• <b>Spanien</b><br>Quellen: Angaben von Rudolf Bolzern; F.W. Putzger, Historischer Atlas zur Welt- und Schweizer Geschichte, <SUP>9</SUP>1975, 78 f.  © 1999 HLS und Kohli Kartografie, Bern. Für ihren Weg von Mailand nach Flandern benutzten die Spanier den sogenannten <I>Camino de Suizos</I>, einen Korridor für den Truppendurchzug durch die Tessiner Vogteien, die katholische Innerschweiz sowie die gemeinen Herrschaften Freie Ämter und Grafschaft Baden. Eine andere Möglichkeit, um ins Reich zu gelangen, bot die sogenannte Landsknechtroute über Uri und Schwyz und durch die Fürstabtei St. Gallen zum Bodensee.
  • <b>Spanien</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Spanien

Die Personalunion Kastilien-Aragon von 1469/79 bildete die Grundlage für die Entwicklung des span. Nationalstaats. Im nahtlosen Übergang von der Reconquista, der Rückeroberung der iber. Halbinsel aus der Hand der Mauren, zur Conquista in Übersee entstand das span. Reich, das unter Karl V., seinerseits in Personalunion span. und dt. König, im 16. Jh. lange eine Vormachtstellung in Europa einnahm. Der Aufstand in den Niederlanden 1566 und die Niederlage der Armada 1588 leiteten den sich über mehrere Jahrhunderte erstreckenden Niedergang S.s als Grossmacht ein; seit dem Ende des span. Erbfolgekriegs (1701-13/14) spielte S. in der europ. Politik nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Restauration der Dynastie der Bourbonen nach der Revolutionszeit, in der S. viele seiner südamerikan. Kolonien verlor, erfolgte 1814 in besonders reaktionärer Form; im 19. Jh. lösten sich eher absolutististisch-reaktionäre und gemässigte oder konstitutionelle Formen der Monarchie mehrfach ab, unterbrochen von den Karlistenkriegen, einer Revolution sowie der ersten Republik 1873-74. Im span.-amerikan. Krieg 1898 wurde Kuba unabhängig, die Philippinen sowie Puerto Rico kamen an die USA. Die 1875 wiederhergestellte konstitutionelle Monarchie hielt sich bis 1931; die damals in Cortes-Wahlen siegreichen linken und liberalen Republikaner verloren später den Bürgerkrieg (1936-39) gegen Francisco Franco, dessen Diktatur bis 1975 bestand. Die 1978 in einem Referendum angenommene Verfassung machte S. zu einer parlamentar. Erbmonarchie - die erneute Übertragung der Königswürde an die Bourbonen hatte noch der Generalissimo eingeleitet - mit einem demokrat. Regierungssystem. 1986 trat Spanien der EG bei.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

1 - Frühe wirtschaftliche, kulturelle und militärische Kontakte im Spätmittelalter

Lange vor dem Beginn staatl. Beziehungen bestanden zwischen S. und der Schweiz Verbindungen wirtschaftl. und kultureller Natur. Die ersten namentlich bekannten Schweizer Unternehmen, die mit S. Handel trieben, waren Anfang des 15. Jh. die Diesbach-Watt-Gesellschaft, die Basler Halbisen-Gesellschaft sowie die Gebr. Reyff in Freiburg. Diese Handelshäuser setzten in S. vorwiegend Textilien wie Leinwand ab und bezogen aus S. hauptsächlich Safran, im Weiteren typ. Mittelmeerprodukte wie Baumwolle, Indigo, Datteln und Zucker. Die Diesbach-Watt-Gesellschaft verfügte über ständige Niederlassungen in Barcelona, Valencia und Zaragoza. Span. Kaufleute, die vorwiegend aus Katalonien stammten, waren hingegen weniger zahlreich in der Schweiz anzutreffen.

Bei den kulturellen Wechselbeziehungen dominierten anfänglich religiöse und kirchl. Aspekte. Eine im hohen MA einsetzende Verbindung der Eidgenossen mit S., die während Jahrhunderten bestand und kulturelle wie konfessionelle Einflüsse übertrug, war mit den Jakobspilgerwegen (Pilgerwesen) nach Santiago de Compostela gegeben. Grosse kirchenpolit. und theol. Wirksamkeit entfalteten die über 170 Kastilier und Aragonesen, die am Konzil von Basel (1431-49) teilnahmen. Aus Basel stammten schliesslich Buchdrucker wie Fadrique de Basilea, die in mehreren span. Städten den Buchdruck einführten und humanist. sowie religiöses Schrifttum verlegten.

Es war das Königspaar Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon, das im ausgehenden 15. Jh. auf die frei verfügbaren und aus den Burgunderkriegen siegreich hervorgegangenen Schweizer Söldner aufmerksam wurde. Vereinzelte eidg. Reisläufer sind erstmals 1482 auf span. Boden nachweisbar. Der königl. Chronist Fernando del Pulgar erwähnt 1487 ihre Präsenz bei der Vorbereitung des Feldzugs gegen Granada. Wenn auch die vielfach kolportierte Behauptung bezweifelt wird, die 1487 erlassenen span. Kriegsverordnungen seien eine Nachahmung älterer Schweizer Vereinbarungen, so ist doch der eidg. Einfluss auf Bewaffnung und takt. Vorgehen der v.a. in Flandern und Neapel eingesetzten Tercios (span. Infanterieeinheiten) unverkennbar. Zahlreiche Schweizer Fusssoldaten standen im jahrzehntelangen Ringen zwischen Frankreich und S. um die Vorherrschaft in Italien auf beiden Seiten.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

2 - Intensivere Beziehungen mit der neuen Grossmacht im 16. Jahrhundert

Eine erste vertragl. Bindung mit S. ging die Eidgenossenschaft 1515 ein, als die dreizehn Orte ein gegen Frankreich gerichtetes Bündnis mit dem Kaiser, dem Papst und dem Hzg. von Mailand zur Bewahrung des Status quo in Italien abschlossen. Das von Ks. Karl V. in seiner Eigenschaft als Lehensherr von Mailand 1552 zum achten und letzten Mal erneuerte Kapitulat (Mailänder Kapitulate) mit den dreizehn Orten beinhaltete in erster Linie die Zusicherung der guten Nachbarschaft in Handel und Verkehr. Eindeutig antifranz. Charakter trug hingegen die 1557 von Kg. Philipp II. von S. vollzogene Erneuerung der Erbeinung mit Maximilian I. von 1511, in der die Eidgenossen eine Schutzgarantie für die ererbten habsburg. Territorien wie die Freigrafschaft Burgund, nicht aber für das Herzogtum Mailand, abgegeben hatten. 1556 war die Freigrafschaft als habsburg. Herrschaft von Karl V. bei seiner Abdankung der span. Linie unter Philipp II. übertragen worden. Ihr kam für S. grosse strateg. Bedeutung zu, verband sie doch auf dem Landweg das Herzogtum Mailand über das befreundete Savoyen mit den Span. Niederlanden. Trotz weitgehender Autonomie musste sie z.Z. Philipps II. als Durchmarschkorridor für die nach Flandern marschierenden span. und ital. Truppen herhalten. Frankreich stellte für den habsburg.-span. Pufferstaat im Vorfeld der Eidgenossenschaft eine ständige Bedrohung dar. Da die Eidgenossen aus der auf dem Erbeinigungsvertrag basierenden Verpflichtung zum "getreuen Aufsehen" keine Unterstützung mit militär., sondern nur mit diplomat. Mitteln ableiteten, setzte sich S. mit wechselndem Erfolg für die Neutralisierung der Freigrafschaft ein.

Auch im 16. Jh. zogen schweiz. Handelsunternehmen, an ihrer Spitze lange Zeit dasjenige der Fam. Zollikofer von St. Gallen, grossen Gewinn aus dem Transport von Luxuskonsumgütern aus S. und dem Mittelmeerraum in mittel- und nordeurop. Absatzgebiete. Nach S. exportierten die Schweizer Kaufleute immer noch vorwiegend Textilien. Andere Ausfuhrprodukte wie Vieh, Holz, Leder und Käse waren grossenteils für die span. Besitzungen in Italien, insbesondere das Herzogtum Mailand, bestimmt. Dieses spielte andererseits bei der Versorgung der kath. Eidgenossenschaft mit Salz und Getreide eine bedeutende Rolle, unter der strikten Aufsicht der span. Behörden, die auf dem ausschliessl. Verbrauch in der Schweiz bestanden.

Die bedeutendsten Städte S.s, allen voran Sevilla, zogen im 16. Jh. zahlreiche Tessiner Künstler an. So waren in Sevilla, Toledo und Burgos die Bildhauer Antonio Maria Aprile von Carona sowie Bernardino und Pace Gaggini von Bissone tätig. Der Architekt Michele Carlone von Rovio sowie die Bildhauer Egidio, Pietro und Giovan Antonio Verda von Gandria führten den Innenausbau des Schlosses von La Calahorra bei Guadix (Andalusien) aus. Die Brüder Giorgio und Giovan Giacomo Paleari von Morcote standen als Festungsspezialisten im Dienst Philipps II. und wandten ihre Kenntnisse in Italien (u.a. Mailand), S. (Pamplona) und Portugal (Setúbal) an. Unter den wenigen Spaniern, die sich im 16. Jh. in der Schweiz niederliessen, sind die humanist. oder ref. Refugianten (Flüchtlinge) zu erwähnen, die v.a. in Basel Zuflucht fanden. Der zum ref. Glauben übergetretene, erfolgreiche Bankier Marcos Pérez wurde 1568 in das Basler Bürgerrecht aufgenommen und machte sich mit der Unterstützung weiterer Glaubensflüchtlinge wie des aus Sevilla stammenden Bibelübersetzers Casiodoro de Reyna sehr verdient. Mit der Aufnahme dieser Refugianten wurde eine Asylpraxis seitens der eidg. Orte eingeleitet, die auch in späteren Zeiten von span. Dissidenten versch. Art sporadisch in Anspruch genommen wurde. Im Zeichen der Glaubenstrennung stand 1536 die Disputation der neun ersten, nach Italien reisenden Genossen des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, unter ihnen mehrere Spanier, mit ref. Theologieprofessoren in Basel.

Die führenden Köpfe der Reformation in der Schweiz, welche einzelnen span. Gelehrten wie z.B. dem Humanisten Juan Luis Vives, Schüler und Freund des Erasmus von Rotterdam, grosse Wertschätzung entgegenbrachten, fürchteten den ihnen feindl. Einfluss S.s im Reich. S. war in der 2. Hälfte des 16. Jh. die beherrschende Macht in Europa schlechthin und zwang alle übrigen Staaten in die Rolle von Alliierten, Freunden oder Feinden. Das Verhältnis zur Eidgenossenschaft trat in eine neue Phase ein, als S. engere Beziehungen zu deren kath. Teil, insbesondere zum Schutz des Herzogtums Mailand, eingehen wollte. 1587 schloss es mit den kath. Orten Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug und Freiburg ein im Zeichen der Gegenreformation stehendes Bündnis ab. Die wichtigsten Bestimmungen dieser Allianz waren: 1. gegenseitige Hilfsverpflichtungen im Fall eines Angriffs von Drittstaaten, 2. Recht eines jeden Vertragspartners auf den Durchmarsch seiner Truppen durch das Territorium des anderen, 3. Verpflichtung S.s zur regelmässigen Zahlung von Pensionsgeldern an die Orte, 4. Handels- und Zollvorschriften, v.a. zur Versorgung der ennetbirg. Vogteien mit Getreide und Salz und zum Viehhandel mit der Lombardei, 5. Studienfreiplätze für Söhne der polit. Führungsschicht der kath. Orte an den Hochschulen von Mailand und Pavia.

Die beidseitigen Interessen der an machtpolit. Entfaltung und europ. Verbindungen so ungleichen Allianzpartner ergänzten sich nördlich und südlich der Zentralalpen (Eidgenossenschaft, Mailand, Freigrafschaft) sehr gut. S. begrüsste im Bündnis von 1587 die Öffnung einer neuen militär. Nachschubroute nach Flandern und die Sicherheitsgarantien für das Herzogtum Mailand, indem die kath. Orte der Eidgenossenschaft im Ernstfall dessen Nordgrenze schützten und zudem Soldtruppen zur Verfügung stellen sollten. Die kath. Orte hingegen waren am Rückhalt gegen die ref. Orte, an Pensionsgeldern und wirtschaftl. Vorteilen im Handel mit Mailand, am Gotthardtransit und an der gesicherten Versorgung der ennetbirg. Vogteien interessiert. Das Bündnis mit S. führte zur Teilung des Landes Appenzell (1597), indem die kath. Appenzeller sich diesem anschliessen wollten, die ref. hingegen ihre Zustimmung verweigerten. Besondere Bedeutung für S. erlangte im 1. Viertel des 17. Jh. das Recht auf Truppenpassagen, als die Route über Savoyen zu riskant geworden war: 1604-25 überschritten, alle von S. veranlassten Durchzüge zusammengezählt, 73'000 Mann dt., ital., wallon. und span. Nationalität den Gotthardpass (Camino de Suizos).

<b>Spanien</b><br>Quellen: Angaben von Rudolf Bolzern; F.W. Putzger, Historischer Atlas zur Welt- und Schweizer Geschichte, <SUP>9</SUP>1975, 78 f.  © 1999 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>Für ihren Weg von Mailand nach Flandern benutzten die Spanier den sogenannten <I>Camino de Suizos</I>, einen Korridor für den Truppendurchzug durch die Tessiner Vogteien, die katholische Innerschweiz sowie die gemeinen Herrschaften Freie Ämter und Grafschaft Baden. Eine andere Möglichkeit, um ins Reich zu gelangen, bot die sogenannte Landsknechtroute über Uri und Schwyz und durch die Fürstabtei St. Gallen zum Bodensee.<BR/>
Besitzungen Spaniens im Alpenraum (16.-17. Jh.)

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

3 - Im Zeichen des Konfessionalismus (Ende 16. bis Anfang 18. Jahrhundert)

Der Zeitabschnitt zwischen dem Ende der franz. Religionskriege und dem Beginn des Dreissigjährigen Kriegs brachte die intensivste diplomat. Tätigkeit S.s in der Eidgenossenschaft hervor. Der in Luzern residierende Botschafter Alfonso Casati, der 1594-1621 die Gesandtschaft in der Schweiz wahrnahm, beeinflusste die eidg. Innenpolitik nachhaltig. Als 1621 die (1604 erneuerte) Allianz von 1587 auslief und S. 1622 für längere Zeit letztmals die Pensionsgelder entrichtete, lockerte sich die Verbindung mit den kath. Orten. Diese rückten nicht nur wegen der ausstehenden Pensionen von S. ab, sondern auch, um eine Verwicklung in den Dreissigjährigen Krieg zu vermeiden. S. seinerseits zeigte ebenfalls weniger Interesse an der kath. Schweiz, weil die Besetzung des Veltlins 1618 den Gotthardpass für Truppendurchzüge in den Hintergrund treten liess. Ohnehin stellten damals die Bündner Pässe für die span. Armeen die geeignetsten Verbindungslinien zu den böhm.-dt. Kriegsschauplätzen dar. Das Eingreifen S.s zusammen mit Österreich in den konfessionellen Bürgerkrieg in Graubünden (Bündner Wirren) erfolgte vorwiegend aus strateg. Erwägungen.

Die Allianz der kath. Orte mit S. wurde erst 1634 wieder erneuert (letzte Erneuerung 1705). Die Vertragsartikel blieben sich bis auf wenige Ausnahmen gleich. Deren wichtigste war die Ausweitung des Schutz- und Schirmbündnisses auf die Freigrafschaft Burgund. Als 1635 im Anschluss an die Kriegserklärung Frankreichs an S. franz. Truppen in die Freigrafschaft einfielen, erwies sich diese neue Schutzgarantie aufgrund der konfessionellen Spannungen in der Schweiz allerdings als wenig wirksam. Die Bemühungen des span. Literaten und Diplomaten Diego de Saavedra Fajardo 1638-42 in der Schweiz zugunsten der Freigrafschaft vermochte deren Gefährdung ebenso wenig zu bannen wie 1668 die Unterhandlungen von Abt Jean Gérard Joseph de Wattenwyl, des Abgesandten des burgund. Parlaments. Die erneute Invasion 1674 durch Kg. Ludwig XIV. besiegelte das Schicksal der Freigrafschaft, die 1678 endgültig in den Besitz Frankreichs überging. Diese territoriale Expansion machte die franz. Vormachtstellung in Europa und die entscheidende Schwächung S.s augenscheinlich, somit auch dessen stark reduzierten Einfluss in der Eidgenossenschaft. Mit der vormaligen span. Herrschaft über die Freigrafschaft Burgund eng verbunden war die Berner Patrizierfamilie von Wattenwyl, von der ein Zweig im 16. Jh. in den span. Dienst trat. Mehrere Angehörige dieser "burgund. Linie" bekleideten hohe Ämter in der Freigrafschaft, wie der oben erwähnte Abt von Baume-les-Messieurs, oder in anderen Provinzen der span. Monarchie, wie Juan Carlos de Batteville, der als Gouverneur von Luxemburg, später als Vizekönig von Navarra fungierte.

Eine Konstante in den schweiz.-span. Beziehungen dieser Zeit bildete der Solddienst (Fremde Dienste). Oberst Walter Roll aus Uri warb 1574 erstmals ein kath.-eidg. Regiment an, bestimmt für einen Einsatz in den Niederlanden. Der Solddienst der kath. Orte war das Hauptelement ihrer im Bündnis von 1587 fixierten Schutzgarantien für das Herzogtum Mailand. Die span. Könige Philipp III. und Philipp IV. schlossen in der 1. Hälfte des 17. Jh. Kapitulationen für insgesamt zwölf Regimenter ab. In der 2. Hälfte nahmen schweiz. Truppen auf der iber. Halbinsel an den Feldzügen Philipps IV. und Karls II. gegen die Portugiesen, die ihre wiedergewonnene Unabhängigkeit verteidigten, und gegen die aufständ. Katalanen teil. Im Pfälz. Krieg (1688-97) und im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-14) wurde wiederum das Herzogtum Mailand zum Schauplatz militär. Auseinandersetzungen unter Beteiligung eidg. Söldnereinheiten.

Verglichen mit dem Solddienst waren die kulturellen Kontakte zwischen S. und der Schweiz im 17. Jh. bedeutend weniger intensiv. Die Präsenz bildender Künstler und Architekten aus dem Tessin in S. hatte sich nach 1600 stark vermindert. An den Jesuitenkollegien der kath. Schweiz dagegen wurden die ideolog. Inhalte der von S. wesentlich mitgestalteten Gegenreformation besonders intensiv vermittelt. Beispielsweise vergegenwärtigte das Jesuitentheater in Luzern das Leben des span. Japan- und Indienmissionars Franz Xaver (1506-52). Schweizer Jesuiten hielten sich zeitweise in S. auf, so 1627-28 Johann Baptist Cysat von Luzern, einer der führenden Astronomen seiner Zeit.

In der Zeit der wirtschaftl. Stagnation des 17. Jh. in Italien und S. verlor auch der schweiz.-span. Handelsverkehr an Bedeutung. Erst während des Span. Erbfolgekriegs belebte sich der Export schweiz. Waren wieder aufgrund steigender Nachfrage seitens der span. Kaufmannschaft. Dieser Aufschwung verstärkte sich noch mit der Ausfuhr schweiz. Textilien nach den Kolonien in Amerika. Gegen Ende des 18. Jh. bestanden schweiz. Handelshäuser in allen grösseren span. Städten. Eine bedeutende Rolle bei der Einfuhr von Werken in lat. und franz. Sprache nach S. spielte der Genfer Buchhandel.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

4 - Das ausgehende Ancien Régime und die Revolutionszeit (18. Jahrhundert bis 1815)

Im Frieden von Rastatt und im 1. Frieden von Baden (beide 1714) verlor S. seine ital. Besitzungen. Insbesondere der Verlust des Herzogtums Mailand reduzierte die Beziehungen zur Eidgenossenschaft beträchtlich. Eine Erneuerung des Bündnisses zwischen S. und den kath. Orten kam nicht mehr zustande. Die sehr lockeren weiter bestehenden Beziehungen in der 1. Hälfte des 18. Jh. betrafen fast ausschliesslich Militärangelegenheiten, v. a. den Solddienst eidg. Regimenter. Grössere Söldnereinheiten gelangten bereits wieder 1718 in Italien zum Einsatz, als sich S. anschickte, Teile seiner früheren Besitzungen zurückzuerobern. Eine Ausweitung des Einsatzkreises bedeutete die Verschiffung von insgesamt vier Regimentern nach Nordafrika ab 1732. Auch im Poln. Erbfolgekrieg (1734-35) kämpften Schweizer Truppen im Dienst S.s vornehmlich gegen die Österreicher in Sizilien und Neapel. Im Österr. Erbfolgekrieg (1741-48) schliesslich wollte S. seine alte Vormachtstellung in Italien zurückgewinnen und setzte in den Feldzügen in Savoyen, Nizza und der Lombardei insgesamt fünf Schweizerregimenter mit über 30'000 Mann ein. Anfang 1743 beherrschte die span. Alpenarmee ganz Savoyen und stellte eine Bedrohung für Genf dar, das die Hilfe der mit ihm verburgrechteten Städte Bern und Zürich anrief. Söldner der vier Schweizerregimenter, die in der 2. Hälfte des 18. Jh. der span. Krone zur Verfügung standen, fehlten in keiner der zahlreichen Konfrontationen, weder im Krieg gegen Portugal (1762), noch in den Expeditionen in Algerien (1775, 1790), noch im Krieg gegen England (1781-82). Archivalisch bezeugt ist, dass zahlreiche Söldner nicht in die Schweiz zurückkehrten und den Rest ihres Lebens in S. verbrachten.

Erwähnenswert sind auch die Tessiner Architekten, die sich Mitte des 18. Jh. in S. aufhielten, so die Brüder Vigilio und Pietro Rabaglio von Gandria, die am Bau des Königspalastes in Madrid und am Projekt des Palastes in Riofrío tätig waren, oder das Brüderpaar Carlo und Giovan Maria Fraschina, deren Mitwirkung als Maurermeister am Palacio de la Granja in San Ildefonso belegt ist.

Die grösste Auswanderungsbewegung aus der Schweiz nach S. nahm 1767 ihren Anfang, als Kg. Karl III. beschloss, 6'000 mitteleurop. Kolonisten für die Besiedlung der im nördl. Andalusien gelegenen Sierra Morena anzuwerben. Bei den etwa 800 Personen aus der Schweiz, die sich entgegen den obrigkeitl. Verboten diesem Unternehmen anschlossen, handelte es sich in erster Linie um Kleinbauern, Taglöhner und Bergbauern aus kath. Gebieten. Dieses Projekt zur besseren wirtschaftl. Erschliessung rückständiger Regionen in Südspanien war der Initiative reformbewusster span. Minister zu verdanken.

In der Zeit von Rokoko und Aufklärung nahmen sich S. und die Schweiz in einem bescheidenen Austausch von Luxusprodukten sowie in einer ebenso beschränkten Rezeption belletrist. Schöpfungen und wissenschaftl. Gedankenguts gegenseitig wahr. So führte der Neuenburger Uhrenmacher Pierre Jaquet-Droz am Hof Kg. Ferdinands VI. 1758 einen Spielautomaten und ein Sortiment Pendeluhren vor. Die Schäferlyrik von Salomon Gessner aus Zürich erfreute sich in S. derartiger Beliebtheit, dass er dort zum bestbekannten Dichter dt. Sprache avancierte. Gelehrte beider Länder standen miteinander in Briefwechsel, so etwa Albrecht von Haller (1708-77) mit dem Naturwissenschaftler Antonio Capdevila oder Johann Rudolf Iselin mit dem Universalgelehrten Gregorio Mayans y Siscar. Die span. Sociedades económicas hatten ausländ. Vorbilder, unter ihnen die Ökonom.-gemeinnützigen Gesellschaften von Bern, Zürich und Solothurn. In Schriften von Pedro Rodríguez Gf. von Campomanes, des einflussreichen ministeriellen Beraters von Kg. Karl III., ist im Zusammenhang mit Reformanliegen öfters von ökonom. und sozialen Aspekten der Schweiz die Rede. In die Schwellenzeit um 1800 fällt schliessl. die Einführung der Unterrichtsmethoden von Johann Heinrich Pestalozzi durch Schweizer Offiziere in Tarragona, Madrid und Santander. Der Gründung des Real Instituto Militar Pestalozziano 1806 in Madrid folgte ein Briefwechsel zwischen Pestalozzi und dem leitenden span. Staatsminister Manuel Godoy.

Schweizerregimenter wurden im Krieg gegen die Franz. Republik ab 1793 eingesetzt. Nach empfindl. Rückschlägen sah sich S. 1795 zum Frieden von Basel gezwungen. Eine bedeutende Rolle spielten schweiz. Truppeneinheiten im span. Unabhängigkeitskrieg gegen Napoleon 1808-14. Nur zwei der sechs Regimenter, die insgesamt gegen 12'000 Mann umfassten, schlossen sich dem franz. Besatzungsheer an. Der Einsatz von General Theodor Reding von Schwyz an der Spitze der Schweizer Truppen entschied über den Sieg der span. Aufständischen bei Bailén 1808. Im Verlauf der nachfolgenden Kämpfe erlitten die Schweizerregimenter grosse Verluste. Sie zählten 1812 insgesamt nur noch einige hundert Mann. Die krieger. Auseinandersetzungen z.Z. der Franz. Revolution und Napoleons beeinträchtigten den Handelsverkehr zwischen S. und seinen Kolonien mit der Schweiz in hohem Mass. Mehrere Pläne, die den Abschluss eines Handelsvertrags vorsahen, zerschlugen sich.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

5 - Von der Restauration bis ins ausgehende 19. Jahrhundert

Die Schweiz, eine Konföderation von 21 Republiken inmitten der restaurierten europ. Monarchien, stellte ab 1815 einen Zufluchtsort für polit. Flüchtlinge aus einer Vielzahl von Ländern dar. Unter ihnen befanden sich auch Spanier aus dem liberalen Lager. Die den Pressionen der Grossmächte ausgesetzten kant. Obrigkeiten sahen sich 1817 allerdings zum Beitritt zur Heiligen Allianz und 1823 zu Zwangsmassnahmen gegenüber der Presse und den Exilanten veranlasst. Im selben Jahr begrüsste der eidg. Vorort sogar explizit in einem Glückwunschschreiben die in S. von franz. Truppen erzwungene Wiedereinführung der absolutist. Monarchie unter Kg. Ferdinand VII. Die Teilnahme der in franz. Diensten stehenden schweiz. Gardetruppen an der von der Hl. Allianz angeordneten Intervention zum Sturz der liberalen Regierung in S. vermag diese willfährige, der öffentl. Meinung zuwiderlaufende Haltung teilweise zu erklären. Diese war aber auch Ausdruck der polit. Spannungen in der Schweiz mit ihrem Gegensatz von restaurativer Herrschaft und regenerativ-liberal gesinnten Kreisen, die mit der antiabsolutist. Revolution in S. sympathisierten. Ein weiterer Beleg für die kontroverse Beurteilung der damaligen polit. Entwicklung in S. ist die 1820 erschienene, antiliberale Schrift "Constitution der span. Cortes" (13 zeitgenöss. Ausgaben, auch in Spanisch und Katalanisch) Karl Ludwig von Hallers, des Berner Wortführers der Restauration. Das revolutionäre Parlament S.s hatte 1820 die Auflösung der Schweizerregimenter verfügt. Aufgrund des erneuten absolutist. Umsturzes versahen diese ihren Dienst aber bis 1828 und wurden 1835 endgültig entlassen. Verhandlungen bezüglich geschuldeter Sold- und Pensionsgelder zogen sich bis in die 1920er Jahre hin.

In der 1. Hälfte des 19. Jh. siedelten sich zahlreiche Puschlaver Zuckerbäcker in S. an. Die Niederlassung von Andrea Pozzi aus Poschiavo in Bilbao um 1800 markiert den Beginn dieser Auswanderung. Auf ihn und seinen Landsmann Lorenzo Matossi geht die Einrichtung des ersten Café Suizo zurück. Über ganz S. breiteten sich in der Folge die Puschlaver Kaffehäuser aus; am Ende des 19. Jh. waren es über 50. Die meisten der Auswanderer kehrten nach Poschiavo zurück. Ihre im "Spaniolenviertel" gelegenen, prachtvollen Häuser zeugen vom erworbenen Reichtum. Ein 1841 zwischen Königin Isabel II. und der Eidgenossenschaft abgeschlossener Vertrag zivil- und strafrechtl. Inhalts legte die Basis für geregelte Beziehungen zum Schutz ihrer Staatsangehörigen. Auf Antrag des Kt. Graubünden wurde 1846 der Beschluss gefasst, in Barcelona, wo die grösste Schweizerkolonie bestand, ein "Handelskonsulat für Spanien" (seit 1958 Generalkonsulat) zu errichten. 1861 folgte ein Honorarkonsulat (bis 1910, seit 1957 Botschaft) in Madrid.

Im Zeitalter der Restauration hatten der von S. betriebene Protektionismus und die Wirren um die Unabhängigkeitsbewegung der amerikan. Kolonien den Handelsaustausch erschwert. Dieser erfuhr erst gegen die Mitte des 19. Jh. wieder einen Aufschwung. Zu den traditionellen schweiz. Exportprodukten -- Baumwoll- und Seidentücher -- stiessen hochwertige Industriegüter wie die Uhren. Dagegen ging die Zahl der in S. lebenden Schweizer und Schweizerinnen in der 1. Hälfte des 19. Jh. zurück. Waren es um 1830 ungefähr 2'000, meist Veteranen der Schweizerregimenter, so wurden 1858 nicht mehr als 250 Personen gezählt, in ihrer Mehrheit Tessiner und Bündner.

Von 1840 an wurden radikal-liberale Ideen in der Presse S.s in zunehmendem Mass propagiert. Bei einigen span. Staatstheoretikern und Politikern fand die Schweizer Bundesverfassung von 1848 eine sehr positive Würdigung. Die Repression republikan. und föderalist. Aufstände ab 1866 trieb viele span. Politiker ins Exil, das ihnen Frankreich, Belgien und die Schweiz gewährten. An den Internat. Friedenskongressen der pazifist. Liga für Frieden und Freiheit 1867 in Lausanne und 1868 in Bern waren die span. Demokraten und Republikaner sehr gut vertreten. 1872-73 beunruhigte der Genfer Aufenthalt von Don Carlos, des Thronprätendenten und Anführers der extrem traditionalist. Bewegung der Karlisten, die Schweizer Behörden. Neben den USA war die Schweiz das einzige Land, das nach der Abdankung von Kg. Amadeus 1873 der neu geschaffenen Ersten Span. Republik nicht mit Misstrauen begegnete und sie sofort anerkannte. Der aus Katalonien stammende Publizist und Politiker Francisco Pi y Margall (1824-1901), der zweite Präsident der kurzlebigen Republik, betrachtete in seinem 1876 geschriebenen Werk "Las nacionalidades" die Schweiz als Musterbeispiel einer föderalist. Republik, in der aus freier Übereinkunft versch. Ethnien, Sprachgruppen und hist. gewachsene Teile mit ihren je eigenen kant. Gesetzen zusammengefunden hätten. Ob der Cantonalismo, die Bezeichnung für die aufständ., von ultraföderalist. Kräften getragene Bewegung 1873 in Andalusien und Murcia, etwas mit den Schweizer Kantonen zu tun hat, steht nicht mit Sicherheit fest. In die revolutionäre Zeit von 1868 reichen die Kontakte zurück, die der damals in der Schweiz tätige Michail Bakunin mit polit. Kreisen in S. anknüpfte. Die span. Arbeiterschaft war in der Folge lange Zeit weit stärker anarchistisch als sozialistisch inspiriert.

1869 wurde in Madrid das erste schweiz.-span. Handelsabkommen, mit der Meistbegünstigungsklausel, abgeschlossen. Damals öffnete sich der span. Markt dem ausländ., auch schweiz. Kapital. Eine gemässigte Freihandelspolitik begründete den industriellen Durchbruch in versch. Landesteilen und eine schnelle Wirtschaftsentwicklung. Ein 1879 abgeschlossener Niederlassungsvertrag erleichterte den Aufenthalt und die Tätigkeit schweiz. und span. Handels- sowie Gewerbetreibender im anderen Land. Der Handelsvertrag von 1869 wurde 1883, 1892, 1906 und 1922 in modifizierter Form erneuert. Allen genannten Vertragsabschlüssen waren gegenseitige Revisionen der Zolltarife vorangegangen.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

6 - Das 20. Jahrhundert bis zum Spanischen Bürgerkrieg

Im Krieg um Kuba und die Philippinen folgten 1898 S. und die USA den vermittelnden Bemühungen der Schweiz, die Zusatzartikel der Genfer Konvention von 1864 im Sinn eines Modus vivendi in Kraft zu setzen. Die Niederlage gegen die USA bewirkte, dass sich S. wieder vermehrt den polit. Verhältnissen in Europa zuwandte. Der sich nach 1900 beschleunigende Wirtschaftsaufschwung machte es zu einem attraktiven Handelspartner. In den ersten Jahren des 20. Jh. war der Handelsverkehr zwischen S. und der Schweiz nahezu ausgeglichen. 80% der Importe aus S. bestanden aus Wein, der Rest aus Früchten, Fisch, Kork und Blei. Die wichtigsten Schweizer Exportprodukte waren Uhren, Maschinen, Stickereien, Kondensmilch, Kühe und Käse. Der Aufschwung der Handelsbeziehungen mit S. belastete die Schweizer Konsulate in zunehmendem Mass und erforderte einen Ausbau: 1914 wurde das Generalkonsulat in Madrid mit der Ernennung des Puschlavers Alfredo Mengotti zum ständigen Gesandten in eine Gesandtschaft umgewandelt. Die schweiz. Industrie beteiligte sich massgeblich an der Elektrizitätsgewinnung und -versorgung sowie an der Modernisierung der Eisenbahn in S. Im 1. Weltkrieg wurden S. und die Schweiz, die ihre Neutralität bewahrten, zu Lieferanten sowohl der Alliierten als auch der Mittelmächte. Der span.-schweiz. Handelsaustausch intensivierte sich in den Kriegsjahren, insbesondere führte S. vermehrt mineral. Rohstoffe und Lebensmittel aus. 1918 war S. zum wichtigsten Lebensmittellieferanten der Schweiz aufgestiegen, vor Italien und Frankreich. Die Schweiz steigerte den Export von Maschinen für die Landwirtschaft, eine Entwicklung, die nach dem Krieg anhielt. Die Einfuhren aus S. gingen hingegen nach 1918 zurück.

In der Nachkriegszeit spielten S. und die Schweiz, beide Gründungsmitglieder des Völkerbunds, international eine eher bescheidene Rolle. Bei den Bemühungen um eine engere Zusammenarbeit der im 1. Weltkrieg neutral gebliebenen Staaten -- wie der Niederlande, der skandinav. Länder und der Schweiz -- im Völkerbund wurde S. ab und zu einbezogen, beispielsweise 1922 anlässlich eines Vorgesprächs von Vertretern der genannten Staaten in Bern im Hinblick auf die im selben Jahr stattfindende internat. Wirtschaftskonferenz von Genua. Die Ansprüche S.s 1926 auf einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat fanden keine Unterstützung seitens der Schweiz.

Die Interessenlage der Schweiz wurde in erster Linie von der Präsenz ihrer Landsleute in S. und den regen Handelsbeziehungen bestimmt. V.a. in Katalonien etablierte sich eine beträchtl. Anzahl von Industrieunternehmen, entweder im Besitz von Schweizer Staatsangehörigen oder mit namhafter Beteiligung von schweiz. Kapital operierend, so die Fabriken und Verkaufsniederlassungen der Firma Nestlé sowie die Textilunternehmen der Fam. Dubler und Bebié, schliesslich die span. Tochtergesellschaften von schweiz. Versicherungen. Die schweiz.-span. Firma Hispano Suiza fertigte vor dem 1. Weltkrieg hochwertige Automobile. Die spätere Ausweitung der Produktion auf Flugzeug- und Schiffsmotoren, Werkzeugmaschinen und Waffen machte das 1904 vom Genfer Marc Birkigt gegründete Unternehmen weltbekannt. Um 1920 zählte die Schweizer Kolonie in S. um die 3'000 Personen, während sich lediglich ungefähr 1'000 span. Staatsangehörige in der Schweiz aufhielten (0,2% der gesamten ausländ. Bevölkerung). Damals stiess sich S. daran, dass die Schweiz der Einreise und dem Aufenthalt span. Kaufleute fremdenpolizeil. Schwierigkeiten bereitete, die diese mit der hohen Arbeitslosigkeit rechtfertigte. Am Ende der 1920er Jahre stand S. an siebter oder achter Stelle bei der Einfuhr von Schweizer Produkten und an 13. Stelle als Exporteur. Die Handelsbilanz fiel positiv für die Schweiz aus. 1931 kehrte sich mit der Weltwirtschaftskrise das Verhältnis um. Bei einer beträchtl. Abnahme des Handelsaustauschs verzeichnete die Schweiz einen Passivsaldo. Die Errichtung der Zweiten Span. Republik, die von der Schweiz 1931 nach Frankreich und einer Reihe anderer Staaten anerkannt wurde, fand wenig Beachtung. Erst der Bürgerkrieg rückte S. in der Schweiz in ein breites öffentl. Bewusstsein.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

7 - Vom Spanischen Bürgerkrieg bis zum Tod Francos

Die Wahrung der Wirtschaftsinteressen in den von den beiden Bürgerkriegsparteien kontrollierten Territorien stand für die offizielle Schweiz im Vordergrund, wenn auch der Handelsverkehr im Bürgerkrieg drastisch zurückging. Bei dessen Ausbruch im Juli 1936 wurde die Schweizerkolonie in S. auf 4'000 Personen geschätzt. 2'000 kehrten im Sommer in die Heimat zurück. Beim Polit. Departement wurde die Schutzstelle für Spanienschweizer zur schnellen Heimschaffung sowie Integration in der Schweiz und zum Schutz ihrer Vermögenswerte in S. eingerichtet. Zur selben Zeit entstanden Hilfswerke zugunsten der span. Zivilbevölkerung. Eines der bekanntesten war die von Rodolfo Olgiati gegründete Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder, die sich für bürgerkriegsgeschädigte Mütter und Kinder einsetzte.

Gegen 800 Schweizer zogen nach S., um vorab in den Internat. Brigaden die demokratisch gewählte republikan. Regierung zu verteidigen. Damit stellte die Schweiz im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl eines der grössten Freiwilligen-Kontingente. Knapp 40 Schweizer kämpften bei den aufständ. Truppen des Generals Francisco Franco. Rund 170 der Schweizer "Spanienfahrer" fielen. Aus Neutralitätsgründen beschloss der Bundesrat im Aug. 1936, sich dem franz. Vorschlag der Nicht-Intervention nicht anzuschliessen. Allerdings verbot er damals sowohl jegl. Waffenausfuhr als auch die "Teilnahme an den Feindseligkeiten in Spanien". Zudem ergriff er Massnahmen, um diesen Verboten Nachachtung zu verschaffen. Daher wurden bis Ende 1939 375 Spanienkämpfer strafrechtlich verfolgt. Der prominenteste Schweizer Spanienfreiwillige war Otto Brunner, Kommandant des Bataillons Tschapajew. 1939 gründeten jene, die in die Schweiz zurückgekehrt waren, die Interessengemeinschaft der ehem. Spanienfreiwilligen. Diese setzte sich zum Ziel, nach dem Sieg Francos die Öffentlichkeit über den Charakter von dessen Diktatur aufzuklären, humanitäre Hilfe für die zahlreichen Flüchtlinge aus S. zu leisten und die eigenen Interessen v.a. im Sinne einer Rehabilitierung (die erst 2009 erfolgen sollte) wahrzunehmen. Zu einer aussergewöhnl. Berührung der Schweiz mit der span. Kultur kam es 1939, als eine repräsentative Auswahl von Meisterwerken der span. Malerei, stark gefährdet durch den nationalist. Bombenterror, unter dem Titel "Les chefs-d'œuvre du Musée du Prado" in Genf gezeigt wurde.

Nach der Besetzung Kataloniens, des wirtschaftlich bedeutendsten Gebiets S.s, Anfang 1939 anerkannte der Bundesrat am 14. Februar de jure die Regierung Francos. Diesem Schritt folgten die Akkreditierung eines ausserordentl. Gesandten und bevollmächtigten Ministers und der Abbruch der Beziehungen mit der republikan. Regierung. Ende Mai 1939 lehnte der Bundesrat die Aufnahme von Flüchtlingen aus S. ab. Im 2. Weltkrieg belebten sich die bilateralen Handelsbeziehungen wieder. Wie im 1. Weltkrieg steigerte S. seine Lebensmittel- und Rohstoffexporte in die Schweiz, während diese S. dringend benötigte Investitionsgüter lieferte. Nachdem schweiz. Banken in der Endphase des Bürgerkriegs Franco-S. Wiederaufbaukredite gewährt hatten, traf die Schweiz 1940 als einer der ersten Staaten mit S. eine Regelung des Waren- und Zahlungsverkehrs. 1940 erlangten nach dem Zusammenbruch Frankreichs die Atlantikhäfen der iber. Halbinsel (insbesondere Lissabon und Bilbao) grosse Bedeutung für die Ein- und Ausfuhr überseeischer Güter. Ein Jahr später verpflichtete sich S. zu mit Devisen zu bezahlenden Dienstleistungen beim Weitertransport schweiz. Güter von und nach Italien sowie Frankreich. Die Schweiz als wichtigster Umschlagplatz für aus dem Machtbereich Deutschlands stammendes Gold verkaufte erhebl. Mengen davon an Drittländer weiter, so an S. im Wert von 185 Mio. Fr. Die span. Lieferungen von strateg. Kriegsmaterial, insbesondere Wolfram, an Deutschland wurden z.T. mit über die Schweiz transferiertem dt. Raubgold bezahlt.

Die nach dem Krieg von Franco betriebene Autarkiepolitik, die internat. Isolierung von dessen Regime und Zahlungsschwierigkeiten verminderten die span. Handels- und Finanzbeziehungen überaus stark. Der Austausch mit der Schweiz machte dabei keine Ausnahme. In den 1950er Jahren vermochte die Schweiz ihre Exporte nach S. allmählich zu steigern. Die span. Ausfuhren hingegen bewegten sich erst in den 1960er Jahren wieder auf dem Niveau des 2. Weltkriegs.

Mit dem Beitritt zur Organisation für europ. wirtschaftliche Zusammenarbeit 1958 und der monetären Stabilisierung 1959 liberalisierte S. den Aussenhandel; eine neue Gesetzgebung bezweckte die Steigerung der Auslandsinvestitionen. Die wirtschaftl. Öffnung bewirkte eine einschneidende Rezession, das Ansteigen der Arbeitslosigkeit und 1960-70 die Auswanderung von fast 1,5 Mio. Personen aus S. in entwickeltere Industriestaaten Europas. Die span. Bevölkerung in der Schweiz, vorwiegend Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, wuchs in diesem Zeitraum von 13'524 auf 121'237 Personen.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

8 - Die Zeit seit dem Übergang zur parlamentarischen Monarchie

Der Übergang zu einer demokratischen parlamentar. Monarchie nach dem Tod Francos Ende 1975 verlief überraschend schnell und friedlich. Das Beitrittsgesuch zur EG und die Aufnahme in den Europarat 1977, die Verabschiedung der Verfassung 1978, der Abschluss eines Freihandelsabkommens mit der Efta 1979, freie Parlamentswahlen seit 1977 sowie der Beitritt zur Nato 1982 und zur EG 1986 waren für S. Etappen auf dem Weg zum demokrat. und sozialen Rechtsstaat und der polit. Öffnung gegenüber Europa. 1979 und 2011 stattete der span. König Juan Carlos I., der in seiner frühen Jugend in Freiburg Schulen besucht hatte, der Schweiz Staatsbesuche ab. 1993 empfing er den Titel eines Ehrendoktors der Univ. Freiburg in Anerkennung seiner polit. Verdienste, 1996 in Lausanne den Jean-Monnet-Preis für sein Engagement zugunsten eines vereinigten Europa. Der Besuch von Felipe González 1988 war der erste eines span. Regierungschefs in der Schweiz. Der erste amtierende Bundesrat, der S. einen Besuch abstattete, war 1977 Pierre Graber.

Unter den gewandelten polit. Verhältnissen entwickelte sich das Bedürfnis nach organisierten Kontakten mit der span. Finanz- und Unternehmenswelt. In Phasen, wo rückwärtsgewandte Kreise der Gesellschaft die erzielten Reformschritte als besonders bedrohlich empfanden, transferierten sie Gelder ins Ausland: Das New Yorker "Wall Street Journal" schätzte 1976 die Kapitalflucht auf 8,25 Mrd. Fr.; ein Grossteil dieser Gelder floss in Schweizer Banken. 1977 wurde in Madrid die Asociación Económica Hispano Suiza als Kern einer künftigen Schweizer Handelskammer und zur Belebung der bilateralen Handelsbeziehungen gegründet. Die Span.-Schweiz. Handelskammer in Zürich besteht seit 1939. Die Exporte S.s in die Schweiz beliefen sich 2010 auf 4,92 Mrd. Fr., die Schweizer Exporte nach S. auf 6,37 Mrd. Fr. Die Schweiz lieferte vorab Maschinen, Apparate, Chemieprodukte und Präzisionsinstrumente, aus S. wurden v.a. Autos, Obst, Apparate, chem. Produkte, Gemüse und Wein eingeführt. Im Gegensatz zu ihrer untergeordneten Bedeutung als Handelspartnerin S.s spielt die Schweiz eine prominente Rolle unter den ausländ. Kapitalanlegern, bei denen sie zeitweise den dritten Rang einnahm. Ihre Investitionen in S. betreffen vorwiegend Industrieprojekte, Immobilien und die Börse. 2008 besuchten rund 1,3 Mio. Schweizerinnen und Schweizer S. und besserten mit ihren Ausgaben die traditionell passive span. Handelsbilanz auf.

<b>Spanien</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Spanische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1930-2010

Ab 1970 wurden die span.-schweiz. Beziehungen wesentlich durch die span. Kolonie in der Schweiz geprägt. 1987 zählte man rund 132'500 Spanierinnen und Spanier, davon 84'000 Niedergelassene, 27'000 Jahresaufenthalter und 21'500 Saisonniers. Nach den 410'000 ital. Staatsangehörigen bildeten sie mit einem Anteil von 11,6% das stärkste Ausländerkontingent in der Schweiz. 2010 zählte man in der Schweiz 64'163 Spanierinnen und Spanier. Wie die Italiener gehören auch die Spanier zu den alteingesessenen Ausländern. Ein Fünftel der in der Schweiz niedergelassenen span. Staatsangehörigen ist hier geboren worden. S. unterhält in Bern eine Botschaft und ein Generalkonsulat sowie weitere Generalkonsulate in Genf und Zürich. Die Zahl der in S. niedergelassenen Schweizerinnen und Schweizer belief sich 2010 auf 23'886, davon 12'571 Doppelbürger. 2010 liessen sich ca. 6'400 Personen schweiz. Nationalität Beiträge der AHV nach S. überweisen. Vom Bund anerkannte Schweizerschulen gibt es in Barcelona (gegr. 1919) und Madrid (gegr. 1970).

Das über den negativen Ausgang der Schweizer EWR-Abstimmung von 1992 besonders enttäuschte S. drängte in den bilateralen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU v.a. in den Bereichen Landwirtschaft und Personenverkehr auf schweiz. Konzessionen. Das Personenfreizügigkeitsabkommen, das im Rahmen der sog. Bilateralen I vom Volk 2000 in einer Referendumsabstimmung gutgeheissen wurde und 2002 in Kraft trat, hob das in S. als nicht mehr zeitgemäss empfundene Saisonnier-Statut auf. Die Zusammenarbeit zwischen den zwei Ländern wurde in der Folge 2003 durch ein Rückübernahmeabkommen sowie 2006 durch ein Protokoll zur Änderung des Doppelbesteuerungsabkommens verbessert.

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern

Quellen und Literatur

Quellen
DDS
Literatur
– C.J. Benziger, «Die Schweiz in ihren Beziehungen zu S.», in Beil. Nr. 11 zum Schweiz. Konsular-Bull. 5, 1926, Nr. 4, 5, 6
– L. Hürlimann, Das Schweizerregiment der Fürstabtei St. Gallen in S. 1742-1798, 1976
– R. Bolzern, S., Mailand und die kath. Eidgenossenschaft, 1982
– H.R. Guggisberg, «Agrarwissenschaftl. Kontakte zwischen der Schweiz und S. im Zeitalter der Aufklärung», in SZG 36, 1986, 1-17
– B. Sánchez y Fernández, Proteccionismo y liberalismo, 1996
– J. Batou et al., «Regards suisses sur la guerre civile d'Espagne (1936-1996)», in SZG 47, 1997, 27-45
La Suisse et l'Espagne de la République à Franco, hg. von M. Cerutti et al., 2001
– N. Ulmi, P. Huber, Les combattants suisses en Espagne républicaine, 2001
– S. Farré, La Suisse et l'Espagne de Franco, 2006
– P. Huber, Die Schweizer Spanienfreiwilligen, 2009
Mastri d'arte del lago di Lugano alla corte dei Borboni di Spagna, hg. von C. Agliati, 2010

Autorin/Autor: Rudolf Bolzern