Wiblé / BE