18/08/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Lauterbrunnen

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Interlaken. Die ausgedehnte Gem. hat ihren Ausgangspunkt im Taltrog der Weissen Lütschine am Fuss des Hochgebirges und umfasst als Streusiedlung im Talboden die Tourismusdörfer L. und Stechelberg sowie auf Terrassen Wengen, Isenfluh (seit 1973 bei L.), Mürren und Gimmelwald. 1240 in claro fonte, 1304 Luterbrunnen. 1764 828 Einw.; 1850 1'756; 1900 2'551; 1910 3'204; 1920 2'593; 1950 2'876; 1980 3'077 (seit 1973 mit Isenfluh); 2000 2'914. Im Blumental fand man eine röm. Münze. Das Lauterbrunnental gehörte im 13. Jh. teilweise zur Herrschaft Rotenfluh-Unspunnen der Frh. von Wädenswil, die 1240 das Sefinental dem Augustinerpriorat Interlaken verkauften. Dieses erwarb im 13. und 14. Jh. vom Adel und weiteren Güterbesitzern in Etappen Eigenleute, Talgüter, Alpen und Gerichtsrechte. Im 15. Jh. unterstand das Tal wirtschaftlich, gerichtlich und als Teil der Grosspfarrei Gsteig bei Interlaken auch kirchlich der Klosterherrschaft. Nach 1300 siedelten die Walliser Frh. vom Turn Eigenleute, v.a. aus dem Lötschental, im hinteren Tal an. 1346 sind die Walserkolonien L., Gimmelwald, Mürren und die als ständige Siedlungen abgegangenen Sichel- und Trachsellauenen sowie Ammerten erstmals erwähnt. Im Aufruhr des Oberlands gegen Interlaken 1349 wurden diese Lötscher gesondert bestraft.

Ohne Erlaubnis des Klosters errichteten die Talleute 1487-88 eine eigene Kirche in L. Kraft eines Schiedsurteils war sie eine Filiale von Gsteig bei Interlaken und erhielt 1506 einen ständigen Priester. Das Tal widersetzte sich 1528 mit dem übrigen Oberland der Reformation, bis es vor den bern. Truppen kapitulierte und L. als selbstständige ref. Kirchgemeinde und eigener Gerichtsbezirk zur bern. Landvogtei Interlaken kam.

Wohl gegen Ende des 16. Jh. setzte der von Bern konzessionierte Bergbau am Talende ein. Bis 1715 wurde in obrigkeitl. Regie oder durch private Pächter Eisenerz abgebaut und ob Zweilütschinen (Gündlischwand) verhüttet. Zusätzlich wurde 1705-1805 in Stollen (z.T. erhalten) am Hauri- und Steinberg Blei und Zinkerz durch meist bernburgerl. Unternehmer gewonnen und im Talboden bei Sichel- und Trachsellauenen (Überreste von Knappenhaus und Hochofen) verarbeitet. Der Bergbau war eine Sache der Fremden. Einheimische arbeiteten als Holzer und Köhler, deren Haupterwerbszweig die Vieh- und Alpwirtschaft blieb. Die fünf Bäuerten (Gütergemeinden) bildeten die genossenschaftliche Gem. der Talleute (1582 erste Taleinung). Armut zwang im 17. und 18. Jh. zu Solddienst, Auswanderung (u.a. nach Carolina, USA) und Heimarbeit (Strumpfweberei, Spitzenklöppeln). Die Alpenbegeisterung des 18. Jh. brachte Reisende ins Tal, die anfangs im Pfarrhaus abstiegen. Wegen seiner Wasserfälle und des Bergübergangs Wengernalp-Kleine-Scheidegg-Grindelwald schuf sich L. einen internat. Namen. Ausländ. Alpinisten erschlossen mit einheim. Bergführern die Hochalpen. Ab 1834 wurde die Talstrasse von Interlaken schrittweise ausgebaut, doch erst die Berner-Oberland-Bahnen (1890 Station L.) und die Bergbahnen auf die Terrassen von Mürren (1891) und Wengen (1893) brachten mehr Touristen und führten zum Bau neuer Hotels. Tourist. Hauptattraktion wurde 1912 die von einheim. Kraftwerken (1894 Lochbrücke, 1898 L.-Stechelberg) versorgte Jungfraubahn. Die Winterhotellerie setzte ab 1909 mit dem von den engl. Pionieren Walter und Arnold Lunn propagierten Skisport, mit Curling und Bobfahren ein. Als saisonale Beschäftigung neben der Landwirtschaft wurde der Tourismus zur wichtigsten Verdienstquelle im Tal. Auf den raschen Ausbau der Hotellerie folgten Krisen, so während der Weltkriege und in den 1930er Jahren. Mit dem Aufschwung nach 1945 nahmen Chalets, Appartmenthäuser und Campingplätze im Talboden überhand und die tourist. Infrastruktur (Skilifts, Sesselbahnen, 1971 Helikopterstation, Parkhaus in L.) wurde laufend erweitert. Seit 1967 erschliesst die Schilthornbahn Gimmelwald und Stechelberg. Ertragseinbrüche in der Tourismusbranche und die Abwanderung mangels Arbeitsplätzen und Wohnraums bewirkten ab 1970 einen Bevölkerungsrückgang. Mit dem Hinteren Talgrund verfügt L. über ein Naturschutzgebiet.


Literatur
– H. Michel, Buch der Talschaft L., 1240-1949, 41979
Gesch. der Talschaft L., 2 Bde., 1988-89
– H. Buchs, Aus der Schul- und Dorfchronik Stechelberg, 2001
– S. Steger, Bauinventar der Gem. L., 2004

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler