• <b>Grossbritannien</b><br>"König Lear verstösst seine jüngste Tochter Cordelia". Erste Szene im ersten Akt von Shakespeares Drama "King Lear", gezeichnet von  Johann Heinrich Füssli.  Stich von  Richard Earlom  aus dem Jahr 1792 (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Fotografie Martin Bühler). Der Zürcher Maler, ordentliches Mitglied der Royal Academy, gehörte zu den Initianten der Galerie The Boydell Shakespeare Gallery in London, die Gemälde der bedeutendsten Künstler der Zeit zu allen Dramen Shakespeares ständig ausstellte. Die meisten der Werke wurden dann als Stiche verbreitet. 1805 wurde die Boydell Gallery geschlossen und die Bildersammlung aufgelöst.
  • <b>Grossbritannien</b><br>"Allegorie Nr. 6: Lady Zwietracht treibt politische Alchemie". Kolorierte Lithografie, publiziert unter dem Namen  Patrioty,   veröffentlicht 1849 in Paris (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen. Die Karikatur, die zu einer Reihe von sechs Allegorien politischer Propaganda gehört, prangert die Unterstützung der radikalen Schweiz von 1848 durch Grossbritannien an: England (rechts) bezahlt einen finsteren Kerl, der mit einem Blasebalg das Feuer ("Bürgerkrieg") schürt und einen roten Lavastrom ("revolutionäre Propaganda") über Europa verbreitet. Ein grosser preussischer Feuerwehrmann versucht mit der Hilfe von Österreichern und Russen (links) das Lauffeuer zu löschen. Die Schweiz, symbolisiert durch eine kleine Alpenhirtin, kümmert sich nicht um die autokratischen Regime.
  • <b>Grossbritannien</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Grossbritannien</b><br>Ankunft von Winston Churchill in Zürich am 19. September 1946  © KEYSTONE/Photopress. Der ehemalige Premierminister begibt sich nach seiner Ankunft auf dem Flugplatz Dübendorf zur Universität, wo er eine Rede über die Notwendigkeit der Schaffung eines geeinten und starken Europas halten wird (<I>"Let Europe arise"</I>).

Grossbritannien

Die engl. Krone unterwarf sich ab dem 12. Jh. schrittweise die brit. Inseln, bestehend aus den Königreichen England und Schottland sowie Wales und Irland. Seit 1921 bildet der südl. Teil der irischen Insel die Republik Irland. Am Ende des 16. Jh. löste G. Spanien als Weltmacht ab und baute sich gestützt auf seine Seeherrschaft ein weltumspannendes Kolonialreich auf. Als erstes industrialisiertes Land stieg G. ab 1760 auch zur führenden Wirtschaftsmacht auf. G. konnte seine Stellung bis zum 2. Weltkrieg behaupten. Bis dahin hatte G. auf die Geschichte des europ. Kontinents grossen Einfluss und griff zur Aufrechterhaltung des Mächtegleichgewichts (balance of power) immer wieder in dessen Konflikte ein. Mit dem Aufstieg der USA und der Sowjetunion sowie der Dekolonisation, die den Verlust des Kolonialreichs mit sich brachte, stieg G. zu einer europ. Mittelmacht ab.

1 - Mittelalter

Einflüsse von den brit. Insel (Megalithkultur) lassen sich in der heutigen Westschweiz ab dem Neolithikum nachweisen. Es ist wahrscheinlich, dass ab dem ersten Jahrtausend v.Chr. erste seltene Materialien (z.B. Zinn) von Cornwall in das Gebiet der heutigen Schweiz exportiert wurden. Die ersten, ab etwa 600 belegten Kontakte zwischen den brit. Inseln und dem schweiz. Raum bestanden in der Missionstätigkeit brit. Mönche auf dem Kontinent. Laut seiner Vita soll der aus Britannien stammende Beatus den Helvetiern den christl. Glauben verkündet haben. Die Mönche Kolumban und Gallus waren in der Alemannenmission tätig. Weiter zu den in der Schweiz belegten angelsächs. Mönchen zählte Abt Gregorius von Einsiedeln 964-996. Einen gewissen kulturellen Austausch ab dem 9. Jh. dokumentiert der Einfluss der Bibel des Angelsachsen Alkuin auf schweiz. Klöster ebenso wie die Verbreitung der Pfingsthymne des St. Galler Mönchs Notker im engl. Sprachraum.

Im MA pflegte v.a. die Westschweiz Verbindungen zu G. 1070 wurde Ermenfried, Bf. von Sion, vom Papst zur Krönung Wilhelms des Eroberers entsandt. Im 13. Jh. entwickelten sich intensive Beziehungen zwischen Savoyen und der engl. Krone. Peter II. von Savoyen weilte wiederholt bei Heinrich III., der seine Nichte Eleonore geheiratet hatte und ihn politisch und finanziell unterstützte. Auch bei den Verwaltungs- und Justizreformen Savoyens jener Zeit sind engl. Einflüsse zu erkennen. Waadtländ. Adlige wie Ebal II. de Mont, mehrere der Herren von Grandson, Guillaume de Bonvillars und Pierre de Champvent wirkten als Beamte, Botschafter, Dichter, Kirchenmänner und Heerführer in England. Im Umfeld der Eroberung von Wales ab 1278 beauftragte Eduard I. den savoy. Baumeister und Architekten Jacques de Saint-Georges mit einer Reihe von Schlossbauten. Im SpätMA traten engl. und schott. Söldner immer wieder auf dem Kontinent in Erscheinung. So drangen die Gugler 1375 für kurze Zeit bis ins schweiz. Mittelland vor, und auch bei der Schlacht von St. Jakob an der Birs (1444) standen sie den Eidgenossen gegenüber.

Das Konzil von Basel brachte eine grössere Zahl von engl. und schott. Kirchenvertretern in die Schweiz. Unter den etwa vierzig engl. Besuchern befanden sich 1433-35 siebzehn Mitglieder zweier offizieller Delegationen (u.a. der Bf. von London). Ihr Einfluss blieb aber gering, und ab 1435 war England am Konzil praktisch nicht mehr präsent. Verbindungen zwischen häret. Bewegungen im engl. (Lollarden) und schweiz. Raum sind ebenso wenig dokumentiert wie gegenseitige Besuche von Professoren und Studenten der Univ. Basel, Oxford und Cambridge.

Auch die wirtschaftl. Beziehungen waren noch bescheiden. Ab dem 13. Jh. brachten Händler engl. Wolle nach Freiburg und - via Alpenpässe und dem Tessin - nach Oberitalien, zwei Zentren der Tuchweberei. Umgekehrt wurde Leinwand aus der Ostschweiz nach England geliefert. An schweiz. Pilger- und Bäderorten waren gelegentlich Gäste aus G. anzutreffen, von einem intensiven Reiseverkehr kann aber noch keine Rede sein.

Autorin/Autor: Beat Kümin

2 - Frühe Neuzeit

2.1 - Politische und diplomatische Beziehungen

1510, während der Mailänderkriege, brachte Matthäus Schiner ein auf fünf Jahre abgeschlossenes Bündnis zwischen den Eidgenossen und Papst Julius II. zustande. Von 1513 an warb Schiner für den Anschluss Englands an dieses Bündnis. Die zunächst durch zwei Ratsherren aus Zürich und Basel in England und dann durch engl. Unterhändler (unter ihnen der Humanist Richard Pace) in der Schweiz geführten Verhandlungen hatten eine mit engl. Geld alimentierte Allianz gegen Frankreich zum Ziel. Die Verhandlungen waren bereits weit gediehen, als der engl. Kg. Heinrich VIII. sich überraschend Ludwig XII. von Frankreich anzunähern begann.

Im Okt. 1516 begab sich Schiner persönlich an Heinrichs Hof und kehrte mit einem Bündnis zwischen Spanien, England und dem Reich zurück, das auch eine eidg. und päpstl. Beteiligung vorsah. Mit dem Abschluss des Ewigen Friedens mit Frankreich im Nov. 1516 zerschlugen sich diese Pläne. Ein erneuter Versuch des engl. Königs und Ks. Karls V. 1523, die Eidgenossen in ihr Bündnis einzubeziehen, scheiterte ebenfalls. Die franz. Präsenz in der Schweiz war inzwischen zu stark geworden.

Von der Mitte des 16. Jh. an wuchs der Einfluss sowohl der Zürcher wie der Genfer Kirche auf den weiteren Gang der Kirchenreform in G. Einen bedeutenden Einfluss übten insbesondere Heinrich Bullinger, Johannes Calvin und Theodor Beza aus. Daran hatte nicht zuletzt die Gruppe der Exilanten, die sich während der kath. Regierung Maria Tudors in Basel, Bern, Genf, Zürich und Aarau aufhielten, einen wesentl. Anteil. Unter ihnen waren u.a. der schott. Reformator John Knox sowie John Foxe, Verfasser eines in England über Generationen hinweg populären Märtyrerbuchs.

Während des Dreissigjährigen Kriegs waren Isaac Wake, Dudley Carleton (von Venedig aus) und Oliver Fleming zeitweise in der Eidgenossenschaft und Graubünden als Unterhändler und Geschäftsträger der engl. Regierung tätig. Wake half namentlich beim Zustandekommen des bern.-savoy. Bündnisses von 1617, das u.a. den Verzicht Savoyens auf die Waadt beinhaltete. Ab Mitte des 17. Jh. bestand in Genf eine fast ununterbrochene brit. Vertretung, ab den 1690er Jahren eine solche in Bern für mehrere eidg. Orte. Besonders intensiv waren die diplomat. Kontakte zwischen den evang. Orten der Eidgenossenschaft und den Spitzen der jungen engl. Republik, unter Oliver Cromwell. Der Schaffhauser Johann Jakob Stockar bot in London im Auftrag der evang. Orte mit Geschick Vermittlungsdienste während des ersten engl.-holländ. Seekriegs (1652-54) an. Am Ende blieb er allerdings ohne direkten Erfolg, weil sich die Kontrahenten unter sich verständigten. Während der Herrschaft Cromwells als Lord Protektor (1654-58) war der Linguist und Mathematiker John Pell dessen diplomat. Vertreter in der Eidgenossenschaft. Nach der Restauration 1660 fanden einige engl. Revolutionäre in Bern Zuflucht.

Die Thronbesteigung Wilhelms III. von Oranien 1689 und der brit. Kampf gegen die franz. Hegemonieansprüche auf dem europ. Kontinent und während des 18. Jh. in wachsendem Masse auch in Übersee belebte das Soldgeschäft. Bereits 1690 kam ein Soldvertrag zwischen der engl. Krone und den evang. Orten Zürich, Bern, Glarus, Schaffhausen und Appenzell Ausserrhoden sowie der Stadt St. Gallen zustande.

Während des ersten Koalitionskriegs der 1790er Jahre war William Wickham als Nachfolger von Lord Robert Fitzgeralds brit. Geschäftsträger in der Schweiz. Er setzte sich tatkräftig für die Sache des Royalismus ein, bevor er auf franz. Druck am unmittelbaren Vorabend des Zusammenbruchs des Ancien Régime in der Schweiz das Land verlassen musste.

2.2 - Wirtschaftliche Beziehungen

Ein früher engl. Kaufmann, der sich in Zürich 1541 etablierte, war Richard Hilles. Er handelte u.a. mit Pfeil- und Bogenschäften sowie Schiffsmasten. Die Importe aus G. um die Mitte des 16. Jh. erstreckten sich v.a. auf Wolltuch, Zinngeschirr und engl. Käse, während aus der Schweiz Holzprodukte, Schuhe und Papier exportiert wurden. Hinzu kamen ab den 1540er Jahren Bücher, namentlich der Basler und Zürcher Drucker und auch aus Genf.

Im 17. Jh. nahmen die Finanzgeschäfte an Bedeutung zu. In den 1620er Jahren gehörte Philippe Burlamaqui aus Genf zu den einflussreichsten Bankiers und Kaufleuten der Londoner City. 1652 eröffnete das Genfer Bankhaus Calandrini eine Londoner Filiale. Nachdem London an der Wende zum 18. Jh. zum wichtigsten Finanzplatz Europas geworden war, gehörten namentlich die Städte Bern und Zürich zu den schweiz. Investoren. Bern musste beim Börsencrash (South Sea Bubble) von 1721 Verluste hinnehmen; die Berner Bank Malacrida & Co. brach zusammen. Dies hielt Bern nicht davon ab, auch in den folgenden Jahrzehnten grössere Beträge in die Bank of England zu investieren. Nach der Jahrhundertmitte folgte Zürich dem Beispiel Berns. Besonders eng waren die Bankbeziehungen im 18. Jh. jedoch v.a. zwischen Genf und London. Aus Genf gelangte 1792 Johann Jakob Schweppe nach London, wo er eine Mineralwasserfirma aufbaute, bevor er wieder in die Schweiz zurückkehrte.

2.3 - Kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen

Am Beginn der kulturellen Beziehungen der frühen Neuzeit standen Kontakte unter den Humanisten. Namentlich Erasmus von Rotterdam pflegte von Basel aus einen Austausch mit seinen engl. Freunden, unter ihnen Thomas Morus und auch der bereits erwähnte Richard Pace. In den 1650er Jahren bereiste der Theologe John Dury die Schweiz auf der Suche nach Partnern zur Verwirklichung seines durch Jan Amos Comenius mitbeeinflussten Plans einer überkonfessionellen Einigung des europ. Christentums.

Der Zürcher Gelehrte und Literat Johann Jakob Bodmer wurde im 18. Jh. neben Johann Jakob Breitinger zum Vorkämpfer einer gezielten Aufwertung der engl. Literatur im dt. Sprachraum. Die erste, durch Christoph Wieland besorgte dt. Übersetzung der Dramen William Shakespeares erschien 1762 in Zürich. In England genoss derweil der Zürcher Dichter Salomon Gessner grosse Anerkennung. Der Berner Beat Ludwig von Muralt veröffentlichte 1725 seine durch aufklärer. Anglophilie gekennzeichneten "Lettres sur les Anglais et les Français", während Albrecht von Haller etwas später die Vorzüge der brit. Verfassung pries. Hallers Gedicht "Die Alpen" erschien 1794 in engl. Übersetzung.

1766 etablierte sich die Künstlerin Angelika Kauffmann von Chur in England und wurde wenig später eines der Gründungsmitglieder der Royal Academy. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte u.a. Johann Heinrich Füssli aus Zürich, der als Henry Fuseli zu einem der bekanntesten engl. Maler seiner Zeit avancierte.

<b>Grossbritannien</b><br>"König Lear verstösst seine jüngste Tochter Cordelia". Erste Szene im ersten Akt von Shakespeares Drama "King Lear", gezeichnet von  Johann Heinrich Füssli.  Stich von  Richard Earlom  aus dem Jahr 1792 (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Fotografie Martin Bühler).<BR/>Der Zürcher Maler, ordentliches Mitglied der Royal Academy, gehörte zu den Initianten der Galerie The Boydell Shakespeare Gallery in London, die Gemälde der bedeutendsten Künstler der Zeit zu allen Dramen Shakespeares ständig ausstellte. Die meisten der Werke wurden dann als Stiche verbreitet. 1805 wurde die Boydell Gallery geschlossen und die Bildersammlung aufgelöst.<BR/>
"König Lear verstösst seine jüngste Tochter Cordelia". Erste Szene im ersten Akt von Shakespeares Drama "King Lear", gezeichnet von Johann Heinrich Füssli. Stich von Richard Earlom aus dem Jahr 1792 (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Fotografie Martin Bühler).
(...)

Zum Kreis um Isaac Newton zählte gegen Ende des 17. und im frühen 18. Jh. der Mathematiker Nicolas Fatio de Duillier aus Genf. In den ersten Jahren des 18. Jh. hielt sich Johann Jakob Scheuchzer dreimal in England auf, wo er mit einer Reihe führender Wissenschaftler Bekanntschaft schloss. Zeitgenössische engl. Traktate zur Frage der erdgeschichtl. Einordnung der Sintflut veranlassten ihn, sich bis zu seinem Tod 1733 immer wieder intensiv mit dieser Frage zu beschäftigen. Sein Sohn Johann Kaspar Scheuchzer (1702-29) kam 1724 nach England und wurde Bibliothekar des Wissenschaftlers Sir Hans Sloane und wie Nicolas Fatio Mitglied der Royal Society. Zu Letzteren zählte ab 1743 auch der Biologe Abraham Trembley aus Genf, der 1747 im Auftrag Georgs II. zu den brit. Unterhändlern in den Aachener Friedensverhandlungen gehörte.

2.4 - Schweizer in Grossbritannien - Briten in der Schweiz

Aus- und Einwanderung grösseren Stils fanden im Rahmen der Beziehungen zwischen der Schweiz und G. in der frühen Neuzeit nicht statt. Eine Ausnahme stellten die prot. Exulanten der Regierungszeit Maria Tudors (1553-58) dar sowie die vielen Studenten aus England und Schottland, die während des 16. Jh. aus konfessionellen Gründen an der Genfer Akademie eingeschrieben waren. Illustre Genfer Studenten der 1590er bzw. der 1640er Jahre waren der spätere Diplomat Henry Wotton und der junge Robert Boyle, der später zu einem Mitbegründer der Royal Society und einem herausragenden Naturwissenschaftler wurde. Der schott. Erbmarschall George Keith war 1756-60 preuss. Gouverneur von Neuenburg.

Zu den Schweizer Studenten, die sich in der 2. Hälfte des 16. Jh. vorübergehend in England aufhielten, gehörten Josua Maler und die beiden Zwingli-Enkel Rudolf Zwingli und Rudolf Gwalther junior sowie auf Kavalierstour Thomas Platter der Jüngere aus Basel. Ein Vermittler zwischen England und der Schweiz (insbesondere Genf) war in der 1. Hälfte des 17. Jh. der aus Genf stammende Pharmazeut und Arzt der engl. Könige Jakob I. und Karl I. Théodore Turquet de Mayerne. Er erwarb 1621 die Herrschaft Aubonne. Vor dem Hintergrund der Bündner Wirren fand 1624 eine Reihe von Bündner Flüchtlingen Aufnahme in England.

1702 entstand in London die Société des Suisses, die sich 1718 mit der schon seit den 1680er Jahren bestehenden Société des Genevois zusammenschloss. Sie nahm junge Schweizer Pfarrer auf, die einige Jahre in einer franz. hugenottischen Pfarrei in G. beschäftigt waren, bevor sie in die Schweiz zurückkehrten, aber auch Handwerker, insbesondere Uhrmacher, die sich in G. aus- oder weiterbildeten. Unter den Genfern, die in den 1780er und 90er Jahren wegen der anhaltenden sozio-polit. Unruhen in der Rhonestadt vorübergehend Schutz in England suchten, befand sich u.a. der Ökonom und Historiker Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi.

Autorin/Autor: Kaspar von Greyerz

3 - Vom 19. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg

Die Jahre von 1800 bis 1945 stellen die wichtigste Phase in der Geschichte der brit.-schweiz. Beziehungen dar. In dieser Zeit spielte G. eine wichtige, zuweilen entscheidende Rolle in der schweiz. Aussen- und Innenpolitik, besonders in der Verteidigung der schweiz. Unabhängigkeit gegen Übergriffe seiner Nachbarn. In vielen Belangen bestanden allerdings mehr Differenzen zwischen den Ländern als Gemeinsamkeiten. Obschon die Briten den schweiz. Liberalismus und die Schweizer Freiheiten schätzten, lag ihr Hauptinteresse ausserhalb Europas. Insgesamt war das brit. Verhalten - mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung zu Beginn des 20. Jh. - von einem bemerkenswert stabilen Wohlwollen gegenüber der Schweiz gekennzeichnet.

3.1 - Politische Beziehungen im 19. Jahrhundert

Bereits in den Koalitionskriegen gelangte die brit. Regierung zur - für das folgende Jahrhundert massgeblichen - Überzeugung, dass die Schweiz eine Art Indikator für den Gang der europ. Politik darstelle. Die franz. Invasion in die Schweiz 1798, die Besetzung Berns im Okt. 1802 und die Mediationsakte vom Febr. 1803, die über die Absichten Frankreichs keine Zweifel liessen, hatten heftige Reaktionen auf der Insel zur Folge. G. protestierte und sandte Agenten und Geld, um den Schweizer Widerstand zu unterstützen, jedoch mit wenig Erfolg. Die brit. Unterstützung erfolgte weniger aus Mitgefühl mit der schweiz. Not, sondern vielmehr aus pragmat. Erwägungen über den Wert der Schweiz für das europ. Staatensystem.

1814 wurde der brit. Gesandte Stratford Canning mit der Aufgabe nach Bern entsandt, die Ausarbeitung der neuen Verfassung und die aussenpolit. Neupositionierung der Schweiz nach Napoleons Sturz zu überwachen. Sein intensives Lobbyieren während des Wiener Kongresses 1815, an dem er als Mitglied des Schweizer Ausschusses teilnahm, bezeugten den brit. Wunsch, die Schweiz zu neutralisieren. Die Nachkriegsordnung vom 20.11.1815, in der die Mächte die Schweizer Grenzen und ihre Neutralität bestätigten, entsprach weitgehend den brit. Wünschen. Nach 1815 war die Schweiz weiterhin auf brit. Unterstützung angewiesen. Die Verfassungsdiskussionen in den 1830er Jahren versetzten Österreich, Preussen und Frankreich, die einen Machtgewinn des Radikalismus befürchteten, in Alarmstimmung. Die brit. Regierung mass dem Erhalt des Friedens und dem europ. Gleichgewicht der Mächte grösseren Wert zu als der Unterstützung des Liberalismus. Die Auseinandersetzungen in der Schweiz, das komplexe Zusammenspiel von religiösen, sprachl. und polit. Faktoren und die Streitigkeiten zwischen der Tagsatzung und einigen kant. Regierungen wurden in G. irritiert aufgenommen. G. wandte sich gegen jegliche polit. Reform in der Schweiz, welche die Neutralität hätte gefährden können.

Erst in den 1840er Jahren, nach der Gründung des Sonderbunds, stellte sich der liberale brit. Aussenminister Lord Palmerston auf die Seite der Liberalen und Radikalen und unterstützte öffentlich die liberale Schweiz gegenüber ihren autokrat. Nachbarn. Obschon G. seinen Einfluss auch damals noch eher zur Kontrolle der Schweiz als zur Ausübung von Druck auf deren Nachbarn benützte, so zeitigte die grundsätzl. Sympathie für die Sache der Radikalen doch Auswirkungen: G. blieb unter den Grossmächten die wichtigste Schutzmacht der Schweiz. Während der Sonderbundskrise von 1847 verzögerte Palmerston eine gemeinsame Aktion von Österreich, Preussen und Frankreich, was General Dufour erlaubte, den Widerstand der konservativen Seite zu brechen, bevor diese Hilfe von aussen erhielt. Eine ähnliche Rolle spielte G. 1852, als Frankreich die Ausweisung von polit. Flüchtlingen in Genf verlangte. G. beharrte auf der Schweizer Unabhängigkeit und liess keine Gründe für eine militär. Aktion gegen die Schweiz zum Ruhm Frankreichs und dessen neuen Ks. Napoleon III. gelten. 1856-57 setzte sich G. diplomatisch für die Schweiz ein, als Preussen die Hoheit über das 1848 der Schweiz zugeschlagene Neuenburg beanspruchte (Neuenburgerhandel). Die brit. Anstrengungen für eine diplomat. Lösung trugen zur Ablehnung der preuss. Forderungen und damit zur Abwehr einer ausländ. Einmischung bei.

<b>Grossbritannien</b><br>"Allegorie Nr. 6: Lady Zwietracht treibt politische Alchemie". Kolorierte Lithografie, publiziert unter dem Namen  Patrioty,   veröffentlicht 1849 in Paris (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.<BR/>Die Karikatur, die zu einer Reihe von sechs Allegorien politischer Propaganda gehört, prangert die Unterstützung der radikalen Schweiz von 1848 durch Grossbritannien an: England (rechts) bezahlt einen finsteren Kerl, der mit einem Blasebalg das Feuer ("Bürgerkrieg") schürt und einen roten Lavastrom ("revolutionäre Propaganda") über Europa verbreitet. Ein grosser preussischer Feuerwehrmann versucht mit der Hilfe von Österreichern und Russen (links) das Lauffeuer zu löschen. Die Schweiz, symbolisiert durch eine kleine Alpenhirtin, kümmert sich nicht um die autokratischen Regime.<BR/><BR/>
"Allegorie Nr. 6: Lady Zwietracht treibt politische Alchemie". Kolorierte Lithografie, publiziert unter dem Namen Patrioty, veröffentlicht 1849 in Paris (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.
(...)

Der Sieg der Radikalen 1848 erleichterte es G., sich mit den Zielen der schweiz. Innenpolitik und insbesondere mit den liberalen schweiz. Asylgesetzen zu identifizieren. Im 19. Jh. kritisierten Frankreich, Spanien, Österreich, Preussen und später Russland die schweiz. Flüchtlingspolitik. G., das ebenfalls zahlreiche Flüchtlinge aufnahm, setzte sich für die Schweiz ein. Normalerweise intervenierte G. nur, wenn ausländ. Retorsionsmassnahmen die schweiz. Souveränität bedrohten. G.s Sympathie für die schweiz. Asylpraxis nahm in den 1870er und 80er Jahren ab, als nicht mehr wie früher v.a. Nationalliberale, sondern immer mehr Anarchisten, Sozialisten und andere polit. Extremisten Schutz suchten.

3.2 - Gesellschaftliche und kulturelle Beziehungen

Im 19. Jh. bestanden enge gesellschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen G. und der Schweiz. Dabei spielten die brit. Reisenden, die wesentlich zur Entwicklung des schweiz. Tourismus beitrugen, eine wichtige Rolle. Schon im 18. Jh. gehörte die Schweiz zur sog. Grand Tour brit. Aristokraten. Künstler folgten dem Beispiel des Dichters William Wordsworth, der die Schweiz 1790 besuchte, und entdeckten nach 1815 das Alpenland als Reiseziel. Die Täler, Seen und Berge der Schweiz wurde zu einem zentralen Motiv der engl. Romantik. Die Werke von George Byron, Mary Shelley, Samuel Taylor Coleridge und John Ruskin sowie die Malereien von Joseph Mallord William Turner machten die Alpen im engl. Bildungsbürgertum weitherum bekannt. Auch nach dem Ende der engl. Romantik bereisten weiterhin engl. Künstler (z.B. Thomas Hardy) die Schweiz und liessen ihre Empfindungen gegenüber der Landschaft in ihre Werke einfliessen.

Die Schweiz blieb eine beliebte Destination für brit. Touristen, besonders nachdem Thomas Cook 1863 seine erste geführte Reise durch das Land organisiert hatte. Gemäss den von 1894 an vorliegenden Statistiken waren vor dem 1. Weltkrieg ca. 15% aller Schweizer Hotelgäste Briten. Sie blieben durchschnittlich fast doppelt so lang wie die dt. Gäste, die den grössten Anteil ausmachten. Nach dem Besuch der Königin Victoria 1868 wurde die Schweiz im letzten Viertel des 19. Jh. zu einem beliebten Reiseziel der sozialen und polit. britischen Elite. Die Alpen übten aber auch auf die Mittelklasse der viktorian. Gesellschaft mit ihrem neu gewonnenen Reichtum, ihrer Tradition für sportl. Herausforderungen und ihrem Sinn für Abenteuer eine besondere Faszination aus (Gründung des brit. Alpine Club 1857). Brit. Bergsteiger bestiegen zahlreiche Alpengipfel und setzten neue Massstäbe in der alpinen Technik. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass sich der Alpinismus in den 1860er Jahren zu einem anerkannten Sport entwickelte, und spielten ebenso eine Vorreiterrolle im Wintertourismus, der sich gegen Ende des Jahrhunderts etablierte.

Um 1900 bestanden über sechzig Gotteshäuser der Anglikanischen Kirche sowie zwölf brit. Konsulate in der Schweiz. Wurde das gute polit. Einvernehmen zwischen den beiden Ländern mit dem regen tourist. Interesse der Briten an der Schweiz erklärt, lässt sich die Abkühlung der bilateralen Beziehungen in den 1890er Jahren dem Niedergang der Grand Tour und somit dem niedrigeren gesellschaftl. Status der Besucherschaft zuschreiben. Trotz der Verlagerung in der sozialen Herkunft der Touristen ging die Zahl der Besucher aus G. nicht zurück. Erst in den 1920er und 30er Jahren fiel der brit. Anteil am Gesamttourismus in der Schweiz wegen der Wirtschaftskrise und des harten Schweizer Frankens auf unter 10%. Auch in angespannten Zeiten standen zahlreiche Briten der Schweiz positiv gegenüber. Der Skipionier Arnold Lunn publizierte z.B. in beiden Weltkriegen der Schweiz überaus freundlich gesinnte Bücher ("Was Switzerland Pro-German?" 1914, "Switzerland and the English" 1944).

Die Schweizer Erfahrungen mehrerer Generationen brit. Touristen schlugen sich auch in der Einstellung brit. Staatsmänner nieder. Zwar war die brit. Politik gegenüber der Schweiz primär von einer rationalen Abwägung der Eigeninteressen auf dem Kontinent und der positiven Einschätzung der schweiz. Neutralität bestimmt, aber der Mythos des idyll. Alpenlands nahm brit. Amtsträger ebenfalls für die Schweiz ein. Alles in allem gehörte die Schweiz eindeutig zu den Ländern, für dessen Schicksal sich eine breitere brit. Öffentlichkeit interessierte.

3.3 - Wirtschaftsbeziehungen

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen G. und der Schweiz waren zwischen 1800 und 1945 grossen Schwankungen unterworfen. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. schränkten die zahlreichen Kriege auf dem Kontinent den direkten Handel zwischen den Ländern ein. Die finanziellen Investitionen waren indes beträchtlich. Der von Napoleon 1798 geraubte Berner Staatsschatz hatte u.a. auch Wertschriften für 18 Mio. franz. Livres enthalten, die zu grossen Teilen aus brit. Schuldtiteln bestanden. England fror als Gegenmassnahme im gleichen Jahr die schweiz. Vermögenstitel in London ein. Mit der Freigabe dieser Vermögen 1816 erhielten Bern und Zürich Entschädigungen von 416'978 bzw. 53'000 Pfund in Gold.

In der darauf folgenden Friedenszeit belebte sich der Handel zwischen den Ländern wieder etwas, obschon er bis in die 1840er Jahre aufgrund der hohen brit. Zölle auf niedrigem Niveau stagnierte. Vor 1840 gingen 3-5% der schweiz. Exporte nach G. In diesen Jahren profitierte die Schweizer Wirtschaft von Unternehmern, die sich in G. Fertigungstechniken angeeignet hatten. Zahlreiche Firmen, die später zu Flaggschiffen der Schweizer Wirtschaft wurden (u.a. die Sulzer AG und Georg Fischer AG) nahmen in dieser Zeit Kontakte mit brit. Firmen auf. G.s Einsatz für den Freihandel in den frühen 1840er Jahren und die Schaffung des schweiz. Binnenmarkts nach 1848 erschlossen der Wirtschaft den jeweils anderen Markt. Die weiter fortgeschrittene brit. Wirtschaft war dabei ein wesentlicher Impulsgeber für die schweiz. Industrialisierung. Der Import von maschinell hergestellten brit. Produkten, insbesondere Textilien, setzte Schweizer Firmen unter Druck und zwang sie zu technolog. Innovationen. Zahlreiche Schweizer Produkte, die auf der Weltausstellung 1851 in London gezeigt wurden, genossen aufgrund ihrer Qualität ein hohes Ansehen, darunter Stickereien, Seidenwaren, Maschinen und Uhren. 1855 gingen fast 20% aller schweiz. Exporte nach G.; 1892 waren es noch 17%. Ein grosser Teil des schweiz. Überseehandels wurde über G. abgewickelt. Dagegen machten die Einfuhren in die Schweiz 1855 nur 2,3% der gesamten brit. Exporte aus; 1892 fiel dieser Wert aufgrund der Erhöhung der Schweizer Zölle auf unter 1%.

G. hatte stärker als die Schweiz auf den Abschluss eines Freundschafts-, Handels- und Niederlassungsvertrags gedrängt. Das Abkommen vom Sept. 1855 trug der steigenden Bedeutung der gegenseitigen Handelsbeziehungen Rechnung, erleichterte der Schweiz den Zugang zu den Märkten in den brit. Kolonien und reduzierte die Steuern der in der Schweiz ansässigen Briten. 1868 unterschrieben beide Länder eine Postkonvention und 1874 einen Auslieferungsvertrag.

3.4 - Abkühlung der Beziehungen 1890-1918

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. lockerten sich die Bindungen zwischen G. und der Schweiz. Die brit. Verhandlungsposition war infolge der polit. und ökonom. Entwicklungen auf dem Kontinent, insbesondere den Gründungen des ital. und des dt. Nationalstaats (1860 bzw. 1871), ohnehin nicht mehr so stark wie zuvor. Daher sank die Interventionsbereitschaft G.s, das sich mehr und mehr von Europa ab- und seinem Empire zuwandte.

Die Grenzen der brit.-schweiz. Freundschaft wurden deutlich, als G. im Zeitraum 1868-81 seine Botschaft in Bern zurückstufte, um damit gegen die teilnahmslose Haltung der Schweiz im Alabama-Schiedsgericht zu protestieren. Für die Schweiz, die in diesen Jahren in London keine Botschaft unterhielt, war die brit. Entscheidung jeweils dann von Bedeutung, wenn sie von Drittstaaten wegen ihrer Flüchtlingspolitik angegriffen wurde. Der Bundesrat suchte die Situation zu entschärfen, indem er das Konsulat in London - 1853 in Anerkennung der brit. Hilfe im Sonderbundskrieg eröffnet - durch die Entsendung eines Chargé d'Affaires 1891 bzw. eines Botschafters 1899 aufwertete. Da der Bundesrat aber lieber wie bis anhin mit dem brit. Botschafter in Bern zusammenarbeitete, blieb die Wirksamkeit dieser Massnahme begrenzt.

Die Abkühlung der brit.-schweiz. Beziehungen beruhte weniger auf konkreten Handlungen der beiden Regierungen als vielmehr auf einer Änderung der jeweiligen polit. Grundhaltung. Der Krieg der Briten gegen die Burenrepubliken (1899-1903) stiess bei den Schweizern mehrheitlich auf Ablehnung. Obschon der Bundesrat die brit. Kriegsführung nicht öffentlich verurteilte und auch die Guten Dienste nicht zur Verfügung stellte, führten antibrit. Äusserungen in den eidg. Räten und in der Presse zu diplomat. Verstimmungen. Die erstarkten Nationalgefühle in Deutschland, Frankreich und Italien im späten 19. Jh. förderten die durch gleiche Sprache und Kultur bestehenden Verbindungen zwischen der Schweiz und diesen Ländern. Das beeinflusste zwar nicht das schweiz. Bekenntnis zur Neutralität, schwächte aber die Sympathien für G.

Nach dem Burenkrieg bemühten sich beide Regierungen, die gegenseitigen Beziehungen zu verbessern. 1905 gratulierte Kg. Edward VII. der Schweiz zur Fertigstellung des Simplontunnels, und 1907 besuchten brit. Parlamentarier, Handelsvertreter, Journalisten und Armeeoffiziere die Schweiz, um deren politisches, soziales und militär. System kennen zu lernen. Die Schweizer Behörden förderten diese Kontakte. Auch der Handel stieg wieder an. 1912 war G. mit einem Anteil von 16,9% der zweitgrösste Schweizer Exportmarkt. Die Importe aus G. blieben mit einem Anteil von 5,9% immer noch relativ klein.

<b>Grossbritannien</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Aussenhandel der Schweiz mit dem Vereinigten Königreich 1890-2015

Obwohl G. in seinen offiziellen Verlautbarungen die Freundschaft zur Schweiz weiterhin beteuerte, erreichte das Vertrauen in die Neutralität 1910 einen Tiefpunkt. Das Misstrauen wurzelte primär in der Furcht vor einer zunehmenden Anlehnung der Schweiz an Deutschland. Besonders beunruhigend waren für G. die militär. Kontakte zu den Mittelmächten, wie sie etwa in den Kaisermanövern 1912 zum Ausdruck kamen. Gerüchten über geheime militär. Absprachen, die dt. und österr. Truppen die Durchquerung schweiz. Territoriums zum Angriff auf Frankreich und Italien erlauben würden, schenkte man in London Glauben. Umgekehrt wurde in der Schweiz die Annäherung G.s an Frankreich, Russland und Italien und die wachsende Flottenrivalität mit Deutschland argwöhnisch verfolgt. Unter diesen Umständen musste der brit. Wille schwinden, die schweiz. Neutralität wie bis anhin zu garantieren. G. überliess dem verbündeten Frankreich die Abwehr eventueller Bedrohungen, die vom Gebiet der Schweiz ausgingen.

Nach Kriegsbeginn beobachtete G. die Schweiz misstrauisch. Die Neutralitätserklärung vom Aug. 1914 wurde begrüsst, aber die brit. Regierung hegte den Verdacht, dass die Schweiz sich opportunistisch verhalten und im Fall alliierter Erfolge einen Kompromissfrieden begünstigen, im Falle eines dt. Übergewichts aber eine deutschfreundl. Haltung einnehmen würde. Im Herbst 1917 begann sich das brit. Foreign Office sogar auf einen Kriegseintritt der Schweiz auf dt. Seite vorzubereiten. Die verfrühten Bemühungen einiger schweiz. Politiker, einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Russland zu vermitteln (Grimm-Hoffmann-Affäre), und die prodt. Gesinnung weiter Teile der Armeeführung hielten das brit. Misstrauen bis zum Kriegsende im Nov. 1918 wach.

Indes lag die schweiz. Neutralität durchaus im Interesse G.s, die mit dem Fortgang des Krieges sogar an Bedeutung gewann: Auf Schweizer Boden wurden Informationen über die Feinde gesammelt und ab 1917 geheime Friedensgespräche geführt. Die Schweiz war auch ein wichtiger Zulieferer von Fertigwaren. 1918 ging ein Sechstel aller schweiz. Exporte nach G.; der Export von Anilinfarbstoffen betrug das Zehnfache des Vorkriegsniveaus, und der brit. Anteil am schweiz. Markt war von 6% auf 10% gestiegen. Trotz der Ausweitung des Handels boten die ökonom. Beziehungen Anlass zu Spannungen. Die brit. Forderungen nach einer Überwachung der schweiz. Exporte mit dem Ziel, Umgehungsgeschäfte mit Deutschland und Österreich zu verhindern, drohten die schweiz. Kontrolle über ihre Wirtschaft ständig zu untergraben. Weder die Schaffung der Société suisse de surveillance économique (SSS) 1915 noch die Entsendung eines Handelsattachés nach London 1917 brachten der Schweiz Erleichterung. Die brit. Blockade verschlimmerte die Nahrungs- und Güterknappheit in der Schweiz, weshalb der schweiz. Gesandte häufig in London vorsprach. Belastend wirkten ausserdem die schweiz. Rüstungslieferungen an die Mittelmächte (u.a. Dieselmotoren für dt. U-Boote).

Im 1. Weltkrieg nahm G. erstmals humanitäre Dienste der Schweiz in Anspruch. Von 1914 an vertrat die Schweiz die dt. Interessen in G. Das IKRK trug dazu bei, die Aktivitäten der nationalen Rot-Kreuz-Gesellschaften der Krieg führenden Staaten zu koordinieren. Den für G. wichtigsten humanitären Beitrag leistete die Schweiz 1916, als sie zustimmte, verwundete brit. Kriegsgefangene für die Dauer der Feindseligkeiten zu hospitalisieren. Ca. 1'800 brit. Gefangene erholten sich daraufhin in der Schweiz. Die schweiz. Gastfreundschaft und die "aktive" Neutralität machten auf die brit. Öffentlichkeit einen tiefen Eindruck. Der Zustrom von Soldaten nach Mürren, Interlaken, Leysin oder anderen Orten kompensierte teilweise den Verdienstausfall der schweiz. Hotellerie, der durch das Ausbleiben der ausländ. Gäste nach dem Kriegsausbruch entstanden war.

3.5 - Erneute Freundschaft 1919-1945

Der Frieden von 1918 leitete eine neue Phase der brit.-schweiz. Beziehungen ein. G. wurde wieder ein wichtiger Partner der schweiz. Diplomatie, da das Königreich den schweiz. Willen, neutral zu bleiben und gleichzeitig dem Völkerbund beizutreten, unterstützte. 1920 erreichte die Schweiz dieses Ziel. G. zog auch das "neutrale" Genf als Sitz des Völkerbunds gegenüber den Alternativen Paris und Den Haag vor. Die aktive diplomat. Rolle, welche die Schweiz im Völkerbund spielte, wertete sie in brit. Augen auf. Beide Staaten verfochten ähnl. Interessen: Sie suchten die mächtigen Nachbarn der Schweiz zufrieden zu stellen und setzten sich international für Frieden und Sicherheit ein.

G. blieb der zweitgrösste Schweizer Exportmarkt trotz der Abnahme der Exporte von 14,3% 1928 auf 11,2% 1937. Traditionelle Exportgüter wie Textilien oder Landwirtschaftsprodukte verloren, Maschinen, chem. und pharmazeut. Produkte gewannen dagegen an Bedeutung. Die Hinwendung G.s zum Protektionismus nach 1918 veranlasste Schweizer Unternehmen zu Direktinvestitionen im brit. Markt: 17 Schweizer Firmen eröffneten bis 1939 Niederlassungen in G. (vor dem 1. Weltkrieg waren es bloss sechs gewesen). G. war der einzige wichtige Handelspartner, gegenüber welchem die Schweiz eine positive Handelsbilanz auswies. Der Anteil der brit. Importe belief sich 1928 auf 8,2% und 1937 noch auf 6,2%. Der Bilanzüberschuss gegenüber G. glich die negativen Handelsbilanzen der Schweiz mit Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten aus.

Der Aufstieg der Faschisten und der Nationalsozialisten in Italien und Deutschland hatte auch Auswirkungen auf die brit.-schweiz. Beziehungen. Die Sympathien der Mehrheit der Schweizer lagen bei den westl. Demokratien, aber unter dem Eindruck der brit. Appeasementpolitik war der Bundesrat bestrebt, die Beziehungen zu Deutschland und Italien zu verbessern und sich 1938 vom Völkerbund zu distanzieren. Die Schweizer Politiker waren sich der Notwendigkeit der brit. Unterstützung durchaus bewusst, zweifelten aber bis 1940 an G.s Entschlossenheit, das nationalsozialist. Deutschland zu bekämpfen. Obwohl die Schweiz sich die brit. Sympathien nicht verscherzen wollte, führte die Betonung ihrer neutralen Rolle zu Divergenzen in der aussenpolit. Zielsetzung beider Staaten.

Weder der Kriegsausbruch im Sept. 1939 noch der Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940 änderten die Situation. Die Schweiz setzte eher auf die Beschwichtigung Deutschlands als auf eine Annäherung an G. Daraufhin schloss G. die Schweiz, obschon es durchaus Verständnis für deren Lage hatte, in die zunehmend strengere Handelsblockade mit ein und erlaubte der Royal Air Force, schweiz. Gebiet zu überfliegen. Die brit. Regierung erwog sogar die Bombardierung von Schweizer Eisenbahnlinien und den Angriff auf Schweizer Grossfirmen, darunter die Schweiz. Kreditanstalt. Ab Mitte 1940, als das Schicksal der Schweiz in den Händen der Achsenmächte lag, unternahm der Bundesrat grosse Anstrengungen zur Erhaltung der Freundschaft mit G. Er duldete brit. Geheimdienstaktivitäten und die Überflüge. Der Handel mit G. wurde durch Deutschland und Italien eingeschränkt: Die schweiz. Exporte sanken von 1937 bis 1941 von 143,8 Mio. auf 23 Mio. Franken, die Importe von 112,7 Mio. auf 14,3 Mio. Franken. Da die von den Achsenmächten umschlossene Schweiz aber für die brit. Kriegführung letztlich nicht von grosser Bedeutung war, wurde sie von G. verschont.

Erst nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion 1941 war G. in der Lage, polit. Druck zur Reduktion des schweiz. Handels mit den Achsenmächten auszuüben. Der Bundesrat reagierte ausweichend auf die alliierten Forderungen, bis die Briten im Herbst 1943 die Geduld verloren und die Maschinenfabrik Sulzer als Lieferant von Dieselmotoren für die Achsenmächte öffentlich anprangerten. Bern erliess daraufhin im Dez. 1943 Exportbeschränkungen, die den alliierten Druck bis zum Kriegsende erheblich minderten. Gleichzeitig wurden die polit. und humanitären Dienste der Schweiz für die Briten immer wichtiger. Ab Dez. 1941 vertrat die Schweiz die brit. Interessen in Deutschland, Japan, Italien, Frankreich, Bulgarien, China, Rumänien, Thailand und Ungarn sowie de facto in Griechenland, Dänemark und Kroatien. Mit der Erhöhung der Anzahl der brit. Kriegsgefangenen in Europa und Asien wuchs auch die Bedeutung des IKRK. 1944-45 stellte der Bundesrat die humanitäre und polit. Arbeit ins Zentrum der diplomat. Tätigkeit in London. Das Wohlwollen, das sich die Schweiz durch diese Aktivitäten schuf, liess die brit. Regierung die wirtschaftl. und finanzielle Zusammenarbeit der Schweiz mit den Achsenmächten übersehen, und nach Kriegsende verteidigte G. die Schweiz gar gegen entsprechende Kritik seitens der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.

Autorin/Autor: Neville Wylie / ASCH

4 - Von 1945 bis in die Gegenwart

In der 2. Hälfte des 20. Jh. waren die Beziehungen der Schweiz zu G. vom Auflösungsprozess des brit. Empire, vom Kalten Krieg und vom europ. Integrationsprozess geprägt. Parallel zur Aufgabe seiner hegemonialen Stellung innerhalb des Commonwealth rückte G. ins zweite Glied der Grossmächte, und mit dem Dekolonisierungsprozess verlor London einen Teil der polit. Bedeutung, die es bislang für die Schweiz gehabt hatte. Somit musste die Schweiz ihre Beziehungen zu einer Reihe ehemals unter brit. Kontrolle stehender Gebiete sukzessiv neu regeln.

Im Sept. 1945 nahm die Swissair-Linie London-Kloten ihren Betrieb wieder auf; 1946 folgte die tägl. Flugverbindung London-Genf. Die British European Airways eröffneten 1948 die Route London-Zürich. 1947 beschlossen G. und die Schweiz, die Visumspflicht für Besucher aus dem jeweils anderen Land abzuschaffen.

2002 umfasste die schweiz. Kolonie in G. 25'678 Personen, die zu zwei Dritteln Doppelbürger waren. Ende 2001 gab es in der Schweiz 22'392 Briten mit einer Aufenthaltsbewilligung und eine etwa gleich grosse Zahl von Doppelbürgern. 4'769 lebten im Kt. Genf, 4'775 in der Waadt, 4'510 in Zürich, grössere Konzentrationen von rund 1'000-2'000 gab es in den Kt. Basel, Bern und Aargau.

4.1 - Zwischenstaatliche Beziehungen

Nach 1945 wurden die Beziehungen rasch normalisiert und mit einer Reihe von Abkommen auf praktisch allen Gebieten intensiviert (u.a. 1954 Doppelbesteuerungsabkommen, 1951 Luftverkehrs-, 1974 Verkehrs- und Transportabkommen). G. ratifizierte die bilateralen Verträge I zwischen der Schweiz und den EU-Ländern 2001.

Von grosser symbol. Bedeutung war die Schweizerreise des ehem. Premierministers Winston Churchill, der in seiner Zürcher Rede vom 19.9.1946 die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa forderte. Churchills Verständnis für die Lage der Schweiz während des Kriegs und seine offene Sympathie gegenüber dem Festhalten an ihren demokrat. Traditionen lösten in der Schweiz eine regelrechte Begeisterung aus. Churchills Schweizer Aufenthalt folgten diejenigen anderer brit. Persönlichkeiten, wie z.B. die des Feldmarschalls Bernard Law Montgomery, mit welchem schweiz. Militärkreise vertraul. Kontakte unterhielten, oder die alljährl. Skiferien von Kronprinz Charles in Klosters-Serneus. Den ersten Staatsbesuch eines brit. Oberhaupts stattete Königin Elisabeth II. der Schweiz 1980 ab.

<b>Grossbritannien</b><br>Ankunft von Winston Churchill in Zürich am 19. September 1946  © KEYSTONE/Photopress.<BR/>Der ehemalige Premierminister begibt sich nach seiner Ankunft auf dem Flugplatz Dübendorf zur Universität, wo er eine Rede über die Notwendigkeit der Schaffung eines geeinten und starken Europas halten wird (<I>"Let Europe arise"</I>).<BR/>
Ankunft von Winston Churchill in Zürich am 19. September 1946 © KEYSTONE/Photopress.
(...)

Wie schon während des 2. Weltkriegs übernahm die Schweiz auch in der Nachkriegszeit bei Konflikten die Vertretung brit. Interessen. Die 1951 vom Iran beschlossene Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company führte zu einem langjährigen Streit zwischen beiden Staaten, in welchem die schweiz. Diplomatie ihre Guten Dienste anbot. Während der Falkland-Krise 1982 zwischen G. und Argentinien bot die Schweiz Vermittlungsgespräche in Bern an, die allerdings rasch scheiterten. In der Folge vertrat sie während des Kriegs bis 1990 die brit. Interessen in Argentinien.

Ab 1987 entwickelte sich eine rege Besuchsdiplomatie, die 2000 in fünf Reisen von Bundesräten nach London kulminierte. Im Zeichen dieser intensivierten Beziehungen eröffnete G. 2000 in Basel wieder ein Vizehonorarkonsulat (eröffnet 1905, geschlossen 1980), welches jene von Lugano und Montreux/Vevey, jenes im Wallis (Mollens) und jenes von Zürich sowie das Generalkonsulat in Genf und die Botschaft in Bern ergänzt.

4.2 - Wirtschaftliche Beziehungen

Die brit.-schweiz. Wirtschaftsbeziehungen, die während des 2. Weltkriegs im Zeichen der brit. Wirtschaftsblockade gegen Deutschland gestanden hatten, normalisierten sich erst in den 1950er Jahren. G. brauchte fast fünf Jahre, um mit Hilfe der Vereinigten Staaten die wirtschaftl. Folgen des Kriegs zu überwinden und die Leistungsfähigkeit der Vorkriegszeit zu erreichen. Gleichzeitig orientierte sich seine Wirtschaft von den Weltmärkten weg stärker auf Kontinentaleuropa. Strukturelle Schwierigkeiten liessen aber die Industrieproduktion vergleichsweise langsam steigen. 1946 wurde ein dreijähriger Zahlungsvertrag zwischen der Schweiz und G. unterzeichnet, welcher G. einen Kredit von 260 Mio. Fr. gewährte. Dank dieser Vereinbarung konnte nicht nur der brit. Reise- und Ferienverkehr in die Schweiz schrittweise wieder hergestellt, sondern ebenfalls die Schweizer Exporte wieder aufgenommen werden. Bereits in den ersten zwei Jahren nach Kriegsende besuchten 200'000 brit. Touristen die Schweiz.

Wirtschaftl. Schwierigkeiten zwangen die brit. Regierung, vom Okt. 1947 bis zum Mai 1948 Auslandreisen zu verbieten; sie wurden dann wieder gestattet, allerdings unter Einhaltung eines fixierten Taschengelds. Gleichzeitig musste G. 1947 wegen des Handelsbilanzdefizits 5 Mio. Pfund in die Schweiz transferieren. Um einen weiteren Goldabfluss von G. in die Schweiz zu verhindern, wurde 1948 eine Vereinbarung zur Zahlungsbilanz unterzeichnet, in welcher sich die Schweiz verpflichtete, ihre Importe aus dem Sterling-Gebiet zu erhöhen, ihre Exporte zu kontrollieren und eine Bilanz von 15 Mio. Pfund zu halten, was 1949 mit der Abwertung des Pfund Sterling um 30% zu Verlusten führte.

Trotz der nach dem Ende des 2. Weltkriegs eng definierten schweiz. Neutralität schlug sich die Westintegration der Schweiz in vorsichtigen Militärkontakten mit dem Nato-Land G. und einer massiven Rüstungskooperation nieder, die G. zum Hauptlieferanten der Schweiz für Rüstungsgüter avancieren liess. 1950 begann die Umschulung der ersten Fliegerstaffel der Schweizer Luftwaffe auf die kurz zuvor ausgelieferte erste Serie von 75 brit. Vampire-Düsenflugzeugen. 1951 bewilligten die eidg. Räte für 175 Mio. Franken die Beschaffung 150 brit. Venom-Jagdbomber. Die Vampire wurden 1958 durch neue Kampfflugzeuge des Typs Hunter ersetzt. Das Abfang-Fliegerabwehr-System Bloodhound wurde 1961 bestellt und 1964 bei der Truppe eingeführt (bis 1999 in Betrieb); 1980 folgte das Rapier Raketensystem.

Von grosser Bedeutung für die schweiz. Europapolitik war das seit 1956 von G. verfolgte Ziel einer Freihandelszone aller westeurop. Länder, die 1960 in die Gründung der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) mündete. Beide Länder strebten in erster Linie eine rein wirtschaftl. Kooperation in Europa an und lehnten supranationale Strukturen ab. Der Eintritt G.s in die Europ. Gemeinschaft 1973 schwächte zunächst die polit. Bedeutung der bilateralen Beziehungen sowie das wirtschaftl. und polit. Gewicht der Efta.

Die brit.-schweiz. Wirtschaftsbeziehungen blieben nach 2000 konstant hoch: 2001 belief sich der Handel zwischen beiden Ländern auf rund 15,8 Mrd. Fr. G. war mit 5,5% aller Exporte und 5,8% aller Importe fünftwichtigster Kunde bzw. Lieferant der Schweiz. Für G. war die Schweiz 2001 der zehntwichtigste Absatzmarkt für Waren und der fünftwichtigste für Dienstleistungen, während die Schweiz als siebtgrösster Direktinvestor in G. auftrat. Hinter den Vereinigten Staaten war G. für die Schweiz mit 35,6 Mrd. Fr. der zweitwichtigste Standort für Direktinvestitionen. Etwa 500 schweiz. Unternehmen in G. sicherten 120'000 Arbeitsplätze. Auf dem Finanzplatz London spielten die niedergelassenen zwölf Schweizer Banken eine bedeutende Rolle. Die Einführung des vollständig elektron. Handels an den Börsen von Genf, Zürich und Basel legte die techn. Basis für die 2001 in London lancierte Virt-x, ein gemeinsames Unternehmen der Schweizer Börse und der brit. Tradepoint Financial Networks für den paneurop. Handel mit Standardwerten. Die in schwieriger wirtschaftl. Lage gegr. Londoner Handelsplattform konnte ihre paneurop. Ziele bislang nicht erreichen. Da der Anteil nichtschweiz. Bluechips am Handelsvolumen der Virt-x 2003 bloss 5% entsprach, wurde das brit.-schweiz. Gemeinschaftsunternehmen Virt-x gänzlich von der Schweizer Börse übernommen.

4.3 - Kulturelle Bande und geistiger Austausch

Bei der Überwindung der schweiz. Isolation nach Kriegsende spielten die kulturellen Beziehungen zu G. eine besondere Rolle. Bereits 1945 wurde in der National Gallery in London eine grosse Ausstellung der Werke Paul Klees veranstaltet. 1947 führte das Kunsthaus in Zürich eine erfolgreiche Ausstellung der Werke des engl. Dichters und Malers William Blake durch, einem der wichtigsten Vertreter der frühen Romantik. 1948 folgte in Bern eine Ausstellung mit Werken des Malers Joseph Mallord William Turner.

Nach Kriegsende wurde ein schweiz. Vortragsdienst unter der Leitung von Hans Werner Zbinden aufgebaut, der in G. zahlreiche Referate zur Wiederintegration dt. Kriegsgefangener organisierte. 1946 finanzierte die Pro Helvetia die Ausstellung "Books of Switzerland" in London, während in Bern brit. Publikationen gezeigt wurden. 1946 erfolgte die Gründung des brit. C.-G.-Jung-Instituts zur Erforschung der Methoden des schweiz. Psychologen.

Seit Mitte des 19. Jh. besteht in G. eine grosse Zahl von Schweizer Vereinen, wie der 1856 gegr. City Swiss Club. 1948 wurde in London die Anglo-Swiss Society ins Leben gerufen. In der Schweiz wurde 1946 in Lausanne die British Resident's Association of Switzerland gegründet und in Zürich die Swiss-British Society unter der Präsidentschaft des Anglisten Heinrich Straumann.

Die traditionelle brit. Affinität zur schweiz. Alpenwelt mündete in den 1950er Jahren in einen Wettlauf um die Erstbesteigung des Mount Everest, den die brit. Seite mit Edmund Hillary und Tenzing Norgay am 29.5.1953 für sich entschied. Die von Raymond Lambert geführte Schweizer Expedition musste 1952 kurz vor dem Gipfel umkehren. Als weiterer sportl. Wettbewerb findet traditionellerweise jährlich das brit.-schweiz. Parlamentarier-Skirennen statt.

Während der 2. Hälfte des 20. Jh. hat die engl. Sprache das Französische als Kommunikationssprache weltweit weitgehend abgelöst. Dies hat sich auf kulturellem Gebiet auch durch den Import brit. Popkultur - u.a. den von zahlreichen Schweizer Bands nachgeahmten Beatles und Rolling Stones - ausgedrückt. Angesichts der Beliebtheit des Englischen beschlossen 2004 mehrere Deutschschweizer Kantone unter Führung des Kt. Zürich, das Englische anstelle des Französischen oder des Italienischen als erste Fremdsprache an den Schulen einzuführen.

Die Unterstützung von Schweizer Unternehmungen für das Swiss Centre in London wurde ab den 1980er Jahren schrittweise aufgegeben. Seit 2001 entfalteten sich mit Hilfe der Organisation Präsenz Schweiz, die G. als Prioritätsland eingestuft hat, wieder vermehrt schweiz. Initiativen in G. 2000 wurde das von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfene neue Londoner Kunstmuseum Tate Modern eröffnet. Als Wahrzeichen des neuen Gebäudes spendete die Eidgenossenschaft ein Swiss Light, das ein sichtbares Zeichen schweiz. Präsenz in London geworden ist.

Autorin/Autor: Sacha Zala

Quellen und Literatur

Quellen
DDS 1-20
Literatur
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