• <b>Forum Claudii Vallensium</b><br>Stand der Ausgrabungen 2003  (Quelle: Amt für Archäologie, Martigny) © 2004 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Forum Claudii Vallensium

Versch. Gelehrte berichteten vom 16. Jh. an über röm. Antiquitätenfunde, die im Gebiet des heutigen Martigny gemacht wurden. 1548 kommentierte Johannes Stumpf zwei lat. Inschriften. 1561 interpretierte der Florentiner Gabriele Simeoni die Ruinen des Amphitheaters als Überreste von Galbas Lager (Octodurus). 1789 entzifferte Chrétien Desloges die auf mehreren Meilensteinen eingemeisselte Abkürzung "F. CL. VAL." als F. und beschrieb ein galloröm. Figurenkapitell in Martigny-Bourg. Die ersten Ausgrabungen führte zwischen 1883 und 1885 der Maler Raphael Ritz durch; weitere Forschungen fanden episodisch bis 1938/39 unter der Leitung von Albert Naef, Joseph Morand (dem ersten Kantonsarchäologen) und Christoph Simonett statt. Wegen seiner vorbildl. Schutzmassnahmen - diese gestalten sich oft als schwierig, da sich die Siedlungsspuren in einem stark expandierenden Viertel der heutigen Stadt befinden - wurde F. 1975 im Rahmen des Europ. Jahres des Architektur-Erbes ausgezeichnet. Dem 1974 geschaffenen ständigen Büro für die Ausgrabungen in Martigny wurde 1987 die Verantwortung für die Kantonsarchäologie übertragen.

1 - Geschichte

F. wurde im kaiserl. Auftrag zwischen 41 und 47 n.Chr. am Beginn des Aufstiegs zum Summus Poeninus (Grosser Sankt Bernhard) auf vorher landwirtschaftlich genutzten Flächen (Pflugspuren) unweit der ehemaligen gall. Siedlung Octodurus als Hauptort der neuen Alpenprovinz Vallis Poenina und zugleich auch der civitas Vallensium (Civitas) gegründet. Die Provinz war zeitweise mit derjenigen der Alpes Graiae vereinigt und wurde von einem Statthalter verwaltet, der teils in F. und teils in Aime-en-Tarentaise residierte. Die Stadtgründung stand in Zusammenhang mit der Eroberung Grossbritanniens durch Ks. Claudius und diente dem staatl. Zugriff auf bzw. der Kontrolle über die Passroute über den Gr. St. Bernhard, welche somit zu einer via publica wurde. Dank der Lage am stark frequentierten Verkehrsweg erfreute sich die Stadt bis Ende des 4. Jh. einer wirtschaftl. Blüte. Dann verlagerte und beschränkte sich das Siedlungsareal auf die Umgebung der ersten Bischofskirche im Wallis, und der Ort nahm den vormaligen Namen Octodurus wieder an. Wie das übrige Wallis oberhalb Saint-Maurice scheint F. von den Barbareneinfällen des späten 3. Jh. und frühen 4. Jh. verschont geblieben zu sein. 381 ist hier Theodul (oder Theodor) bezeugt, der erste bekannte Bischof des Wallis. Der Niedergang des Ortes, der wahrscheinlich durch wirtschaftl. Schwierigkeiten und die Probleme der militär. Verteidigung bedingt war, scheint Anfang des 5. Jh. eingesetzt zu haben. Zwischen 549 und 585 wurde der Bischofssitz nach Sitten verlegt.

Autorin/Autor: François Wiblé / GL

2 - Archäologie

Das rund 16 ha grosse Zentrum von F. umfasste drei Reihen von je sechs sog. insulae, 72 m breiten, unterschiedlich langen Wohnblöcken, die durch ein rechtwinklig angelegtes Strassennetz erschlossen waren. Einschliesslich ihrer Heiligtümer und Randquartiere umfasste die Stadt kaum mehr als 23,5 ha (700 x 340 m) und zählte wahrscheinlich weniger als 5'000 Einwohner. Die Strassen, die mitsamt den Portiken (Arkaden) zwischen 8 und 16,5 m breit waren, bestanden aus sich überlagernden Kies- und Schuttschichten; erst ab dem 3. Jh. wurden einige gepflastert. Die Eckpartien der Insulae waren durch vorgesetzte Radabweiser vor Beschädigungen geschützt. Unter einigen Strassen verliefen imposante überwölbte Abwasserkanäle, die anlässlich der Errichtung der öffentl. Thermen angelegt worden waren. Im Zentrum des bebauten Areals lag in der Insula 3 das Forum, dessen Platz von Verkaufsläden mit vorgelagerten Arkaden flankiert und gegen Nordwesten von einer grossen Basilika abgeschlossen wurde; Letztere diente als gedeckter Markt, aber auch als Geschäfts-, Gerichts- und Verwaltungsgebäude. Entgegen dem üblichen Bauschema befand sich der im klass. Stil gehaltene Haupttempel (Tempel) nicht in zentraler Position in einer gegenüber der Basilika gelegenen area sacra, sondern auf einem kleinen angrenzenden Platz. Öffentl. Thermen aus der 2. Hälfte des 1. Jh. wurden in der Insula 2 teilweise freigelegt (Heizraum, Warmbad mit Hypokaustanlage und zwei Becken, Latrinen, vielleicht ein Empfangsraum). Sie wurden offenbar im ausgehenden 2. Jh. durch einen anderen Bäderkomplex ersetzt, der am südl. Siedlungsrand lag und eine Fläche von ungefähr 3750 m2 einnahm.

<b>Forum Claudii Vallensium</b><br>Stand der Ausgrabungen 2003  (Quelle: Amt für Archäologie, Martigny) © 2004 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Archäologischer Übersichtsplan von Martigny

Die ausserhalb des Stadtkerns gelegenen Bauten fügten sich oft weder in das Insulae-System ein, noch waren sie den Hauptachsen entsprechend ausgerichtet. Da diese Gebäude z.T. schon im Zuge der Stadtgründung oder nur wenig später erstellt wurden, ist anzunehmen, dass die Behörden den regelmässigen Bauplan nicht erweitern wollten oder konnten. Gegen Norden bildeten wohl die Fassaden der Insulae 11 bis 16 das pomerium, die sakrale und polit. Stadtgrenze, denn ausserhalb derselben wurden, abgesehen von zwei galloröm. Tempeln, keine Gebäude mehr entdeckt. An der Kreuzung zwischen der Rue du Nymphée und der Rue Principale stand offenbar eine öffentl. Brunnenanlage (nymphaeum), die 253 n.Chr. im Auftrag des Kaisers Valerian errichtet wurde. Ganz in der Nähe davon befand sich eine fabrica, die nach einem Brand neu aufgebaut und mit Verkaufsläden (tabernae) und einem beheizbaren Auditorium ausgestattet war; letzteres ist vielleicht mit einer Grabinschrift in Verbindung zu bringen, gemäss der ein junger Mann aus der Tarentaise in studiis Valle Poenina verstorben sei. Am Fuss des Mont-Chemin wurde im frühen 2. Jh. n. Chr. auf dem Areal einer Nekropole ein kleines Amphitheater (76 x 63,7 m) erstellt. Seine periphere Lage war wohl durch städtebauliche Gründe - ein solches Bauwerk lässt sich nur schwierig in das orthogonale Stadtbild einzufügen - wie auch hygien. Motive, etwa die Möglichkeit der raschen Entsorgung von Tierkadavern, bedingt.

Eines der bemerkenswertesten Bauwerke in F. war der sog. temenos am südl. Siedlungsrand, der in zwei Bereiche geteilt war: Die eigentl. area sacra im Nordwesten umfasste einen Tempel des einheim. Typs, der vom 1. Jh. v.Chr. bis ins 4. Jh. n.Chr. ununterbrochen benutzt wurde, und weitere religiöse Einrichtungen; in der profanen Zone im Südosten befand sich eine Art Raststation oder mansio, in der Reisende und Pilger beherbergt wurden. Ganz in der Nähe des temenos errichtete man Ende des 2. Jh. n.Chr. innerhalb eines weiteren hl. Bezirks ein Mithraeum, ein dem pers. Gott Mithras geweihtes Heiligtum. Die Tempel des einheim. Typs zeugen von der Vitalität der alten gallischen, jetzt mehr oder weniger romanisierten Gottheiten, als deren sinnbildl. Verkörperung der in der Basilika des Forums entdeckte dreihörnige Stierkopf gelten kann. Alle Heiligtümer der nicht dem röm. Pantheon angehörenden Götter waren in F. offenbar aus dem Stadtzentrum verbannt; der klassisch-röm. Tempel unmittelbar neben dem Forum scheint dagegen dem Jupiter Optimus Maximus geweiht gewesen zu sein.

Nach mediterranem Vorbild erbaute Peristylhäuser - die Wohnbauten der sozialen Oberschicht - finden sich nur im Umkreis des Forums. Vom grössten dieser Häuser sind ca. 900 m2 ausgegraben; es besass einen Garten mit Zierbassin und lag an der Nordseite der Insula 12. Bescheidenere Wohnungen gruppierten sich oft um einen im rückwärtigen Teil des entsprechenden Gebäudes gelegenen Hof und waren über einen Gang oder eine Durchfahrt von der Strasse her zugänglich. Die strassenseitigen Gebäudeteile, denen jeweils eine vom Hausbesitzer individuell gestaltete Portikus vorgelagert war, dienten als Verkaufsläden oder Werkstätten. Lagerplätze, gepflasterte Bereiche und verschiedene andere Räumlichkeiten, deren Funktion nicht mehr näher zu bestimmen ist, wurden für kommerzielle und gewerbl. Aktivitäten genutzt. Jedes Haus besass mindestens einen beheizbaren Raum, aber nur wenige auch eigene Thermen. Die mehrfach umgebauten Häuser waren hochwertig (Mauern aus Stein, Zwischenwände, Türrahmen, Schwellen und Böden aus Holz), aber unter Verzicht auf jeden ostentativen Luxus ausgeführt. Die Wandmalereien waren schlicht, Reste von Mosaiken wurden bis heute nicht gefunden.

Gräberfelder - diese wurden in röm. Städten ausserhalb des Siedlungsareals angelegt - lagen in in der Umgebung der heutigen Pfarrkirche sowie am Fuss des Mont-Ravoire. In der Nähe des Amphitheaters wurden Brandgräber erwachsener Individuen und Körperbestattungen von Säuglingen und Kleinkindern gefunden. Spätröm. Nekropolen sind bisher noch keine entdeckt worden. Erst nach Aufgabe und dem Verfall des ursprüngl. Stadtkerns wurden auch in diesem regelmässig Personen beigesetzt (bis etwa ins 7. Jh. n.Chr.).

Die erste Walliser Bischofskirche wurde etwa 150 m nördlich des Forums ausserhalb des antiken Stadtzentrums erbaut; dort steht heute die Pfarrkirche. An diesem Ort war zu einer Zeit, in der das Christentum noch nicht innerhalb des antiken Stadtkerns toleriert worden war, eine ältere christl. Kultstätte in einem röm. Gebäude - vielleicht in einer villa suburbana - eingerichtet worden. Um diese erste christl. Kultstätte bzw. die nachfolgende Kirche herum entwickelte sich ab der 2. Hälfte des 4. Jh. die bislang nur wenig erforschte spätantike und frühma. Siedlung.

Autorin/Autor: François Wiblé / GL

Quellen und Literatur

Literatur
– L. Closuit, G. Spagnoli, Inventaire des trouvailles romaines du F. de 1874 à 1974, 1975
– F. Wiblé, «Fouilles gallo-romaines de Martigny», in Ann. val., 1975-87
– F. Wiblé, «Le musée archéologique», in La Fondation Pierre Gianadda, 1983, 197-331
– F. Wiblé, «Considérations sur l'urbanisme de F.», in Ann. Val. 60, 1985, 135-150
– F. Wiblé, «Chronique des découvertes archéologiques dans le canton du Valais», in Vallesia, 1988-
– F. Wiblé, L'amphithéâtre romain de Martigny, 1991
– F. Wiblé, «Martigny / F.», in Vallis Poenina, Ausstellungskat. Sitten, 1998, 165-174
– A. Cole, Martigny (VS), le Mithraeum, 1999