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Moutier (Gemeinde)

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Polit. Gem. Bern, Hauptort des gleichnamigen Amtsbezirks. M. erstreckt sich im Birstal zwischen der Klus von Court und derjenigen von M. und umfasst zudem einige Siedlungen auf der Montagne de M. 1154 datum Monasterii, 1181 apud Monasterium, früher dt. Münster. 16. Jh. 342 Einw. (Prévôtois genannt); 1850 917; 1880 2'111; 1900 3'088; 1910 4'164; 1950 5'916; 1970 8'794; 2000 7'701. Einige Wohnbauten bestanden in M. vermutlich bereits vor der Gründung des Klosters Moutier-Grandval um 640. Bis 1797 war M. Hauptort der Propstei M.-Grandval, einer Vogtei des Fürstbistums Basel, und Sitz der Grand-Mairie M., die für die Gerichtsbarkeit und polit. Angelegenheiten zuständig war. 1797-1813 gehörte M. nacheinander den franz. Departementen Mont-Terrible und Haut-Rhin an; 1815 kam es zum Kt. Bern (Oberamt, dann Amtsbezirk).

Die 2008 in der Rue Centrale gefundenen Mauerreste und Teile von Böden gehören zum Kloster, dessen Standort zuvor unbekannt war. Der Flecken bildete sich spätestens im 12. Jh.; 1269 war er von einer Feuersbrunst betroffen. Ein Spital ist 1148 erstmals erwähnt. Ende des 16. Jh. wurde das Propsteischloss (1932 Renovation) errichtet, das der Kt. Bern 1817 als Amtssitz des Regierungsstatthalters erwarb. Die Pfarrkirche Saint-Pierre, die vermutlich auf das FrühMA zurückgeht, erfuhr nach der Reformation eine Erweiterung; 1873 wurde sie abgebrochen. Das Kloster M.-Grandval wurde zwischen 1049 und 1150 in ein Stift umgewandelt. Die Kollegiatskirche Saint-Germain und Saint-Randoald aus dem 12. Jh. wurde nach der Reformation geschlossen (1531), das Stiftskapitel nach Delsberg umgesiedelt. Nach einem Brand 1571 nur mehr Ruine, wurde sie 1860-63 als ref. Gemeindekirche wieder aufgebaut und 1957-61 im rom. Stil restauriert (Glasmalereien von Coghuf und Yves Voirol). Zur selben Zeit erwarb die französischsprachige Pfarrei von M. die Kapelle von Chalières. Das Gotteshaus der deutschsprachigen Kirchgemeinde stammt von 1932, die kath. Kirche Notre-Dame de la Prévôté mit Glasfenstern von Alfred Manessier von 1967.

Der Ausbau der Strassen nach Delsberg (1827), Gänsbrunnen (1843) und Court (1845) sowie die Eisenbahnverbindungen mit Basel (1876), Biel durch das Tal von Tavannes (1877), Solothurn (1908) und Grenchen (1915 Grenchenbergtunnel von 8,6 km) förderten die Industrialisierung. Drei Industriezweige verhalfen M. zu internat. Ruf: die Glasherstellung (in der Region liegen mehrere Quarzsandvorkommen), die Uhrmacherei und v.a. die Produktion von automat. Drehmaschinen. Die von Célestin Châtelain gegr. Verrerie de Moutier nahm ihren Betrieb 1842 auf und gewann rasch an Bedeutung. Sie wurde die bedeutendste Fensterglasfabrik der Schweiz; Mitte der 1970er Jahre deckte die monatl. Produktion von 250 Tonnen Glas die Nachfrage des gesamten Landes. Die Entdeckung eines neuen Herstellungsverfahrens für Glas (Float-System) zwang das Unternehmen 1976, das Schmelzen von Glas aufzugeben. Es wurde 1978 in eine Holding umgewandelt, und die Produktion wurde der Verres Industriels SA überlassen, einer 1955 gegr. Filiale. Als Spezialist für Sicherheitsglas beschäftigte das Unternehmen zu Beginn des 21. Jh. in M. rund 200 Personen. Die Uhrmacherei wurde zuerst in Heimarbeit in kleinen Werkstätten betrieben. Die industrielle Uhrenproduktion setzte Mitte des 19. Jh. mit der Grande Fabrique ein, die zur Société industrielle wurde und 1880 ca. 500 Arbeitern ein Auskommen bot. Die Uhrenindustrie entwickelte sich v.a. mit den Unternehmen Léon Lévy & Frères und Louis Schwab, die um die Jahrhundertwende gegründet wurden, in der Zwischenkriegszeit allerdings grosse Schwierigkeiten durchlebten. Spätestens in den 1950er Jahren mussten viele Uhrenfabriken entweder schliessen oder ihre Produktion verlegen; einige Betriebe wurden auch von der Ebauches SA übernommen. Die Produktion von automat. Drehmaschinen mit bewegl. Spindelstock, eingeführt 1883 vom Schaffhauser Nicolas Junker, erlebte einen bemerkenswerten Aufschwung. Sie verdankte diesen primär den Usines Tornos (ehemals Junker) und den Fabriken von André Bechler und Joseph Pétermann, aus denen 1974 Tornos-Bechler hervorging (seit 2001 Tornos SA). Tornos und Bechler schufen neben Berufsbildungszentren wie schon früher die Glashütte (1918 Cité Sainte-Marie) auch mehrere Arbeitersiedlungen (ab 1945-47 Chalets nègres sous-Raimeux, Champs-Forts und Champs-Faudin sowie ab 1957 Sur Menué). Die Schwierigkeiten der Maschinen- und Werkzeugindustrie seit Ende des 20. Jh. erklären den Bevölkerungsrückgang des Orts. 2005 stellte der 2. Sektor gut die Hälfte der Arbeitsplätze in M. Der geplante Anschluss an die Transjurane - 2007 wurde ein erstes Teilstück zwischen M. und Delsberg eröffnet - und umfassende, 2003 eingeleitete Instandsetzungsarbeiten am Grenchenbergtunnel sollten die Konjunktur in M. beleben.

Nach der Erlangung des Status einer Stadt 1950 erfuhr die Infrastruktur von M. einen Ausbau. 1950 entstand ein Schwimmbad, 1955 eine zweite Primarschule sowie ein neues Sekundarschulgebäude, wobei der ehemalige Bau 1962 in ein Rathaus umgewandelt wurde, 1961 ein neuer Bahnhof, 1973 die Primarschule in Chantemerle und 1976 ein neues Bezirksspital, welches dasjenige von 1871 ersetzte. Die ehem. Fabrik Pétermann wurde in das Centre industriel, commercial et artisanal von M. umgenutzt. Die Villa Bechler beherbergt das Musée jurassien des Arts, die Villa Junker das Museum der Automatischen Drehmaschinen. Die Jura-Frage hat die Bevölkerung M.s stark geprägt. Das Jura-Plebiszit von 1974 hatte für die probern. Seite eine Mehrheit von 70 Stimmen ergeben, worauf gewalttätige Akte die Abstimmungen vom 16.3. und 7.9.1975 begleiteten. Die Autonomisten erlangten im Stadtrat, der 1970 die Gemeindeversammlung abgelöst hatte, die Mehrheit. Seit 1986 hat M. einen autonomist. Bürgermeister. Bei einer kommunalen Konsultativabstimmung 1998 bekräftigten die Bürger von M. mit einer dünnen Mehrheit von 41 Stimmen ihren Willen, beim Kt. Bern zu bleiben. Seit der Gründung der Assemblée interjurassienne 1994 ist M. deren Sitz.


Literatur
– P. Pierrehumbert, M. à travers les âges, 1943 (21984)
– A. Holzer, W. Rougemont, De M. village à M. ville, 1970
– A. Holzer et al., Après M. village, M. ville, 1974
– M. Bassand, Les ambiguïtés de la démocratie locale, 1976
– W. Rougemont, M. Robert, M., chef-lieu de district, 2 Bde., 1978
– S. Zahno, Le développement industriel du tour automatique à M., Liz. Freiburg, 1988
– C. Vogt, Recensement architectural de la commune de M., 2000

Autorin/Autor: François Wisard / CSC