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Worb

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. Konolfingen, Verwaltungskreis Bern-Mittelland. Gem. im oberen Worblental mit den Döfern W., Rüfenacht, Vielbringen, Richigen, Ried, Wattenwil, Enggistein und Bangerten. 1130-46 Worw. 1764 1'543 Einw.; 1850 3'185; 1900 3'729; 1950 5'116; 2000 10'895.

Unter den zahlreichen Bodenzeugen befinden sich neolith. und unbestimmte Einzelfunde im Murmösli und am Hubel, hallstattzeitl. Grabhügel im Buchliwald, ein latènezeitl. Gräberfeld im Rohrmoos-Stockeren und Gräber mit Beigaben im Gschneitwald. Frühma. Gräber mit Beigaben kamen in Vielbringen sowie unbestimmte Skelettgräber in Rüfenacht zutage. An der Sonnhalde wurden ein röm. Gutshof des 2.-3. Jh. n.Chr. und 1999 am Worbberg ein röm. Grab mit Beigaben entdeckt.

1127 werden die Frh. de Worvo erstmals erwähnt. In der 2. Hälfte des 13. Jh. erbten die Frh. von Kien Herrschaft und Burg, 1336 nahmen sie in Bern Burgrecht und traten der Stadt Heerfolge und das Hochgericht (vielleicht über den Burgenbereich) ab. 1352 kam W. an die Herren von Seedorf, 1393 an die von Krauchtal. Nach Teilungen übernahm Niklaus von Diesbach 1469 die ganze Herrschaft. Spätere Inhaber waren die Bernburger von Graffenried ab 1609 und die von Sinner ab 1792. Der Umfang der Herrschaft entsprach der Kirchgem. W. ohne Rüfenacht und Vielbringen (Stadtgericht Bern), den Weiler Ried (Herrschaft Wil), jedoch mit Walkringen (nur bis 1398) und dem Twing Wikartswil (Kirchgem. Walkringen), ferner mit Bangerten und den Höfen Etzrüti, Schönbrunnen, Menzenwil (alle Kirchgem. Vechigen), mit dem Twing Trimstein ab 1498 und Beitenwil ab 1473 (beide Kirchgem. Münsingen). Ausser den Niedergerichtsrechten besass die Herrschaft gemäss Twingrecht von 1473 und 1735 Jagd und Fischfang und die Aufsicht über Masse und Gewichte (1762). Die Herrschaft W. lag im kyburg., ab 1406 bern. Landgericht Konolfingen und unterstand dem Freiweibel des oberen Teils (Trimstein im unteren Teil), nur in Kriminalfällen dem Grossweibel von Bern. 1469 entzündete sich in Richigen der Kompetenzstreit zwischen dem Freiweibel und dem Amtmann der Herrschaft W., der den Twingherrenstreit von 1469-71 auslöste. Zentrum der Herrschaftsverwaltung war das Schloss W. Die vor 1130 erbaute Burg mit Bergfried, Palas und Ritterhaus wurde zwischen 1469 und 1594 um- und ausgebaut und 1643 mit einem neuen Wohntrakt versehen. 1734 liess Christoph von Graffenried den Landsitz Neuworb, das sog. Neuschloss, bauen. In Richigen entstand um 1730 der Landsitz Schloss Richigen, ehem. im Besitz der Fam. Stettler, von Wattenwyl und Dollfus von Volckersberg. Im 17. und 18. Jh. bildeten die drei Twinge W., Wikartswil und Trimstein ein einziges Gericht mit dem Gerichtssitz im Wirtshaus Worb. 1846 kamen Schlösser und Domänen W. an die Fam. von Goumoëns-Sinner. Das alte Schloss ohne Domänen ist seit 1964 im Alleinbesitz der Fam. Seelhofer, das Neuschloss gehört seit 1985 der Fam. von Graffenried.

Die über frühma. Gräbern errichtete Mauritiuskirche ersetzte im 11. Jh. einen frühma. Holzpfosten- oder späteren Steinbau. Der Turmbau erfolgte nach 1430, die Wandmalereien stammen aus dem 3. Viertel des 15. Jh., der Chor und die Chorverglasung von 1520-21. Die Kirchgem. W. teilte sich nach der Reformation in die Viertel oder Armensteuerbezirke W., Vielbringen-Rüfenacht, Richigen und Wattenwil-Enggistein. Der Kirchensatz war im Besitz der Herrschaft, im 15. Jh. kurzfristig bei den Herren von Bubenberg; 1839 ging er an den Staat Bern über. Die kath. Kirche St. Martin für die Gem. W. und Vechigen wurde 1953 erbaut und 1998 durch die heutige Kirchenanlage ersetzt.

Die Ackerbauerndörfer der Kirchgemeinde bildeten separate Flurverbände mit Weidegemeinschaft unter sich und gegen aussen, so etwa weideten W., Trimstein und Richigen gemeinsam im Gschneitwald. Der Bevölkerungszuwachs machte im Worbviertel 1645-85 und erneut 1797 Nutzungsvorschriften für Weide und Wald nötig bezüglich der Anrechte der Herrschaft, der Bauern und Tauner. 1841-45 wurden die Allmenden im Worbviertel geteilt, 1851 jene im Richigenviertel. Das neben der Landwirtschaft wichtige Gewerbe v.a. im Dorf W. gehörte mit den Konzessionsbetrieben Taverne und Schenke, Schmieden, Färberei, Sägerei und Twingmühle mehrheitlich der Herrschaft. Die Mühle besass das Mahlmonopol. Zu deren Antrieb hatten die Herren von Kien nach 1380 den Biglenbach in Walkringen nach W. abgezweigt. An diesem Bach setzte 1804 die Industrialisierung mit der Hammerschmiede ein. Nach 1900 kamen zur Mühle weitere Gewerbebetriebe hinzu (Maschinen-, Möbel- und Filzfabrik, Wollspinnerei, Leinenweberei, Brauerei, Mosterei, Metallbau-Verzinkerei, Druckerei, Baufirma). Das 1454 erstmals erw. Enggisteinbad mit Taverne war ein Pachtbetrieb der Herrschaft W. mit einer ersten Badordnung (1552, erneuert 1585) und Badgericht. Es stellte um 1900 den Betrieb ein.

Die Station W. der Bahnlinie Bern-Luzern von 1859 lag weit vom Dorf entfernt. Erst die Bern-W.-Bahn von 1898 brachte die Kopfstation im Dorf, die seit 1913 auch der Worblentalbahn dient. Die beiden Bahnen, die 1927 fusionierten, tragen mit den Strassenverbindungen Bern-Luzern und Rubigen-Burgdorf, mit dem Postautonetz und dem Autobahnanschluss in Rüfenacht zur vorzügl. Verkehrssituation bei und bewirken die hohe Zu- und Wegpendlerfrequenz. 1960-80 wuchs W. in die Talebene hinaus und längs der Sonn- und Lindhalde. An der Worblentalbahn und um die Station W. der SBB-Linie entstanden die Industriezonen Worbboden bzw. W. SBB. Zu alten kamen neue Branchen wie Industrie-Elektronik, Apparatebau, Möbel- und Einrichtungsindustrie. 2012 waren der Regionalverkehr und Unternehmen der Kälte-Wärmetechnik sowie die Holzbranche die grössten Arbeitgeber.

W. übernahm 1837 mit der Sekundar-, 1860 der Handwerker- und 1886 der Haushaltungsschule (1993-2004 Kurszentrum für Erwachsenenbildung) regionale Aufgaben im Schulbereich. 1860 gründete die Gemeinnützige Gesellschaft die Armenerziehungsanstalt (ab 1911 Knabenerziehungsanstalt) in Enggistein, die 1936 aufgehoben wurde. 1961 bezog das Jugendheim Viktoria den heutigen Standort in Richigen. Die Gem. unterhielt 2012 insgesamt zehn Schulanlagen. Regional genutzt werden Schwimmbad, Eishalle, Sportplätze und die Zivilschutzanlage Hofmatt.

Die Einwohnergemeinde W. konstituierte sich 1834 im Umfang der Kirchgemeinde, in der die vier Viertels- oder Ortsgemeinden bis zur Zentralisation 1920 eigene Gemeinderäte und Aufgaben hatten. Durch Dekret kam das Dorf Bangerten 1881 an W. im Tausch gegen die Exklave Wiler (heute Gem. Vechigen). 1972 wurde ein Gr. Gemeinderat mit 40 Mitgliedern und ein Kl. Rat mit neun Mitgliedern und einem vollamtl. Präsidenten eingeführt. Mit Ausnahme der halbstädt. Dörfer W. und Rüfenacht ist die Gem. bäuerlich.


Literatur
– S. Rutishauser, Kirche W. BE, 1985
– A. Burri, Die Siedlungs- und Flurnamen der Gem. W., 1995
– Z. Caviezel, Bauinventar der Gem. W., 2003
Worber Gesch., hg. von H.R. Schmidt, 2005
– P. Eggenberger et al., W., Pfarrkirche, 2012

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler