Baugewerbe

Das moderne B. gliedert sich in das Bauhaupt- und das Bauneben- bzw. Ausbaugewerbe. Ersteres lässt sich unterteilen in den Hochbau, der alle oberird. Bauten erstellt, und den Tiefbau, der im Wesentlichen Strassen, Geleise und unterird. Anlagen zur Ver- und Entsorgung anlegt. Das Baunebengewerbe kümmert sich v.a. um den Innenausbau. Zusammen mit den Planungsbüros der Architekten (Architektur) und Ingenieure sowie mit der Zulieferindustrie bildet das B. die Bauwirtschaft.

Die Geschichte des B.s in der Schweiz ist nur in Grundzügen bekannt. Im MA treten zuerst feudale Organisationsformen des Bauens hervor: Im Auftrag von Adel und Geistlichkeit und unter Anleitung von wandernden Werkmeistern bauten Fronarbeiter und im SpätMA vermehrt Lohnhandwerker Burgen und Schlösser sowie Klöster und Kirchen. Für diese aufwendigen Bauaufgaben bildete sich ein qualifiziertes, ebenfalls wanderndes Handwerk (Maurer, Steinmetzen, Zimmerleute, Ziegelbrenner) heraus. Insbesondere Einwohner mancher Alpenregionen (Tessin, Graubünden, Vorarlberg, Tirol, Savoyen, Süddeutschland) bestritten mangels Alternativen ihren Lebensunterhalt durch ein spezialisiertes B., das sie durch ganz Europa führte und eine saisonale, mehrjährige oder gar endgültige Auswanderung bedingen konnte (Wanderarbeit, Maestranze).

Im Hoch- und SpätMA entstand mit der Welle von Städtegründungen ein grosser Bedarf an Bauleistungen für Häuser, Stadtbefestigungen, Brücken, Strassen (Pflästerungen) und Gewerbekanäle. Gleichzeitig organisierten sich die Bauhandwerker in Zünften bzw. im Rahmen der Wanderarbeit überregional in Bruderschaften, v.a. die Maurer, Zimmerleute und Steinmetzen, aber auch die Dachdecker, Glaser, Maler, Hafner und Tischmacher. Kirchl. Grossbauten mit langen Bauzeiten verlangten nach einer speziellen Organisationsform, der Bauhütte (z.B. am Berner Münster ab 1420). Deren technisch-organisatorische Leitung lag bei einem Werkmeister, der zusammen mit Steinmetz-, Zimmer- und anderen Meistern die Arbeiter anstellte und beaufsichtigte. Die Holz- und Fachwerkbauten auf dem Land dagegen wurden von der Landbevölkerung in nachbarschaftl. Zusammenarbeit und unter Beizug dörfl. Handwerker mehrheitlich selber erstellt.

Bereits im SpätMA breitete sich neben dem zünft. B. ein gewinnorientiertes Unternehmertum aus, das, z.B. beim Bau der St. Oswaldskirche in Zug ab 1478, Bauaufträge mit Lohnarbeitern im Akkord ausführte. Im Verlauf der frühen Neuzeit nahm dieses frühkapitalist. Bauunternehmertum zu. Besonders auf dem Land konnte es sich wegen des Fehlens von zünftischen Regelungen entfalten. Bauunternehmer, wie z.B. der Appenzeller Hans Ulrich Grubenmann oder die Vorarlberger Baumeister des ausgehenden 17. und 18. Jh., mit mehreren Dutzend Gesellen oder Arbeitern waren keine Seltenheit. Vereinzelt bereits vom 18. Jh. an bauten Bauunternehmer auch auf eigene Rechnung, vermieteten Geschäftslokale und Wohnungen und schufen zusammen mit kapitalkräftigen Baugesellschaften (z.B. Süddt. Immobilien-Gesellschaft im Basler Gundeldingerquartier, Berne Land Company im Berner Kirchenfeldquartier) ganze Stadtviertel oder wenigstens einen Immobilienmarkt. Impulse zur Mechanisierung und Rationalisierung des B.s kamen in der 2. Hälfte des 19. Jh. von den Ingenieuren im Brücken- und Bahnbau (Stahlbau), wobei hier zuerst v.a. ausländ. Konstrukteure und Lieferanten wirkten. Diese Entwicklung verstärkte sich im 20. Jh., u.a. mit dem Aufkommen von Bauten aus vorgefertigten Betonelementen und dem Einsatz von motorbetriebenen Baumaschinen.

Die volkswirtschaftl. Bedeutung des B.s war vom SpätMA an beträchtlich. In den Städten des MA und der frühen Neuzeit arbeiteten rund 10% der Handwerker in der Baubranche. Im Zürcher Unterland, als ländl. Beispiel, waren 1790 ein Viertel der handwerkl. und gewerbl. Spezialisten im B. tätig. Daneben waren je nach Saison und Auftragslage auch Taglöhner und Gelegenheitsarbeiter als Handlanger auf Baustellen beschäftigt. Während aller Epochen dominierten im B. die Männer. Im 19. Jh. liess das demograf. und wirtschaftl. Wachstum die Nachfrage nach privaten und öffentl. Bauten ansteigen. So entstanden neue Fabrikbauten, ab den 1850er Jahren das Bahnnetz, Verwaltungsgebäude von Bund und Kantonen (z.B. Bundes[rats]haus 1852-57) sowie kommunale Gebäude (Schulhäuser, Gaswerke, Schlachthöfe usw.). In der 2. Hälfte des 19. Jh. expandierte auch der Wohnungsbau, v.a. in den grösseren Städten. Den kräftigsten Expansionsschub erlebte die Bauwirtschaft im 20. Jh.: 1945-73 und in den 1980er Jahren wuchs sie überdurchschnittlich und war ein wichtiger Pfeiler des volkswirtschaftl. Wachstums, nicht zuletzt aufgrund des Baus der Nationalstrassen.

Die Baunachfrage war immer stark von der Konjunktur abhängig. V.a. die privaten Bauaufträge wiesen grosse Schwankungen auf. Bereits im 14. und 15. Jh. erlebten die meisten Städte der Schweiz eine von der polit., wirtschaftl. und demograf. Entwicklung begünstigte Baukonjunktur. Auch im 16. Jh. ist mindestens für einzelne Städte eine grosse Bautätigkeit nachgewiesen. In Bern wurden damals zwei Drittel der Gebäude neu oder umgebaut. Das "goldene Zeitalter" des Barocks lässt sich deutlich am Bauvolumen im Gebiet der Schweiz ablesen. Viele Städte erhielten ein barockes Gesicht, indem bis zu drei Viertel der Bausubstanz verändert oder neu gebaut wurden. In ländl. Orten errichteten die führenden Geschlechter eigentl. Paläste oder reich geschmückte Bauernhäuser. Zahlreiche Klöster gaben aufwendige Neubauten in Auftrag. Ferner entstand im 18. Jh. im obrigkeitl. Auftrag ein Netz von - im Vergleich zu ma. Verhältnissen - gut befahrbaren Staatsstrassen. Die Baukosten von öffentl. und privaten Bauten wurden von den Auftraggebern normalerweise mit den laufenden Einnahmen bestritten, so dass sich die Bauzeit oft über mehrere Jahrzehnte erstreckte. Boomzeiten erlebte die Baubranche erneut von den späten 1850er Jahren bis zur Depression der 1870er und 80er Jahre und in den zwei Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg. Dieser und die Krise der 1930er Jahre brachten dann einen Einbruch der Bautätigkeit, den auch die antizyklisch vergebenen öffentl. Bauaufträge nicht auszugleichen vermochten. Die späten 1920er Jahre und die Hochkonjunkturen nach dem 2. Weltkrieg verschafften dem B. hingegen goldene Zeiten. 1973 und 1988-89 erreichten die Beschäftigung und die Bauinvestitionen in der Schweiz jeweils einen Höchststand. 1960-73 arbeiteten durchschnittlich 9,5% der Erwerbstätigen in der Baubranche. Nach 1973 folgte ein Beschäftigungseinbruch um 40%, und auch 1988-95 gingen die Beschäftigtenzahlen um einen Viertel zurück, um 1997 im Bauhauptgewerbe erstmals seit langem unter die Marke von 100'000 zu fallen. Die Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte waren immer auch Baukrisen. Diejenige der 1990er Jahre, dem Wesen nach auch eine Strukturkrise, hat zahlreiche kleine und mittlere, aber auch grosse Baufirmen (Losinger, Marti, Preiswerk, Stuag, Zschokke) in Schwierigkeiten gebracht.

Erwerbstätige im Baugewerbe
Jahrabsolutin %a
188862'2164,8%
190099'8636,4%
1910127'2837,1%
1920107'0055,7%
1930147'1737,6%
1941143'7367,2%
1950167'6417,8%
1960239'4549,5%
1970b285'1519,5%
1980b221'6237,2%
1990b314'7908,8%
2000b239'7566,3%

a Anteil an der erwerbstätigen Bevölkerung

b ab 1970 mit Teilzeitbeschäftigten

Quellen:Eidg. Volkszählungen

Auch witterungsbedingt schwankten die Bautätigkeit und die Nachfrage nach Arbeitskräften zu allen Zeiten saisonal sehr stark. Zudem dauerte der Arbeitstag im Sommer länger als im Winter. Leidtragende der konjunkturellen und saisonalen Schwankungen waren in erster Linie die Bauarbeiter. Besonders die schlecht qualifizierten Erdarbeiter und Handlanger waren bereits im MA die Manipuliermasse auf den Baustellen, die kurzfristig angeheuert oder entlassen wurde. Die spätma. und frühneuzeitl. Tradition der Saisonarbeit von Bauarbeitern aus dem Tessin und Graubünden im Ausland bzw. aus Vorarlberg, Tirol und Süddeutschland in der Schweiz fand im 19. und 20. Jh. ihre Fortsetzung mit Fremdarbeitern aus südeurop. Ländern. Nach der Fertigstellung der Gotthardbahn (1882) strömten Tausende von Handlangern und Maurern aus Norditalien in die Schweiz, wo sie dank des Baubooms vor dem 1. Weltkrieg Arbeit fanden. Bereits 1910 waren 40% der Bauarbeiter Ausländer, in den grössten Städten sogar 50%. Diese Zuwanderungswelle wiederholte sich nach 1945, so dass seit 1960 rund 60% der Bauarbeiter aus dem Ausland stammen. Dies hatte für die Unternehmer den Vorteil, dass die konjunkturellen und saisonalen Nachfrageschwankungen besser aufgefangen werden konnten, indem Arbeiter mit befristeten Aufenthaltsbewilligungen ohne Probleme nach Hause geschickt werden konnten. Ferner weist der hohe Ausländeranteil darauf hin, dass das B. zahlreiche schlecht bezahlte Stellen ungelernter Arbeitskräfte umfasste.


Literatur
– K. Strolz, Das Bauhandwerk im alten Zürich unter besonderer Berücksichtigung seiner Löhne, 1970
LexMA 1, 1553-1561, 1623-1626, 1629 f.
– A. Brulhart, E. Rossier, Bibl. critique de l'urbanisme et de l'architecture à Genève, 1798-1975, 2 Bde., 1978-82
– H.C. Peyer, «Entwicklung der Schweizer Bauwirtschaft vom MA bis ins 18. Jh.», in Schweizer Baubl., Nr. 82, 1982, 63-68; Nr. 84, 1982, 51-55
– C. Adam, Les cycles conjoncturels de la construction à Genève (1848-1925), 1983
– B. Beck, Lange Wellen wirtschaftl. Wachstums in der Schweiz 1814-1913, 1983
Schweiz. Bauwirtschaft in Zahlen, 1984-
– T. Meier, Handwerk, Hauswerk, Heimarbeit, 1986
– H. Frey, E. Glättli, Schaufeln, sprengen, karren, 1987
– A. Knöpfli, «Aufsteiger - oder längst im Bürgertum zu Hause? Bauunternehmer und Bauunternehmen in der Schweiz», in Schweiz im Wandel, 1990, 259-276
– U. Brunold et al., Gewerbl. Migration im Alpenraum, 1994
– R. Gerber, Öffentl. Bauen im ma. Bern, 1994

Autorin/Autor: Christian Lüthi