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Simen, Rinaldo

geboren 8.3.1849 Bellinzona, gestorben 20.9.1910 Luzern, Freidenker, von Bellinzona. Sohn des Rocco, Kaufmanns und Schützenhauptmanns. ∞ 1) 1880 Anna Caroline de Jacoby du Vallon, Marquise aus Paris (gestorben 1901), 2) 1902 Ilda Galli. Gymnasium und Ausbildung zum Telegrafisten, Anstellung im Telegrafenamt, danach Journalist und Politiker. S. gründete versch. Zeitungen: 1873-74 erschien "Il Carabiniere ticinese", 1874-77 das Nachfolgeorgan "Tempo" und 1878 rief er die Zeitung "Il Dovere" ins Leben, die später zum Sprachrohr des liberalen Aufstands wurde. In jungen Jahren gründete S. 1869 den Turnverband des Kt. Tessin. 1890 gehörte er der Übergangsregierung und 1892 dem Verfassungsrat an. 1893-1910 sass er im Ständerat, 1905-10 im Tessiner Gr. Rat. 1893-1905 stand er als Staatsrat dem Erziehungs- und Landwirtschaftsdepartement vor.

Wie Romeo Manzoni war S. von der Unausweichlichkeit des radikalen Aufstands vom 11.9.1890 überzeugt und wurde zu einem der Bannerträger der Septembermänner. Nach dem Sturz der von Gioachimo Respini geführten konservativen Regierung wurde ihm jedoch bewusst, dass es zur Lösung der kant. Probleme notwendig war, die eigenen Ideale zurückzustellen, und er setzte in der liberalen Mehrheitsregierung eine pragmat. und verhandlungsorientierte Linie durch. Der radikale Flügel der liberalen Partei bekämpfte ihn mit allen Mitteln, da er ihn als Totengräber jegl. Versuchs einer laizist. und fortschrittl. Politik sah. 1904 einigte sich die Partei auf Druck der Radikalen mit den Sozialisten auf ein gemeinsames Programm, das die vorsichtige Reformpolitik anfocht. S. fühlte sich von seiner Partei nicht mehr gestützt und reichte seinen Rücktritt ein. Er nahm weiterhin als Tessiner Grossrat und als Ständerat aktiv am polit. Geschehen teil, war 1894-1910 Vorstandsmitglied der Freisinnigen Partei der Schweiz und 1894-1909 Verwaltungsrat der Gotthardbahn. 1906 vertrat er die Schweiz an der Weltausstellung in Mailand.


Literatur
– Gruner, Bundesversammlung 1, 757
– A. Ghiringhelli, Il Ticino della transizione 1889-1922, 1988

Autorin/Autor: Andrea Ghiringhelli / CHM