• <b>Polen</b><br>Der Platz vor dem Schloss Warschau, Fotografie von 1938 (Süddeutsche Zeitung Photo) © KEYSTONE. Das Denkmal von König Zygmunt III. Wasa im Vordergrund links wurde vom Tessiner Architekten Costante Tencalla 1644 entworfen.
  • <b>Polen</b><br>Internierte bei Meliorationsarbeiten in der Rhoneebene bei Saxon. Fotografie von  Theo Frey,  1941 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz. Von 1941 bis zum Kriegsende lebten die zuerst in Büren an der Aare internierten Polen in kleineren Lagern in der ganzen Schweiz. Sie leisteten Arbeitseinsätze im Rahmen der Anbauschlacht, bei Strassen- und Wasserbauten sowie im Bergbau. Die etwa dreissigköpfige Arbeitskolonne im Bild transportiert ein Schienenstück einer Rollbahn, die zum Abtransport von Erdmaterial diente.
  • <b>Polen</b><br>Titelblatt des Kurzführers des polnischen Nationalmuseums in Rapperswil (SG). Lithografie von  Paul Brugier   in Zürich, nach einer Vorlage von W. von Czarnomski, 1872 (Zentralbibliothek Zürich). Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung des Polenmuseums in Rapperswil wurde dieser 190 Druckseiten umfassende Museums- und Bibliotheksführer herausgegeben. Im Zentrum des Titelblatts prangt das ehemalige polnisch-litauische Wappen. 1872 erschien zudem ein über 400-seitiger wissenschaftlicher Gesamtkatalog.

Polen

Der poln. Staat bildete sich in der 2. Hälfte des 10. Jh. heraus. 966 nahm Hzg. Mieszko I. das Christentum an. Sein Sohn Bolesław der Tapfere erlangte 1000 (evtl. erst 1025) die Königswürde. Von da an war P. mit Unterbrechungen ein Königreich. Durch die Union mit dem Grossfürstentum Litauen 1386 wurde es eine europ. Grossmacht, die vom 15. bis zur Mitte des 16. Jh. ihre grösste Ausdehnung erreichte, von der Ostsee bis ans Schwarze Meer. Im 17. und 18. Jh. führten die innere Schwäche P.s und der Expansionsdrang der Nachbarn zu seinem Niedergang. In drei Schritten - 1772, 1793 und 1795 - teilten Russland, Österreich und Preussen den poln. Staat unter sich auf. Erst mit der Neuordnung Europas nach dem 1. Weltkrieg wurde die Republik neu gegründet (sog. 2. Poln. Republik). Nach dem 2. Weltkrieg wurde P. nach Westen verschoben und um ein Fünftel seines vorherigen Territoriums verkleinert. Es geriet als kommunist. Volksrepublik P. unter sowjet. Einfluss, vermochte sich aber trotzdem eine relative Unabhängigkeit zu bewahren. Die im Sommer 1980 durch Streiks in der Lenin-Werft von Danzig entstandene Gewerkschaftsbewegung Solidarność, die im Okt. 1982 verboten wurde, trug wesentlich zur Auflösung des sowjet. Imperiums und zur Befreiung der ehem. Ostblockstaaten bei. 1989 kam es zu einem Machtwechsel, P. wurde eine Demokratie (sog. 3. Poln. Republik). Seit 1999 ist das Land Mitglied der Nato, seit 2004 gehört es zur EU.

1 - Diplomatische Beziehungen und Missionen

Sowohl politisch als auch geistig-kulturell ergaben sich immer wieder enge Kontakte zwischen der Schweiz und P. Der poln. Kg. Jan III. Sobieski bestimmte 1678 Giovanni Antonio Marcacci aus Locarno zu seinem Gesandten bei der Eidgenossenschaft. Der Beginn der regulären diplomat. Beziehungen fällt in die Zeit des geteilten P.s 1875 errichtete die Schweiz in Warschau ein Konsulat, das bis 1919 von Polen mit Schweizer Wurzeln geführt wurde. 1919 anerkannte die Schweiz die 1918 geschaffene Republik P. Seit 1921 war sie durch einen Gesandten in Warschau vertreten, während die poln. Gesandtschaft in Bern schon 1919 eröffnet worden war. In der Zwischenkriegszeit wirkten Schweizer im Auftrag des Völkerbunds als Vermittler in den Konfliktregionen zwischen P. und Deutschland: Alt Bundesrat Felix Calonder hatte den Vorsitz bei der Ausarbeitung der Genfer Oberschlesienkonvention 1922 inne und überwachte deren Einhaltung während ihrer ganzen Geltungsdauer 1922-37 am Sitz der Gemischten dt.-poln. Kommission in Katowice. In der Freien Stadt Danzig präsidierten 1921-34 drei Schweizer den dt.-poln. Hafenrat. 1937-39 war Carl Jacob Burckhardt Hochkommissar des Völkerbunds für Danzig. Seit der Wende 1989 wird ein reger diplomat. Austausch gepflegt. Bundesräte besuchten ihre Amtskollegen in P. oder empfingen sie in der Schweiz. Der Übergangspräsident Wojciech Jaruzelski war 1990 in Bern, sein Nachfolger Lech Wałęsa weilte 1994 zu einem Staatsbesuch in der Schweiz, Aleksander Kwaśniewski 2004. 2007 besuchte Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in Warschau Staatspräsident Lech Kaczynski.

Autorin/Autor: Heinrich Riggenbach

2 - Wirtschaftliche Beziehungen

Die Schweiz und P. schlossen 1922 einen Handelsvertrag ab. Das Efta-Freihandelsabkommen von 1960 wurde nach dem EU-Beitritt P.s durch das Freihandelsabkommen Schweiz-EG von 1972 ersetzt; Letzteres 1999 durch die bilateralen Abkommen I und 2004 durch die bilateralen Abkommen II. Die Exporte nach P. sind zwischen 1989 und 2007 um mehr als das Fünffache gestiegen. 2007 wurden Waren im Wert von 2'166 Mio. Fr. exportiert, v.a. pharmazeut. und chem. Produkte sowie Maschinen. Die Importe - hauptsächlich Möbel, Fahrzeuge und Maschinen, aber auch landwirtschaftl. Produkte - verzeichneten eine Zunahme um fast das Achtfache. Sie beliefen sich auf 1'062 Mio. Fr. Bis 2002 war P. der wichtigste Handelspartner der Schweiz in Ost- und Mitteleuropa. Obwohl nun die Tschech. Republik bei der Einfuhr diese Rolle übernommen hat, bleibt P. mit Direktinvestitionen von 3'975 Mio. Fr. per Ende 2006 der grösste Empfänger von Schweizer Kapital in Ostmitteleuropa. Nach der polit. Wende 1989 war es Hauptempfänger der schweiz. Osthilfe: Im Rahmen der techn. Hilfe bis 1999 und der Finanzhilfe bis 2001 zahlte die Schweiz gesamthaft 264 Mio. Fr. Trotz des Rückzugs aus Unterstützungsprojekten engagierte sich die Schweiz zu Beginn des 21. Jh. weiterhin im Bereich der Handels- und Investitionsförderung (2003 Eröffnung des Swiss Business Hub in Warschau, Engagement der Swiss Organisation for Facilitating Investments) sowie in der Umweltkooperation. Aus dem Kohäsionsbeitrag an die neuen EU-Staaten, den die Stimmbevölkerung Ende 2006 gutgeheissen hat, fliessen bis 2012 489 Mio. Fr. nach P., die v.a. zur Verminderung sozialer und wirtschaftl. Ungleichheiten eingesetzt werden.

Autorin/Autor: Heinrich Riggenbach

3 - Schweizer in Polen

Beziehungen zwischen Gebieten der Schweiz und dem Königreich P. sind vereinzelt schon aus dem MA bekannt. Mit dem Seiden- und Leinenhandel, der für das 14. Jh. dokumentiert ist und im 15. Jh. regulären Charakter gewann, intensivierten sich die Kontakte. Es waren v.a. St. Galler Kaufleute, die sich zu Gesellschaften zusammenschlossen und Niederlassungen in Krakau und Posen gründeten, teilweise auch eingebürgert wurden und in die poln. Oberschicht einheirateten. In der 1. Hälfte des 15. Jh. war die Diesbach-Watt-Gesellschaft bedeutend, in der 2. Hälfte des 15. Jh. unterhielt fast jede St. Galler Handelsfamilie geschäftl. Verbindungen nach P. Im 15. und 16. Jh. studierten rund 70 Schweizer an der für neue Strömungen offenen Krakauer Universität. Während mit dem Durchbruch der Gegenreformation in P. diese direkten und persönl. Kontakte stark zurückgingen - der Handel lief über andere Kanäle weiter -, setzte im späten 16. Jh. die Wanderungsbewegung von Tessiner und Bündner Baumeistern, Architekten, Stuckateuren und Steinmetzen nach P. ein (Maestranze). Diese blieben z.T. für immer in P., einige erlangten einflussreiche Stellungen als Hofarchitekten. Insgesamt vermittelten sie der poln. Baukultur wichtige Impulse und schufen in versch. Städten bedeutende Bauwerke. So prägte der Luganeser Baumeister Giovan Battista Quadro im 3. Viertel des 16. Jh. mit seinem berühmten Rathaus das Stadtbild von Posen, Giovanni Trevani baute am Anfang des 17. Jh. die erste Barockkirche Krakaus und Costante Tencalla entwarf 1644 das Denkmal für Kg. Zygmunt III. Waza, das zum Wahrzeichen Warschaus wurde. Auf dem Höhepunkt ihrer Tätigkeit, d.h. im 17. Jh., stellten die Tessiner und Südbündner die grösste Gruppe ausländ. Baufachleute in P.

<b>Polen</b><br>Der Platz vor dem Schloss Warschau, Fotografie von 1938 (Süddeutsche Zeitung Photo) © KEYSTONE.<BR/>Das Denkmal von König Zygmunt III. Wasa im Vordergrund links wurde vom Tessiner Architekten Costante Tencalla 1644 entworfen.<BR/>
Der Platz vor dem Schloss Warschau, Fotografie von 1938 (Süddeutsche Zeitung Photo) © KEYSTONE.
(...)

Unter den sächs. Königen P.s (1697-1763) hatten Schweizer hohe Stellungen in der Armee, als Diplomaten und Berater inne. Georges Hubert de Diesbach befehligte u.a. das königl. Schweizer Garderegiment, Emer de Vattel war 1758-63 persönl. Berater Augusts III. am Hof von Dresden bzw. Warschau. Nach der Mitte des 18. Jh. fanden immer mehr Angehörige intellektueller Berufe, besonders aus der Westschweiz, in P. ein Betätigungsfeld. Sie wirkten v.a. am Hof des letzten poln. Königs Stanisław August Poniatowski und in den Residenzen poln. Magnaten. Der Bekannteste war Pierre-Maurice Glayre, der über 20 Jahre als Berater und Diplomat Poniatowskis wirkte. Neben ihm erhielten acht weitere Schweizer für ihre Verdienste um P. von Poniatowski einen Adelsbrief, unter ihnen der Leibarzt Johann Friedrich von Herrenschwand und Marc-Olivier Reverdil, der Vorleser und Bibliothekar des Königs. Insgesamt waren die Schweizer im poln. Freimaurertum des 18. Jh. stark vertreten.

Im späteren 18. Jh. setzte auch die gewerbl.-kommerzielle, sich nach der Teilung des Landes noch intensivierende Wanderung der Bündner Zuckerbäcker und Kaffeehausbetreiber ein. Die Bündner, die in ihrer neuen Heimat Pionierarbeit leisteten, dominierten ihr Gewerbe über Generationen und hielten ihre Stellung z.T. bis in die Zwischenkriegszeit. Gegen Ende des 19. Jh. begann auch die Schweizer Industrie in poln. Gebiete zu expandieren. Firmen wie Brown Boveri oder Hoffmann-La Roche gründeten Niederlassungen in Russ.-P. Besonders erfolgreich war das Chemiewerk der Ciba in Pabianice, einem Vorort der boomenden Industriestadt Lodz, um den sich eine kleine Schweizer Kolonie bildete. Die Berufstätigkeit von Schweizern in P. wurden in der Zeit der Wirtschaftskrise erschwert. Die Zahl der Schweizer stagnierte in der Zwischenkriegszeit bei etwa 1'400 Personen (einschliesslich Danzig). Unter dem kommunist. Regime kühlten sich die Beziehungen noch stärker ab und ein Grossteil der im Land verbliebenen Schweizer war ab 1945 gezwungen, das Land zu verlassen. Die wirtschaftl. Möglichkeiten und die wachsenden Investitionen zogen nach der Wende einige v.a. jüngere Schweizer ins Land. Die Schweizer Kolonie ist aber immer noch kleiner als im 19. und 20. Jh. Ende 2008 waren 614 Schweizer in P. angemeldet, 441 von ihnen waren Doppelbürger.

Autorin/Autor: Heinrich Riggenbach

4 - Polen und polnische Einrichtungen in der Schweiz

Quellenmässig erstmals erfasst ist die Anwesenheit einer grösseren Zahl von Polen auf Schweizer Gebiet während des Konzils von Basel 1431-49. Es dürften über 100 Personen gewesen sein, die sich für eine bestimmte Zeit bzw. wiederholt in Basel aufhielten und Kontakte mit geistl. und weltl. Repräsentanten der anderen christl. Länder pflegten. Auch im 1. Drittel des 16. Jh. bildete Basel mit Erasmus von Rotterdam, der mit seinen Werken und Ideen in P. einen starken Einfluss ausübte, einen besonderen Anziehungspunkt. Einige hochgestellte Persönlichkeiten aus P. besuchten den Gelehrten in Basel und wohnten teilweise auch als zahlende Gäste bei ihm, womit sie ihn materiell unterstützten. Der poln. Magnat und Reformator Jan Łaski etwa war zugleich Schüler und Mäzen von Erasmus. Mit Personen aus dem Umkreis von Erasmus, von Gelehrten und Buchdruckern wurde ein intensiver geistiger Austausch gepflegt, der sich in Korrespondenzen und Widmungsbriefen niederschlug. Um die Mitte des 16. Jh. kamen vermehrt Menschen aus P. in die Schweiz. Neben Basel besuchten sie zunehmend die Reformationszentren Genf und Zürich, um sich aus erster Hand über die neue Bewegung zu informieren. Der Calvinismus erwies sich besonders für die Oberschicht im südl. Teil des poln. Staates (Kleinpolen) als attraktiv. Junge Polen schrieben sich an den Höheren Schulen der ref. Städte und an der Univ. Basel ein. In Basel immatrikulierten sich von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jh. etwa 290 Studierende aus P., wobei die Vertreter Schlesiens und Pommerns nicht mitgerechnet sind.

Mit den poln. Teilungen und verstärkt nach der Liquidierung des poln. Staates setzte die poln. Emigration nach Westeuropa ein. Schon nach der 1. Teilung hielten sich vom Frühling 1773 bis Ende 1774 einige Anführer der Barer Konföderation, einem national gesinnten Freiheitsbund poln. Adliger, mit ihrem Gefolge in der Schweiz auf. Nach dem Scheitern des Kościuszko-Aufstandes 1794 und der 3. Teilung 1795 versuchten einflussreiche poln. Emigranten, von der Schweiz aus eine polit. Repräsentation P.s zu formieren. Die Behörden der Helvet. Republik lehnten die Schaffung einer poln. Legion ab. Die stattdessen in Strassburg gebildete poln. Donaulegion durchquerte im März 1803 auf ihrem Weg von Süddeutschland nach Oberitalien mit mehreren Tausend Mann die Schweiz. Nachdem der Wiener Kongress die poln. Teilungen sanktioniert hatte, entschloss sich der poln. Freiheitskämpfer Tadeusz Kościuszko, in Solothurn zu bleiben. An seinen dortigen Aufenthalt erinnern die Kościuszko-Anlage in Zuchwil sowie das 1936 in Solothurn eingerichtete Kościuszko-Museum - in den Räumen, die Kościuszko bewohnt hatte -, aber auch die 1967 von Schang Hutter geschaffene Plastik auf dem Amthausplatz (früher Kościuszko-Platz).

Die Aufstände zur Wiedererlangung von P.s Eigenstaatlichkeit im 19. Jh. wirkten sich auch auf die Schweiz aus. Das Scheitern der Erhebung, die im Nov. 1830 in Warschau ausbrach und in der Schweiz eine grosse Anteilnahme auslöste, zog die "grosse Emigration" (hauptsächlich Militärpersonen, aber auch Politiker und Kulturschaffende) nach sich. Ab Jan. 1832 durchquerten poln. Militärangehörige auf ihrem Weg nach Frankreich gruppenweise die Schweiz. Von den in Ostfrankreich in sog. Dépots internierten poln. Verbänden überschritten im April 1833 etwa 500 Soldaten und v.a. Offiziere die Grenze in den Jura, um zur Unterstützung dt. Revolutionäre über Basel nach Frankfurt am Main zu gelangen. Als sie vom Misslingen des Sturms auf die Frankfurter Hauptwache erfuhren, ersuchten sie im Kt. Bern um Asyl. Die Anwesenheit der zu revolutionären Taten bereiten Polen führte sowohl zu Spannungen unter den Kantonen - die Tagsatzung deklarierte die "poln. Flüchtlingsangelegenheit" zu einer Sache des Kt. Bern - als auch zu Interventionen europ. Staaten beim Vorort bzw. bei den Regierungen der Grenzkantone. Erst im Nov. 1834 erklärte sich Frankreich bereit, die Polen in Drittländer ausreisen zu lassen. Etwa ein Drittel von ihnen blieb in der Schweiz und beteiligte sich mehrheitlich an dem von Giuseppe Mazzini initiierten und gescheiterten Savoyerzug. Danach wurde der diplomat. Druck auf die Schweiz so gross, dass der Kt. Bern alle am Unternehmen beteiligten Personen auswies. Eine Gruppe tauchte unter und gründete in Biel als Sektion von Mazzinis polit. Geheimbund Junges Europa die Bewegung Junges P. Vertreter der grossen Emigration, die sich in der Schweiz niederliessen, sind u.a. Karl Kloss, Jan Paweł Lelewel, Henryk Mirosław Nakwaski, Antoni Norbert Patek, Władysław Plater und Aleksandr Udalryk Sobański. 1848 durchzogen wiederum poln. Legionäre die Schweiz und wurden v.a. in Bern und Neuenburg interniert.

Wegen des Januaraufstands von 1863 kamen in den folgenden Jahren insgesamt etwa 2'500 poln. Flüchtlinge in die Schweiz. Während der Bundesrat sich nicht an den internat. Protesten gegenüber Russland beteiligte, löste der Aufstand in den liberalen Kreisen der Schweiz eine Welle der Begeisterung und Hilfsbereitschaft für P. aus. Kant. und lokale Polenkomitees wurden vom Zürcher Zentralkomitee koordiniert. Von der Gründung des Komitees bis zu dessen Auflösung im Dez. 1865 war Gottfried Keller dessen Sekretär. Die Komitees bemühten sich anfänglich darum, kampfwilligen poln. Emigranten die Reise an die Front zu ermöglichen und die poln. Bevölkerung mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Es wurden auch Waffen geliefert, wobei das Zentralkomitee in dieser Frage uneinig war und die Entscheidung deshalb den lokalen Komitees überliess. So lehnte z.B. Schaffhausen Waffenlieferungen strikt ab, während St. Gallen federführend für die Ostschweiz Waffen ins Kriegsgebiet schickte. Nach dem Misslingen des Aufstandes wurden die Komitees für die in der Schweiz eintreffenden Flüchtlinge tätig.

Während immer weniger Polen im Gefolge der militär. Ereignisse der Jahre 1863-64 in der Schweiz Zuflucht suchten, begann nun der Zustrom der Vertreter der jüngeren Generation. Eine klare Trennung zwischen jenen, die sich politisch betätigen wollten und den Studierenden ist nicht immer möglich. In den poln. Teilungsgebieten unterlagen Studienwillige versch. Einschränkungen. Der zunehmende Druck der Russifizierung auf Schulen und Universitäten führte zu einer Massenbewegung Studierender: 1880-1918 studierten mehrere Tausend Polen in der Schweiz. Mehr als die Hälfte von ihnen bevorzugte die Hochschulen von Genf und Zürich. Besonders oft wurden Medizin oder naturwissenschaftl. Fächer gewählt. Aus der grossen Zahl von Studienabgängern rekrutierte sich auch ein Teil des wissenschaftl. und techn. Nachwuchses in der Schweiz. Viele akadem. Lehrer und Führungskräfte im unabhängigen P. der Zwischenkriegszeit hatten ihre Ausbildung in der Schweiz absolviert. Zu ihnen gehörten auch die beiden Staatspräsidenten Gabriel Narutowicz, der das Zürcher Bürgerrecht erwarb, und Ignacy Mościcki, der 1908 das Bürgerrecht von Chandon (heute Gemeinde Belmont-Broye) bekam. Neben den Studierenden hielt sich eine immer grösser werdende Zahl von Vertretern der sozialist. Bewegung in der Schweiz auf. Die bis 1889 liberale Praxis der Schweizer Behörden ermöglichte es poln. Gruppierungen, Kontakte zu knüpfen und v.a. in Genf und Zürich mit ihren Zirkeln und Schriften aus eigenen Druckereien ihre Anliegen zu propagieren. Diese Möglichkeiten wurden nach der Zürcher Bombenaffäre 1889, bei der ein Russe und ein Pole beim Hantieren mit einer selbst gebauten Bombe umkamen, stark eingeschränkt. 1914-17 ebneten zahlreiche Polen, die bereits in der Schweiz lebten oder wegen des Kriegsausbruchs die Rückkehr nicht antraten, das Terrain für die poln. Unabhängigkeit. Sie verbreiteten allg. Informationen über P., verfassten Bulletins für die Presse und gaben eigene Zeitschriften heraus. Im Schweizer Domizil von Ignacy Jan Paderewski in Morges wurde die weltweite Hilfe für die poln. Kriegsopfer koordiniert.

Die während des dt. Westfeldzugs Anfang Juni 1940 zur Unterstützung der 8. franz. Armee in die Region Belfort geschickte 2. poln. Infanterieschützen-Division unter dem Kommando von Bronisław Prugar-Ketling überschritt am 19. und 20. Juni 1940, als sie vom Nachschub abgeschnitten war, mit über 12'000 Mann die Schweizer Grenze südlich der Ajoie, um der Gefangennahme zu entgehen. Die Unterbringung der Internierten stellte die Schweizer Armeeführung vor Probleme. Nach dem gescheiterten Versuch, den grössten Teil der Polen in dem für sie errichteten Lager Büren an der Aare zu konzentrieren, wurden diese im ganzen Land verteilt. Sie leisteten vorwiegend gruppenweise Arbeitseinsätze für Landesverteidigung, Infrastruktur (Strassen- und Brückenbau) sowie Landwirtschaft. Für jene Internierten, die ein Studium angefangen hatten oder ergreifen wollten, wurden ein Gymnasiallager in Wetzikon (ZH, zuerst im bern. Oberburg) sowie Hochschullager in Freiburg, Winterthur und Herisau (zuerst in Sirnach und Gossau SG) organisiert, in denen Dozenten der benachbarten Universitäten unterrichteten. Es wurden aber auch handwerkl. und andere Ausbildungen angeboten. Von diesen Möglichkeiten machten viele Internierte Gebrauch, denn im Gegensatz zu den im Frühling 1941 repatriierten Franzosen blieben sie bis Kriegsende interniert. Im ganzen Land erinnern Denkmäler und Gedenktafeln an den unfreiwilligen Aufenthalt der Internierten. Nach Kriegsende gelang es schätzungsweise 500 Polen, sich in der Schweiz niederzulassen und später das Bürgerrecht zu erhalten.

<b>Polen</b><br>Internierte bei Meliorationsarbeiten in der Rhoneebene bei Saxon. Fotografie von  Theo Frey,  1941 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.<BR/>Von 1941 bis zum Kriegsende lebten die zuerst in Büren an der Aare internierten Polen in kleineren Lagern in der ganzen Schweiz. Sie leisteten Arbeitseinsätze im Rahmen der Anbauschlacht, bei Strassen- und Wasserbauten sowie im Bergbau. Die etwa dreissigköpfige Arbeitskolonne im Bild transportiert ein Schienenstück einer Rollbahn, die zum Abtransport von Erdmaterial diente.<BR/>
Internierte bei Meliorationsarbeiten in der Rhoneebene bei Saxon. Fotografie von Theo Frey, 1941 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
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Zeitgleich mit der Internierung ihrer Landsleute, aber unbemerkt von der Öffentlichkeit, wirkte die poln. Exilgesandtschaft in Bern als nachrichtendienstl. Drehscheibe. Sie informierte nicht nur brit. und amerikan. Stellen über das Kriegsgeschehen im Osten, sondern leitete auch Nachrichten über den beginnenden Holocaust an jüd. Organisationen in Amerika weiter. Von der poln. Sendeanlage profitierte auch die Schweiz, da sie dem militär. Nachrichtendienst als Informationsquelle zur Verfügung stand.

Zur Zeit der Solidarność-Bewegung wurden die Aktionen der schweiz. Hilfswerke zugunsten der poln. Bevölkerung lebhaft unterstützt. Eine Gruppe von Solidarność-Delegierten, die sich bei der Ausrufung des Kriegsrechts im Dez. 1981 gerade in der Schweiz aufhielt, vertrat auf polit. Versammlungen die Anliegen der Gewerkschaft.

Eine lange Tradition hat die saisonale Wanderungsbewegung von poln. Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Diese kamen bis zum 1. Weltkrieg in grosser Zahl zu Einsätzen in die Schweiz und sind seit der Wende wieder als Erntehelfer anzutreffen. Ende 2008 lebten offiziell 8'944 Polen in der Schweiz, weitere reisten als Touristen ein und wurden als Schwarzarbeiter beschäftigt.

Autorin/Autor: Heinrich Riggenbach

5 - Polenmuseum

Als nach dem Scheitern der militär. Erhebung 1863-64 die sog. poln. Frage erneut vertagt wurde, eröffnete Gf. Władysław Plater 1870 im Schloss Rapperswil (SG) ein Polenmuseum. Es wurde von Platers Landsleuten und Polenfreunden reich beschenkt und erfüllte für die auf dem Gebiet der drei Teilungsmächte lebenden und in der Emigration zerstreuten Polen als Gedächtnis der poln. Nation und Treffpunkt in der Diaspora eine wichtige Aufgabe. Es beherbergte auch den poln. Nationalschatz, der zur Finanzierung der Unabhängigkeitsbestrebungen gegründet worden war. 1927 wurden sämtl. Sammlungen gemäss Testament Platers nach P. überführt, wo sie 1944 bei Bombenangriffen vom Feuer zerstört wurden. 1936 wurde im leer stehenden Schloss Rapperswil ein neues Museum des zeitgenöss. P. eröffnet. Es fiel 1951 dem Kalten Krieg zum Opfer, die Sammlungen wurden 1952 wiederum nach P. transportiert. Das dritte und heutige Polenmuseum öffnete 1975 seine Tore wiederum im Schloss Rapperswil. Es zeigt u.a. auch die vielfältigen schweiz.-poln. Beziehungen. Trägerorganisationen sind der 1954 gegr. Verein der Freunde des Polenmuseums Rapperswil und die 1978 gegründete poln. Kulturstiftung Libertas. 2008 stand die weitere Nutzung des Schlosses, als Polenmuseum oder anderweitig, zur Diskussion.

<b>Polen</b><br>Titelblatt des Kurzführers des polnischen Nationalmuseums in Rapperswil (SG). Lithografie von  Paul Brugier   in Zürich, nach einer Vorlage von W. von Czarnomski, 1872 (Zentralbibliothek Zürich).<BR/>Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung des Polenmuseums in Rapperswil wurde dieser 190 Druckseiten umfassende Museums- und Bibliotheksführer herausgegeben. Im Zentrum des Titelblatts prangt das ehemalige polnisch-litauische Wappen. 1872 erschien zudem ein über 400-seitiger wissenschaftlicher Gesamtkatalog.<BR/>
Titelblatt des Kurzführers des polnischen Nationalmuseums in Rapperswil (SG). Lithografie von Paul Brugier in Zürich, nach einer Vorlage von W. von Czarnomski, 1872 (Zentralbibliothek Zürich).
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Autorin/Autor: Heinrich Riggenbach

Quellen und Literatur

Quellen
DDS
Literatur
Pologne-Suisse: recueil d'études historiques, 1938
– A. Gieysztor et al., Echanges entre la Pologne et la Suisse du 14e au 19e siècle, 1964
– M. Karpowicz, Artisti ticinesi in Polonia nel '600, 1983
– M. Karpowicz, Artisti ticinesi in Polonia nel '500, 1987
Fakten und Fabeln, hg. von M. Bankowski et al., 1991
Asyl und Aufenthalt, hg. von M. Bankowski et al., 1994
– K. Dabrowski, Polacy nad Lemanem w XIX wieku, 1995
– J. Rucki, Die Schweiz im Licht, die Schweiz im Schatten, 1997
– G.J. Lerski, Historical Dictionary of Poland, 966-1945, 1998
– P. Wróbel, Historical Dictionary of Poland, 1945-1996, 1998
– M. Karpowicz, Artisti ticinesi in Polonia nella prima metà del '700, 1999
"Der letzte Ritter und erste Bürger im Osten Europas", hg. von H. Haumann, J. Skowronek, 22000
Dt.-poln. Beziehungen in Gesch. und Gegenwart: Bibliogr., hg. von A. Lawaty et al., 4 Bde., 2000
– M. Włodarski, Dwa wieki kulturalnych i literackich powiązań polsko-bazylejskich 1433-1632, 2001
– M. Andrzejewski, Schweizer in P., 2002
– P. Stauffer, Polen - Juden - Schweizer, 2004
– M. Matyja, «Stiftung Archivum Helveto-Polonicum», in Libernensis, 2008, Nr. 2, 11 f.

Autorin/Autor: Heinrich Riggenbach