21/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken
No 1

Escher, Alfred (vom Glas)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

geboren 20.2.1819 Zürich,gestorben 6.12.1882 Enge (heute Gem. Zürich), ref., von Zürich, 1871 Ehrenbürger von Lugano. Sohn des Heinrich ( -> 28). ∞ 1857 Auguste Uebel, Tochter des Bruno Uebel. E. wuchs ab 1831 im "Belvoir" in der Enge auf, das immer sein Wohnsitz blieb. Er erhielt bis 1834 Privatunterricht, u.a. durch Oswald Heer, und besuchte 1834-37 das Obergymnasium. Ab 1837 absolvierte er ein Rechtsstudium in Zürich (1838-39 Besuch der Univ. Bonn und Berlin), das er 1842 mit der Promotion bei Friedrich Ludwig Keller abschloss. Nach einem Aufenthalt in Paris 1842-43 habilitierte er sich 1844 an der Univ. Zürich und lehrte bis 1847 als PD Zivilprozess- und Schweiz. Bundesstaatsrecht.

Als radikaler und später liberaler Politiker erlangte E. im Kt. Zürich früh eine einflussreiche Stellung. 1844 wurde er in den Gr. Rat (ab 1869 Kantonsrat) gewählt, dem er bis 1882 angehörte und den er zwischen 1848 und 1868 mehrmals präsidierte. 1847-48 war er erster Staatsschreiber und 1848-55 Regierungsrat (1849 Bürgermeister, 1850, 1851, 1854 Präs.). Er reorganisierte den Regierungsrat (Reduktion auf neun Mitglieder, Direktionssystem); als Erziehungsdirektor (ab 1850) und Erziehungsrat (1845-55, ab 1849 Präs.) führte er in den Mittelschulen moderne Sprachen und naturwissenschaftl. Fächer ein. E.s Aufstieg in der Bundespolitik verlief ebenso schnell: 1845, 1846 und 1848 war er Tagsatzungsgesandter. Er befürwortete den Bundesstaat, lehnte aber Freischaren und Sonderbund ab. Von 1848 bis zu seinem Tod war er Mitglied des Nationalrats (Präs. 1849-50, 1856-57 und 1862-63). E. hatte massgebl. Anteil an der Gründung des 1855 eröffneten Eidg. Polytechnikums in Zürich (heute ETH); 1854-82 war er Vizepräs. des Schulrats. Im Neuenburgerhandel 1856-57 und im Savoyerhandel 1860 vertrat E. mässigende Positionen und suchte mit den anderen Industriellen, eine militär. Konfrontation zu verhindern.

E.s wichtigstes Tätigkeitsfeld wurde der Eisenbahnbau. Ab 1852 lobbyierte er im Nationalrat für den Privatbau. 1853 gehörte er zu den Gründern der Schweiz. Nordostbahn (NOB), der er 1853-72 als Direktions- und 1872-82 als Verwaltungsratspräs. vorstand. Die NOB wurde bis 1858 zur grössten Bahngesellschaft in der Ostschweiz. Um die für den Eisenbahnbau benötigten grossen Finanzmittel unabhängig von ausländ. Einfluss zu organisieren, gründete E. mit Gleichgesinnten 1856 die Schweiz. Kreditanstalt (SKA, heute Credit Suisse). Diese erste grosse Aktienbank für Industrie und Handel, deren Verwaltungsratspräs. E. 1856-77 und 1880-82 war, trug wesentlich dazu bei, dass Zürich zum wichtigsten Industriezentrum und Finanzplatz der Schweiz wurde. 1857-74 gehörte E. auch dem Aufsichtsrat der Schweiz. Lebensversicherungs- und Rentenanstalt an. Ab den 1860er Jahren engagierte er sich - ab 1863 als Präs. der neu gegründeten Gotthardvereinigung - für den Bau der Gotthardbahn, in dem er eine Aufgabe von nationaler Bedeutung sah. Nachdem Italien 1869 und das Dt. Reich 1871 ihre finanzielle Beteiligung zugesagt hatten, entstand 1871 die Gotthardbahn-Gesellschaft mit E. als Direktionspräs. und Leiter des Baudepartements.

Wegen der Häufung polit. Ämter, der Verknüpfung von polit. und wirtschaftl. Funktionen und dem konsequenten Einsatz der Macht zur Wahrung der Interessen von Besitz und Bildung stand E. schon früh im Kreuzfeuer der Kritik. Diese ebbte nach dem Ende der "Ära Escher" 1855 nicht ab, da E. auch nach seinem Ausscheiden aus dem Regierungsrat das polit. Geschehen im Kanton mittels seiner Parteigänger lenkte. Während die sozialist. Kräfte um Johann Jakob Treichler und Karl Bürkli zu Beginn der 1850er Jahre noch schwach waren und 1856 mit der Wahl Treichlers in den Regierungsrat einen ihrer führenden Köpfe verloren, erwuchs dem "System Escher" ab 1860 aus den benachteiligten Schichten eine starke Opposition, die als Demokratische Bewegung 1868 die Vorherrschaft des Escher'schen Wirtschaftsliberalismus im Kanton stürzte. Auf Bundesebene mündete diese Opposition in die Totalrevision der Bundesverfassung.

E.s letzte Lebensjahre waren von Rückschlägen geprägt. 1876 geriet die NOB infolge verschärften Wettbewerbs mit der Nationalbahn und der Grossen Depression in eine schwere Krise. Beim Bau der Gotthardbahn zeichneten sich ab 1875 Verzögerungen ab, die umfangreiche Nachtragskredite, u.a. nun in Form von Bundessubventionen, nötig machten und E. 1877 zum Rücktritt als Verwaltungsratspräs. der SKA und 1878 als Direktionspräs. der Gotthardbahn-Gesellschaft zwangen. Zum Durchstich des Tunnels 1880 wurde er nicht eingeladen; auf die Teilnahme an der Eröffnungsfeier 1882 verzichtete er aus gesundheitl. Gründen.

Der intelligente und mit einer unermüdl. Arbeitskraft ausgestattete E. verkörperte einen neuen Typus des polit. und wirtschaftl. Leaders, der Projekte von grosser Tragweite realisierte. Der Ausdruck "Bundesbaron", mit dem E. und andere führende Wirtschaftsliberale bezeichnet wurden, spielte auf ein bis zur Arroganz reichendes Machtbewusstsein an, das E. nicht fremd war. Als Exponent des Grossbürgertums setzte E. Fortschritt im Interesse der Wirtschaft einseitig mit Fortschritt im Dienste der Allgemeinheit gleich und vernachlässigte die sozialen Folgen der von ihm geprägten Entwicklung. 1889 wurde ein mit Privatspenden von Richard Kissling geschaffenes Denkmal für E. auf dem Bahnhofplatz von Zürich eingeweiht, dessen Unterhalt danach von der Stadt übernommen wurde. E.s Tochter Lydia Welti gründete mit dem ererbten Vermögen die Gottfried-Keller-Stiftung.


Quellen
– Teilnachlässe in: BA, StAZ, LBGL
Literatur
– E. Gagliardi, Alfred E., 1919-20
NDB 4, 645
– Gruner, Bundesversammlung 1, 63-65
– W.P. Schmid, Der junge Alfred E., 1988
– W. Rüegg, Das "System E.", Liz. Zürich, 1992
Alfred E., Ausstellungskat. Zürich, 1994
– K. Kuoni, «Alfred E. und die Gotthardbahn», in ZTb 1998, 1997, 299-337

Autorin/Autor: Markus Bürgi