Ungarn

Die offiziellen Beziehungen zwischen U. und der Schweiz datieren, sieht man von den Ungarneinfällen im 10. Jh. in Basel und St. Gallen ab, aus dem 15. Jh. Der ungarische Kg. Matthias Corvinus schloss 1479 einen gegen das Haus Habsburg gerichteten Freundschaftsvertrag mit der achtörtigen Eidgenossenschaft ab. Luzerns Gesandter, Melchior Russ, der von Matthias zum Ritter geschlagen wurde, weilte längere Zeit an seinem Hof. Nachdem U.s Krone 1526 an das Haus Habsburg gelangt war, nahm Wien die offiziellen Beziehungen wahr (Österreich).

1849 überreichte der Gesandte des kurzzeitig unabhängigen U. in Bern, von der Bevölkerung gefeiert, dem Bundesrat sein Beglaubigungsschreiben. Nach der Niederlage der Revolution fanden einige Emigranten in der Schweiz Zuflucht, so wurde etwa General György Klapka nach seiner Einbürgerung in den Genfer Gr. Rat gewählt. Nach dem Ausgleich zwischen Österreich und U. 1867 wurde in Budapest ein Konsulat errichtet. Schweiz. Unternehmer und Kapital partizipierten in erhebl. Ausmass an der Industrialisierung U.s, der Warenaustausch nahm zu. Simmentaler Zuchtvieh spielte in der ungar. Landwirtschaft traditionell eine grosse Rolle. Auf dem schweiz. Kapitalmarkt wurden zahlreiche ungar. Anleihen aufgelegt. Abraham Ganz aus Unterembrach gilt als Begründer der ungar. Schwerindustrie, die vom Genfer Emile Gerbeaud errichtete Konditorei ist heute noch die eleganteste in Budapest. 1906 zählte der 1866 gegr. Selbsthilfeverein der Ungarnschweizer 96 Mitglieder.

Bedeutsam und nachhaltig erwiesen sich die seit der Reformation dichter gewordenen kulturellen Kontakte. Die ungar. Reformatoren standen im regen Austausch mit ihren helvet. Glaubensbrüdern, zahlreiche von ihnen studierten in Basel und Genf, wo sie auch ihre theol. Werke drucken liessen. 1567 wurde das 2. Helvet. Bekenntnis rezipiert. István Bocskai, Fürst von Siebenbürgen und Begründer der Religionsfreiheit in seinem Land, ist am Genfer Denkmal der Reformatoren verewigt. U.s Protestanten erfuhren aber auch als Verfolgte der Gegenreformation tatkräftige Hilfe aus der Schweiz, so 1675 die zur Galeerenstrafe verurteilten Prediger, die von ihren schweiz. Glaubensbrüdern freigekauft und in der Schweiz gesund gepflegt wurden. Zahlreiche Studierende in Basel und Genf wurden durch Stipendien unterstützt (Beschluss der evang. Tagsatzung 1719). Basel und Genf spielten deshalb in der Vermittlung des ref. Stranges der Aufklärung eine grosse Rolle, so durch Josef Pétzeli und die Gf. Josef, Samuel und Adam Teleki. Ab 1725 hat Wien die Studienreisen zunehmend erschwert und dann unterbunden.

Zu dauerhaften diplomat. Beziehungen zwischen der Schweiz und U. kam es erst nach dem Zerfall der Donaumonarchie. Am 9.10.1920 beschloss der Bundesrat, den ungar. Staat anzuerkennen. Die bilateralen Beziehungen waren anfänglich durch die gescheiterten Versuche des in die Schweiz geflüchteten Kg. Karl, den ungar. Thron zurück zu erlangen, erhebl. Belastungen ausgesetzt. Die meisten mit Österreich-U. abgeschlossenen Verträge fanden nun auf U. Anwendung, ein Schiedsvertrag wurde 1925 abgeschlossen. 1925-38 standen die Gesandschaften in Wien und Budapest unter gleicher Leitung, danach residierte ein nur für U. akkreditierter Diplomat in Budapest.

Im Zentrum der diplomat. Bemühungen standen die Wirtschaftsbeziehungen. Die Schweiz beteiligte sich im Rahmen des Völkerbunds 1924 an der Sanierung der ungar. Finanzen mit einer Tranche von 30 Mio. Fr. (von insgesamt 250 Mio.). Als Folge der Weltwirtschaftskrise erliess U. ein Zahlungsmoratorium und ging zur Devisenbewirtschaftung über. Im Zeichen des vom Bundesrat in den 1930er Jahren konsequent verfolgten Bilateralismus folgten ab 1931 kurzfristige Abkommen über den gebundenen Zahlungs- und Warenverkehr (bis 1973). 1942 gelangte ein Doppelbesteuerungsabkommen zum Abschluss, das 1948 ratifiziert wurde. Das eher bescheidene, stets schwankende Volumen des Warenverkehrs nahm erst in den Kriegsjahren markant zu, mit Höhepunkt 1943 (Import 105,5 Mio. Fr., Export 74 Mio. Fr., Rang 5 als Handelspartner). Weizen und Sämereien aus U. waren essentiell für die Versorgung der Schweiz.

Während des 2. Weltkriegs, an dem U. an der Seite der Achsenmächte teilnahm, vertrat die Schweiz in Budapest die Interessen von 14 Staaten, darunter der USA und Grossbritanniens. Dank der unbürokrat. und rastlosen Tätigkeit von Vizekonsul Carl Lutz, 1942-45 Leiter der Schutzmacht-Abteilung der Schweizer Gesandtschaft in Budapest, überlebten Zehntausende von Juden in Budapest die Verfolgungen durch die dt. Besatzungsmacht und die ungar. Pfeilkreuzler. 1991 wurde Lutz in Budapest ein Denkmal errichtet.

Die am Kriegsende auf sowjet. Druck unterbrochenen diplomat. Beziehungen wurden 1946 wieder aufgenommen, gefolgt von period. Wirtschaftsverhandlungen. Ein Clearingkredit von 10 Mio. Fr. erlaubte die allmähl. Ausweitung des gebundenen Warenverkehrs, der bald Vorkriegsniveau erreichte. Dies entsprach der bundesrätl. Politik, die Wirtschaftsbeziehungen zu Osteuropa trotz des anbrechenden Kalten Krieges aufrecht zu erhalten. Ein Finanzabkommen regelte 1947 den Umgang mit den ungar. Staatsschulden.

Nachdem die demokrat. Entwicklung in U. unterbunden und U. unter sowjet. Einfluss zur kommunist. Volksdemokratie umgeformt worden war, kühlten sich die Beziehungen stark ab. Die 1943 noch 730 Personen umfassende Schweizerkolonie schmolz in den 1950er Jahren auf unter 100 Personen zusammen. Von Verstaatlichungsmassnahmen waren auch beträchtliche schweiz. Werte betroffen (1949 etwa 60 Mio. Fr.). Die Entschädigungsleistungen wurden im umfassenden Abkommen von 1950 geregelt, dem auch ein Protokoll über die in der Schweiz liegenden nachrichtenlosen Vermögen von Nazi-Opfern mit letztem Wohnsitz in Ungarn beigefügt war. Angesichts des rückläufigen Warenverkehrs und neuer Verstaatlichungsmassnahmen in U. verzögerte sich jedoch die Umsetzung.

Einen krit. Höhepunkt erfuhren die ungar.-schweiz. Beziehungen 1956 anlässlich der durch sowjet. Truppen niedergeschlagenen Revolution in U. Eine beispiellose Sympathie- und Solidaritätswelle schlug sich in der Schweiz nebst Hilfslieferungen besonders in der Aufnahme von über 20'000 Flüchtlingen nieder, die meist problemlos integriert wurden. 1963, nach der inneren Konsolidierung (sog. sanfte Diktatur) und der internat. Reintegration von U. begann eine neue, erst 1973 abgeschlossene Verhandlungsrunde (Entschädigungsabkommen, nachrichtenlose Vermögen in den Entschädigungsfonds, Wirtschaftsvertrag, Ende des gebundenen Waren- und Zahlungsverkehrs). Der Handelsverkehr weitete sich aus, wobei die Schweiz, im Gegensatz zur gesamten vorangegangenen Periode, ab 1974 meist eine positive Handelsbilanz gegenüber U. erzielte. Eine Reihe techn. Abkommen (Luftverkehr 1968, Strassentransport 1980, gewerbl. Rechtsschutz 1981, Doppelbesteuerung 1982) trug zu dieser Entwicklung bei. Sie war im Zeichen weltpolit. und europ. Entspannung, vorsichtiger ungar. Wirtschaftsreformen und kultureller Öffnung möglich geworden.

Auch auf kultureller Ebene setzten zahlreiche Verständigungsbemühungen ein. Friedrich Dürrenmatt schlug das ungar. Publikum in Bann, in der Schweiz erschienen Übersetzungen ungar. Autoren; bekannte schweiz. Autorinnen ungar. Abstammung sind Agota Kristof und Christina Viragh. Eine weitere Intensivierung auf staatl., ökonom. wie gesellschaftl. und kultureller Ebene erfuhren die ungar.-schweiz. Beziehungen seit der demokrat. Wende 1989. Ein Schieds- und Vergleichsvertrag trat 1995 in Kraft. Gefördert durch Übereinkünfte zu Investitionsschutz (1989), Finanzhilfe (1991 30 Mio.-Dollar-Kredit, 1993 Abkommen) und techn. Zusammenarbeit (1993, 1994) sowie durch ein Abkommen zur sozialen Sicherheit (1996) nahm der Handelsverkehr kontinuierlich und in erhebl. Ausmass zu. Seit U.s Beitritt zur EU 2004 gelten das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der EU von 1972 und die bilateralen Abkommen von 1999 auch für den ungar.-schweiz. Handelsverkehr. Die Schweiz trug zur Etablierung von demokrat. und marktwirtschaftl. Strukturen sowohl im Rahmen der Osthilfe wie durch kulturelle Kontakte erheblich bei. Die Pro Helvetia unterhielt 1992-2004 eine sog. Antenne in Budapest und unterstützte Schweizer Lektorate an den Univ. Budapest und Pécs, Präsenz Schweiz sponsert einen Doppellehrstuhl für Völkerrecht und internat. Beziehungen an der deutschsprachigen Univ. Budapest. Die Schweizer Kolonie in U. umfasste 2005 ca. 1'250 (davon ca. 500 Doppelbürger), die ungar. Kolonie in der Schweiz ca. 3'500 Personen.


Literatur
– B. Dezsényi, Magyarorszàg és Svàjc, 1946
– L. Révész, «Die helvet. Reformation in U.», in Ungarn-Jb. 4, 1972, 72-100
– A.G. Papp, «Die Schweizer Einwanderung in Pest-Ofen-Altofen vor 1849», in Ungarn-Jb. 18, 1990, 43-73
– M. Molnàr, Histoire de la Hongrie, 1996
– D. Tréfás, Die Illusion, dass man sich kennt, 2008

Autorin/Autor: Judit Garamvölgyi