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Unterseen

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Interlaken, Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli. Die Gem. auf der westl. Hälfte der Schwemmebene zwischen Thuner- und Brienzersee, dem sog. Bödeli, besteht aus der Altstadt U., dem als Siedlung in U. aufgegangenen ehem. Dorf Interlaken (Inderlappen) sowie Neuquartieren und umfasst ausgedehnte Wälder am Harder und Chienberg. Der Name Interlacus (1133) galt im 13. Jh. für die Gegend, das Kloster und das Städtchen, an welches das klösterl. Dorf Interlaken (1239 villa Inderlappen) angrenzte. 1280 civitas Inderlappen, 1281 stat ze Inderlappen oder Undersewen; 1291 Inderlappen, genant Undersewen. 1764 549 Einw.; 1850 1'361; 1900 2'607; 1950 3'448; 2000 5'201.

In U. wurden u.a. ein neolith. Beilhammer, ein röm. Gräberfeld aus dem 2. Jh. n.Chr. sowie frühma., um 890-900 datierte Gräber entdeckt. Die drei Höhlenburgen auf Festi-Zwerglilöcher waren vermutlich hochma. Wehranlagen. Die ehem. Niklausenkapelle am Weg nach Habkern überlebte als Flurname.

Das tal ze Undersewen (1302) war altes Reichsland und Lehen der Oberländer Adelsfamilien von Oberhofen, aus welcher der Gründer des Klosters Interlaken stammte, und von Thun-Unspunnen, die eventuell die auf einer Aareinsel gelegene Burg Weissenau am Eingang ins Oberland innehatten. 1279 bewilligte Kg. Rudolf von Habsburg dem Frh. Berchtold III. von Eschenbach den Bau einer Feste zwischen den Seen: Die Freiherren errichteten dort ihre Stadt U. und eine vermutlich 1470 nach dem Stadtbrand abgetragene Burg in strateg. Lage an der alten Strasse ins Oberland und an der vorstädt. Aarebrücke, unweit der Burg Weissenau, zu der Schifflände, Sust und der Marktort Widen gehörten. Für 1280 sind Mauern und Graben bezeugt, ebenso Schultheiss, Burger und Stadtsiegel. Unter Einbezug vorstädt. Gebäude entstand U. auf Boden des Klosters Interlaken gegen dessen Willen. Zwar überliess dieses den Freiherren 1280 den Baugrund als Erblehen, handelte aber Behinderungen für U. ein, u.a. Restriktionen bezüglich der Aufnahme von Gotteshausleuten und Niederlassungsverbote für andere geistl. Institutionen.

Durch Verdrängung der Eschenbacher wurde Habsburg-Österreich nach dem Königsmord von 1308 Stadtherr in U. und dieses zum Zentrum eines habsburg. Amts, das bald als Pfand an österreichtreuen Adel fiel, so 1315 an die von Strassberg, 1318 an die von Weissenburg, 1342 an die von Hallwyl und später an die Kyburger. 1337 unterstellte sich U. Berns Schutz; im Sempacherkrieg 1386 unterwarf es sich der Stadt. Bern errichtete im Städtchen eine Landvogtei, das Stadtamt U., dem ein Schultheiss - ab 1527 mit Sitz im Schloss - als Verwalter des Niedergerichts vorstand. Das Hochgericht lag bis 1528 beim Kloster Interlaken und ging dann ebenfalls auf das Stadtamt über. Zu diesem kam 1515 auch die Herrschaft Unspunnen, während sich Habkern und Beatenberg weigerten und der Landvogtei Interlaken zugeteilt wurden. Mit der Verwaltungsreform von 1762 teilte Bern Unspunnen der Landvogtei Interlaken, Habkern und Beatenberg dem Stadtamt zu. 1798 wurde aus dem Stadtamt U. ein Distrikt des Kt. Oberland, der 1803 dem Oberamt bzw. Amtsbez. Interlaken zugeteilt wurde.

Die Stadtgemeinde hatte dank des ihr 1299 verliehenen bern. Stadtrechts Anspruch auf die halben Gerichtsbussen, auf den Zoll und eigene Masse und Gewichte; bei militär. Auszügen führte sie das eigene Banner. Sie verfügte über eine städt. Infrastruktur mit Taverne, Schlachthaus und Brotbank. Wegen der ständigen Schikanen des Klosters entschied sich U. 1528 für Bern und die Reformation und nahm am Aufstand des Oberlands nicht teil.

Am Standort der heutigen Kirche entstand zur Zeit der Stadtgründung eine erst 1353 erw. Kapelle, die bis 1470 der Kirche von Goldswil unterstand. Die nach dem Stadtbrand 1470 erbaute, nun selbstständige Kirche wurde 1852 nach Teileinsturz neu errichtet. Auf Berns Druck übergab das Kloster den Kirchensatz 1527 an U.; die ab 1528 ref. Kirchgem. U. mit Interlaken-Dorf umfasste 1528-1666 auch Habkern sowie 1748-1822 Sundlauenen. Bis zu seiner Säkularisation 1528 suchte das Kloster, gestützt auf den Erblehenvertrag von 1280, die Stadtentwicklung zu behindern. Unmittelbar vor den Toren U.s konkurrenzierten klösterl. Einrichtungen, u.a. die Jahrmärkte von Aarmühle ab 1365 und Wirtshäuser mit Back- und Schlachtrecht Gewerbebetriebe der Stadt, die bis ins 16. Jh. erfolglos gegen das Kloster prozessierte. Dieses war auch allein zur Aarenutzung mit Fischfang und Mühlen berechtigt. 1364 und 1470 nahmen Stadtbrände ihren Anfang in dieser Klostermühle; beim Wiederaufbau nach der Katastrophe von 1470, bei der die Stadt weitgehend zerstört wurde, entstand mit bern. Hilfe der erweiterte Marktplatz - anstelle der ehem. mittleren Häuserzeile - mit dem Kauf-, Wirts- und Rathaus als Ersatz der ehem. Sust. 1819 erfolgte dessen Umbau zum heutigen Stadthaus. Bern förderte U.s Wirtschaft mit Handwerksordnungen (ab 1486) und Gewerbeprivilegien gegenüber der Umgebung. Mit vier, ab 1539 fünf Jahrmärkten in der Stadt und ausserhalb zwischen den Brücken auf der Spielmatte, seit 1385 unter städt. Marktaufsicht, wurde U. zum Marktzentrum für die Landbevölkerung; eine Marktplatzerweiterung wurde 1709 von Bern aber nicht bewilligt.

Die Einwohnergemeinde von U. umfasste nach 1830 das Städtchen U. und das südlich angrenzende ehem. Klosterdorf Interlaken (Inderlappen). Beide waren bereits im Kirchspiel U. vereint und bildeten seit 1529 eine Flurgenossenschaft. In der Gem. U. verschmolzen sie politisch sowie ab 1950 langsam auch baulich. Bei der Stadtentfestigung im 19. Jh. wurden aus Mauern befensterte Hausfassaden; die öffentl. Tunneldurchgänge (Torisgänge) in den Hausreihen verschwanden, die Gräben wurden überbaut und die Tore 1855 abgebrochen. Die rasche tourist. Entwicklung U.s dank der Dampfschiffe, die ab 1835 an der Lände Neuhaus mit Sust und Zollhaus die Gäste an Land setzten, brach mit Eröffnung der Bödelibahn 1872 jäh ab. Durch den Aarekanal wurde U. 1892 auch von der Landstrasse abgeschnitten; deren Neuanlage erfolgte längs der Bödelibahn. Die gleichzeitige Aarekorrektion entsumpfte dafür Teile des unteren Stadtfelds. Infolge wirtschaftl. Stagnation und geringer Bautätigkeit blieb die Altstadt intakt. Erst nach 1945 setzte im Sog von Interlaken wieder eine tourist.-gewerbl. Entwicklung ein. 2011 bildeten die Gem. U., Interlaken und Matten eine einzige Tourismus- und Wirtschaftsregion mit teils gemeinsamer Infrastruktur. In U. befinden sich das tourist. Regionalmuseum, das Hallenbad Bödeli, der Golfplatz und der Thunerseehafen Neuhaus, das Spital Interlaken sowie die Sekundarschule.


Quellen
SSRQ Bern II/6
Literatur
– B. Björck, P. Hofer et al., Über die baul. Entwicklung U.s, 1979
– J.C. Remijn, Kirchengesch. von U., 1979
– E. Schläppi, Ein Beitr. zur Gesch. U.s von den Anfängen bis zur Reformation, 1979
– L. Högl, Burgen im Fels, 1986, 71 f.
– S. Ulrich-Bochsler, Büetigen-Köniz-U., 1994
– D. Gutscher, «Typolog. Fragen zur Stadtgenese im 13. Jh. zwischen Hochrhein und Alpen», in Urbanism in Medieval Europe, hg. von G. de Boe et al., 1997, 259-270
– P. Bannwart et al., Bauinventar der Gem. U., 2002
– E. Schläppi, U., 2008

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler