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Platten, Fritz

geboren 8.7.1883 Tablat (heute Gem. St. Gallen),gestorben 22.4.1942 Lipovo (bei Archangelsk, Sowjetunion), christkath., dann konfessionslos, von Tablat. Sohn des Peter, Schreiners, Wirts, Deutscher, ab 1890 von Tablat, und der Maria geb. Strässle. ∞ 1) 1912 Olga Korslinsky, aus Moskau, 2) 1920 Lisa Rosowsky, aus Wilna, 3) 1924 Berta Zimmermann, Tochter des Johann Georg, Angestellter des Gartenbauamts Zürich. Ab 1892 in Zürich, Sekundarschule, 1898-1902 Schlosserlehre bei Escher-Wyss, wegen eines Unfalls abgebrochen, danach versch. Anstellungen. 1906 Teilnahme an der ersten Russ. Revolution in Riga, mehrmonatige Haft, 1908 Flucht in die Schweiz. 1909-14 Sekr. der Sozialdemokrat. Landesorganisation der internat. Arbeitervereine in der Schweiz in Zürich. 1912 Mitglied der Streikleitung beim Zürcher Generalstreik. 1912-19 Mitglied der Geschäftsleitung, 1915-19 Sekr. der SPS. 1916-19, 1922-23 Gr. Stadtrat in Zürich; 1917-19, 1920-22 Nationalrat. P., der 1915 bzw. 1916 an den Konferenzen von Zimmerwald und Kiental teilgenommen hatte, pflegte von 1916 an Kontakte mit Lenin. Er organisierte im April 1917 die Rückreise Lenins bis zur russ. Grenze. 1917-24 reiste P. mindestens siebenmal nach Russland. Im Jan. 1918 rettete er in Petrograd (heute St. Petersburg) Lenin bei einem Attentat das Leben. Im gleichen Jahr spielte er eine führende Rolle beim Landesstreik in Zürich und wurde deswegen in Abwesenheit verurteilt. 1919 fungierte er als Präsidiumsmitglied am Gründungskongress der Kommunist. Internationale in Moskau. 1920 verbüsste er in der Schweiz seine Haftstrafe. 1921 zählte er zu den Mitgründern der KPS. 1923 verliess er die Schweiz wieder, um in der Sowjetunion landwirtschaftl. Genossenschaften ins Leben zu rufen; die Projekte scheiterten oder wurden kollektiviert. In Moskau, wo er ab 1926 lebte, war P. 1931-38 als Lehrer und wissenschaftl. Mitarbeiter am Internat. Agrarinstitut tätig; 1931 reiste er zum letzten Mal in die Schweiz. 1937 wurde seine dritte Frau Opfer der stalinist. Säuberungen. P. selbst wurde 1938 verhaftet, 1939 verurteilt und deportiert und 1942 in einem Arbeitslager erschossen. Nach seiner Rehabilitation 1956 wurde er in der Sowjetunion verschiedentlich geehrt.

P. verkörperte einen neuen Führungstyp auf dem linken Flügel der sozialdemokrat. Partei: Marxistisch geschult, vertrat er internationalist. und antimilitarist. Postionen, stellte die Einheit der Partei jedoch nicht in Frage. Erst nach dem Landesstreik wandte er sich linksradikalen Positionen zu. Historisch bedeutsam waren P.s praktische Verdienste um Lenin und die Russ. Revolution.


Werke
Die Reise Lenins durch Deutschland im plombierten Wagen, 1924
Literatur
– Gruner, Bundesversammlung 1, 95 f.
– F.N. Platten, «Mein Vater Fritz P.», in Turicum, Sept./Nov. 1972, 17-22
– W. Gautschi, Lenin als Emigrant in der Schweiz, 1973
– P. Stettler, Die Kommunist. Partei der Schweiz, 1921-1931, 1980
Vorwärts, 7.7. und 14.7.1983 (mit Bibl.); 17.8.1989; 19.5.1990
– B. Schneider, Schweizer Auswanderer in der Sowjetunion, 1985
– P. Huber Stalins Schatten in die Schweiz, 1994
– F.N. Platten, «Glasnost für Fritz P. (1883-1942)», in Horch und Guck, 1994, Nr. 1, 35-42

Autorin/Autor: Markus Bürgi