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Scherrer, Joseph Anton

geboren 17.11.1847 Itaslen (heute Gem. Bichelsee-Balterswil), gestorben 8.9.1924 Mammern, kath., von Kirchberg (SG). Sohn des Alois, Kleinbauern und Wirts, und der Waldburga geb. Hollenstein. Bruder des Paul ( -> 14). ∞ 1876 Philippine Füllemann, Adoptivtochter des Christoff. Kantonsschule in Frauenfeld, Klosterschule in Einsiedeln, Jesuitenkollegium in Feldkirch, 1867-69 Rechtsstud. in München und Basel. Bis zum Umzug nach St. Gallen 1886 war S. Rechtsanwalt in Sulgen und nebenberufl. Landwirt. 1886-91 wirkte er als Anwalt in St. Gallen. 1891-94 gehörte er dem St. Galler Regierungsrat an und stand dem Justizdepartement vor. Ab 1894 arbeitete er wieder als Anwalt und 1897-1909 als Kassationsrichter. 1889-90 amtierte er als Verfassungs- und 1895-21 als Kantonsrat sowie 1890-1922 als demokrat. Nationalrat. In St. Gallen übernahm S. die Führung der Demokrat. und Arbeiterpartei. Zusammen mit den Konservativen brachte er das im Wesentlichen auf ihn zurückgehende Revisionsprogramm für die Kantonsverfassung von 1890 durch. Als Parlamentarier kämpfte er für die Einführung des Proporzes auf Kantons- und Bundesebene sowie für die Volkswahl des Bundesrats. Im Nationalrat zählte er zur sozialpolit. Gruppe und setzte sich für die Schaffung neuer Bundesmonopole ein: 1902 für die Errichtung einer Staatsbank, 1908 für ein eidg. Getreidemonopol und 1910 für eine schweiz. Hypothekenbank. 1900 verlangte er in einer Motion die Erhöhung der Zahl der Bundesräte, 1919 die Totalrevision der Bundesverfassung. In wirtschaftl. und sozialpolit. Fragen distanzierte er sich von klassenkämpfer. Strömungen. S. war Gründer und Präs. der schweiz. Sektion der Interparlamentar. Union und 1902-22 Mitglied des Rats der Interparlamentar. Union. Während und nach dem 1. Weltkrieg gehörte er zu den Förderern der internat. Friedensbewegung, u.a. warb er für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund.


Literatur
– Gruner, Bundesversammlung 1, 582 f.
– O. Voegtle, «Joseph Anton S.», in NblSG 113, 1973, 11 f.

Autorin/Autor: Wolfgang Göldi