• <b>Georges Python</b><br>Porträt. Öl auf Leinwand von  Ernest Hiram Brülhart,  um 1920  © Museum für Kunst und Geschichte Freiburg.
  • <b>Georges Python</b><br>Karikatur, erschienen im <I>Almanach de Chalamala pour 1911</I>, S. 78 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).

No 1

Python, Georges

geboren 10.9.1856 Portalban (heute Gem. Delley-Portalban), gestorben 10.1.1927 Fillistorf (Gem. Schmitten FR), kath., von Portalban. Sohn des Auguste, Landwirts, Geschäftsagenten, Syndics unter der radikalen Regierung und Gemeindeschreibers, und der Elisabeth geb. de Castella de Delley. ∞ 1889 Marie-Elisabeth de Wuilleret, Tochter des Louis de Wuilleret. Schwager von Paul Aeby und Charles de Wuilleret. Mittelschule in Schwyz und Freiburg, Rechtsschule in Freiburg. Praktikum in der Anwaltskanzlei seines zukünftigen Schwiegervaters, 1879 Anwaltspatent. 1883-86 Lehrer an der Rechtsschule in Freiburg. 1881-1921 kath.-konservativer Freiburger Grossrat, 1883-86 Präs. des Bezirksgerichts Saane, 1884-93 Nationalrat, 1886-1927 Staatsrat (Schulwesen), 1896-1920 Ständerat (1915 Präs.). 1879-80 Zentralpräs. des Schweiz. Studentenvereins.

Bevor P. 1889 die Univ. Freiburg, gründete, warb er über Mittelsmänner beim Hl. Stuhl in Rom für sein Vorhaben, eine staatliche kath. Hochschule als Bollwerk gegen die moderne Wissenschaftsgläubigkeit zu schaffen, und durchkreuzte damit die Pläne von Bf. Gaspard Mermillod, dem eine dezentrale Organisation versch. Institute unter der Führung des schweiz. Episkopats vorschwebte. Da sich P.s Projekt wegen des Fehlens einer zahlungskräftigen Industrie aus Steuermitteln nicht finanzieren liess, griff er auf Finanzierungstricks zurück, von denen sich einzig eine Konvertierungsanleihe als lukrativ erwies. Deshalb wurde P. von der Opposition der Geschäftemacherei und der Verwaltungsdiktatur angeklagt. Jean-Marie Musy nutzte den 1912 aufgedeckten Skandal, um selbst die Macht zu ergreifen. Laut Musy wurde ab 1910 mehr als die Hälfte des Staatshaushalts zur Begleichung der Schulden verwendet, die zur Finanzierung der Infrastruktur des sich industriell kaum entwickelnden Kantons gemacht worden waren. P. wollte Freiburg zu einem kath. Zentrum mit europaweiter Ausstrahlung und den Kanton zu einer "christl. Republik" machen. Der Universität war dabei die Aufgabe zugedacht, die Eliten auszubilden, die das Volk vor den Gefahren der Moderne schützen sollten. P. beabsichtigte, den Kanton aus der Mittelmässigkeit herauszuführen, die durch die eidg. Rekrutenprüfungen alljährlich bestätigt wurde. Tatsächlich verbesserte sich Freiburg innerhalb von 20 Jahren von den hinteren Rängen in die vordere Hälfte der eidg. Rangliste. P. gründete auch die Kantonalbank, die Freiburger Eisenbahngesellschaft sowie die Freiburger Elektrizitätswerke und überzeugte franz. Aristokraten, im Greyerzerland Tausende von Hektaren Weideland zu kaufen, um die seit der Krise der 1870er Jahre stagnierende Graswirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

<b>Georges Python</b><br>Porträt. Öl auf Leinwand von  Ernest Hiram Brülhart,  um 1920  © Museum für Kunst und Geschichte Freiburg.<BR/>
Porträt. Öl auf Leinwand von Ernest Hiram Brülhart, um 1920 © Museum für Kunst und Geschichte Freiburg.
(...)

Da P. bei jeden Wahlen befürchtete, die Mehrheit im Gross- und damit im Staatsrat zu verlieren, baute er ein noch engmaschigeres Kontrollsystem auf als die Radikalen. Der "Staatschef" erhielt Unterstützung von den Geistlichen, die wie gewohnt die "guten Listen" von der Kanzel herab empfahlen. Daneben setzte er aber auch die Beamten der Regiebetriebe für seine Zwecke ein. In den kant. Schulen stellte er franz. Ordensbrüder aus 45 Kongregationen an, die vor der antiklerikalen Regierung des Premierministers Emile Combes geflüchtet waren. Seine persönl. Siege im Nationalrat und das Bild des mutigen und talentierten jungen Politikers, das die kath. Presse von ihm verbreitete, verliehen P. Charisma. 1901 fiel mit dem Greyerzerland, dem grossen Bez. im Süden des Kantons, die letzte Bastion einer liberalen Gesinnung. Mit seinem Schwager Paul Aeby gelang es P., die Westschweizer Kantone 1886 für die Simplon-Frage zu mobilisieren. 1891 setzte er seine ganze Kraft für das Referendum gegen den Kauf der Schweiz. Centralbahn ein. Die Annahme des Referendums kostete Bundesrat Emil Welti den Sitz in der Landesregierung. P. trug auch dazu bei, dass mit Josef Zemp der erste Konservative in die Bundesregierung einzog.

Als Vertreter des sozialen Katholizismus beteiligte sich P. mit der Union de Fribourg an der Vorbereitung der Sozialenzyklika "Rerum novarum". Um dem extremen Sozialismus etwas entgegenzuhalten, versuchte er, die Radikalen am linken Parteiflügel an sich zu binden, indem er 1889 den Schweiz. Arbeiterbund unterstützte und damit eine Allianz zwischen Katholiken und gemässigten Grütlianern schuf. Er hoffte, der aufkommenden äussersten Linken die Arbeiterschaft streitig zu machen. Als er an der Seite des ref. Sozialisten Heinrich Scherrer aus St. Gallen Wahlkampf betrieb, verlor er 1893 seinen Sitz im Nationalrat. Die Niederlage dieser Verbindung beschleunigte die Spaltung zwischen Konservativen und Sozialisten. Nachdem P. bereits 1878 die Arbeiter der Freiburger Unterstadt vereint hatte, gründete er 1905 den Freiburger Arbeiterbund, den er unter die Aufsicht der konservativen Partei stellte. Im Ständerat arbeitete er an der 1900 in der Volksabstimmung gescheiterten Lex Forrer mit, welche die Einführung einer Kranken- und Unfallversicherung vorsah, unterstützte die Initiative für die Proporzwahl des Nationalrats und 1900 jene für die Volkswahl des Bundesrats. Wie andere Führer der Föderalisten versuchte er seine Bewegung in den eidg. Gremien durch die Ausweitung der Volksrechte besser zu verankern, lehnte aber die Demokratisierung im eigenen Kanton ab.

Um P. entstand ein eigentl. Personen- und Erinnerungskult. In der Kapelle von Posieux wurde er 1924 mit einem Fresko verewigt, im Chor der Kathedrale St. Nikolaus in Freiburg 1936 in einem Fenster. In der Stadt Freiburg ist der Hauptplatz nach ihm benannt. Bei den Feierlichkeiten zu seinem hundertsten Geburtstag 1956 wurde ihm der Titel eines "zweiten Gründers von Freiburg" verliehen. 1977 gedachte man dagegen seines fünfzigsten Todestags nicht mehr.

<b>Georges Python</b><br>Karikatur, erschienen im <I>Almanach de Chalamala pour 1911</I>, S. 78 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).<BR/><BR/>
Karikatur, erschienen im Almanach de Chalamala pour 1911, S. 78 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).
(...)


Archive
– PrivA, Fillistorf
– StAFR, Nachlass
Literatur
– Gruner, Bundesversammlung 1, 401
– P.-P. Bugnard, «Un aristocrate au temps de la démocratie représentative», in SZG 42, 1992, 193-219

Autorin/Autor: Pierre-Philippe Bugnard / ANS