• <b>Italien</b><br>1.-Mai-Kundgebung von 1930 auf dem Helvetiaplatz in Zürich.  Foto Zollinger, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum). Aus der Menge ragen schwarze Fahnen italienischer Anarchisten heraus und eine Tafel, die auf Italienisch erklärt: "Antifaschistische Gruppe von Oerlikon. Tod Mussolini und dem Papst".
  • <b>Italien</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Italien</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Italien</b><br>Italienische Fans feiern den Finalsieg ihrer Mannschaft an der Fussballweltmeisterschaft 2006. Fotografie, aufgenommen in der Zürcher Langstrasse, 9. Juli 2006  © KEYSTONE / Walter Bieri.
  • <b>Italien</b><br>Quellen: Statistisches Jahrbuch der Schweiz; Die Volkswirtschaft; Bundesamt für Migration   © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Die italienischen Erwerbstätigen in der Schweiz bis zum Inkrafttreten der mit der Europäischen Union abgeschlossenen Bilateralen Abkommen I im Juni 2002.
  • <b>Italien</b><br>"Neue Formen in Italien". Plakat für eine Ausstellung über italienisches Design im Kunstgewerbemuseum Zürich 1954, gestaltet von  Carlo Vivarelli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Zwischen italienischen und Schweizer Grafikern bestehen enge Beziehungen, unter anderem wegen des Renommees, das die Kunstgewerbeschulen von Zürich und Basel in den 1950er Jahren erlangten, die beide die italienische Design-Avantgarde aufmerksam verfolgten.

Italien

Bis zur Errichtung des ital. Staates 1861 bezeichnete der Begriff I. eine geogr., nicht aber eine polit. Wirklichkeit. Noch in der Neuzeit war die Halbinsel politisch stark zergliedert und machte die allgemeine europ. Entwicklung hin zur Bildung nationaler Monarchien nicht mit. Zu den damals grössten Staatswesen auf ital. Territorium gehörten das Herzogtum Savoyen (ab 1720 Königreich Sardinien), das Herzogtum Mailand, die Republiken Venedig und Genua, das Grossherzogtum Toscana, der Kirchenstaat sowie das Königreich Neapel. Nach den ersten Unruhen in der napoleon. Ära bildete sich ab den 1820er und 30er Jahren im für Neuerungen aufgeschlosseneren städt. Bürgertum ein ital. Nationalgefühl heraus, das allerdings die breiten Bevölkerungsschichten, v.a. jene auf dem Lande, nicht erfasste.

Die Beziehungen zwischen schweiz. und ital. Gebieten (etwa der Lombardei und dem Piemont) fussen auf einer langen und gefestigten Tradition. Die Alpen stellten dabei keine unüberwindl. Barriere dar, sondern waren vielmehr ein Bindeglied zwischen I. und Nordeuropa, über das Waren und Reisende verkehrten. Im 14. und 15. Jh. trugen beispielsweise ital. Bankkaufleute entscheidend zur Entwicklung der Genfer Messen bei. Ab dem 15. bis zum Beginn des 16. Jh. fand eine entgegengesetzte Bewegung statt, und zwar militär. Art: Die eidg. Orte drangen Richtung Süden und unternahmen ihre Ennetbirgischen Feldzüge, die schliesslich in die Mailänderkriege und die Eroberung der Tessiner Gebiete mündeten. Sie trachteten v.a. danach, die Kontrolle über die Pässe und damit den Zugang zu den lombard. Märkten zu sichern. In der Folge standen zahlreiche Schweizer Soldaten im Dienst ital. Staaten (Fremde Dienste, Reisläufer, Päpstliche Schweizergarde). Die Auswanderung nach I. hatte aber nicht ausschliesslich militär. Charakter und erfolgte manchmal nur zeitweilig (Saisonarbeit). In der Neuzeit übten insbesondere Tessiner und Bündner eine breite Palette von Aktivitäten in I. aus, und zwar von einfachen Arbeiten bis zu Tätigkeiten, die hohe techn. und künstler. Fertigkeiten erforderten (Maestranze). Auch auf religiöser Ebene ergaben sich intensive Beziehungen. So unterstanden die Tessiner Pfarreien der Diözese Como und der Erzdiözese Mailand. Für die theol. Ausbildung des kath. Klerus der Schweiz spielte das in der 2. Hälfte des 16. Jh. im Zug der kath. Gegenreformation in Mailand gegr. Collegium Helveticum eine wichtige Rolle.

Autorin/Autor: Carlo Moos

1 - Risorgimento (1797-1870)

Für die Epoche des Risorgimento, in der das Königreich I. entstand und sich konsolidierte, lassen sich in den schweiz.-ital. Beziehungen versch. Phasen unterscheiden: die napoleon. Jahre (1797-1814), die Zwischenzeit bis 1848, die eigentl. Einigung von der 1848er Revolution über "das Jahrzehnt der Vorbereitung" (decennio di preparazione) bis zu den Ereignissen von 1859-60 sowie die Anfänge des Einheitsstaats ab 1861. Die Festlegung eines Enddatums erweist sich als schwierig, weil in der Historiografie I.s der 1. Weltkrieg oft als letzter Krieg des Risorgimento bezeichnet wurde. Die Einnahme Roms 1870 durch ital. Truppen markiert aber einen natürlicheren Abschluss.

1.1 - Unter Napoleons Einfluss (1797-1814)

1797 verfügte Napoleon Bonaparte den Anschluss der Untertanenlande der Drei Bünde (Veltlin, Chiavenna, Bormio) an die Cisalpinische Republik, dem die Confisca der bündner. Vermögenswerte folgte. Das Tessin hingegen blieb gemäss dem Willen Frankreichs bei der Schweiz und wurde 1803 ein eigener Kanton.

Das Königreich I. (ab 1805) umfasste unter Napoleons Stiefsohn und Vizekönig Eugène de Beauharnais den Norden und Teile Mittelitaliens, während das restl. Festland auf unterschiedl. Weise in den franz. Herrschaftsbereich einbezogen wurde. Nach der Einführung der Kontinentalsperre 1806 verschlechterten sich die Beziehungen zur Schweiz, da das Tessin als Umgehungsweg für Schmuggelgut angesehen wurde. Ende Okt. 1810 erfolgte die Besetzung des Kt. Tessin durch die Truppen des Königreichs I. Diese Besetzung diente Napoleon bis zum Herbst 1813 v.a. zur Unterbindung des Schmuggels und der Desertionen, aber auch als Druckmittel im Spiel um mehr Schweizer Soldaten. Von den vier Regimentern, welche die Schweiz gemäss der Militärkapitulation von 1803 zu stellen hatte, war das erste bis vor dem Russlandfeldzug in Kalabrien und auf den Inseln des Golfs von Neapel stationiert.

Autorin/Autor: Carlo Moos

1.2 - Die Zwischenzeit 1815-1848

Der Wiener Kongress nahm die ehemals bündner. Untertanenlande von der gegenüber der Schweiz praktizierten Restitutionspolitik aus und vereinigte sie mit dem neu gebildeten Lombardo-Venezianisches Königreich. Während der Restaurationszeit übte das Gedankengut der Aufklärungsbewegung in der Lombardei auf das kulturelle Leben der ital. Schweiz einen grossen Einfluss aus. Wie viele Tessiner der Restaurationszeit verbrachte Stefano Franscini entscheidende Bildungsjahre in Mailand, zunächst 1815-18 im erzbischöfl. Seminar, dann bis 1824 als Lehrer. Hier lernte er den später bedeutenden Ökonomen und polit. Philosophen Carlo Cattaneo kennen, mit dem er 1821 eine Reise über die Alpen nach Zürich unternahm und Heinrich Zschokkes Abhandlung zur Schweizer Geschichte ins Italienische übersetzte. Nachdem die Aufklärung u.a. Cesare Beccaria grosses Interesse entgegengebracht hatte, verstärkten sich während der Restauration und Regeneration die Kulturbeziehungen und kam I. auch wissenschaftlich Bedeutung zu.

In den 1820er und 30er Jahren wurde die Gotthardstrasse ausgebaut, während sich die Bündner um den Splügen und San Bernardino kümmerten. Dies verbesserte die Nord-Süd-Verbindungen über die Zentralalpen, verschärfte aber Mailands Rivalität zu Genua und Turin, welche die Westalpenpässe bevorzugten.

1834 lancierte Giuseppe Mazzini von der Schweiz aus einen Freischarenzug unter Girolamo Ramorino nach Savoyen, der scheiterte. Daraufhin verstärkte sich der ausländ. Druck auf die Schweiz. Mazzini, der in Savoyen im Abwesenheitsverfahren zum Tod verurteilt wurde, blieb weiter konspirativ tätig und gründete in Bern 1834 den Geheimbund Junges Europa und in der Folge die Junge Schweiz.

Autorin/Autor: Carlo Moos

1.3 - Von der 1848er Revolution zur politischen Einigung

Die Schweiz und v.a. das Tessin wurden in mehrfacher Hinsicht in die polit. Kämpfe I.s von 1848-61 verwickelt, die schliesslich zur Errichtung des Einheitsstaats I. führten. Im Vorfeld des Sonderbundskrieges unterstützte der starke Mann in Mailand, der österr. Feldmarschall Joseph Wenzel Radetzky, die kath.-konservative Seite und erwies sich als deren mögl. Bündnispartner. Deswegen wandte sich Konstantin Siegwart-Müller, der Anführer der Katholisch-Konservativen, während und nach Ende des Krieges an ihn. Im Gefolge der Mailänder Revolution vom 18. bis 22.3.1848, den sog. Cinque Giornate, unterstützten viele Freiwillige aus der Schweiz den lombard. Aufstand gegen Österreich. Zu ihnen gehörten Tessiner wie der Republikaner Antonio Arcioni und seine Kolonne, aber auch der Berner Johann Christian Ott an der Spitze einer mehrheitlich von Waadtländern und Genfern gebildeten Kompanie, die im Trentino und Veltlin operierte, oder der Thurgauer Johannes Debrunner, der mit gegen 100 Mann nach Venedig zog. Mit dem eidg. Obersten Michael Napoleon Allemandi, einem Anhänger Mazzinis, stellte die Schweiz für kurze Zeit den Chef der lombard. Freiwilligentruppen.

Gleichzeitig mit den Freiwilligenaktionen zugunsten der Lombardei gab es auf piemontes. Seite Bestrebungen, sich mit der Schweiz zu verbünden. In diesem Zusammenhang erfolgte am 6.4.1848 eine möglicherweise eigenmächtige Demarche des Gesandten und Generalmajors Paolo Racchia bei der Tagsatzung, die auf den Abschluss einer Allianz gegen Österreich zielte. Die Mehrheit der Tagsatzung wollte sich aber angesichts des ungefestigten Zustands des eben dem Bürgerkrieg entronnenen Landes und aus neutralitätspolit. Überlegungen nicht auf ein solches Ansinnen einlassen. Mitte April und Anfang Juli 1848 wurde General Guillaume-Henri Dufour über andere piemontes. Kanäle angefragt, ob er den Oberbefehl gegen die Österreicher übernähme. Er liess sich jedoch nur zur Abfassung zweier Mémoires (25.7. und 2.8.1848) zu Handen des piemontes. Kriegsministers Giacinto Provana di Collegno bewegen.

Nachdem bereits früher Flüchtlinge aus I. in die Schweiz gelangt waren, v.a. nach Genf und ins Tessin - u.a. Filippo Buonarroti (1806), Pellegrino Rossi (1815), Santorre di Santarosa (1821) und mehrfach Mazzini -, setzten sich nach der Einnahme Mailands durch österr. Truppen im Aug. 1848 erneut Scharen von Revolutionären ins Tessin ab. Sie verwickelten den erst im Nov. 1848 konstituierten Bundesrat in bisweilen dramat. Auseinandersetzungen mit Mailand und Wien, weil z.B. Mazzini seine Aktionen weiterhin auf Schweizer Boden vorbereitete. Dies galt auch für den blutigen Aufstandsversuch vom 6.2.1853 in Mailand, der eine Grenzsperre und die Ausweisung von Tausenden von Tessinern aus der Lombardei nach sich zog. Der Bundesrat verhandelte mit Österreich auf diplomat. Weg und entsandte eidg. Kommissäre ins Tessin. Er liess die Druckerei und den Verlag Tipografia elvetica in Capolago schliessen, wodurch Cattaneo und die ital. Föderalisten ihrer wichtigsten Publikationsmöglichkeit beraubt wurden.

Die Lage blieb während der 1850er Jahre angespannt, weil sie zusätzlich auch durch religiöse Fragen belastet wurde, die im Zusammenhang mit der Ausweisung meist lombard. Kapuziner aus dem Tessin 1852 und mit der Tessiner Bistumsfrage standen. Im Fall der Bistumsfrage dekretierte die Bundesversammlung 1859 die Trennung des Kt. Tessin von der Diözese Como und der Erzdiözese Mailand.

An den ital. Feldzügen 1859-60 nahmen auch Schweizer teil. Im franz.-piemontes. Krieg gegen Österreich, der am 10.11.1859 durch den Frieden von Zürich beendet wurde, besichtigte Henry Dunant das Schlachtfeld von Solferino, worüber er 1862 eine Schrift verfasste, die zur Gründung des Roten Kreuzes führte. Trotz Verbot der Fremden Dienste ohne Erlaubnis des Bundesrats durch die Bundesversammlung als Folge der sog. Fatti di Perugia - päpstl. Schweizer Truppen waren 1859 gegen die aufständ. Stadt brutal vorgegangen - beteiligten sich v.a. 1860 unter Giuseppe Garibaldi etliche Freiwillige aus der Schweiz an den Kämpfen, unter ihnen Wilhelm Rüstow, der als Stabschef einer Division den südital. Feldzug mitmachte und in der Schlacht am Volturno vom 1.10.1860 die Reserve befehligte.

An der Person des Revolutionärs Garibaldi erregte sich die öffentl. Meinung der Schweiz, die sich bis anhin mit Ausnahme des Tessins für I. nicht sonderlich interessiert hatte. Der Bewunderung, wie sie der Zürcher Kreis um Emma und Georg Herwegh entgegenbrachte, stand nicht zuletzt wegen Garibaldis Plänen gegen den Kirchenstaat eine deutl. Ablehnung von katholisch-konservativer Seite gegenüber.

Autorin/Autor: Carlo Moos

1.4 - Die Zeit unmittelbar nach der Einigung

Der neue ital. Staat war wegen seines zunehmend aggressiven Nationalismus ein potentiell gefährlicherer Nachbar als Österreich (Irredentismus). Von Anfang an erhob er Anspruch auf italienischsprachige Gebiete der Schweiz. Selbst Camillo Cavour äusserte gegenüber dem Schweizer Gesandten Abraham Louis Tourte 1861 die Meinung, dass man - falls die Schweiz um Vorarlberg und Tirol erweitert würde - zur Vereinigung des Tessins mit I. nicht Nein sagen werde. Noch weiter ging der Garibaldiner Nino Bixio 1862 in einer Kammerrede, als er behauptete, die Italiener seien immer die Herren des Mittelmeers gewesen und das Tessin werde wie die Adria, Korsika und Malta in wenigen Jahren ihnen gehören. Diese Äusserung nahm spätere, schrillere irredentist. Argumente vorweg.

Über den Kreis der polit. Flüchtlinge hinaus pflegten auch massgebl. Politiker I.s persönl. Kontakte zur Schweiz. Cavours familiäre Beziehungen zu Genf standen in einer gewissen Kontinuität mit den Genfer Verbindungen des toskan. Reformkreises um Raffaello Lambruschini, Gino Capponi und Jean Pierre Vieusseux. Die Kontakte setzten sich mit Cavours Nachfolger Bettino Ricasoli, der Conrad Ferdinand Meyers Fam. freundschaftlich verbunden war, sowie mit dem Literaturkritiker und späteren Unterrichtsminister Francesco De Sanctis fort, der 1856-60 am Eidg. Polytechnikum ital. Literatur unterrichtete.

Autorin/Autor: Carlo Moos

2 - Von 1870 bis heute

2.1 - Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges

2.1.1 - Politische Beziehungen

Nachdem Rom im Sept. 1870 durch das ital. Heer erobert worden war, trat es 1871 die Nachfolge von Turin und Florenz als neue Hauptstadt des Königreichs I. an. Letzteres umfasste ab 1866 auch die Region Venetien.

Wie schon in der Vergangenheit prägten die polit. Flüchtlinge aus I., die sich in der Schweiz, hauptsächlich im Tessin, aufhielten, die Beziehungen beider Länder, wobei sie für die unterschiedlichsten Gesinnungen (Republikaner, Radikale, Sozialisten, Anarchisten) einstanden. Unter ihnen ragten Persönlichkeiten wie der Anarchist Andrea Costa, der später als erster Sozialist in die ital. Abgeordnetenkammer gewählt wurde, Anna Kulisciov und Errico Malatesta heraus. Besonders spannungsreich war die Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jh. Im Mai 1898 flüchteten nach den in I. ausgebrochenen "Brotunruhen" (moti del pane), die in Mailand ihren Höhepunkt fanden, viele militante Republikaner, Sozialisten und Anarchisten ins Tessin, während sich in der Schweiz über 1'500 ital. Einwanderer in den bande svizzere zusammenschlossen. Diese Arbeitergruppen setzten sich von Lausanne und anderen Zentren aus Richtung I. in Bewegung. Sie wollten dort gegen die Repression des Generals Fiorenzo Bava Beccaris protestieren, aber die revolutionäre Bewegung wurde schon im Keim erstickt. Die meisten ital. Arbeiter wurden bereits im Tessin von den Schweizer Behörden gestoppt, die rund 200 Personen an I. auslieferten. Wenige Monate später, nachdem der ital. Anarchist Luigi Luccheni am 10.9.1898 in Genf Kaiserin Elisabeth von Österreich ermordet hatte, versuchte die ital. Regierung vorerst vergeblich, die anderen Mächte für ein gemeinsames Protestschreiben an den Bundesrat zu gewinnen. Daraufhin organisierte sie in Rom eine internat. Konferenz zur Verteidigung des sozialen Friedens gegen die Anarchisten, an der auch die Schweiz teilnahm und deren Beschlüsse sie fast alle unterzeichnete, auch jenen zum internat. Informationsaustausch über die Bewegungen der militanten Anarchisten. Das Anarchistenproblem und die ital. Klagen über die angebl. Laxheit der Schweizer Behörden standen auch am Beginn der Silvestrelli-Affäre - der Name der Affäre geht auf den ital. Minister in Bern zurück -, die gar zum zwischenzeitl. Abbruch der diplomat. Beziehungen zwischen den beiden Ländern führte.

Die Frage der polit. Flüchtlinge stellte nicht den einzigen Störfaktor in den gegenseitigen Beziehungen dar. Während man in der Schweiz die irredentist. Ansprüche aus I. auf die ital. Schweiz mit Besorgnis verfolgte - aus diesem Grund erzwang der Bundesrat 1884 die Entfernung des ital. Konsuls in Lugano, Francesco Grecchi -, verfolgte die ital. Öffentlichkeit argwöhnisch den Bau neuer militär. Befestigungen südlich des Gotthards und die angebl. Germanisierung der ital. Schweiz. 1907 führte der Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg, dem der ital. Irredentismus grosse Sorgen bereitete, ohne Wissen des Bundesrates vertraul. Gespräche mit der dt. und österr. Heeresleitung, in denen für den Fall einer Verletzung der territorialen Integrität der Schweiz eine gemeinsame Aktion gegen I. erwogen wurde. In der Folge zirkulierten wilde Gerüchte über diese Geheimgespräche. Ital. Zeitungen zögerten 1911 nicht, von einem österr.-schweiz. Geheimbund gegen I. zu sprechen. Im August desselben Jahres zeigte sich auch Luigi Luzzatti, vom März 1910 bis März 1911 ital. Aussenminister, anlässlich eines Treffens in Bern mit Bundesrat Ludwig Forrer davon überzeugt, dass eine solche Allianz existiere, obwohl sein Gesprächspartner dies klar dementiert hatte.

Der im Sept. 1911 von I. begonnene Krieg in Libyen gegen das Osman. Reich schürte in der schweiz. Öffentlichkeit angesichts des sich zuspitzenden Nationalismus in I. neue Ängste. Die Wahl des Tessiners und Italienkenners Giuseppe Motta in den Bundesrat im Dez. 1911 trug zur Beruhigung der Gemüter in der ital. Schweiz und der Behörden in Rom bei. Auch die Rede von Bundespräsident Forrer im Dez. 1912 wirkte sich positiv auf die Stimmung innerhalb der ital. Regierung, aber auch in der ital. Öffentlichkeit aus und half, die Spannungen zwischen den beiden Ländern abzubauen.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.1.2 - Wirtschaftliche Beziehungen

Die wirtschaftl. Beziehungen zwischen der Schweiz und I., beide Mitglieder der Lateinischen Münzunion, wurden nebst der geogr. Nähe von der Eröffnung des Eisenbahntunnels durch den Gotthard 1882 und der Bedeutung des Hafens von Genua für die schweiz. Landesversorgung geprägt. Als hinderlich für die weitere Entwicklung erwies sich jedoch die handelspolit. Kehrtwende I.s zum Protektionismus, die in den 1870er Jahren einsetzte und im Zolltarif von 1887 gipfelte. Das Handelsabkommen von 1892 bewirkte einzig einen Anstieg der ital. Ausfuhren in die Schweiz, und zwar von 140 Mio. Fr. 1892 auf 181 Mio. Fr. 1903, was den Bundesrat bewog, 1903 das Abkommen zu kündigen. Nach langen Verhandlungen kam 1904 ein neuer Vertrag zustande, welcher der Eidgenossenschaft bedeutende Konzessionen wie die Herabsetzung der Zölle auf die wichtigsten nach I. ausgeführten Produkte (u.a. Käse, Maschinen, Seidenstoffe) und eine markante Erhöhung der Schweizer Zölle auf ital. Weine einräumte. Trotz dieser Verbesserungen fiel der Saldo der Handelsbilanz deutlich zugunsten I.s. aus. Bis 1914 stand I. an zweiter oder dritter Stelle der Zulieferer des Schweizer Marktes und an fünfter oder sechster Stelle der Abnehmer von Schweizer Waren.

Die Schweizer Kolonie und Schweizer Firmen gaben der wirtschaftl. Entwicklung auf der Halbinsel schon vor der Einigung I.s Impulse, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. noch stärker wurden. Gegen Ende des 19. Jh. befanden sich rund 65 Baumwollspinnereien, vorwiegend in der Lombardei und im Piemont, in den Händen von Schweizern. Auch in der ital. Hotellerie spielten Schweizer bis 1914 eine führende Rolle. Sie leiteten ca. 50 grosse Hotels, die oft mit Hilfe von Schweizer Banken gebaut worden waren. Ebenfalls aktiv in I. waren zahlreiche schweiz. Kreditinstitute wie das 1819 in Mailand gegr. Institut Vonwiller oder die in Florenz entstandene Bank Steinhäuslin. Schweizer Kapital war ferner an der Gründung der Banca commerciale italiana und des Credito italiano beteiligt, die später zu den bedeutendsten ital. Banken gehören sollten. Schweizer Finanzgesellschaften hielten erhebl. Anteile an der ital. Elektroindustrie; die Société financière italo-suisse besass als Mehrheitsaktionärin der Società meridionale di elettricità bis zur Nationalisierung der ital. Elektroindustrie 1962 faktisch das Monopol für die elektr. Energieversorgung in Süditalien (ohne Sizilien). Im Maschinenindustriesektor erwarb Brown Boveri 1903 die Kontrolle über ein Unternehmen, das sich in der Folge Tecnomasio Italiano Brown Boveri nannte und zu einem der grössten Konzerne seiner Art auf der Halbinsel aufstieg.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.1.3 - Migrationsbewegungen

In den Jahren zwischen 1870 und 1914 stieg die Zahl der ital. Immigranten in die Schweiz (Einwanderung) erheblich an. Zählte man 1880 41'000 ital. Einwanderer, waren es 1910 203'000 Personen, wobei letzterer Wert ca. 60'000 ital. Saisonniers nicht berücksichtigt. Diese Entwicklung wurde u.a. vom 1868 abgeschlossenen Niederlassungs- und Konsularvertrag begünstigt, der Italienern und Schweizern gegenseitig das Recht auf freien Zuzug und freie Niederlassung in den jeweiligen Ländern zusicherte. Am Vorabend des 1. Weltkrieges machten die Italiener - überwiegend unqualifizierte Arbeitskräfte, die im Baugewerbe und beim Eisenbahnbau beschäftigt waren, - mehr als einen Drittel aller Ausländer in der Schweiz aus und bildeten nach den Deutschen die zweitgrösste ausländ. Kolonie. Die Befürchtung, der Einsatz der ital. Arbeitskräfte könne sich negativ auf die Löhne der Schweizer Arbeiterschaft auswirken, und weit verbreitete fremdenfeindl. Gefühle (Fremdenfeindlichkeit) führten 1893 in Bern (Käfigturmkrawall) und 1896 in Zürich (Italienerkrawall) zu Übergriffen. Die ital. Sozialisten versuchten, die Immigranten in die 1895 gegr. Unione socialista italiana in Svizzera (später in Unione socialista di lingua italiana umbenannt) einzubinden. Deren treibende Kraft war Antonio Vergnanini, der sich um die Zusammenarbeit der Bewegung mit den Schweizer Gewerkschaften bemühte. Ab 1899 verfügte die schweiz. Sektion der sozialist. Partei I.s in Zürich über das Restaurant Cooperativo und die Zeitung "L'Avvenire del Lavoratore".

Die Zahl der Schweizer in I. belief sich durchschnittlich auf rund 10'000 Personen, die v.a. in Norditalien lebten und vor 1914 auf der Halbinsel die zweitgrösste Ausländerkolonie bildeten. Diese bestand hauptsächlich aus Unternehmern, Geschäftsleuten, Technikern und Führungskräften, die ein intensives Vereinsleben pflegten und Hilfsgesellschaften, Schulen und Spitäler sowie ref. Milieus mit Kirchen und Friedhöfen gründeten.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.1.4 - Eisenbahntunnel

Die Frage der Eisenbahntunnel gewann nach der Einigung I.s rasch erstrangige Bedeutung. Nach langen Diskussionen zwischen den Verfechtern der versch. Linienführungen (Splügen, Lukmanier oder Gotthard) entschied sich die ital. Regierung zwischen 1865 und 1866 für die Unterstützung der Gotthardvariante, die dann 1869 auf einer internat. Konferenz in Bern gutgeheissen wurde. Der aus dieser hervorgehende Staatsvertrag wurde 1870-71 von der Schweiz, I. und Deutschland ratifiziert. Der finanzielle Anteil I.s am Bau der 1882 eröffneten Linie betrug insgesamt 55 Mio. Fr. Einen wichtigen Beitrag zur Realisierung des Tunnels und der Strecke leisteten die ital. Arbeiter, von denen allein im Haupttunnel 180 ihr Leben verloren. Nachdem sich das Schweizer Volk 1898 für die Verstaatlichung der Eisenbahnen ausgesprochen hatte, beschloss der Bundesrat 1904, die Gotthardbahn zu erwerben, ohne I. und Deutschland die à fonds perdu einbezahlten Beiträge zurückzuerstatten. Hingegen bot er ihnen Tarifvergünstigungen (Rabatt von 20% auf den Bergzuschlag). Diese und andere Konzessionen wurden im Gotthardvertrag von 1909 festgelegt, mit dem die Schweiz ihr Recht bekräftigte, beliebige Massnahmen zur Verteidigung ihrer Neutralität und territorialen Integrität zu ergreifen. Gleichzeitig verpflichtete sie sich, den reibungslosen Betrieb der Strecke zu garantieren.

Ein weiteres Projekt einer Alpentransversale, die I. und die Schweiz zur Zusammenarbeit zwang, war der Simplontunnel. Ein erstes bilaterales Abkommen von 1895 (Simplonverträge) übergab den Bau und die Nutzung der Linie einer privaten Gesellschaft, nämlich der Jura-Simplon-Bahn. Die Arbeiten begannen 1898 und wurden 1906 von den SBB zu Ende geführt, welche die Jura-Simplon-Bahn im Zug der Verstaatlichung der Eisenbahnen 1903 übernommen hatten. I. behielt jedoch das Recht, die Strecke von Domodossola bis zur Landesgrenze für militär. Zwecke zu nutzen. Im Mai 1906 bot die Eröffnung der Simplonlinie in Brig Gelegenheit für eine Begegnung des Bundesrates mit Kg. Vittorio Emanuele III.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.1.5 - Kulturelle Beziehungen

Während des gesamten 19. Jh. übte I. auf kultureller und wissenschaftl. Ebene eine starke Anziehungskraft auf viele Schweizer aus, vom Genfer Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi bis zum Basler Jacob Burckhardt, einem intimen Kenner der ital. Kultur und Kunstgeschichte. Die engen kulturellen Bindungen zwischen den beiden Ländern bezeugen Künstler wie der Tessiner Bildhauer Vincenzo Vela, der in I. studierte und dort einen Teil seines Werkes schuf, oder der im Trentino geborene Maler Giovanni Segantini, der den letzten Teil seines Lebens im Bergell und im Engadin verbrachte und dort seine berühmten Landschaftsbilder schuf. Der aus der Schweiz stammende Buchhändler und Verleger Ulrico Hoepli spielte eine entscheidende Rolle bei der Herausgabe wissenschaftl. und techn. Texte in I. Nach der Gründung des Eidg. Polytechnikums in Zürich 1855 und der Univ. Freiburg 1889 nahm der Zustrom von Tessiner Studenten an die Univ. Pavia ab, die lange Zeit deren bevorzugtes Ziel gewesen war. Zahlreiche Künstler aus der ital. Schweiz studierten an der Akademie von Brera in Mailand.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.2 - Vom 1. Weltkrieg zur faschistischen Machtergreifung

Im Sept. 1914 verpflichtete sich die ital. Regierung, auch in Zukunft die immerwährende Neutralität der Schweiz zu respektieren (Erster Weltkrieg). Gegen Ende desselben Monats beriefen schweiz. und ital. Sozialisten in Lugano eine Konferenz ein, auf der sie ihre internationalist. und pazifist. Haltung bekräftigten. Über den symbol. Wert des Treffens hinaus wollte die helvet. Linke die Bemühungen der ital. Genossen unterstützen, I. vor der Verwicklung in den bewaffneten Konflikt zu bewahren. Als I. im Mai 1915 an der Seite der Entente-Mächte in den Krieg eintrat, äusserte sich Generalstabschef Sprecher von Bernegg mit harschen Worten. An General Ulrich Wille schrieb er, die ital. Regierung, die das Bündnis mit den Mittelmächten gebrochen habe, verdiene kein Vertrauen. Zur Sicherung der Südgrenze wurde umgehend eine deutschschweiz. Division südlich des Gotthards stationiert, was die Gemüter im Tessin - dort vertrat die Mehrheit der Bevölkerung die Sache I.s und der Entente - erhitzte. Nach dem Abbruch der Beziehungen zwischen Rom und Berlin, übernahm die Schweiz die Wahrung der ital. Interessen in Deutschland (und der dt. Interessen in I.), später auch jene in Österreich-Ungarn.

Die ital. Regierung erklärte im Aug. 1914, sie garantiere auch in Zukunft den Transit der für die Schweiz bestimmten Waren über den Hafen von Genua. Deren Volumen verdoppelte sich 1913-15 auf 330'000 t. Die Entente-Mächte, v.a. Grossbritannien, überwachten diese Handelsströme sehr genau, weil sie argwöhnten, Rohstoffe und Lebensmittel aus ihrem Einflussbereich könnten in der Schweiz verarbeitet und dann in die Mittelmächte ausgeführt werden. Um solche Befürchtungen zu zerstreuen, stimmte der Bundesrat 1915 der Schaffung der Société suisse de surveillance économique zu. Die Aufgabe der ital. Neutralität zog eine drast. Verminderung des Verkehrs auf der Gotthardlinie nach sich. Während des Krieges gelangte mehr als ein Drittel der Einfuhren über den Hafen von Genua in die Schweiz, obwohl das Warenvolumen ab 1917 wegen des erbitterten U-Bootkrieges der Deutschen in absoluten Zahlen zurückging.

Wegen des Kriegsausbruches reisten viele der in der Schweiz lebenden ital. Immigranten bis zum Herbst 1914 in ihr Heimatland zurück, obwohl I. damals noch neutral war. Bis 1920 sank die Zahl der Italiener in der Schweiz auf 134'000 Personen, sie lag damit rund ein Drittel tiefer als noch vor zehn Jahren. Der Krieg bewog ferner 3'000 Schweizer, I. zu verlassen, so dass 1918 die Schweizer Kolonie in I. nur noch 8'000 Personen zählte. Der durch den Konflikt geschürte, wachsende Nationalismus in I. traf v.a. die schweiz. Textilindustrie in Süditalien, die unter ital. Kontrolle geriet, sowie die deutschsprachigen Mitglieder der Schweizer Kolonie, die auf Grund ihrer Sprache mit Deutschen und Österreichern gleichgesetzt wurden.

Da die Schweiz den Aufenthalt vieler Deserteure und Wehrdienstverweigerer - darunter etliche Italiener - und ab 1918 eine sowjet. Mission in ihrem Territorium duldete, setzten die Entente-Mächte sie diplomatisch unter Druck. Am 7.11.1918 erklärte der ital. Aussenminister Sidney Sonnino dem Schweizer Minister in Rom, Georges Wagnière, die Alliierten liessen es nicht zu, dass die Schweiz ein Herd revolutionärer Umtriebe werde. Diese Erklärung trug zweifellos zum Entscheid des Bundesrates bei, die bolschewist. Mission am ersten Tag des Landesstreiks auszuweisen. In der Folge radikalisierte der Bundesrat seine Ausländerpolitik, indem er u.a. ital. Militante abschob. An der Versailler Friedenskonferenz, an der I. als Siegermacht teilnahm, wurde die Schaffung des Völkerbundes beschlossen. Die ital. Regierung unterstützte nach dem Beitritt der Schweiz zur internat. Organisation die Wahl von Genf als Sitz der neuen Institution.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.3 - Von der faschistischen Machtergreifung zum 2. Weltkrieg

2.3.1 - Politische Beziehungen

Nachdem Benito Mussolini im Okt. 1922 an die Macht gelangt war, versuchte er auf diplomat. Ebene, den Vorsteher des Eidg. Politischen Departements, Giuseppe Motta, zu beruhigen. Dieser bewunderte zwar I., hegte aber starke Befürchtungen gegenüber der irredentist. Gefahr. Denn die Anspielung auf den Gotthard als Grenze, die Mussolini noch als Mitglied der ital. Abgeordnetenkammer im Juni 1921 in einer Rede gemacht hatte, trug nicht zur Entspannung bei. Besonders in der Deutschschweiz wurde der Faschismus schon früh mit dem Irredentismus gleichgesetzt. Die Ängste verstärkten sich 1924, als die kaum fassbare Gruppe Giovani Ticinesi in Mailand das Pamphlet "La questione ticinese" mit unzweifelhaft irredentist. Stossrichtung drucken liess. Auf offizieller Ebene hingegen wurden die bilateralen Beziehungen durch die Machtübernahme der Faschisten dank dem Abschluss eines neuen Handelsabkommens 1923 und eines Schiedsvertrags 1924 nicht beeinträchtigt.

Noch vor dem Marsch auf Rom begannen die Faschisten, unter den ital. Immigranten in der Schweiz Anhänger zu werben. Im Mai 1921 entstand in Lugano der erste faschist. Verband im Ausland. Nach Mussolinis Machtübernahme verbreitete sich die Bewegung mit Hilfe der ital. Konsuln im übrigen Tessin und in der Schweiz mit dem Ziel, die Immigranten einzugliedern. Es gelang ihren Exponenten, einen Grossteil der ital. Organisationen in der Schweiz unter ihre Kontrolle zu bringen, darunter das 1902 gegründete ital. Spital in Lugano. Als Organ der Faschisten in der Schweiz diente die Wochenzeitschrift "Squilla italica", die 1923 in Lugano ins Leben gerufen und von Rom subventioniert wurde.

<b>Italien</b><br>1.-Mai-Kundgebung von 1930 auf dem Helvetiaplatz in Zürich.  Foto Zollinger, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Aus der Menge ragen schwarze Fahnen italienischer Anarchisten heraus und eine Tafel, die auf Italienisch erklärt: "Antifaschistische Gruppe von Oerlikon. Tod Mussolini und dem Papst".<BR/>
1.-Mai-Kundgebung von 1930 auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Foto Zollinger, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).
(...)

Ein Gegengewicht zur faschist. Präsenz in der Schweiz bildeten die polit. Flüchtlinge aus I. Obwohl sich ihre Zahl auf ein paar Dutzend beschränkte, fand der Antifaschismus in der Schweiz ein starkes Echo, nicht zuletzt dank der Unterstützung ital. Immigranten, die schon vor dem Krieg in der Schweiz gelebt und sich z.T. eingebürgert hatten. Auch viele Schweizerbürger aus allen Gesellschaftsschichten bekämpften den Faschismus, so etwa Guglielmo Canevascini, Führer der Tessiner Sozialisten, ab 1922 Mitglied der Kantonsregierung und Gründer der "Libera Stampa", der einzigen antifaschist. Tageszeitung Europas in ital. Sprache während des Regimes von Mussolini (in I. bereits 1923 verboten). Canevascini half profilierten polit. Flüchtlingen wie etwa dem Republikaner Randolfo Pacciardi (1933 von den Bundesbehörden des Landes verwiesen), der in Zusammenarbeit mit der Bewegung Giustizia e Libertà eine rege Untergrundtätigkeit entwickelte. Aber auch Giovanni Bassanesi konnte seinen legendären Propagandaflug über Mailand im Juli 1930 dank der diskreten Hilfe des sozialist. Staatsrats durchführen. Das Auslandzentrum der künftigen kommunist. Partei I.s hatte seinen heiml. Sitz ab 1927 ebenfalls in der Schweiz, bis 1929 die Verantwortlichen, unter ihnen Palmiro Togliatti, vom Bund ausgewiesen wurden. Rom reagierte auf den antifaschist. Aktivismus in der Schweiz mit der Einschleusung von Informanten der polit. Polizei. Letztere zögerte 1928 nicht, nahe der Enklave Campione d'Italia Cesare Rossi, den ehem. Chef des Pressebüros des Duce, der sich zum Regimegegner gewandelt hatte, zu entführen. Diese Episode stand am Anfang einer der schwersten Krisen zwischen Rom und Bern, doch verzichtete der Bundesrat darauf, den Schiedsvertrag zu bemühen, der das Weitertragen des Streitfalls in zweiter Instanz an den ständigen Internat. Gerichtshof in Den Haag vorsah. Im Allgemeinen verfolgten die Schweizer Behörden die Politik, die polit. Flüchtlinge einer strengen Überwachung zu unterwerfen, gleichzeitig aber auf jede Zusammenarbeit mit den ital. Stellen zu verzichten. Sie wollten möglichst alle Zwischenfälle vermeiden, die den Beziehungen zu I. hätten schaden können.

Mussolini versuchte, auf die Innenpolitik der Schweiz Einfluss zu nehmen, indem er ihm genehme Persönlichkeiten aus der Politik finanziell unterstützte. 1930 beispielsweise liess er Angiolo Martignoni, einem konservativen Mitglied der Tessiner Regierung, 80'000 Fr. zukommen in der Hoffnung, damit zur Wahlniederlage Canevascinis beizutragen. Ebenfalls mit Hilfe Mussolinis gründete der Waadtländer Oberst Arthur Fonjallaz 1933 die Schweiz. Faschistische Bewegung, die jedoch eine karikaturist. Nachahmung des ital. Vorbilds blieb und nur im Tessin auf eine gewisse Gefolgschaft (rund 500 Personen) zählen konnte. Die Zuwendungen des Duce für Fonjallaz (insgesamt 600'000 Fr.) dienten auch zur Finanzierung der Volksinitiative gegen die Freimaurerei, die das Volk 1937 verwarf. Massive Hilfe erhielt ferner Georges Oltramare, Führer der Genfer Union nationale, der 1937 zusammen mit zahlreichen Anhängern von Mussolini empfangen wurde.

Im Okt. 1935 sahen sich die Schweizer Behörden angesichts des ital. Überfalls auf Äthiopien, das dem Völkerbund angehörte, gezwungen, einen Kompromiss zwischen der Aufrechterhaltung der guten Beziehungen mit dem faschist. Regime, der Wahrung der Neutralität und der Einhaltung der Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund zu suchen. Motta räumte in Genf zwar eine Verletzung des Völkerbundsvertrags durch I. ein, bestritt aber die Pflicht der Schweiz zur Anwendung von Sanktionen, da diese die Neutralität zu beeinträchtigen drohten. Die Schweiz beteiligte sich deshalb nur symbolisch an den Sanktionen. Das Exportembargo für Waffen dehnte der Bundesrat auf das angegriffene Äthiopien aus. V.a. im Monat vor dem Inkrafttreten der Sanktionen stieg der Transit dt. Kohle durch die Schweiz, die für I. bestimmt war, rasch an. Unter den ital. Immigranten verstärkten die Sanktionen patriot. Gefühle und förderten die Zustimmung zum faschist. Regime. Dies manifestierte sich in der Schweiz auch im grossen Erfolg der Aktion "Gold für das Vaterland" vom Dez. 1935, welche die Italiener dazu aufrief, ihre Eheringe dem Vaterland zu schenken. Auf Vorschlag von Motta anerkannte der Bundesrat im Dez. 1936 de jure das ital. Imperium und somit die neu geschaffene Situation in Äthiopien nach dem Sieg Mussolinis. Diese Anerkennung - die erste eines neutralen Staates - wurde in Rom mit Genugtuung aufgenommen, löste aber im Schweizer Parlament nicht nur bei der Linken Kritik aus, denn sie schuf ein eindeutiges Ungleichgewicht der schweiz. Position zugunsten des faschist. Regimes. Nach dem endgültigen Austritt I.s aus dem Völkerbund im Dez. 1937 kündigte Motta die unverzügl. Rückkehr der Schweiz zur integralen Neutralität an. Der Völkerbundsrat bestätigte diese im Mai 1938. Damit entband er die Schweiz von der Verpflichtung, sich an irgendeiner Form von Sanktionen zu beteiligen. Daraufhin äusserten I. wie Deutschland ihre Zufriedenheit darüber, dass die Schweiz nun von allen Hindernissen befreit sei, die ihre Neutralität gefährden könnten. Zuvor hatte Mussolini in einem Gespräch mit seinem Schwiegersohn und ital. Aussenminister, Galeazzo Ciano, jedoch nicht gezögert, die Schweiz am Tag nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland als einen "Irrtum auf der Karte Europas" zu bezeichnen, und ihr ein ähnl. Schicksal wie Österreich prophezeit.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.3.2 - Wirtschaftliche Beziehungen

Die Gründung der schweiz. Handelskammer in I. 1919 spiegelte den regen Austausch zwischen den beiden Ländern, dessen Bedeutung durch I.s Teilnahme am 1. Weltkrieg nicht beeinträchtigt worden war. Das neue Handelsabkommen von 1923 trug z.T. den Forderungen der Schweizer Maschinenindustrie Rechnung, die unter dem neuen ital. Zolltarif von 1921 gelitten hatte. Im Vergleich zur Periode vor 1914 ging der relative Umfang der Schweizer Einfuhren aus I. in der Zwischenkriegszeit zurück, während das Volumen der Exporte in die Halbinsel im Wesenlichen konstant blieb. Dies führte folglich zu einer Verringerung des Saldos der Handelsbilanz zugunsten I.s, eine Tendenz, die sich mit dem Abschluss des Clearingabkommens von 1935 noch verstärkte.

<b>Italien</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Aussenhandel der Schweiz mit Italien 1890-2015

Wie aus einer 1918 von der Schweizer Gesandtschaft in Rom durchgeführten Umfrage hervorgeht, konzentrierten sich die schweiz. Investitionen in I. hauptsächlich auf die nördl., stärker industrialisierten Regionen (Lombardei, Piemont, Ligurien). In diesen lagen 348, also mehr als die Hälfte der 639 Niederlassungen der bedeutenderen Schweizer Firmen. Mit der Etablierung zahlreicher Tochtergesellschaften von schweiz. Grossunternehmen aus der Nahrungsmittel- sowie der chem. und pharmazeut. Branche (Wander, Suchard, Sandoz, Nestlé, Geigy, Hoffmann-La Roche) stieg diese Zahl in den 1920er Jahren weiter an. Zudem gründete die Aluminium Industrie Aktien Gesellschaft, die spätere Alusuisse, 1926 in der Nähe von Venedig die Società anonima veneta alluminio, die zu einer der grössten ital. Produzenten dieser Branche wurde. Die Weltwirtschaftskrise setzte der neuen Investitionswelle ein Ende. Laut einer Umfrage der Schweiz. Bankiervereinigung von 1936 beliefen sich die Finanzkredite zugunsten I.s von in der Schweiz ansässigen natürl. und jurist. Personen auf insgesamt 601 Mio. Fr., eine beachtl. Summe, die in Wirklichkeit bestimmt noch höher war, da bei den Wertpapieren der Nennwert und nicht die Börsenkotierung berechnet wurde. Ferner blieb in der Gesamtrechnung der Wert der Industrieanlagen und anderer Güter, die solche Unternehmen in I. besassen, unberücksichtigt. Dennoch belegt die Umfrage die intensiven Beziehungen zwischen den beiden Ländern im Industrie- und Finanzbereich, die sich auch in der 1937 in Zürich erfolgten Gründung der Associazione svizzera per i rapporti culturali ed economici con l'Italia niederschlugen. Ein profiliertes Vorstandsmitglied der Vereinigung war Carl Julius Abegg, der in I. bedeutende Textilunternehmen kontrollierte und im Verwaltungsrat der 1937 in Basel gegr. Pirelli Holding sass. Nach dem Abessinienkrieg gewann der Finanzplatz Schweiz für I. zusätzlich an Bedeutung, da die Schweizer Banken bei der Gewährung von Krediten an I. den Platz der engl., franz. und nordamerikan. Geldinstitute übernahmen. Im Rahmen der Clearingverträge konnten die Schweizer Gläubiger bis Juni 1942 ihre Erträge aus den Investitionen in I. vollumfänglich in die Schweiz transferieren, obwohl das faschist. Regime 1934-35 die Devisenbewirtschaftung eingeführt hatte.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.3.3 - Migrationsbewegungen

Für die Zwischenkriegszeit verzeichnen die Schweizer Volkszählungen einen leichten Rückgang der dauernd im Land ansässigen Italiener, was u.a. mit der restriktiveren Migrationspolitik der Schweiz zu tun hat. Lebten 1920 noch 134'000 Italiener in der Schweiz, sank deren Zahl 1930 auf 127'000 Personen. Noch deutlicher fiel der Rückgang 1941 (96'000 Italiener) aus, weil viele Einberufene in ihre Heimat zurückkehren mussten. Die Italiener stellten aber nach wie vor mehr als einen Drittel aller Ausländer in der Schweiz und bildeten die grösste Ausländerkolonie, wenn man die Saisonniers einbezieht, die in den jeweils im Dezember durchgeführten eidg. Volkszählungen nicht auftauchen. Deren Zahl stieg bis zum Beginn der Wirtschaftskrise ständig an (1931 35'920 Personen), bevor sie dann deutlich sank (1933 noch 15'043 Personen). Zudem erlangten in der Zwischenkriegszeit über 20'000 ital. Immigranten die Schweizer Staatsbürgerschaft. Im Mai 1934 wurde der seit 1868 bestehende Niederlassungs- und Konsularvertrag revidiert: Von nun an erhielten nur mehr die Italiener eine Niederlassungsbewilligung, die mindestens fünf Jahre ununterbrochen in der Schweiz gelebt hatten.

Nachdem im 1. Weltkrieg zahlreiche Schweizer I. verlassen hatten, kehrten viele von ihnen auf die Halbinsel zurück. Um 1930 waren es rund 17'000, von denen fast die Hälfte in der Lombardei wohnte. Die in Mailand durch den Industriellen und ehem. Präsidenten der Schweiz. Handelskammer in I., Otto Bühler, ins Leben gerufene Gründung eines eigenen faschist. Verbands führte zu einer tiefen Spaltung der Schweizer Kolonie, die erst 1939 überwunden wurde.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.3.4 - Kulturelle Beziehungen

Das faschist. Regime weckte Interesse und Bewunderung unter den konservativeren Schweizer Intellektuellen, v.a. unter den Westschweizern (z.B. Gonzague de Reynold), die sich von den korporatist. Vorstellungen angezogen fühlten. Aber auch innerhalb des kath. Milieus stand man ihm positiv gegenüber, v.a. nach dem Abschluss der Lateranverträge 1929. Die Associazione svizzera per i rapporti culturali ed economici con l'Italia organisierte Vorträge von Persönlichkeiten wie dem Geschäftsmann Giuseppe Volpi oder dem Historiker Gioacchino Volpe, die dem Faschismus nahestanden. 1937 verlieh die Univ. Lausanne Mussolini die Ehrendoktorwürde. Im Tessin lebte angesichts der Ängste vor dem Irredentismus die schon am Vorabend des 1. Weltkrieges geführte Debatte über die Identität der ital. Schweiz wieder auf, die vom Dualismus zwischen Italianità und Schweizertum geprägt war (Svizzera italiana).

In der Zwischenkriegszeit besuchten nur wenige Schweizer Studenten die ital. Universitäten. In den akadem. Jahren 1926-27 und 1931-32 belief sich deren Zahl auf knapp hundert Personen, die vorwiegend an den nordital. Hochschulen studierten.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.4 - Der 2. Weltkrieg und der Fall des Faschismus

Die Zeit des Zweiten Weltkrieges in I. gliedert sich in drei Phasen: den Nicht-Kriegszustand bis Juni 1940, die Beteiligung am Krieg an der Seite des Naziregimes bis zur Ausrufung des Waffenstillstands mit den Alliierten am 8.9.1943 sowie den Bürgerkrieg zwischen der von den Deutschen unterstützten Republik von Salò im Norden und der von den Engländern und Amerikanern abhängigen Regierung des Marschalls Pietro Badoglio im Süden, der mit der Befreiung und der dt. Kapitulation im April 1945 endete.

2.4.1 - Der Nicht-Kriegszustand

Im Sept. 1939 trat das faschist. Regime ungeachtet der Unterzeichnung des Stahlpaktes mit Deutschland im Mai desselben Jahres nicht in den Krieg ein. Darüber hinaus bekräftigte I., es werde die Neutralität der Schweiz respektieren. Diese Anerkennung wurde von den Schweizer Behörden mit grosser Genugtuung aufgenommen, v.a. von Motta, der nach dem Münchner Abkommen vom Sept. 1938 ein Loblied auf Mussolini als Friedensstifter gesungen hatte. Das im folgenden November abgeschlossene Transitabkommen fiel für die Schweiz sehr vorteilhaft aus. Das faschist. Regime sicherte den freien Warenverkehr aus und nach der Schweiz durch ital. Territorium zu (einschliesslich einer jährl. Quote von 200'000 t Kohlenwasserstoff) und stellte die Häfen von Genua, in das ein Schweizer Vertreter gesandt wurde, Vado Ligure und Savona (beide Ligurien) sowie Venedig und Triest zur Verfügung.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.4.2 - Im Krieg

Mussolini sagte in der Rede vom 10.6.1940 über den bevorstehenden Kriegseintritt I.s, er wolle die nicht kriegführenden Nachbarländer, darunter die Schweiz, nicht in den bewaffneten Konflikt hineinziehen. Gleichzeitig erhielt der ital. Generalstab jedoch den Befehl, eine eventuelle militär. Aktion gegen die Schweiz vorzubereiten. In den Plänen, die mehr oder weniger radikale Lösungen des "Problems Schweiz" vorsahen, ging es in Wirklichkeit darum, Strategien für den Fall eines dt. Einfalls in die Schweiz zu entwerfen. Im Fall eines solchen Szenarios wollte I. möglichst grosse Gebietsgewinne aus der Aufteilung des schweiz. Territoriums herausschlagen - gemäss den alten irredentist. Zielen sollte die Staatsgrenze auf die Hauptalpenkette verlegt und das Wallis, das Tessin und Graubünden italienisch werden, und zwar in Inkaufnahme von Spannungen mit dem dt. Verbündeten. Das Schicksal der Schweiz blieb einige Monate lang ungewiss, wie der Tagebucheintrag vom 10.9.1940 des Industriellen Alberto Pirelli zu bestätigen scheint: "Was die Schweiz betrifft, scheint Ciano von deren Aufteilung nicht begeistert zu sein, aber Ribbentrop ist offenbar klar dafür." Am 26. Sept. befahl Mussolini der Armeeführung, die Pläne bezüglich der Schweiz nicht weiterzuverfolgen. Doch im Oktober äusserte er sich in einem Brief an Adolf Hitler erneut in bedrohl. Worten über die Schweiz; wahrscheinlich wollte er die Absichten des Führers in dieser Frage sondieren. Der katastrophale Ausgang des Griechenlandfeldzugs 1941 zwang dann aber den Duce, seine Ambitionen zurückzuschrauben. Er musste auf einen "Parallelkrieg" - den er ohne Verbündete zu führen beabsichtigt hatte - verzichten und sich mit einem bescheideneren "subalternen Krieg" begnügen.

Wie das Dritte Reich beharrte das faschist. Regime im Juli 1940 beim Bundesrat auf der Gewährung eines Kredits. Aus polit. Opportunismus und mit Blick auf die ital. Konzessionen im Transitbereich bewilligten die Schweizer Behörden im folgenden Monat einen Clearingvorschuss von 75 Mio. Fr., mit welchem I. in der Schweiz Kriegsmaterial kaufte. Ebenfalls im August räumte ein Schweizer Bankenkonsortium I. einen Kredit von 125 Mio. Fr. ein, den die Banca d'Italia in Rom mit Goldreserven garantierte. Später wurden noch zweimal Clearingkredite gesprochen, und zwar 75 Mio. Fr. im Juni 1941 und 65 Mio. Fr. im Nov. 1942, insgesamt eine Summe von 215 Mio. Fr. Zwischen 1940 und 1943 stiegen die Schweizer Ausfuhren nach I. sowohl relativ als auch absolut, wobei mindestens um die 40% davon auf Kriegsmaterial (Waffen, aber auch Präzisionsapparate, Erzeugnisse der Uhrenindustrie, Maschinen und Aluminium) entfielen.

Nach dem Kriegseintritt I.s wahrte die Schweizer Diplomatie die ital. Interessen in rund zehn gegner. Ländern, unter ihnen die USA (ab Dez. 1941) und Grossbritannien (einschliesslich des Commonwealth). Als Schutzmacht organisierte die Schweiz z.B. die Repatriierung von ca. 27'000 ital. Kolonisten nach der Besetzung Ostafrikas durch brit. Truppen 1941. Auf diplomat. Ebene kam es im Jan. 1942 zu Spannungen, weil das faschist. Regime die Rückberufung des Schweizer Ministers in Rom, Paul Ruegger, erzwingen wollte, den es in der Sache der ital. Kreditforderungen als zu kompromisslos betrachtete. Der Bundesrat gab angesichts der ital. Hartnäckigkeit bald nach, beliess aber den Posten des Schweizer Ministers in Rom vakant und besetzte ihn erst im Nov. 1942 wieder mit Peter Vieli, einem führenden Vertreter der Schweizer Bankenwelt.

Den Schweizer Eisenbahnlinien, an erster Stelle der Gotthardstrecke, kam v.a. bis zum Sept. 1943 eine entscheidende Bedeutung für den Warenverkehr zwischen Deutschland und I. zu. Durch die Schweiz gelangten bis zu 50% der ital. Kohlenimporte aus dem Dritten Reich, die für das Funktionieren der Industrie auf der Halbinsel unentbehrlich waren. Der Bundesrat stellte den Gotthardtunnel auch für Züge zur Verfügung, welche die von der dt. Industrie rekrutierten ital. Arbeiter nach Deutschland brachten. Auf diese Weise wurden vom April 1941 bis Juli 1943 181'000 Italiener durch die Schweiz nach Deutschland transportiert, während 131'000 durch den Gotthard nach Hause fuhren. Nachdem Deutschland Norditalien besetzt hatte, weigerten sich die Schweizer Behörden, diesen Personenverkehr wieder aufzunehmen. Solche Leistungen - zu denen die Schweiz aufgrund des Gotthardvertrags verpflichtet gewesen wäre - unterstützten die Kriegsanstrengungen der Achsenmächte, gaben der Schweiz aber auch eine wichtige Verhandlungswaffe in die Hand. Sie dienten ferner der Dissuasion, um die Nachbarländer von allfälligen Angriffen abzuhalten. Was die bilateralen Beziehungen betraf, stellte I. im Gegenzug für den ital. Warenverkehr durch die Schweiz seine Häfen für die Schweizer Versorgung zur Verfügung. Der Hafen von Genua, der für die Schweiz in der Zwischenkriegszeit zweitrangig geworden war, erlangte eine noch höhere Bedeutung als während des 1. Weltkrieges. 1940-42 passierten fast 85% der Schweizer Einfuhren aus Übersee, hauptsächlich für den Grundbedarf der schweiz. Bevölkerung unentbehrl. Nahrungsmittel (v.a. Getreide), die ital. Häfen (davon 70% in Genua).

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.4.3 - Vom Sturz Mussolinis zum Kriegsende

Nach der Landung der Alliierten in Sizilien setzte der Grosse Faschist. Rat Mussolini am 25.7.1943 ab. Anfang August beauftragten die neuen Machthaber Pirelli mit einer heiklen Mission. Dieser hatte über Charles Albert Nussbaumer, Direktor des Schweiz. Bankvereins und Präs. der Pirelli Holding, zu sondieren, ob der Bundesrat allenfalls bereit wäre, die Alliierten zu einem Aufschub ihrer Landung auf dem ital. Festland zu bewegen und damit eine Reaktion des Dritten Reiches abzuwenden. Wie zu erwarten war, lehnte die Schweizer Regierung unter Berufung auf ihre Neutralität ab. Nach dem Waffenstillstand zwischen der Regierung Badoglio und den Alliierten vom 8. Sept. besetzten die Deutschen einen Grossteil I.s, worauf der König und die Regierung Badoglio nach Brindisi in die bereits von den Alliierten kontrollierte Zone Süditaliens flohen. Der Bundesrat berief Minister Vieli endgültig in die Heimat zurück und in Rom wurde die Schweizer Gesandtschaft einem Geschäftsträger anvertraut. Als Mussolini am 23. Sept. mit Unterstützung der Deutschen die Republik von Salò schuf, die Mittel- und Norditalien umfasste, sah sich die Schweiz zwei ital. Regierungen gegenüber, die beide für sich die exklusive Legitimität beanspruchten. In dieser Situation beschlossen die Schweizer Behörden, nur mit der Regierung des Südens offizielle Beziehungen zu unterhalten. Angesichts der beachtl. Schweizer Interessen in Norditalien duldete der Bundesrat jedoch einen Vertreter der Republik von Salò in der Schweiz, der über konsular. Kompetenzen verfügte. Befürchtungen, die ein Projekt zur Verstaatlichung von Unternehmen auslöste (das dann aber ohne nennenswerte prakt. Folgen blieb), und die Blockierung von Schweizer Geldern bewogen die Schweizer Behörden, im Febr. 1944 Max Troendle als Handelsdelegierten in die Republik von Salò zu entsenden. Auf Initiative einiger einflussreicher Mitglieder der Schweizer Kolonie in Mailand war schon Ende 1942 eine Hilfsgesellschaft zur Versicherung gegen Kriegsschäden, die Società mutua d'assicurazione danni di guerra, gegründet worden, um Verluste zu ersetzen, die bei den Bombardierungen nordital. Städte durch die Alliierten entstanden waren. Die Gesellschaft erhielt eine Garantie der Eidgenossenschaft und erreichte bei Kriegsende einen Höchststand von 2'000 versicherten Mitgliedern, was es ihr ermöglichte, ungefähr 400 Schadensfälle zu erledigen.

Der Waffenstillstand und die dt. Besetzung führten zum Zusammenbruch des führungslosen ital. Heeres. Einem Teil der versprengten Soldaten (mehr als 20'000, v.a. Lombarden) gelang es, meistens über die Tessiner Grenze, in die Schweiz zu flüchten. Als Militärflüchtlinge wurden sie jenseits des Gotthards in Lagern untergebracht, die das eidg. Kommissariat für Internierung und Hospitalisierung bereitstellte. Ab Jan. 1944 belegten rund 500 von ihnen in den sog. Universitätslagern nahe der Westschweizer Hochschulen Kurse, die Schweizer Professoren und ital. Internierte abhielten. Aus polit. Gründen oder aus Angst vor rassist. Verfolgung flohen in geringerer Zahl auch Zivilpersonen aus I. Mindestens 3'600 ital. Juden retteten sich in die Schweiz, während einige Hundert zurückgewiesen wurden. Aufnahme fanden auch ehemalige faschist. Parteigrössen wie Dino Alfieri und Giuseppe Bastianini, Grossindustrielle wie Giuseppe Volpi, aber auch Mussolinis Tochter Edda Ciano. Im Okt. 1944 löste der Fall der Partisanenrepublik im Val d'Ossola, die etwas mehr als einen Monat bestanden hatte, eine weitere Flüchtlingswelle durch den Simplon ins Tessin und ins Wallis aus (neben Zivilpersonen rund 1'500 Partisanen). Unter den zivilen Flüchtlingen, die während des 2. Weltkrieges in die Schweiz gelangten, bildeten die fast 15'000 Italiener die grösste nationale Gruppe; unter Einbezug der 30'000 internierten Soldaten nahm die Schweiz insgesamt rund 45'000 ital. Flüchtlinge auf.

Die ersten Gespräche zwischen Vertretern der Alliierten und führenden Mitgliedern der Partisanenbewegung fanden im Nov. 1943 in der Schweiz, und zwar in Lugano, statt, wo das Nationale Befreiungskomitee Oberitalien, das oberste Organ des ital. Widerstands, ab März 1944 eine eigene Vertretung unterhielt. Der dt. Teilkapitulation, die den Krieg auf ital. Territorium am 2.5.1945 beendete, gingen auf Vermittlung des Schweizer Majors Max Waibel Geheimgespräche in der Schweiz zwischen Allen W. Dulles und General Karl Wolff, dem Kommandanten der SS in I., voraus. Diese als Operation Sunrise in die Geschichte eingegangenen Verhandlungen trugen dazu bei, dass die von den Deutschen vorgesehene Zerstörung der Infrastruktur und Industrie in Norditalien verhindert und eine potentiell explosive Lage an der Grenze entschärft werden konnte.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.5 - Seit 1945

2.5.1 - Politische Beziehungen und Migrationsbewegungen

Die Ernennung von Egidio Reale zum ersten Gesandten der neuen Republik I. in Bern im Jan. 1947 wies eine hohe symbol. Bedeutung auf, da Reale als antifaschist. Flüchtling 1927-45 in der Schweiz gelebt hatte. Als I. 1953 seine Gesandtschaft in den Rang einer Botschaft erhob, wurde Reale der erste Botschafter I.s in der Schweiz. Der Bundesrat wandelte die Gesandtschaft in Rom hingegen erst 1957 in eine Botschaft um.

Schon in den ersten Nachkriegsjahren wurde die Einwanderung wieder zu einem zentralen Thema der bilateralen Beziehungen, weil die Schweizer Wirtschaft einen grossen Bedarf an ausländ. Arbeitskräften hatte, den sie nicht mehr im gleichen Ausmass wie früher in Deutschland und Österreich decken konnte. Ab 1946 wurde das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga) damit beauftragt, die Zuwanderung ital. Arbeiter auch mit Werbekampagnen zu fördern und zu koordinieren. Die Arbeitskräfte wurden in versch. Sektoren der Schweizer Wirtschaft (Landwirtschaft, Hotellerie, Textilindustrie, Baugewerbe, Metall- und Maschinenindustrie) eingesetzt. Auf Initiative I.s kam 1948 ein bilaterales Abkommen über die Einwanderung ital. Arbeiter in die Schweiz zustande, die erste derartige Vereinbarung, die der Bund unterzeichnete. Um zu vermeiden, dass die neuen Einwanderer sich endgültig im Land niederliessen, erhöhten die Bundesbehörden die Mindestaufenthaltsdauer zur Erlangung einer Niederlassungsbewilligung von fünf auf zehn Jahre. Zudem setzten sie auf eine Politik, die v.a. im Baugewerbe und in der Hotellerie systematisch Saisonniers bevorzugte (noch 1956 entfielen 46,5% der Arbeitsbewilligungen für Italiener auf diese Gruppe), weil sich diese im Falle einer Konjunkturverschlechterung leicht nach Hause zurückschicken liessen. Für die Saisonniers, wie auch für die Jahresaufenthalter stellte sich das schwerwiegende Problem des Familiennachzugs. In dieser Frage nahm die Schweiz lange eine unnachgiebige Haltung ein, indem sie gegen die Empfehlungen der OEEC verstiess, die ihre Mitgliedstaaten ab 1953 aufforderte, die Aufnahme von Familienangehörigen der eingewanderten Arbeiter grosszügiger zu handhaben. Die nur langsam vorangehende Erholung der ital. Wirtschaft in den Jahren des Wiederaufbaus und die andauernde Arbeitslosigkeit in den südl. Regionen I.s garantierten jedenfalls ein reichl. Angebot an Arbeitskräften. Bis zu Beginn der 1970er Jahre stellte die Schweiz das Hauptziel der ital. Auswanderung dar. Die jeweils im Dezember durchgeführten eidg. Volkszählungen belegen, dass die Italiener 1950-70 rund die Hälfte der in der Schweiz wohnhaften Ausländer ausmachten. Waren es 1950 140'000 Personen (49% aller Ausländer in der Schweiz), stieg ihre Zahl 1960 auf 346'000 (59%) und 1970 auf 584'000 Personen (54%) an. Auf der Grundlage der im August erstellten Statistiken des Biga (ab 1955), die auch Saisonniers und Grenzgänger, nicht aber die ausländ. Arbeiter mit Niederlassungsbewilligung erfassten, fiel der ital. Anteil noch höher aus. Die Spitze wurde 1961 erreicht, als die Italiener über 70% der nicht niedergelassenen ausländ. Arbeitskräfte stellten.

Ab 1953 beauftragte der Bundesrat die SBB, Spezialzüge bereitzustellen, damit die ital. Immigranten für die Parlamentswahlen nach Hause zurückkehren konnten. Rund 90'000 Personen (36% der Berechtigten) nutzten die Gelegenheit anlässlich der Wahlen von 1958, 180'000 für jene von 1963. Diese Erleichterungen hatten einen polit. Hintergedanken, denn die Regierung hoffte, die ital. Arbeiter in der Schweiz, die besser bezahlt wurden als jene in I., würden für die Regierungsparteien und nicht für die Kommunist. Partei I.s, eine der grössten in Westeuropa, stimmen. Im Klima des Kalten Krieges war ferner die Angst weit verbreitet, in den Organisationen, die für die Rechte der Arbeiter kämpften, käme es zu einer kommunist. Infiltration. Zu diesen Organisationen gehörte die von antifaschist. Flüchtlingen im Nov. 1943 in der Schweiz gegr. Federazione delle Colonie libere italiane, die von der Bundespolizei überwacht wurde. Die Angst vor der "roten Gefahr" äusserte sich auch in Verhaftungen und Landesverweisen. 1955 beschloss der Bundesrat beispielsweise, rund zwanzig ital. Kommunisten abzuschieben, weil sie dem italienischsprachigen Verband der Partei der Arbeit angehörten.

Auf Drängen der ital. Regierung willigten die Schweizer Behörden 1961 ein, parallele Verhandlungen zur Revision des Einwanderungsabkommens von 1948 und des Sozialversicherungsabkommens von 1951 aufzunehmen. Gespräche bezüglich Letzterem führten im Dez. 1962 zum Abschluss eines bilateralen Vertrags über soziale Sicherheit, der auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhte und die Leistungen der AHV/IV auf die ital. Arbeiter ausdehnte. In der Frage des Einwanderungsabkommens wurden die Gespräche schon im Nov. 1961 unterbrochen, nachdem der ital. Arbeitsminister Fiorentino Sullo die Migrationspolitik und das Sozialsystem der Schweiz anlässlich eines Besuchs kritisiert und damit eine Polemik heraufbeschworen hatte. Auch nach der Wiederaufnahme der Verhandlungen erwiesen sich die Diskussionen als schwierig, so dass das neue Einwanderungsabkommen erst 1964 unterzeichnet wurde. Obwohl es in der Sache des Familiennachzugs nur geringfügige Konzessionen zugestand, erschien das Abkommen als Bruch mit der ein Jahr zuvor vom Bundesrat eingeschlagenen Politik, die auf eine Eindämmung der Zuwanderung abzielte. Das Abkommen löste in der Öffentlichkeit und im Parlament eine heftige Kontroverse aus und provozierte in Arbeiter- und Gewerkschaftskreisen grosse Bedenken. Dieses Unbehagen mündete 1965 in die Lancierung der ersten fremdenfeindl. Volksinitiative, ausgerechnet in jenem Jahr, als 57 ital. Arbeiter beim Bau des Staudamms Mattmark im Wallis ihr Leben verloren. Die erste Überfremdungsinitiative wurde zurückgezogen, die zweite, die nach ihrem Urheber auch Schwarzenbach-Initiative genannt wurde, 1970 von 54% der Stimmbürger und der Mehrheit der Kantone verworfen. Der hohe Prozentsatz der Befürworter zwang den Bundesrat jedoch, die Massnahmen zur Stabilisierung und Senkung der ausländ. Arbeitskräfte voranzutreiben und damit eine Wende in der schweiz. Migrationspolitik herbeizuführen. Im Zug der 1973 einsetzenden Ölkrise kehrten fast 200'000 Fremdarbeiter in ihre Länder zurück, darunter viele Italiener. Ab diesem Zeitpunkt verringerte sich die Präsenz der Italiener in der Schweiz stetig, sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen. Sie sank von 419'000 Personen 1980 (44,3% aller Ausländer) auf 383'200 1990 (31%) und auf 322'200 Personen 2000 (knapp 22%). Der markante Rückgang in den 1990er Jahren wurde jedoch zu über zwei Dritteln durch Einbürgerungen (über 42'000) kompensiert. 1889-2000 nahmen mehr als 150'000 Italiener die Schweizer Staatsbürgerschaft an, wobei über die Hälfte der Einbürgerungen in den letzten 30 Jahren erfolgte.

Die Schweizer Kolonie in I. hingegen wächst seit dem Ende des 2. Weltkrieges kontinuierlich. Waren es 1945 noch 13'500 Personen, stieg deren Zahl bis 1986 auf 24'500 und bis 2005 auf 46'327 (davon 35'508 Doppelbürger).

Im Bereich der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gründete der Kt. Tessin zusammen mit den ital. Provinzen Como, Varese und Verbano-Cusio-Ossola 1995 die Regio Insubrica, um die Kontakte und gegenseitige Integration zu fördern. 1998 schlossen die Schweiz und I. überdies Verträge über die Rechtshilfe in Strafsachen (in Kraft seit 2003) und über die Kooperation der Polizei- und Zollbehörden (in Kraft seit 2000) ab.

<b>Italien</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Italienische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1880-2010
<b>Italien</b><br>Italienische Fans feiern den Finalsieg ihrer Mannschaft an der Fussballweltmeisterschaft 2006. Fotografie, aufgenommen in der Zürcher Langstrasse, 9. Juli 2006  © KEYSTONE / Walter Bieri.<BR/>
Italienische Fans feiern den Finalsieg ihrer Mannschaft an der Fussballweltmeisterschaft 2006. Fotografie, aufgenommen in der Zürcher Langstrasse, 9. Juli 2006 © KEYSTONE / Walter Bieri.
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<b>Italien</b><br>Quellen: Statistisches Jahrbuch der Schweiz; Die Volkswirtschaft; Bundesamt für Migration   © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Die italienischen Erwerbstätigen in der Schweiz bis zum Inkrafttreten der mit der Europäischen Union abgeschlossenen Bilateralen Abkommen I im Juni 2002.<BR/>
Italienische Erwerbstätige nach Bewilligungskategorien 1955-2001

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.5.2 - Wirtschaftliche Beziehungen und Verkehr

Bereits im Aug. 1945 unterzeichneten die beiden Länder ein Handelsabkommen, das seitens der Schweiz die Gewährung eines Kredits von 80 Mio. Fr. vorsah. Im Gegenzug verpflichtete sich I., die Verkehrsverbindungen zwischen dem Hafen von Genua und der Schweizer Grenze wieder herzustellen und die vom faschist. Regime eingegangenen Schulden anzuerkennen und schrittweise zurückzuzahlen. Dieser letzte Punkt stiess auf den Widerstand der Alliierten, weshalb das Abkommen nie in Kraft trat. Der Handel begann sich folglich auf der Grundlage von Kompensationsgeschäften zu entwickeln, ein System, das bis 1950 ohne wesentl. Veränderungen Bestand hatte. Als im Juli 1946 das Veto durch die Alliierten wegfiel, trat die Frage der Schuldentilgung - allein der Schweiz schuldete I. 310 Mio. Fr. (davon rund 70 Mio. Fr. für die Kosten der Internierung ital. Soldaten) - wieder in den Vordergrund. Im Mai 1949 fanden die beiden Länder endlich eine Lösung und einigten sich auf eine summar. Abgeltung von 145 Mio. Fr., von denen die ital. Regierung bis 1952 125 Mio. Fr. in freien Devisen zu bezahlen hatte. Die restl. 20 Mio. Fr. wurden als Investitionen in I. betrachtet und für den Bau von Schiffen, für die Verwirklichung des neuen Schweizer Zentrums in Mailand sowie für die Schweizer Schulen auf der Halbinsel verwendet.

Der Abschluss neuer bilateraler Handels- und Zahlungsabkommen und der Beitritt beider Länder zur Europ. Zahlungsunion 1950 bezeichneten eine entscheidende Etappe auf dem Weg zur stufenweisen Liberalisierung der wirtschaftl. Beziehungen zwischen der Schweiz und I., nachdem das Clearing und die Kompensationsgeschäfte deren natürl. Entwicklung rund fünfzehn Jahre lang zahlreiche bürokrat. Hindernisse in den Weg gelegt hatten. In der Folge nahmen die wirtschaftl. Beziehungen einen positiven Verlauf, der weder vom Inkrafttreten des Gemeinsamen Markts 1958 noch vom Beitritt der Schweiz zur Efta 1960 beeinträchtigt wurde. In der 2. Hälfte des 20. Jh. rangierte I. immer als dritt- oder viertgrösster Handelspartner der Schweiz, der stets ausserordentlich stabile Prozentsätze sowohl bei den Einfuhren (rund 10%) als auch bei den Ausfuhren (rund 8%) aufwies. Wie schon früher fiel der Saldo der Handelsbilanz mit wenigen Ausnahmen zugunsten I.s aus. In den 1950er Jahren, v.a. aber im darauf folgenden Jahrzehnt, stellte der von den Schweizer Zollbehörden geduldete Schmuggel von Uhren, Kaffee und v.a. von Zigaretten einen beträchtl. Teil der Ausfuhren nach I. (bis zu 25%) dar. Als Nutzniesserin der Tabaksteuer profitierte auch die AHV gewaltig vom Zigarettenschmuggel (100 Mio. Fr. jährlich Ende der 1960er Jahre). Der Schmuggel, der zusätzlich vom System der festen Wechselkurse profitierte, ging erst nach der Aufwertung des Frankens gegenüber der ital. Lira in der 1. Hälfte der 1970er Jahre drastisch zurück.

Nachdem die schwierige Phase der ersten Nachkriegsjahre überwunden war, nahmen die Schweizer Investitionen in I. wieder zu. Ferner nutzten führende öffentl. und private Unternehmen aus I. den Finanzplatz Schweiz, um Kredite zu erhalten und Obligationenanleihen aufzulegen. Ein erster Kredit von 100 Mio. Fr. 1954 löste ein starkes Echo aus, weil er als Akt des Vertrauens der Schweizer Banken in die wirtschaftl. und polit. Stabilität I.s interpretiert wurde. 1955 gewährte die Eidgenossenschaft über die SBB den ital. Staatsbahnen eine Anleihe von 200 Mio. Fr. zur Verstärkung und Elektrifizierung der Verbindungslinien zwischen Norditalien und der Schweiz. Nicht einmal die Verstaatlichung der ital. Elektroindustrie 1962 trübte das günstige Klima, obschon sie die Interessen der Schweizer Finanzgesellschaften tangierte, die in diesem Sektor Beteiligungen hielten. Vielmehr klassierte sich die Schweiz 1956-70 mit 15,7% der Gesamtinvestitionen hinter den USA und Grossbritannien auf dem dritten Rang der Direktanleger in I. Andere Statistiken, die auch die Wertschriften einbezogen, wiesen der Eidgenossenschaft gar den ersten Platz unter den ausländ. Anlegern in I. zu. Allerdings muss man dazu sagen, dass es sich hierbei oft um Kapital handelte, das illegal in die Schweiz gebracht und dann in I. aus Steuergründen unter einem Schweizer Deckmantel reinvestiert wurde. Insbesondere zwischen Ende 1963 und Anfang 1964 sowie 1968-69 erreichte die Kapitalflucht aus I. ein beachtl. Ausmass, weil sich die Wirtschaftsakteure wegen der Mitte-Links-Regierungen, an denen die sozialist. Partei mitbeteiligt war, und den Aktionen der Gewerkschaften besorgt zeigten. Da das Geld v.a. ins Tessin gelangte, stieg Lugano - wo viele ital. Banken Filialen besassen - nach Zürich und Genf zum drittgrössten Finanzplatz der Schweiz auf. Der Zustrom ital. Kapitals stand auch am Anfang versch. Skandale. Am meisten Aufsehen erregte jener der Filiale der Schweiz. Kreditanstalt in Chiasso von 1977, welcher der Bank einen Verlust von 1,4 Mrd. Fr. eintrug. Mit dem Abschluss der Bilateralen I und II zwischen der Schweiz und der EU wurden die wirtschaftl. Beziehungen zu I. noch enger.

Die Schweizer Eisenbahntunnel - in erster Linie der Gotthard - profitierten nicht nur von der Entwicklung der bilateralen Handelsbeziehungen, sondern waren bis in die 1960er Jahre auch für den Transitverkehr zwischen I. sowie Nord- und Mitteleuropa wichtig. Der Konjunktureinbruch im Gefolge der Ölkrise und die zunehmende Umlagerung des Güterverkehrs von der Schiene auf die Strasse, die durch die Erstellung des Autotunnels durch den Gotthard 1980 beschleunigt wurde, führten dann aber zu einem Bedeutungsverlust der Eisenbahn im Bereich des Warentransports. Vor dem Baubeginn des Autotunnels durch den Gr. St. Bernhard 1958, der schliesslich 1964 eröffnet wurde, schlossen die Schweiz und I. einen Vertrag ab, gemäss dem die Finanzierung je zur Hälfte von einer schweiz. und einer ital. Gesellschaft (mit Beteiligung der Fiat) gewährleistet wurde. Gleichzeitig mit dem Bau des Tunnels wurde eine Pipeline von Genua nach Collombey-Muraz verlegt, wo eine Ölraffinerie entstand. Auch diese ging auf eine gemeinsame Initiative der beiden Länder zurück, hinter welcher der staatliche ital. Ölkonzern ENI und die Société financière italo-suisse standen. Mit den beiden Neat-Basistunnels am Lötschberg (seit Juni 2007) und am Gotthard (Eröffnung 2016 geplant) verkürzt sich die Reisezeit zwischen I. und dem Schweizer Mittelland.

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

2.6 - Kulturelle Beziehungen

Nach dem 2. Weltkrieg spielten in den kulturellen Beziehungen Institutionen wie das Schweizer Institut in Rom (1947 gegr.), das Centro culturale svizzero in Mailand (1997), der Spazio culturale svizzero in Venedig (2002) und das Centro di studi italiani in Zürich (1950) eine tragende Rolle. In der Schweiz entstanden zudem zahlreiche Sektionen der Società Dante Alighieri. 1986 wurde die schweiz.-ital. beratende Kulturkommission geschaffen, um die kulturelle Zusammenarbeit beider Länder zu intensivieren.

Auf akadem. Ebene erleichterte das Abkommen über die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse von 2000 die Mobilität der Studierenden. Seit der Gründung der Università della Svizzera italiana 1996 lässt sich neben der traditionellen Präsenz von Tessiner Studenten an den ital. Hochschulen auch ein wachsender Studentenstrom in die Gegenrichtung beobachten.

Die Werke deutschschweiz. Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch und Peter Bichsel wurden auf Italienisch übersetzt. Unter den Architekten machte sich v.a. der Tessiner Mario Botta einen Namen in I., wo er studierte und u.a. 2002 in Rovereto (Provinz Trento) das neue Gebäude des Museo d'arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto und 2004 den Wiederaufbau der Mailänder Scala gestaltete.

Ganz allgemein ist festzustellen, dass sich in der Schweiz die Haltung gegenüber den ital. Immigranten und ihren Gewohnheiten, die noch in den 1960er Jahren z.T. als Bedrohung empfunden worden waren, wandelte. In den letzten Jahrzehnten kehrte sich die Perspektive um und es kam, v.a. in Städten mit ref. Tradition, zu einer eigentl. Italianisierung des Schweizer Lebensstils (etwa in der Mode und Gastronomie). Zu diesem Wandel trug bei, dass I. in der Nachkriegszeit für viele Schweizer zu einem wichtigen Ferienort wurde.

<b>Italien</b><br>"Neue Formen in Italien". Plakat für eine Ausstellung über italienisches Design im Kunstgewerbemuseum Zürich 1954, gestaltet von  Carlo Vivarelli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Zwischen italienischen und Schweizer Grafikern bestehen enge Beziehungen, unter anderem wegen des Renommees, das die Kunstgewerbeschulen von Zürich und Basel in den 1950er Jahren erlangten, die beide die italienische Design-Avantgarde aufmerksam verfolgten.<BR/>
"Neue Formen in Italien". Plakat für eine Ausstellung über italienisches Design im Kunstgewerbemuseum Zürich 1954, gestaltet von Carlo Vivarelli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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Autorin/Autor: Mauro Cerutti / PTO

Quellen und Literatur

Quellen
I documenti diplomatici italiani, 1952-
Die Volkswirtschaft, 1955-80
DDS 1-20
Literatur
  • Risorgimento

    – L. Mazzucchetti, A. Lohner, Die Schweiz und I.: Kulturbeziehungen aus zwei Jahrhunderten, 1941
    – P.L. Zäslin, Die Schweiz und der lombard. Staat im Revolutionszeitalter 1796-1814, 1960
    – G. Martinola, Gli esuli italiani nel Ticino, 2 Bde., 1980-94
    – C. Moos, «Intorno ai volontari lombardi del 1848», in Il Risorgimento (Milano) 36/2, 1984, 113-159
    – A. Moretti, La chiesa ticinese nell'Ottocento, 1985
    – F. Blaser, Libertà e repubblica, 1999
  • Von 1870 bis heute

    – R. Michels, Le colonie italiane in Isvizzera durante la guerra, 1922
    – R. Dannecker, «Die Beziehungen zwischen der Schweiz und I. vor dem ersten Weltkrieg», in SZG 17, 1967, 1-59
    – H.R. Kurz, Dok. der Grenzbesetzung 1914-1918, 1970, 48-50
    – G. Bonnant et al., Svizzeri in Italia 1848-1972, 1972
    – K. Spindler, Die Schweiz und der ital. Faschismus, 1922-1930, 1976
    – M. Vuilleumier, «Mouvement ouvrier et immigration au temps de la deuxième Internationale», in Cahiers Vilfredo Pareto, 1977, Nr. 42, 115-127
    ll San Gottardo e l'Europa: genesi di una ferrovia alpina, 1882-1982, hg. von B. Caizzi, D. Jauch, 1983
    – A. Pirelli, Taccuini 1922/1943, hg. von D. Barbone, 1984
    – A. Rovighi, Un secolo di relazioni militari tra Italia e Svizzera, 1861-1961, 1987
    – M. Cerutti, «Georges Oltramare et l'Italie fasciste dans les années trente», in SQ 15, 1989, 151-211
    – S. Winkler, Die Schweiz und das geteilte I., 1992
    – R. Broggini, Terra d'asilo, 1993
    – M. Cerutti, «Un secolo di emigrazione italiana in Svizzera (1870-1970)», in SQ 20, 1994, 11-104
    UEK 4, 22
    – M. Binaghi, Addio, Lugano bella: gli esuli politici nella Svizzera italiana di fine Ottocento (1866-1895), 2002
    – M. Cerutti, «Les Suisses d'Italie à l'époque du fascisme», in SQ 28, 2002, 189-226
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    – L. Segreto, «Le relazioni finanziarie tra l'Italia e la Svizzera (1945-1971)», in Rivista di storia economica 17, 2002, 201-234
    Das Jahrhundert der Italiener in der Schweiz, hg. von E. Halter, 2003
    Per una comune civiltà letteraria: rapporti culturali tra Italia e Svizzera negli anni '40, hg. von R. Castagnola, P. Parachini, 2003
    Histoire de la politique de migration, d'asile et d'intégration depuis 1948, hg. von H. Mahnig, 2005
    – S. Glur, Vom besten Pferd im Stall zur persona non grata: Paul Ruegger als Schweizer Gesandter in Rom 1936-1942, 2005
    – M. Kuder, ««Envoyer l'argent en Suisse»+: les exportations clandestines de capitaux italiens en Suisse dans les années 60», in Relations internationales et affaires étrangères suisses après 1945, hg. von H.U. Jost et al., 2006, 65-73
    – D. Gerardi, La Suisse et l'Italie, 1923-1950: commerce, finance et réseaux, 2007