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Münsingen

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Politische Gemeinde BE, Amtsbezirk Konolfingen, spätma. und frühneuzeitl. Herrschaft und Schloss. Die Gem. im Aaretal umfasst das gleichnamige Dorf, das Areal Schwand, jenes der kantonalen psychiatr. Klinik und seit 2013 auch Trimstein. Zwischen 993 und 1010 Munisingam. 1764 555 Einw.; 1850 1'202; 1900 2'306; 1950 5'250; 1970 8'350; 2000 10'937.

1 - Das keltische Gräberfeld

Der früh- und mittellatènezeitl. Friedhof in M.-Rain, 1904 beim Kiesabbau entdeckt und bis 1906 vollständig ausgegraben, ist mit seinen rund 1'200 erhaltenen Fundobjekten die quantitativ und qualitativ reichste archäolog. Begräbnisstätte im schweiz. Mittelland. Seine Aussagekraft macht ihn zu einem der bedeutendsten Referenzpunkte für die kelt. Archäologie überhaupt. Die über 220 Gräber verteilen sich streifenförmig auf einer Distanz von 140 m entlang der Kante der untersten Geländeterrasse und knapp über dem Talboden der Aare. Nur wenige Brandbestattungen sind am Schluss der Belegung nachgewiesen; die Körpergräber, z.T. in einem Sarg oder mit Steinumrandung, dominieren. Frauen und Kinder sind in vollständigem Trachtschmuck begraben, einige Männer mit Waffen (Schwert, Lanze, Schild). Der verantwortl. Archäologe Jakob Wiedmer-Stern erkannte eine zeitl. Staffelung der Grablegungen, eine Erkenntnis, die dann später in der Forschung zur Methode der sog. Horizontalstratigrafie ausgebaut wurde. Diese geht davon aus, dass sich Gräberfelder von einem Entwicklungskern ausweiten, woraus sich eine zeitl. Abfolge (Sequenz) der Bestattungen ergibt. Sie erfuhr in der unabhängig vorgenommenen kombinationsstatist. Auswertung der Grabensembles durch Frank Roy Hodson 1968 eine Bestätigung. Die in M. erarbeitete, allgemeingültige Richtschnur wurde damit zum Arbeitsinstrument für die Datierung isolierter Gräber und Funde von Frankreich bis Rumänien und von Mitteldeutschland bis Oberitalien von der 2. Hälfte des 5. Jh. bis zum Anfang des 2. Jh. v.Chr. Um 400 v.Chr. trugen die in M. bestatteten Frauen einen Halsring, im 4. Jh. vermehrt ganze Sätze von vier Beinringen aus Bronze. Ab 250 v.Chr. kamen Armringe aus Glas und bronzene Gürtelketten auf. Fingerringe sind oft aus Silber oder Gold. Die vielfach paarig gearbeiteten bronzenen Gewandhaften (Fibeln), welche eine markante stilist. Entwicklung durchlaufen, sind z.T. im kelt. Waldalgesheimstil verziert und mitunter mit scheibenförmigen Auflagen aus rotem Glas oder Koralle versehen (Fibeln vom Typ Münsingen). Obwohl die Kleider im Boden zerfallen sind, kann auf ein durch mehrere Fibeln zusammengehaltenes Obergewand geschlossen werden. Mädchen kleideten sich prinzipiell wie Frauen, trugen aber mehr Amulette und öfters Halsketten. Männer hatten in der Regeln nur einzelne  Fibeln, vornehmlich solche aus Eisen. Die Vollständigkeit der Trachtausstattung deutet auf die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode. Unter den erhaltenen Knochen, z.T. mit Krankheitsspuren, fallen v.a. zwei Schädel von Männern mit Trepanationen (Schädelöffnungen) auf. Innerhalb des Gräberfeldes scheinen Gruppen oder Familienangehörige von zwei bis drei Generationen nahe beieinander begraben zu sein. Die Lebensgemeinschaft, welche ihre Toten hier bestattete, war nur klein (kaum mehr als ein oder zwei Dutzend Personen) und repräsentierte aufgrund der materiellen Werte der Grabausstattungen wohl eine soziale Oberschicht. Anthropolog. Untersuchungen und hist. Überlegungen sprechen für einen adligen Familienverband. Sein Wohlstand beruhte v.a. auf Agrarwirtschaft und möglicherweise zu einem kleineren Teil auch auf dem Durchgangsverkehr über die Alpen. Ein zweites, kleineres Gräberfeld in der Tägermatten umfasst 26 Gräber aus der Frühlatènezeit (ca. 4. Jh. v.Chr.).

Aus röm. Zeit stammen verstreute Mauerreste und das 1941 südlich der Kirche entdeckte Badegebäude mit Wandmalereien und Mosaikfussboden (Fische und Okeanuskopf, um 200 n.Chr., seit 2005 der Öffentlichkeit zugänglich). Diese werden heute als Relikte eines Gutshofs oder allenfalls einer dörfl. Siedlung interpretiert.

Autorin/Autor: Felix Müller (Bern)

2 - Die Herrschaft

Kg. Rudolf III. von Burgund übergab den Königshof M. zwischen 993 und 1010 Pfalzgf. Kuno zu Lehen. Aus dem Nachlass der Zähringer gelangte er an die Gf. von Kyburg (1218 Aussteuer Hartmann IV. von Kyburg), die vor 1223 ihre Dienstleute Senn von M. mit der Herrschaft belehnten. Die letzte Erbin der Senn verkaufte diese mit den Dörfern M., Niederwichtrach, Tägertschi, Rubigen, Ursellen und Ämligen 1377 an Bernburger (von Buch, Niesso, später von Stein, Büren). 1448 kam sie zu einem Drittel an Burkard Nägeli, 1559 zu zwei Dritteln an Johannes Steiger (sog. weisse Familienlinie). 1578 gelangte die Herrschaft durch Heirat ganz an die Steiger, wurde dann aber im 17. Jh. in der Fam. in zwei Teile geteilt, die Herrschaft M. mit Tägertschi, Ursellen, Ämligen (im Niedergericht M.) und die Herrschaft Niederwichtrach. Das Niedergericht Rubigen gehörte vermutlich schon im 15. Jh. Bern und war beim Stadtgericht. Die zwei Urbare datieren von 1463 und 1572, der Gerichtstarif stammt von 1797. Die Herrschaft M. unterstand ab 1406 dem bern. Landgericht Konolfingen; an der Aare lag der obrigkeitl. Inspektions- und Schützenplatz (Trüllplatz). Die helvet. Republik schaffte alle Herrschaftsrechte 1798 ab; 1824 erfolgte die staatl. Entschädigung für die Twingrechte.

Die Burg am Steilrand des Mülitals, deren Überreste bis Ende des 18. Jh. im Gelände noch ausgemacht werden konnten, war wohl Sitz der einheim. Herren und Bernburger von M., die bis zu ihrem Aussterben im 14. Jh. in M. begütert waren. Das Herrschaftszentrum war aber die im Dorf gelegene hochma. Burg (Kern Mitte des 12. Jh.), Lehensitz der Senn, 1311 von Bern gebrochen und 1314 als hölzernes Sässhaus in der Vorburg erneuert. 1550 baute Schultheiss Hans Franz Nägeli die Ruine samt Ringmauer zum heutigen Schloss M. aus (Umbau 1749-53). Anstelle des Sässhauses liess Schultheiss Johannes Steiger, Inhaber des andern Herrschaftsteils, 1570 einen Landsitz erbauen, der Sitz der neuen Herrschaft Niederwichtrach wurde (1838 abgetragen). 1826 verkauften die Steiger beide Landsitze samt Domänen an Private; der Staat erwarb das Ganze 1877 zur Errichtung einer psychiatr. Klinik. Das Schloss ist seit 1977 Eigentum der Gem. und beherbergt u.a. das Ortsmuseum.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

3 - Die Gemeinde

Die Kirche M. (1146 erw., Martinspatrozinium, Neubau 1709) war Zentrum einer Grosspfarrei, die einst über die heutige Kirchgemeinde hinaus auch die 1911 geschaffene Kirchgem. Konolfingen einschloss und der die Kapelle Ursellen und die Kirche Kleinhöchstetten unterstanden. Die Beinhauskapelle stammt von 1475 (Umbau 1841). Den Kirchensatz verkauften die Kyburger 1322 an die Senn, von denen er an Private und 1411 an das Deutschordenshaus Bern überging, bevor er 1528 an die Stadt Bern kam. Kaplanei (1463 Stiftung Bubenberg) und Helferei (1453 Stiftung Nägeli) ergänzten die Seelsorge, gingen aber in der Reformation ein. Zur Kirchgemeinde M. zählten zu Beginn des 21. Jh. auch Allmendingen, Rubigen, Tägertschi und Trimstein. Das Zelgdorf M. mit Acker- und etwas Rebbau war Etappenort auf der Route von Bern ins Oberland, an dem die Verbindung durchs Mülital ins Emmental abzweigte, und verfügte über zwei Tavernen, Schenke, Herrschaftspinte, Gewerbe (Mühlen, Schmieden, Gerberei, Ziegelei, Käsehandel) und Handwerk. Die 1849-70 abgehaltenen Jahrmärkte blieben ohne Erfolg. Die Gem. kam im Twingherrenstreit 1469-71, im Bauernkrieg 1653 und als Versammlungsort der Liberalen zu Beginn der bern. Regeneration 1831 und der Konservativen und Radikalen vor dem konservativen Umschwung 1850 kurzfristig zu polit. Bedeutung. Seine Hanglage sicherte M. vor Überschwemmungen; nach der Aarekorrektion wurde die Weide in der Au zwischen Aare und Giesse 1801-38 aufgeteilt und zu Kulturland. Die Schützenfahrbrücke ersetzte 1884 die Aarefähre. Mit dem Ausbau der alten Landstrasse (18.-20. Jh.) und dem Bau der Bahnlinie Bern-Thun (1859) hielt Industrie Einzug. Wolltuch-, Tuch- und Halbleinwebereien, Holzsohlen- und Baubeschlägefabriken, eine Druckerei und eine Spar- und Leihkasse (1870) siedelten sich an; im 20. Jh. kamen Holzwaren-, Teigwaren- und Filzfabriken, Baufirmen, auf Pumpenbau und Prothesentechnik spezialisierte Unternehmen und Verpackungsindustrie dazu. Ab 1960 stieg - nicht zuletzt infolge des Autobahnanschlusses (1972) - die Bevölkerungszahl rasch an; die starke Bautätigkeit liess das Dorf hangauf und in die Talsohle wachsen. Viele Münsinger pendeln nach Bern, zu dessen Agglomeration M. seit den 1980er oder 90er Jahren zählt, oder nach Thun. Vom 19. Jh. an übernahm die Gem. mit Sekundarschule (1867), Gewerbeschule (1870), Bezirksspital (1879 als "Krankenstube" gegr.), Kant. Jugenderziehungsheim Lory (1933 als Mädchenerziehungsheim gegr.), Altersheimen und -wohnsiedlungen sowie Kinderheimen viele regionale Aufgaben. Kantonal waren die 1892-95 realisierte Psychiatr. Klinik auf dem ehem. Herrschaftsgut (heute Psychatriezentrum M.) sowie die Landwirtschafts- und Haushaltungsschule Schwand-M., die 1913 auf dem Areal des Schwandguts (Landsitz um 1790) eingerichtet worden war und 2002 aufgegeben wurde. Dank ihrer beider landwirtschaftl. Grossbetriebe in der Talsohle und am Hang blieb der Gem. viel Grünfläche erhalten.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

Quellen und Literatur

Quellen
SSRQ BE II/4
Literatur
– J. Wiedmer-Stern, «Das gall. Gräberfeld bei M. (Kt. Bern)», in AHVB 18, 1908, 269-361
– E. Burkhard, Dorf und Herrschaft M. in alter Zeit, 1962
– F.R. Hodson, The La Tène Cemetery at M.-Rain, 1968
– C. Osterwalder, «Die Latènegräber von M.-Tägermatten», in Jb. des Bern. Hist. Mus. 51/52, 1971/72, 7-40
75 Jahre Kant. Landwirtschafts- und Haushaltungsschule Schwand, 1988
– P.J. Suter, «Das neuentdeckte Gebäude der röm. Siedlungsstelle M.-Kirche/Rossboden», in Archäologie im Kt. Bern 1, 1990, 133-139
– F. Müller, M.-Rain, ein Markstein der kelt. Archäologie, 1998
– R. Hug, Bauinventar der Gem. M., 2000