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Camperio, Philippe

geboren 28.9.1810 Lodi bei Mailand, gestorben 31.3.1882 Mailand, kath., ab 1847 von Genf. Sohn des Charles, Doktors der Rechte und der Mathematik, und der Francesca geb. Ciani. Neffe des Filippo Ciani und des Giacomo Ciani. Ledig. 1821 am Institut Fellenberg in Hofwil, ab 1829 Stud. der Rechte in Genf (Schüler von Pellegrino Rossi), 1833 Dr. iur. In seiner Dissertation mit dem Titel "L'assassinat sera-t-il puni de mort?" befürwortete C. die Todesstrafe. Nachdem er zweimal vergeblich für den Genfer Lehrstuhl für Strafrecht und Strafuntersuchung kandidiert hatte, veröffentlichte er 1839 seinen "Appel à l'opinion publique", in dem er die für seine Ablehnung verantwortlichen Genfer Akademikerkreise anprangerte. In der Folge wandte sich C. der Politik zu. An der öffentl. Versammlung vom 18. Okt. 1841 kritisierte er die neutrale Haltung der Genfer Regierung im Aargauer Klosterstreit und befürwortete die Aufhebung der Klöster. Dies war der Ausgangspunkt für die Unruhen, die schliesslich zum Aufruhr vom 22. Nov. und zur Verfassung von 1842 führten. 1847-70 Genfer Grossrat. 1850-51, 1863-66, 1869-70 Ständerat, 1851-63, 1866-69 Nationalrat. 1853-55, 1865-70 Staatsrat (Justiz und Polizei). 1858-65 Genfer Stadtrat (Exekutive). 1868 wurde C. als Bundesratskandidat von Jean-Jacques Challet-Venel geschlagen. 1848-66 war er Prof. für Strafrecht und öffentl. Recht, 1852-70 Richter am Kassationshof. 1870 kehrte er nach Italien zurück.

Als Grossrat wandte sich C. 1847 in der Debatte zum Gesetz über die persönl. Freiheit und die Unantastbarkeit des Wohnsitzes gegen das Schuldgefängnis. Im Verfassungsrat von 1862 befürwortete er die Volkswahl der Richter. Als Staatsrat trat er für seine liberalen Überzeugungen ein: uneingeschränkte Arbeitsfreiheit trotz religiösem Verbot von Sonn- und Feiertagsarbeit; Gründung des Hospice général, mit dem Ziel, allen Bürgern gleiche Fürsorgeleistungen zu gewähren; Einführung des Stempels auf Stimmzetteln, um den Manipulationen und den daraus resultierenden Konflikten in den Wahllokalen ein Ende zu setzen; Vermittlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern der Fabrique im Streik von 1868. Als Stadtrat führte C. den Bau der Mont-Blanc-Brücke, des Grand Théâtre und des Engl. Gartens zu Ende. Nachdem er zunächst ein Anhänger von James Fazy gewesen war, wandte er sich zusammen mit anderen Radikalen von ihm ab, weil ihm dessen despot. Haltung missfiel. 1853 wurde C. als Kandidat der Demokraten zum Staatsrat gewählt. Er war ab 1861 Mitglied des von antifazist. Radikalen gebildeten Zirkels La Ficelle und des demokrat.-konservativen Parti indépendant. C. war in erster Linie ein Liberaler, der "Freiheit für alle in allen Bereichen" forderte, eine herausragende Persönlichkeit, ein glänzender Redner, ein überzeugter Demokrat und ein bedeutender Jurist.


Literatur
Histoire de l'Université de Genève 3, 1934
DBI 17, 489-491

Autorin/Autor: Jean de Senarclens / EM