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Cailler, Alexandre-François-Louis

geboren 9.2.1866 Vevey,gestorben 6.12.1936 Broc, ref., von Daillens, Vevey und ab 1920 Broc. Sohn des François-Alexandre, Inhabers einer kleinen Schokoladenfabrik, und der Marie-Louise geb. Panchaud. Enkel des François-Louis ( -> 2). ∞ 1) Hélène Bellet, Tochter eines Apothekers, 2) Marguerite-Lucie Borcard, Tochter eines Kaufmanns. C. wurde von seinem Stiefvater, dem Firmendirektor Louis Gétaz erzogen. Nach einer kaufmänn. Ausbildung erlernte er auf Reisen nach Deutschland und Italien 1886-87 die Schokoladeherstellung. 1887 übernahm er den Familienbetrieb (acht Angestellte und zwei Maschinen) und verlegte ihn 1897-98 nach Broc. Die rasch wachsende Firma (1898 120, 1913 1'400 Arbeiter) machte die Region zum Anziehungspunkt für grössere Fertigungsbetreibe im noch landwirtschaftlich und gewerblich geprägten Kt. Freiburg. 1900 verschaffte sich C. das für den Bau neuer Gebäude und die Mechanisierung der Fabrikation nötige Kapital durch Anleihen und die Bildung einer Aktiengesellschaft. Dank der 1911 erfolgten Fusion mit Peter und Kohler konnte sich die Firma (Peter-Cailler-Kohler, PCK) mittels der Ausdehnung ihrer Handelsbeziehungen ins Ausland gegenüber der Konkurrenz behaupten. C. wurde Verwaltungsratsdelegierter der neuen Gesellschaft mit Sitz in Vevey. Nach den Turbulenzen des 1. Weltkriegs und der anschliessenden Wirtschaftskrise beschloss er 1928 die Fusion mit Nestlé, die ab 1911 bei PCK Anteile gehalten hatte. Während der Grossen Depression konnte C. 1932 die Schliessung der Fabrik in Broc verhindern, 1933 wurde er Vizepräs. des Nestlé-Verwaltungsrats. Mit seiner paternalist. Art sorgte C. für eine familiäre und herzl. Atmosphäre im Betrieb und versicherte sich mittels diversen sozialen Einrichtungen der Treue seines Personals.

1887-93 Gemeinderat (Legislative), 1890-95 Richter in Vevey, 1908-16 Gemeinderat in Broc (Exekutive), 1911-35 freisinniger Freiburger Nationalrat, 1925-36 Mitglied des Gr. Rats. Als Nationalrat setzte sich C. für die Anliegen der Grossindustrie und föderalist. Strukturen ein. Er war Mitglied lokaler Vereine, versch. Verwaltungsräte, u.a. der Freiburger Staatsbank ab 1913, der Schweiz. Bankgesellschaft (heute UBS), der elektr. Greyerzer Bahnen, von Arbeitgeberorganisationen, sowie von schweizerischen und internat. Industrievereinen. Während des 1. Weltkriegs arbeitete er bei der Landesversorgung mit und war u.a. an der Gründung des Amts für ausländ. Transporte beteiligt.


Archive
– StAFR
Literatur
– L. Blanc, Alexandre C., sa vie, son œuvre, 1941
– Gruner, Bundesversammlung 1, 384
– M.-T. Page, «L'ouvrière chocolatière de la fabrique de Broc», in Auf den Spuren weibl. Vergangenheit, 1985, 195-210
– P.-P. Bugnard, Broc, village de Gruyère, 1987
– J. Heer, Nestlé, 1866-1991, 1991

Autorin/Autor: Michel Charrière / SK