• <b>Léon Nicole</b><br>Plakat der Sozialistischen Arbeiterpartei von Lausanne (P.O.S.L.) mit einem Aufruf zur Versammlung am 9. März 1934  (Schweizerische Nationalbibliothek). Die 1909 von Paul Golay gegründete P.O.S.L. war eine Sektion der Sozialistischen Arbeiterpartei der Waadt, die Léon Nicoles Wirken in Genf unterstützte. Die angekündigte Versammlung fand zwei Tage vor der eidgenössischen Volksabstimmung vom 11. März 1934 statt, bei der die Lex Häberlin – eine Vorlage zum Staatsschutz – zum zweiten Mal nach 1922 abgelehnt wurde.

No 5

Nicole, Léon

geboren 10.4.1887 Montcherand, gestorben 28.6.1965 Genf, ref., von Montcherand. Sohn des François, Landwirts, und der Louise geb. Maganel. ∞ 1908 Lina Dubrit, Tochter des Louis, Landwirts. 1903-05 Verwaltungsschule in St. Gallen. 1905-19 PTT-Beamter, ab 1911 in Genf. 1909 trat N. in die SP ein; er war aber bis 1919 ausschliesslich als Gewerkschafter aktiv. Als Mitinitiator des Generalstreiks von 1918 in Genf wurde er vorübergehend in Haft gesetzt. 1919 sprach ihn ein Militärgericht frei. Er war 1919 Gründer und dann Redaktor der Zeitung "La Voix du Travail" (ab 1922 "Le Travail"). 1919-33, 1936-41 und 1945-55 sass er im Genfer Gr. Rat, 1919-41 und 1947-53 im Nationalrat.

Nach dem Tod von Emile Nicolet 1921 wurde N. zur Galionsfigur der Genfer Sozialdemokraten und kämpfte gegen den Beitritt zur III. Internationale. 1931 deckte er den Skandal um die Banque de Genève auf. Nach den Genfer Unruhen am 9.11.1932 wurde er zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe wegen Aufwiegelung verurteilt. Kurz nach seiner Freilassung in den Staatsrat gewählt, leitete er 1933-36 das Justiz- und Polizeidepartement. Die Regierung, die er 1934 und 1936 präsidierte, war die erste sozialdemokratisch dominierte Kantonsexekutive der Schweiz. Nach dem Verbot der kommunist. Partei 1937 akzeptierte N. den kollektiven Übertritt der Genfer Kommunisten in die kant. SP. Ein Aufenthalt in Moskau im Febr. und März 1939 bestärkte ihn in seinem sowjetfreundlichen polit. Kurs. Im Sept. 1939 wurde er aus der SP ausgeschlossen, weil er den Hitler-Stalin-Pakt guthiess. Die überwiegende Mehrheit der Genfer und Waadtländer Sozialisten folgte ihm und trat der von ihm präsidierten Fédération socialiste suisse (FSS) bei.

<b>Léon Nicole</b><br>Plakat der Sozialistischen Arbeiterpartei von Lausanne (P.O.S.L.) mit einem Aufruf zur Versammlung am 9. März 1934  (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Die 1909 von Paul Golay gegründete P.O.S.L. war eine Sektion der Sozialistischen Arbeiterpartei der Waadt, die Léon Nicoles Wirken in Genf unterstützte. Die angekündigte Versammlung fand zwei Tage vor der eidgenössischen Volksabstimmung vom 11. März 1934 statt, bei der die Lex Häberlin – eine Vorlage zum Staatsschutz – zum zweiten Mal nach 1922 abgelehnt wurde.<BR/>
Plakat der Sozialistischen Arbeiterpartei von Lausanne (P.O.S.L.) mit einem Aufruf zur Versammlung am 9. März 1934 (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Während des Kriegs arbeitete N. als Korrespondent der sowjet. Agentur Tass. Nach dem Verbot der Zeitung "Le Travail" 1940 und der Auflösung der FSS im Mai 1941 betätigte er sich z.T. in einem klandestinen polit. Umfeld, was ihm und seinem Sohn Pierre im Aug. 1943 eine dreiwöchige Haft eintrug. Im Okt. 1944 wurde er zum Präs. der neu gegr. Partei der Arbeit (PdA) gewählt und mit der Leitung der Zeitung "La Voix ouvrière" betraut. Nach der Verurteilung seines Sohnes im Dez. 1951 griff N. die PdA in seinem Blatt wegen der positiven Beurteilung der schweiz. Neutralität an. Im Febr. 1952 gab N. seine leitende Position bei der Zeitung auf; im Dez. wurde er aus der PdA ausgeschlossen. Er gründete daraufhin eine progressive Partei, die aber nur 1954-58 Bestand hatte. 1955 zog er sich krankheitshalber aus dem polit. Leben zurück.


Archive
– BAR, Nachlass Jean Vincent
– ZBZ, Nachlass
Literatur
– Gruner, Bundesversammlung 1, 958 f.
– M.-M. Grounauer, La Genève rouge de Léon N., 1933-1936, 1975
– C. Torracinta, Sturm über Genf, 1930-1939, 1979 (franz. 1978)
– P. Jeanneret, Léon N. et la scission de 1939, 1987
– B. Studer, «Les communistes genevois, Léon N. et le Komintern dans les années trente», in BHG 22, 1992, 65-85
– L. Van Dongen, «Léon N. (1887-1965)», in Cahiers HMO 11-12, 1995, 35-72
– A. Rauber, Léon N., 2007

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / GL